Indianerleben – Das Land der Chané- und Chiriguanoindianer

Wie ich ein Bild des Lebens der Choroti- und Ashluslayindianer zu geben versucht habe, will ich auch die Chane-und Chiriguanoindianer und meine verschiedenen Besuche bei ihnen zu schildern versuchen. Diese Indianer stehen bedeutend höher als die ,,Wilden“ des Chaco. Sie leben zum allergrößten Teil in Abhängigkeit von den Weißen, und ihre alte eigenartige Kultur verschwindet immer mehr. Die Chiriguanos sind auch jetzt zu einem ganz bedeutenden Teil Christen. Seit über 300 Jahren haben zuerst die Jesuiten und dann die Franziskaner sie mit wechselndem Erfolg zu dem alleinseligmachenden christlichen Glauben zu bekehren versucht. Bei den Chiriguanos befinden sich auch jetzt noch mehrere Missionsstationen, bei den Chanes dagegen keine.

In den Chanes und Chiriguanos lernen wir Menschen mit einer höheren Kultur kennen, Menschen, die von den Indianern, von denen wir in den vorigen Kapiteln gelesen haben, vollständig verschieden sind. Vergleiche zwischen den beiden Kulturtypen, die wir im Chaco antreffen, sind natürlich von Interesse. Was den Leser vielleicht am meisten wundert, ist der Umstand, daß beide primitive Kulturen nebeneinander bestehen können und sicher jahrhundertelang bestanden haben, ohne ineinander zu verschmelzen, ja ohne voneinander zu lernen, und dies, obschon hier keine natürlichen Grenzen vorhanden sind.

Im Mai 1908 besuchte ich, wie gesagt, den Chanéhäuptling Vocapoy am Rio Itiyuro in Argentinien nahe der bolivianischen Grenze. Dies ist einer der Flüsse, der vergebens den Wildnissen des Cliaco zu entrinnen sucht. Er entspringt den äußersten, urwaldbestandenen Quellen der Anden und verschwindet in den Trockenwäldern des Chaco.

Vocapoy lag im Streit mit den Weißen, die sein Land usurpiert hatten und seine Auffassung, daß sie nur seine Pächter seien, nicht gelten lassen wollten. Er bat mich um Rat, wie er die Weißen dazu bewegen könne, das Recht der Indianer an das Land anzuerkennen. Ich riet ihm, sich an den großen Häuptling der Weißen, den Präsident der Republik, zu wenden, und nahm Stellung als Feldmesser der Indianer an. Ich streifte mit den Indianern durch ihr Gebiet und zeichnete eine kleine Skizze, die Vocapoy mit zum Präsidenten nehmen sollte. Die Indianer hießen meine Skizze nicht gut, sondern zeichneten selbst eine Karte von dem Lande.

Leider weiß ich nicht, ob Vocapoy die lange Reise nach dem Dorfe des großen Häuptlings vorgenommen hat. ich erwarb mir aber durch die Feldmessung das Vertrauen der Indianer.Als ich Ende Juli 1908 die Chorotis und Ashluslays verließ, begab ich mich über Yacuiba nach San Francisco am Rio Pilcomayo. San Francisco war eine Missionsstation, die die Franziskaner unter den Chiriguanos gehabt hatten, die aber jetzt eingezogen ist. Nicht weit davon wohnen die Tapieteindianer, hei denen ich im August 1908 eine Woche zubrachte.

In Tihuipa eröffnete ich einige Tage lang ein richtiges kleines Materialwarengeschäft. Indianer und Indianerinnen, besonders die letzteren, drängten sich um den Ladentisch. Es war ein eigentümlicher Laden. Kam eine Indianerin mit Geld dorthin, um zu kaufen, wurde sie vom Ladendiener höflich abgewiesen, kam sie dagegen mit einem hübschen alten Tongefäß, so wurde sie die glückliche Besitzerin von Korallen, feuerroten Bändern, Ohrringen mit wirklichen „Diamanten“, Ringen mit „Saphiren“ oder von anderem Wackeren, womit sie dann beim nächsten Trinkgelage prahlen konnte.

In diesen Missionsstationen befinden sich immer zwei Dörfer, eins für die Heiden, eins für die Christen. Ich für meine Person fühlte mich immer in dem ersteren am wohlsten, und dies nicht allein deswegen, weil dort mehr hübsche, alte Gegenstände zu sammeln waren, sondern auch, weil man dort in seinem Benehmen freundlicher, taktvoller und feiner war. Die Missionskinder waren zudringlich und frech.

