Indianerleben – Das Verhältnis zu den Weißen

Alle längs des Rio Pilcomayo lebenden Chorotis stehen seit einigen Jahren mit den ihr ganzes Gebiet bewohnenden Weißen in lebhafter Berührung. Einige Meilen vom Fluß entfernt leben sie jedoch vollständig unabhängig, und die Gegenden, die sie dort bewohnen, sind unerforscht. Die Ashuslays wurden erst 1883 von Campos entdeckt und dann von Trigo 1906 sowie später von Herrmann besucht. Innerhalb ihres eigentlichen Gebietes am Flusse liegt jetzt ein bolivianischer Militärposten. Als der erste Weiße habe ich einen Teil ihres Hinterlandes besucht, das nach allen Wegen, die ich auf meinem Ausfluge sah (s. die Karte), und aus den Auskünften, die ich von den Indianern erhalten habe, sehr umfangreich sein muß.

In Bolivia habe ich die Indianer niemals von den Weißen so gut behandelt gesehen, als am Rio Pilcomayo. Das ist das Verdienst einer Person, und zwar des Dr. L. Trigo, eines Mannes, der es verstanden hat, sich die Sympathien der Indianer wie der Indianerinnen zu erwerben, der sie immer als Freunde und Kameraden behandelt hat, der nicht als hoher Gouverneur, sondern als ein warmherziger und feingebildeter, verstehender Mensch aufgetreten ist. Dr. Trigo hat sie manchmal bestraft, denn wenn der weiße Mann in das Gebiet der Indianer eindringt, muß es zu Konflikten kommen, noch öfter hat er sie aber, trotz der energischen Aufforderungen der weißen Kolonisten zu einer exemplarischen Bestrafung, unbestraft gelassen.

Trigo hat mit Tabak, Decken, bunten Zeugen u. dgl. ein großes Gebiet im Chaco erobert. Pulver und Blei hat er nur im äußersten Notfall angewendet. Kommt ein Fremder in ein Indianerdorf, so dauert es einige Zeit, bis die Indianer ihren wirklichen Charakter zeigen. Im Anfang erscheinen sie verschlossener, als sie es in Wirklichkeit sind. Sind Neugier und Argwohn vorüber, so sind die Indianer wieder sie selbst. Im Dorfe ertönt den ganzen Tag über heiterer Scherz, man spielt, tanzt und vergnügt sich.

Manchmal können die Indianer in ihren Freudenausbrüchen ganz ausgelassen und wild sein. So erinnere ich mich einer Nacht im Dorfe des Chorotihäuptlings Waldhuhn. Bemalt und nackt, mit Federn und Halsketten geschmückt, tanzte ich mit meinen Freunden, während der Zweitälteste Sohn des Häuptlings die Rolle des ,,Elle“ in Stanleyhelm, Brille und Mantel spielte und überall Tabak verteilte. Die Indianer krümmten sich vor Lachen. Wir amüsierten uns diese Nacht und viele andere ebenfalls.

Die Indianer sind sehr leicht beleidigt, handelt es sich aber um Kleinigkeiten, so verschwindet der Unwille schnell. Schwer zu beurteilen ist, ob sie in Ernstfällen nachtragend sind, aber ich glaube es beinahe. Sie sind sehr eingebildet. Eine kleine Schmeichelei nehmen sie in der Regel gut, eine Bemerkung sehr übel auf. Als ich z. B. zu einem Chorotimädchen einmal sagte, das Ausreißen der Augenhaare habe sie sehr häßlich gemacht, war sie mir sehr böse. Eine Höflichkeit über einen kleidsamen Federschmuck oder derartiges nehmen die Chorotis sehr wohl auf. Eine gute Art, die Chorotimädchen zu ärgern, ist, wenn man ihnen erzählt, wie viele hübsche Mädchen man bei den Ashluslays sieht.

