Indianerleben – Das Tabakrauchen


Man! sagt ja, keine Mauer sei so hoch, daß nicht ein goldbeladener Esel hinüberkomme. Mit einem mit Tabak beladenen Esel kommt man im Chaco beinahe überall durch, auch in Gegenden, wo das Gold als wertlos betrachtet wird. Teilt man in den Dörfern etwas Tabak aus, wird man gut aufgenommen und kann Essen und alles, was man braucht, eintauschen. Ein großer Tabakvorrat ist das Akkreditiv, das jeder, der unter den Indianern des Chacos reisen will, mithaben muß. Die Indianer sind in so hohem Grade passionierte Raucher, daß ein alter, verdorbener weißer Tabakraucher darüber in Staunen geraten muß. So boten mir die Mataco-Guisnay am Rio Pilcomayo für ein bißchen Tabak ihre Messer, ihre unentbehrlichen Messer an. In jedem Indianerdorf im Chaco, in das ich gekommen bin, habe ich auch reichlich Tabak ausgeteilt und damit einen sicheren Grund zur Freundschaft gelegt.

Es ist merkwürdig, daß die Indianer so eifrig hinter dem Tabak her sind, da sie doch selbst solchen bauen. Man braucht indessen ihren Tabak nur zu versuchen, um zu verstehen, daß sie lieber den des weißen Mannes rauchen, denn ihr eigener ist geschmacklos und schlecht. Sie verstehen offenbar nicht, ihn aufzubewahren, sondern lassen ihn vermodern, so daß er wie Kompost aussieht. Die Chacoindianer wollen starken Tabak. Sie sind alle Pfeifenraucher, und man sieht im Chaco einen großen Reichtum an Pfeifentypen.

Die Frauen rauchen in der Regel nicht. Eine Ausnahme bilden jedoch die Chorotimädchen, die viel mit Weißen gelebt haben. Schenkt man einer Frau Tabak, so gibt sie das Erhaltene ihrem Manne. Die Knaben sind, wenn sie über Tabak kommen, große Raucher. Oft sieht man Knaben von vier bis fünf Jahren mit Wohlbehagen qualmen.

Die Indianer rauchen, wie schon erwähnt, immer abwechselnd, d. h. die Pfeife geht von Mund zu Mund. Jeder tut ein paar kräftige Züge und dann geht die Pfeife weiter zum nächsten Mann. Manchmal ist es mir passiert, daß ein Indianer mir die Pfeife oder Zigarette aus dem Mund genommen, einige Züge getan und sie mir dann wieder in den Mund gesteckt hat. Man gewöhnt sich so sehr an diese Sitte, daß man sich förmlich geniert, so geizig zu sein, allein zu rauchen. In der Regel reichte ich meine Pfeife nach ein paar Zügen einem Indianer, um sie dann, wenn sie die Reihe entlang gegangen war, ausgeraucht zurückzubekommen. Die Chorotis im Chaco mischen den Tabak oft mit Spänen einer außerordentlich wohlriechenden Rinde, was dem Rauch einen sehr pikanten Geschmack gibt. Diese Rinde erhalten sie von den bei Caiza, nahe den letzten Ausläufern der Anden gegen den Chaco, wohnenden Chorotis.

Besonders liegt es den Indianern am Herzen, daß bei den Trinkgelagen genügend Tabak vorhanden ist. Dieser ist ebenso notwendig, wie Zigarren zum Punsch und Kaffee für viele Schweden. Wandert man mit diesen Indianern, so muß man sich auch darein finden, daß jede zweite Stunde Halt gemacht und eine Pfeife geraucht wird. Dies ist so wichtig, daß man es nicht im Gehen tun kann, sondern sitzend, in allerschönster Ruhe, soll man den herrlichen Rauch genießen.

Jedem, der im Chaco reist, will ich deshalb den Rat geben, so viel Tabak mitzunehmen, wie man es für Geschenke und Tausch waren erforderlich hält — und dann noch einmal soviel — dann reist man je nach den Verhältnissen ebensogut wie derjenige, der in der zivilisierten Welt mit einer mit Gold gespickten Börse reist.

Text aus dem Buch: Indianerleben (1912), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianerleben – Einleitung
Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld
Indianerleben – Der Calilegua
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung)
Indianerleben – Das Indianerhaus
Indianerleben – Der Kampf ums Dasein
Indianerleben – Indianerkinder
Indianerleben – Männer und Frauen
Indianerleben – Trinkgelage

3 Comments

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    9. Januar 2016

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