Bei Machareti ist eine große Talmulde, in welcher ein kleiner Bach fließt, der nach einem heftigen tropischen Regen wahrscheinlich zu einem brausenden Fluß anschwillt und sich in den Wildnissen des Chaco verliert. Ganz nahe der Mission verläßt er die hübsch zerschnittenen Berge, wo überall in den Rissen der Klippen kleine Petroleumquellen hervorsickern. Er fließt dann durch eine Hügellandschaft, die allmählich in das gewaltige Flachgebiet des Chaco übergeht. Die Vegetation in diesen Gegenden ist keine sehr üppige.‘ Der Wald, wenn solcher vorhanden ist, ist dünn, niedrig, strauchig und einförmig. Die Felder scheinen reiche Ernten zu geben, die Dürre selten zu groß zu sein. Oft werden diese Gegenden von gewaltigen Heuschreckenschwärmen verheert. Wie große, rotbraune Wolken habe ich diese schädlichen Tiere die Wälder bedecken gesehen.

Von Machareti gingen wir über Itatiqui, einem ganz interessanten Chiriguanodorf in einer wasserarmen Gegend, nach dem Rio Parapiti. Dieser kommt von Pomabamba und Sauzes, von den Gebirgen der Quichuaindianer. Wenn er diese verläßt, ist er in der Regenzeit ein brausender, seine Ufer überschwemmender Strom. In der Trockenzeit führt er wenig Wasser. Auch der Rio Parapiti endet im Chaco. Während der Regenzeit verliert er sich in den Morästen, in der Trockenzeit verschwindet er in dem feinen Sand. Wenn der Rio Parapiti auf den Karten als südlichster Nebenfluß des Amazonenstromes stolziert, so ist dies also nur eine leere Prahlerei von ihm. Die Wälder längs des Rio Parapiti bestehen meistens aus Büschen und niedrigen, feinblättrigen Bäumen, Caraguatá und Kakteen.

In der Trockenzeit häuft der Wind große Dünen längs der Ufer des Flusses auf. Nachdem er die Berge verlassen hat, erhält er keinen Nebenarm. Der Rio Parapiti ist sehr breit, aber niemals tief. Während der trockensten Zeit ist sein Bett in eine Sandwüste verwandelt, wo der Wind mit dem feinen Flußsand spielt. Stürmt es, so wird der Sand über den Flußboden gepeitscht. Will man an einem solchen Tag herüber, so macht man sich vielleicht die Füße nicht naß, muß aber seine Augen hüten. Der Rio Parapiti ist fischreich, die Fische sind aber winzig klein. Die Ufer sind recht fruchtbar, da sie aber während der Regenzeit überschwemmt werden, gehen die Ernten leicht verloren. In der Trockenzeit wird oft alles durch die brennende Dürre verzehrt. Auch die Heuschrecken hausieren in diesen Gegenden und hinterlassen in ihren eigenen unappetitlichen Körpern einen schlechten Ersatz für das, was sie zerstört haben. Am Rio Parapiti wohnen ganz hoch oben am Gebirge die Quichuaindianer, dann kommen die Chiriguanos, hierauf nahe dem Flusse die Tapietes, auch Yanayguas genannt, danach die Chanes und zuletzt in den unbekannten Wildnissen die Tsirakuaindianer.

Mein erster Besuch am Rio Parapiti galt dem Padre Carmelo, der dort eine kleine Missionsstation unter den Chiriguanos hatte. Diesen Mönch habe ich sehr lieb gewonnen, er hatte eine so vertraueneinflößende Freundlichkeit. Er gehört zu den Missionaren, die hier erforderlich sind, Menschen, die sich für andere aufopfern wollen und können, die allen eine gleich große Freundschaft erweisen. Ich setzte nun längs des Rio Parapiti nach Isiporenda, am Nordufer des Flusses, fort. Gegenüber Isiporenda wohnen die Tapietes. Einen Besuch, den ich bei ihnen machte, will ich später schildern. Bei Isiporenda traf ich den ersten Chane oder, wie sie hier genannt werden, Tapuy. Ich besuchte dann den größten Teil ihrer Dörfer. Besonders machte ich mit einigen ihrer Sagenerzähler Bekanntschaft, von denen Batirayu, der Neffe des letzten großen Häuptlings Aringuis, mein guter Freund wurde.