Den Versprechungen der Indianer kann man wenig trauen. Den einen Tag versprechen sie z. B. auf einer Exkursion mitzufolgen, am anderen brechen sie das Übereinkommen ungeniert. In der Regel schienen mir besonders die Chorotis sehr undankbar. So hatte ich z. B. einmal einen Choroti mehrere Tage zu Gaste in meinem Lager und bewirtete ihn reichlich. Kurz darauf kam ich zu Besuch in sein Dorf. Der Indianer war auf dem Fischfang. Als er mit Fischen beladen nach Hause kam, glaubte ich, er würde mir einen Fisch schenken, ich täuschte mich aber gewaltig. Ich bekam nichts. Statt dessen forderte er Tabak und einen Hut von mir.

Ähnliches habe ich mehrmals erlebt und ich wurde zuweilen dadurch verstimmt Dies war dumm von mir. Ich hätte verstehen müssen, daß ein Mann, der ein paar mit Zeugen, Messern, Nadeln, Glasperlen usw. beladene Maulesel besitzt, vom Gesichtspunkt der Indianer aus so kolossal reich ist, daß er von den armen Indianern keine Gaben fordern darf.

Unter sich sind sie ja so freigebig, daß sie verschenken, was sie selbst gebrauchen könnten. Wie oft kam es vor, daß ein hungriger Indianer, dem ich einen Teller Essen angeboten hatte, diesen mit allen teilte und selbst nichts bekam. Die von den Weißen unberührten Ashluslays waren viel gastfreier als die Chorotis und schenkten mir beständig Fische, Mais, Algarrobo u. a.

Wenn wir in ein niemals von Weißen besuchtes Ashluslavdorf kamen, forderten die Indianer keine Geschenke. Anders ist es leider in den Dörfern, in denen die Indianer in die Fabriken in Argentinien zu gehen pflegen. Sie halten es ganz einfach für selbstverständlich, daß man ihnen wenigstens Tabak gibt. Fs scheint mir beinahe, als betrachten die Indianer in gewissen Gegenden die Tabakverteilung als eine Steuer, die der durchziehende Weiße zu entrichten verpflichtet ist. Von den Weißen werden die Indianer der Unehrlichkeit beschuldigt. Es läßt sich auch nicht leugnen, daß sie Vieh stehlen und daß die Ashluslays sich vor einigen Jahren durch Diebstahl achtzig Pferde zugelegt haben, daß sie einen Teil des Maises, den die Kolonisten säen, ernten usw.

Meine Erfahrung ist jedoch die, daß die Indianer recht ehrlich sind. Von seinen Freunden stiehlt man nämlich nicht. Es geschah wohl zuweilen, daß jemand z. B. meine Hosen, meinen Stanleyhelm oder meine Stiefel ohne Erlaubnis lieh, dies geschah aber nur, um ein Weilchen damit herumzustolzieren, nicht um zu stehlen. Sicher beschuldigen die Weißen die Indianer auch solcher Diebstähle, die sie unter sich begehen. So war ich einmal in einem kleinen Kolonistenhof am Rio Pilcomavo. Der Besitzer war krank geworden nnd verreist. Zufällig sah ich, wie die weißen Diener in seine Vorratskammer gingen und Zucker, Konserven und Zeug stahlen. Ein junger Chorotiindianer wurde aufgefordert, den Raub zu teilen. Mit einem verächtlichen Lächeln verließ er sie.

Als der Diebstahl entdeckt wurde, hatte natürlich das verdammte indianische Pack oder richtiger ,,esos indios c—s“ seine Hand dabei gehabt. Daß die Indianer zuweilen eine Kuh stehlen und schlachten, wenn der Magen leer ist, ist nicht zu verwundern. Das würde unter ähnlichen Umständen ein Weißer auch tun.

Die Weißen nehmen den Indianern das Land stückweise ab, zwingen sie weit ab vom Flusse, wo kein Vieh in der Nähe ist, zu bauen, ohne den Indianern Arbeit zu geben. Wenn die Indianer ihr Land an die Weißen verlieren, so ist es recht und billig, daß diese ihnen so viel Arbeit geben, daß sie genügend für Essen, Werkzeuge, Kleider usw. verdienen können, denn einmal in Berührung mit der Zivilisation der Weißen, bekommen die Indianer neue Ansprüche an das Leben.

