Indianerleben – Das Indianerhaus


Sowohl bei den Chorotis wie bei den Ashluslays finden wir die von Photographien und Reiseschilderungen bekannte runde oder ovale Chacohütte. Sie ist, je nach der Jahreszeit, mehr oder weniger sorgfältig gebaut und etwa zwei bis vier Meter im Durchschnitt. Zum Schutz gegen die kalten, südlichen Winterwinde sind die in der Ebene liegenden Hütten besser gebaut als die im Walde. Oft sind mehrere Hütten so zusammengebaut, daß sie aus mehreren Räumen mit mindestens einem für jede Familie bestehen. Die Hütten sind aus Zweigen verfertigt, die in die Erde gesteckt, in der Mitte zusammengebogen und mit Gras bedeckt sind. Ein Bindematerial fehlt vollständig. Keine Hütte ist mit Erde oder Lehm bedeckt.

Der Eingang, der, falls die Hütte in der Ebene liegt, aus einem kleinen schiefen Gang besteht (Abb. 2), ist nicht nach einer gewissen Himmelsrichtung, sondern meistens nach dem Dorfe zu gerichtet. Viele Hütten haben mehrere Eingänge. Einige sind so schlecht gebaut, daß man ungefähr überall hineinkommen kann. Bei den Ashluslays habe ich über drei Meter hohe wohlgebaute Hütten gesehen. Gewöhnlich ist die Hütte jedoch inwendig nicht ganz zwei Meter und der Eingang ungefähr ein Meter hoch.

Bei diesen Indianern findet sich auch ein viereckiger Hüttentypus, und zwar die Kochhütten (Abb. 6). Diese haben platte, mit Gras bedeckte Dächer und dienen zum Kochen und Wohnen am Tage und in warmen Nächten, Auf ihren Dächern pflegt man Fische zu trocknen. In einigen Ashluslay-dörfern sah ich mehrere solche unregelmäßig zusammengebaute Kochhütten mitten auf dem offenen Platze des Dorfes. Diese Gebäude, die hier eine ungewöhnliche Größe haben, werden während der Trinkfeste als Sonnenzelte angewendet.

Die Frauen suchen das Material zum Hausbau zusammen und bauen auch die Hütten. Es ist wirklich merkwürdig, daß Volksstämme, die z. B. in der Webetechnik so weit wie diese Indianer gekommen sind, die Ackerbau und Viehzucht haben, sich mit so elenden Hütten begnügen. In regnerischen Nächten habe ich in ihnen Schutz gesucht und genau gesehen, wie die Indianer dort leben. Gießt es ordentlich, so regnet es überall hinein und Menschen und Sachen werden naß. In diesen kleinen Hütten, wo oft mehrere Familien zusammenwohnen, ist der Raum sehr beschränkt, und wenn in einer solchen Regennacht alle zu Hause sind, kann nicht jeder ausgestreckt liegen. Ich selbst habe geringe Bequemlichkeitsbedürfnisse, ich bin aber doch kein Freund davon, daß eine Person quer über ineine Beine liegt oder daß ein mit Läusen behafteter Kopf auf meinem Kopfkissen Platz zu bekommen sucht.

Das Bett dieser Indianer ist während ihres ganzen Lebens ein Fell, oder bei den Ashluslays zuweilen eine Schilfmatte als Matratze, ein Holzklotz als Kopfkissen und, wenn es kalt ist, ein Fell- oder Schafwollmantel als Decke.

Ist es warm, so liegen sowohl Männer als Frauen vollständig nackt, und man sieht manches, was wir zivilisierten Menschen für unanständig halten. In der Regel liegen mehrere unter derselben Decke, und zwar nicht allein Männer, Frauen und Kinder, sondern auch mehrere Männer. Diese Sitte ist bei den Indianern so eingewurzelt, daß nur solche Decken unter meinen Tausch waren gebilligt wurden, die zu einem zweischläfrigen Bett reichten.

Außer für die Menschen soll in jeder Hütte auch für eine Menge Hunde, Katzen, junge Strauße usw. Platz sein. Sie gehören zur Familie.

Ist es kalt und regnerisch, so ist die Feuerstätte in der Hütte, sonst kocht man in der Regel am liebsten außerhalb des Hauses. Das Feuer wird stets in Brand erhalten. Macht man eine kleine Reise, so nimmt man Feuer (einen Feuerbrand) mit. Nur auf längeren Wanderungen benutzt man das bekannte Feuerzeug, hölzerne Reibstäbchen. Man bohrt in einem Stab von etwas weicherem Holz mit einer stärkeren Holzart so lange, bis durch die Reibung glühender Holzstaub entsteht. Dieses Feuerzeug ist jetzt im Verschwinden und wird durch Feuerstein, Stahl und Zunder (hier Caraguatábast) sowie durch Streichhölzer, leider nicht schwedischen, sondern italienischen Fabrikats, ersetzt.