Vom unteren Rio Parapiti begab ich mich über Charagua, einem beinahe ausschließlich von Weißen bewohnten Dorf, nach dem Caipipendital, wo ich mich bei dem Chiriguano-häuptling Taruiri aufhielt. Man kann sich wundern, daß ein Mensch in diesem wälderlosen Tale, wo man nur ein salziges, schmutziges Wasser findet, wohnen will, im Caipipendital braucht man aber kein Wasser zu trinken, denn dort gibt der Mais herrliche Ernten und dort herrscht niemals Mangel an Maisbier. Die Bewohner des Caipipenditals sind reich, und herrscht in anderen Gegenden Not, so kommen die Indianer von weither zu diesen Stammverwandten, um ihre Kostbarkeiten gegen Mais einzutauschen. Es ist auch für Sammler ein herrliches Tal. Silberne Schmucksachen, silberne Schalen, fein geschnitzte Musikinstrumente und viele andere Seltenheiten fanden wir in diesem Paradies des Ethnographen. Steinäxte, Ruinen, Grabfelder von verschiedenen Völkern beweisen, daß das Caipipendital lange von den Indianern hoch geschätzt war.

Tief hat das Wasser sich in dieses Tal eingeschnitten. In der Regenzeit regnet es wohl auch dort. Von Caipipendi kehrte ich über die Berge durch ein seiner heißen Quellen und seiner Schönheit wegen berühmtes Tal nach Charagua zurück, um dann längs der Anden in der Richtung nach Santa Cruz de la Sierra fortzusetzen. Es war im Oktober 1908. Nicht ganz ein Jahr später, im Juli 1909, besuchte ich, nach umfassenden Flußfahrten weit hinten an der Grenze Brasiliens, den Chaco wieder. In einem anderen Buche werde ich diese Fahrten auf großen, schiffbaren Flüssen und durch Urwälder, deren üppiges Grün überwältigt, schildern. Von Santa Cruz de la Sierra kam ich, wie gesagt, im Juli 1909 nach dem Chaco zurück. Ich reiste nun zuerst über den Rio Grande nach dem Rio Parapiti, um vor allem meinen Freund Batirayu zu besuchen.

Der Rio Grande ist der südlichste Nebenfluß des Amazonenstromes. Er kommt von den höchsten Bergen der Anden und fließt bei Sucre vorüber, welche Stadt lange der Stadt La Paz den Rang als Hauptstadt Bolivias streitig gemacht hat. Wenn er aus dem Gebirge tritt, ist er ein brausender, mächtiger Fluß. Weiter unten hat er einen höchst unbeständigen, sehr wenig bekannten Lauf. Nördlich von Santa Cruz de la Sierra nimmt der Rio Grande den Rio Piray auf und vereinigt sich schließlich mit dem Rio Mamore. Einige Chiriguanos wohnen an diesem Fluß, auch wilde Tsirakuas und Sirionos streifen in den Urwäldern an demselben umher. Zwischen dem Rio Grande und dem Rio Parapiti ist ein höchst wasserarmes, zum großen Teil mit vollständig undurchdringlichem Gestrüpp und niedrigem Buschwald voller Caraguatä und Kakteen bedecktes Gebiet. Diese einförmige, düstere Vegetation wird hier und da durch Hügel und Grasebenen unterbrochen.

Außer den wilden Tsirakuaindianern, die diese Dickichte unsicher machen, findet man hier eine andere Merkwürdigkeit, nämlich den Guanako (auchcnia). Es ist ganz sonderbar, ein Tier wie den Guanako, den man sich nur im Zusammenhang mit den kalten Hochebenen der Anden oder den oft unter Frost leidenden Pampas von Patagonien denken kann, in diesen oft von der Dürre verbrannten Gebüschen zu finden. Es wäre interessant, bestimmen zu können, ob dieser Guanako des tropischen Urwaldes wirklich derselbe ist, den man von kälteren Gegenden her kennt. Intelligente Weiße, mit denen ich hierüber gesprochen habe und die beide gesehen haben, halten sie gleichwohl für dieselbe Art.

Nach dem Rio Parapiti zurückgekommen, suchte ich Batiravu auf, mit dem ich schon 1908 intim bekannt wurde und der auch ein ausgezeichnetes Spanisch spricht. Keinem Indianer, den ich kennen gelernt habe, bin ich so nahe gekommen, wie Batirayu. Er verstand, daß ich die alten Erinnerungszeichen aus Interesse für seinen Stamm sammele. Batirayu tat sein bestes, mir die religiösen Begriffe seines Stammes zu erklären. Des Abends saßen wir bei einer Zigarette in seiner Stube, und er erzählte von alten Zeiten, Zauberern, Häuptlingen und Geistern. Zuweilen kam ein alter Häuptling Boyra dazu, und von ihm hörte ich viele hübsche Chanesagen. Bis spät in die Nacht hinein saßen wir und plauderten bei einem flackernden Licht, das ich mithatte, um Aufzeichnungen zu machen.