Zu meiner Ehrlichkeit hatten die Indianer ein sehr großes Vertrauen. So pflegten, als ich einige Tage mich bei dem Militärposten in Guachalla aufhielt, die Ashluslays, und darunter viele, die ich kaum kannte, ihre Habe mir in Verwahrung zu geben. Dieses Vertrauen teilte ich nur mit dem Dolmetscher Manuel Flores und mit Dr. Trigo. Trotz ihrer Fehler sind mir die Choroti- und Ashluslayindianer sehr sympathisch. Ihre Unzuverlässigkeit, Undankbarkeit und Lügenhaftigkeit schreibe ich zum großen Teil den Weißen zu, denn diese häßlichen Seiten scheinen nur meistens bei der Berührung mit den Eindringlingen hervorzutreten.

Solche generelle Urteile, wie ich sie hier über den Charakter einer großen Menge Menschen fälle, sind natürlich immer etwas schwebend. Es gilt hier, wie bei den zivilisierten Menschen, daß die Individuen so verschieden sind. Der eine ist still und verschlossen, der andere geht lachend durchs Leben. Der eine ist äußerst eitel, dem anderen liegt nichts daran, sich geltend zu machen. Am liebsten möchte ich jedes Individuum, das ich näher kennen gelernt habe, besonders schildern, in der Regel war ich aber allzu kurze Zeit mit ihnen zusammen, um mich auf die Individualpsychologie einzulassen.

Außerordentlich glücklich wäre es, wenn Dr. Trigos kluge Indianerpolitik im Chaco fortgesetzt würde. Die Indianer brauchen keine Schutzgesetze, sondern warmherzige und energische Männer, die die Gerechtigkeit mit Klugheit und Geduld, vor allem Geduld, handhaben. Zuletzt ein paar Mutmaßungen. Dr. Trigo schätzt die Zahl der Chorotis auf etwa 4000. Ich glaube nicht, daß diese Zahl stark übertrieben ist, wenn man berechnet, daß zahlreiche Chorotis im Innern des nördlichen Chaco leben.

Wie viel Ashluslays gibt es? Moberg und der Verfasser sind in einundzwanzig Dörfern gewesen, von denen mehrere sehr volkreich waren. Berechnen wir, daß jedes Dorf durchschnittlich 200 Einwohner hat, so erhalten wir 4200 Indianer. Wahrscheinlich gibt es mindestens ebenso viele Dörfer, die wir nicht besucht haben. Ein ganzer Teil soll sich im Innern des Chaco befinden. Es würde mich deshalb nicht wundern, wenn der Ashluslaystamm nahezu 10000 Individuen zählte. Das ist natürlich nur eine Annahme. Aus der Karte sieht man jedoch, daß dieser Stamm eine große Verbreitung hat. Ich verlasse nun die Chorotis und Ashluslays. In den Fachzeitschriften werde ich auf ihre Kunst und Industrie, die ich hier nur flüchtig berührt habe, zurückkommen.

In meinen Schilderungen ist nicht viel von der Poesie des letzten Mohikaners, ich beschreibe hier nicht die Helden der Indianerbücher, sondern ganz einfach gewöhnliche Menschen. Die Jüngsten lieben das Spiel, die Jungen die Liebe, die Alten Essen, Trinken und Tabak. Sie kämpfen, wie andere, ihren Kampf ums Dasein, und dieser Kampf ist sicher oft hart. Besser als wir verstehen sie es, zusammenzuhalten, einander zu helfen. Deshalb liebe ich sie —- und ich wäre froh, wenn auch der Leser etwas Sympathie für sie bekommen hätte.

Text aus dem Buch: Indianerleben (1912), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianerleben – Einleitung
Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld
Indianerleben – Der Calilegua
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung)
Indianerleben – Das Indianerhaus
Indianerleben – Der Kampf ums Dasein
Indianerleben – Indianerkinder
Indianerleben – Männer und Frauen
Indianerleben – Trinkgelage
Indianerleben – Das Tabakrauchen
Indianerleben – Medizinmänner, religiöse Vorstellungen
Indianerleben – Vom Matacoindianer Na-yás erzählte Sagen
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Krieg und Frieden
Indianerleben – Handel
Indianerleben – Besuch in fremden Dörfern

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