Jeder Indianer besitzt nicht mehr, als die ganze Familie forttragen kann. Das meiste davon hängt in den Hütten unter dem Dache oder ist in die Wände hineingestochen. Hängebretter oder Klammern sieht man hier nicht. Jedes Individuum bewahrt seine Habseligkeiten allein, meistens in großen Taschen aus Caraguatá oder Fell, auf. Meine Lieblingsbeschäftigung war, in diesen Beuteln herumzuwühlen. In ihnen befinden sich wild durcheinander Geräte, Schmucksachen, Heilmittel, Samen, Schmutz und Insekten.

Jedes Individuum hat, wie gesagt, seine eigenen Beutel. Eine Frau verwahrt ihre Sachen getrennt von denen ihres Mannes. Ein Kind hat ebenfalls sein kleines Beutelchen. Die für die Saat aufgehobenen Samen werden in mit Wachs verklebten Töpfen aufbewahrt. Am Dache hängen oft Tabak und getrocknete Früchte. In besonderen Schuppen werden größere Mengen dieser Konserven verwahrt. Die Dörfer werden durch bissige, aber feige Hunde bewacht, die anschlagen, wenn ein Fremder sich dem Dorfe nähert. Sie teilen die Abneigung des Indianers gegen den weißen Mann. Besucht man eine Chorotihütte, so wird einem in der Regel ein Holzklotz zum Sitzen angeboten. Bei den Ashluslays erhält man dagegen ein Fell oder eine Schilfmatte.

Die Arbeit beginnt in diesen Indianerdörfern in den allerfrühesten Morgenstunden. Die Frauen beginnen mit ihrer Wirtschaft, gehen aus, um Früchte zu sammeln oder nehmen sich eine andere Arbeit vor, die Männer schneiden ihre Werkzeuge, gehen auf die Jagd oder schlafen ganz einfach. Erst wenn es warm ist, begeben sie sich zum Fischfang. Ist es sehr kalt, so bleibt man am liebsten in der warmen Hütte, bis die Sonne richtig aufgegangen ist. Am Vormittag sind die meisten Indianer und Indianerinnen aus, um Nahrungsmittel für die Küche zu sammeln. Gegen Mittag kommt man mit dem Gesammelten oder Gefischten nach Hause. Hat man Glück gehabt, kommen z. B. die Fischer mit reicher Beute nach Hause, so herrscht in den Dörfern Freude. Die Kinder versammeln sich am Tage auf den Spielplätzen und vergnügen sich nach Herzenslust oder begleiten die Eltern zu ihrer Arbeit. Gegen Abend versammelt man sich wieder um das schöne, wärmende Lagerfeuer, die Tagesereignisse werden erzählt, die Pläne für den nächsten Tag entworfen. Am meisten spricht man vom Essen. Am Abend begibt sich die Jugend nach den Tanzplätzen. Während der Nacht ist es in diesen Choroti- und Ashluslaydörfern beinahe niemals richtig still. Dort wird gesungen, in Freude und Leid, dort wird gekocht, dort wird geschwatzt, dort hat die Jugend Rendezvous und dort wird gekichert und gelacht.

Diese Indianer schlafen des Nachts keine sieben bis acht Stunden ununterbrochen. Sie schlafen ein paar Stunden, essen und plaudern ein Weilchen, schlafen wieder, essen noch einmal usw. In der Regel schlafen sie viel mehr am Tage als wir. Der weiße Mann, der in einem solchen Indianerdorf lebt, lernt bald das System, zu schlafen, wenn es ihm am besten paßt.

Im Indianerhause ist der Raum beschränkt, aber es herrscht dort große Eintracht. Niemals hört man jemand schimpfen, niemals versucht der eine, sich auf Kosten des anderen Vorteile zu verschaffen. Schlagen zwei Weiße ein Lager auf, und es ist nur ein guter Liegeplatz da, so zanken sie sich, wer den Platz haben soll. Liegt ein Haufe Indianer in einer engen Hütte, so teilen sie mit Gleichmut den knappen Raum. Sie sind ja alle Brüder und Schwestern. Diese ,,Wilden“ verstehen, daß man sich selbst in Kleinigkeiten nicht auf Kosten des anderen bereichern darf.

Text aus dem Buch: Indianerleben (1912), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianerleben – Einleitung
Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld
Indianerleben – Der Calilegua
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung)

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    9. Januar 2016

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