Man irrt sich sehr, wenn man glaubt, daß die Gespräche mit diesen Männern nur ein interessantes Studium waren. Ich fühlte mich wohl bei diesen feinen, taktvollen, ja, warum nicht, gebildeten Menschen. Es war eine reine Erquickung, wenn man von den oft platten, inhaltlosen Weißen kam. Batirayu ist aber auch ein ungewöhnlicher Mann, der Stoff zu einem großen Mann, der zur Untätigkeit verurteilt ist. Batirayu ist ein Chane. Diese Indianer sprechen jetzt dieselbe Sprache wie die Chiriguanos, und zwar Guarani. Die meisten ihrer Sitten und Gebräuche stimmen auch mit denen der Chiriguanos überein, von denen sie wahrscheinlich unterworfen worden sind. Ihrem Ursprung nach sind sie indessen Arowaken und somit die am südlichsten Wohnenden dieser Gruppe, die in Südamerika und auf den Antillen eine große Verbreitung hatte und noch hat. Wenn ich die Chanes und die Chiriguanos hier zusammen schildere, so geschieht dies, weil ihre materielle Kultur so gleichartig ist. Gleichwohl habe ich angegeben, bei welchem Stamm ich diese oder jene Beobachtung gemacht habe; dies gilt besonders für das religiöse Gebiet, auf welchem die Chanes, wenigstens am Rio Parapiti, viele alte Vorstellungen beibehalten haben, die den Chiriguanos unbekannt sind. Batirayu erzählte mir, einige von den Chanes wüßten noch einige Worte der alten Sprache des Stammes. Besonders bei den Trinkgelagen, wenn sie betrunken sind, pflegten sie sich damit wichtig zu machen, daß sie unter sich die alte Chane-sprache, die sonst den Charakter einer Geheimsprache hat, sprechen.

In Begleitung Batirayus begab ich mich nach dem Dorfe „Huirapembe“, wo die Indianer zu finden sein sollten, die am besten Chane konnten. Es war nicht leicht, ihnen ihre Geheimnisse zu entlocken. Eigentlich waren es nur die Jüngsten, die am allerwenigsten wußten, die mir etwas mit-teilen wollten.1) Eine alte Frau, die ausgezeichnet Chane können sollte, sagte, erst im Totenreiche wolle sie mich unterrichten. Da die Indianer an diesem glücklichen Platze nicht von den Weißen, auch nicht von den Ethnographen belästigt werden, war das Versprechen der Alten nicht sehr freundlich.

Bei einer Menge Ausdrücke, die Schimpfwörter sind, wenden die Chanes ihre alte Sprache an, z. B. karitimisöyti, das sie mit Sohn einer H-—-e übersetzen. Eine Einladung zum Koitus nennen sie pocöne. Auch Lieder finden sich in ihrer alten Sprache, z. B. siparakinánoye, siparakinánoye, siparakinánoye, toneya, toneya, toneya, wofür sie keine Übersetzung wußten.

Vom Rio Parapiti aus besuchte ich wieder den Chiriguanohäuptling Tarniri im Caipipendital, wo ich so viel alte Schmucksachen und andere Kostbarkeiten wie möglich zu kaufen suchte. Außer Tarniri besuchte ich auch einen anderen Häuptling, Yumbay, einen alten Ehrenmann, der mich immer zu umarmen und dabei zu sagen pflegte: „Ich bin Yumbay.“

„Ja, der große, mächtige Yumbay“, fiel ich ein, worüber der heruntergekommene arme Kerl sich sehr geschmeichelt fühlte. Vom Caipipendital ging ich über Pipi zur Mission bei Ivn. Diese liegt in einer trockenen, einsamen, wasserarmen Gegend, nahe einigen mächtigen Bergen, und das Leben muß da fürchterlich sein. Als die Blattern in der Gegend stark grassierten, wußte Vater Bernardino den Einzug der Krankheit in die Mission mit Erfolg durch Yakzinierung aller am Plätze wohnenden Indianer zu verhindern. Vater Bernardino ist ein wirklich uneigennütziger Mensch, ein wirklicher Missionar. Infolge der Vakzinierung starb in Ivu niemand an den Blattern, während die unheimliche Krankheit unter den Weißen, einige Meilen von der Station, fürchterlich wütete. Es geschah ihnen beinahe recht. War einer an den Blattern gestorben, so wurde der Leichnam auf einen mit Papierblumen und einem Kruzifix geschmückten Tisch gelegt. Um diesen herum betranken sich die anderen Schweine und tranken so lange obligos, bis sie auf den Tisch zu liegen kamen. Allein im Dorfe Cuevo starben in kurzer Zeit von zweihundert Personen sechzig. Ich habe die 140 besucht. Sie waren so lustig wie immer. Branntwein und Bier wurde in Massen verzehrt.

Dem Vater Bernardino wurde niemals die Ehre an diesem Werke zuteil, sondern den Medizinmännern, welche die Krankheit verhext hatten, so daß sie nicht nach Ivu kommen sollte. Auch die weißen Kolonisten ließen zuweilen die Medizinmänner kommen, um die Krankheit zu vertreiben. Auch sie glaubten nicht an die Vakzin.

Mit Ivu als Ausgangspunkt machte ich eine Exkursion nach dem Igüembetal, um den Chiriguanohäuptling Maringay zu besuchen. Es war ein hübscher Ritt auf hohe Bergkämme hinauf und in tiefe Täler hinab, durch eine oft großartige, farbenreiche Landschaft. Diese Täler sind waldarm. Nur in einer gut geschützten Schlucht, in welcher ein Bach hervorsickert, ist die Vegetation üppig. Mit dem alten Maringay- wurde ich bald sehr gut befreundet. Der Alte war konservativ, hielt fest an alten Sitten und meinte, die Indianer sollten mit den Weißen auf gutem Fuße leben, ihre alten Sitten und Gebräuche aber unverändert bewahren. Sein Dorf war außerordentlich interessant und sehr reich an alten, hübschen Sachen. Die Keramik, die ich dort antraf, gehört zu dem Allerbesten, was ich bei diesen Indianern gesehen habe.

Von Maringay kehrte ich über die Missionsstation Santa Rosa nach Ivu zurück. Die erstere hat eine wunderbare Laie. Gleich einer alten Burg ist sie auf einem engen Hügel gebaut. Unterhalb liegen in langen Reihen die von niedrigem Wald mit Mimosazeen, Kakteen, kleinen Algorrobos und anderen feinblättrigen Bäumen umgebenen graubraunen Chiriguano-hütten. Dieser Wald ist selten so dicht, daß man nicht leicht ohne Waldmesser herauskommen kann. Als ich in Santa Rosa war, herrschte Trockenzeit und alles war verbrannt. Der Regen zaubert aber wohl auch hier das Grün aus dem trockenen Boden. Manchmal bleibt aber der Regen so lange aus, daß die Indianer keinen Mais bekommen, und das bedeutet Hunger.

Von Santa Rosa sieht man weit hinaus über die Berge und über die große Ebene Boyuovis, über das Land, welches das Vaterland der Chiriguanos war, wo sie bei Curuyuqui ihren letzten Kampf mit den Christen gekämpft haben, die sich das Recht anmaßen, alle schwächeren Völker zu bestehlen. Nach dem Ausflug bei Maringay verließ ich das Land der Chiriguanos und Chanes und machte meinen, in diesem Buche schon geschilderten zweiten Besuch bei den Chorotis und Ashluslays. Das von den Chiriguano- und Chanéindianern bebaute Gebiet ist wirklich sehr ausgedehnt. Es hat eine wechselnde Natur, von üppigen Urwäldern bis zu äußerst wasserarmen, vegetationsarmen Tälern und Ebenen. Es ist teilweise sehr bergig, aber die Chiriguanos und die Chanes sind keine Gebirgsvölker. Sie halten sich unten in den Tälern auf und klettern nicht, wie die Quichuaindianer, auf Gipfel und Hochebenen hinauf. Das Tierleben in diesen Gegenden ist arm, ja sehr arm. Ein Jägervolk könnte dort niemals wohnen. Hier und da ein Rehbock, ein Wildschwein, einige Strauße, das ist alles, was man an Großwild sieht. Auch das Vogelleben ist arm.

Die Zahl der Seen ist sehr gering, und ihre Größe nicht bedeutender, als daß wir sie in Europa Pfützen nennen würden. Am Rio Parapiti sieht man die ihrer kostbaren Federn wegen berühmten weißen Reiher ziemlich zahlreich. Von den Waldvögeln liefert nur das Huhn ,,pavas“ einen Beitrag zum Essen. Zuweilen sieht man einen großschnabeligen „Tucan“. Fette, mit Mais gemästete Tauben leben oft in Massen in den Feldern der Indianer. Im Rio Pilcomayo herrscht ein großer Fischreichtum, in den kleinen Flüssen sind die Fische klein und schlecht. Die Indianer, die diese Gegenden bewohnen, müssen Ackerbauer sein, und Maisbauer sind sie im allerhöchsten Grad. Mais ist für sie Essen, Trinken, Freude, alles!

Abenteuer habe ich von diesen Indianern nicht zu berichten. Jedermann kann unbehelligt unter ihnen reisen. Der größte Kummer des Ethnographen ist, daß er nicht alles Interessante und Alte, was er dort sieht, sammeln kann. Man kann nicht alles nach Hause mitnehmen. Noch lebt in den Wildnissen des Chaco ein Chiriguanohäuptlmg Cayuhuari, in dessen Dorf kein weißer Mann gewesen ist. Es soll an einem großen See liegen. Dort weiden große Herden von Pferden und Kühen, und die Maisscheunen sind immer voll. Dort sind die Indianer reich, denn dort gibt es keine Weißen. So erzählt man wenigstens.

Cayuhuari, der seit der Empörung 1890 im Chaco lebt, hat eine weiße geraubte Frau als Schwiegertochter. Man sagt, er habe zusammen mit den Tobas die Zuckerfabriken in Nordargentinien besucht. Er hatte seine Schwiegertochter mit. Die Besitzer der Fabrik erboten sich, sie von den Indianern zu retten. ,,Ich will sie nicht verlassen,“ sagte sie. ,,Bei ihnen habe ich meine Kinder.“ Diese Antwort ehrt sie.

Die Sitten und Gebräuche der Chiriguanoindianer sind von mehreren Verfassern,4) meistens Missionaren, geschildert worden, so daß wir mehr von ihnen wissen, als von den Chorotis und den Ashhislays. Ein Teil von dem, was ich über diese Indianer berichtet habe, ist nicht neu, wenn auch in neuer Beleuchtung gesehen. Verschiedenes, besonders was das Religiöse betrifft, unterscheidet sich gleichwohl von den Schilderungen der verschiedenen Missionare. Was ich hierin gesammelt habe, ist von den Chanes, und die Missionare kennen die Chiriguanos am besten. Was mich in verschiedenen Schilderungen der Missionare von den Indianern unsympathisch berührt, das ist, daß sie danach zu streben scheinen, ihre Fehler in allzu dunklen Farben auszumalen, damit ihre eigene „zivilisatorische Arbeit“ so bedeutend wie möglich wirken soll. Die Missionare scheinen mir die Religion der Indianer nicht objektiv schildern zu können.

Wenn ich gelesen habe, wie die Missionare ihre eigene Eroberung des Landes der Chiriguanoindianer beschreiben, so hat es mir nicht gefallen, nur von dem Mut der ersteren und der Grausamkeit der letzteren zu hören. Ich leugne es nicht, die Missionare waren tapfer, mehr bewundere ich aber die Freiheitsliebe und den Mut der Chiriguanoindianer. Ist es den Mönchen zu schwer geworden, so sind ihnen beinahe immer Soldaten zu Hilfe gekommen. Die Indianer haben sich den Missionaren nicht nur infolge der „Religion der Liebe“, sondern infolge Kugel und Blei unterworfen. Der Weg zur alleinseligmachenden Kirche ist nicht selten mit Blut getränkt worden.

Text aus dem Buch: Indianerleben (1912), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianerleben – Einleitung
Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld
Indianerleben – Der Calilegua
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung)
Indianerleben – Das Indianerhaus
Indianerleben – Der Kampf ums Dasein
Indianerleben – Indianerkinder
Indianerleben – Männer und Frauen
Indianerleben – Trinkgelage
Indianerleben – Das Tabakrauchen
Indianerleben – Medizinmänner, religiöse Vorstellungen
Indianerleben – Vom Matacoindianer Na-yás erzählte Sagen
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Krieg und Frieden
Indianerleben – Handel
Indianerleben – Besuch in fremden Dörfern
Indianerleben – Das Verhältnis zu den Weißen

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    10. Januar 2016

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