Indianerleben – Der Calilegua

Während meines Aufenthaltes in der Zuckerfabrik Esperanza unternahm ich mehrere kleine Ausflüge, darunter einen etwas längeren nach dem wunderschönen Calilegua, dessen nicht selten schneebedeckter Gipfel stolz über die Urwälder blickt, in denen Zuckerfabriken und Sägemühlen und kleine Menschlein sich abarbeiten und abäschern.

Auf mehr als schlechten kleinen Pfaden klettert der Weg diesen Berg hinauf. Er geht durch Bäche, über Gebirgskämme, durch den Urwald mit dessen schweigender, feuchtwarmer Pracht, über die Baumgrenze, nach dem einsamen, großartigen Reiche der Erdgöttin Pachamama, wo man einen‘ weiten Blick über Täler, Hochebenen und Berge hat und sich nicht, wie unten im Tale und im Urwalde, durch Lianen und Baumstämme und zwischen dornigen Büschen hindurchzudrängen braucht.

Die Calileguaindianer sprechen alle Spanisch. Dieses ist stark mit Quichuaworten vermengt, die Namen der Heilmittel sind z. B. in der Regel auf Quichua. Man kann also annehmen, daß die ursprüngliche Sprache dieser Indianer Quichua war. Die Calileguaindianer wohnen oben auf den Bergen in kleinen viereckigen Hütten aus Stein oder getrockneten Ziegelsteinen mit Grasdächern. Auf dem First steht gewöhnlich ein Kreuz. Dasselbe schützt gegen Blitzschlag, d. h. wenn es von einem christlichen Geistlichen gesegnet ist, denn diese Gebirgsindianer sind schon seit langer Zeit Christen. Dies hindert indessen nicht, daß sie gleichzeitig an vieles andere glauben, was gar nichts mit der christlichen Religion zu tun hat. So opfern sie noch der Pachamama Branntwein und Coca. Gehen sie über einen Paß, so legen sie einen Stein auf den Boden, damit sie nicht auf dem Wege müde werden.

Auf dem Calilegua machte ich eine interessante Bekanntschaft, und zwar die eines sehr anständigen Medizinmannes in mittleren Jahren, der mir ganz offenherzig verschiedenes anvertraute. Gegen Knochenschmerzen soll man Fett vom Uturunco, Tapir oder Bären anwenden. Der Uturunco ist ein mystisches Tier; es soll ein Jaguar sein, der ehemals ein Mensch gewesen ist. Das Fett des Uturunco ist gelb. Von Peru bis nach Argentinien kennt man die wunderbaren heilenden Eigenschaften des Fettes dieses Tieres. Hat man an einem gewissen Platze die Erde berührt, so können Hand-, Fuß- oder Kniegelenke anschwellen. Man tut am besten, wenn man auf die geschwollene Stelle Erde von dem Platze, wo man krank geworden ist, legt. Auch Bärenzunge ist gut. Bei einem Erdbeben, wie sie auf dem Calilegua oft Vorkommen, geht man am besten nach dem Begräbnisplatz, um zu beten. Hagelt es,, so verbrenne man kreuzförmig gelegte Palmblätter, dann bleibt die Ernte unbeschädigt.

Da einer meiner Begleiter, ein argentinischer Gaucho, auf dem Calilegua erkrankte, bekam unser Freund Gelegenheit, seine Kunst zu versuchen. Er gab ihm ein aus Mais bereitetes Bier, in welches er glühende Kohlen legte. Der Gaucho gesundete und mußte dem großen Arzt ein erkleckliches Honorar zahlen.

Zwischen dem, was man hier auf dem Calilegua zu sehen bekommt, und dem, was man bei den Ouichuas weit hinten in Peru, zwölf Breitengrade von dort, findet, herrscht eine große Ähnlichkeit. Ungeheuer gleichförmig verbreitet sich die Ouichuakultur längs der Anden. Sie haben dieselbe Kleidertracht, dieselben eigentümlichen Nadeln zur Befestigung der Frauenschale, beinahe dieselbe Keramik, dasselbe Kokakauen, dieselben Arzneien, dieselben Opfer in den Gebirgspässen, dieselben Schleudern u. a. Diese große Gleichförmigkeit fällt um so mehr auf, wenn man an den Gegensatz zwischen den Bewohnern des Gebirges und des Urwaldes denkt. Nach einem Ritte von einigen Tagen von Cnzco, der Hauptstadt des alten Inkareiches, nach den Urwäldern ist man im Gebiete der wilden Indianer, die mit den Bewohnern des Gebirges beinahe nichts Gemeinsames haben. Hier im nördlichsten Argentinien sowie im südlichen Bolivia, ist der Gegensatz nicht ganz so scharf, aber dennoch groß genug. Die Stämme, von denen ich hier sprechen will, die auf den letzten Ausläufern der Anden nach der Ebene zu oder in derselben wohnen, haben mit den Quichua und deren Nachkommen wenig Gemeinsames. Reiten wir vom Calilegua in Argentinien über das Gebirge direkt nach Cuzco, so treffen wir nur zwei Indianersprachen an, das Quichua und das Aymara. Folgen wir den Urwaldwegen und den Flüssen, so lernen wir wenigstens einige zwanzig Sprachen kennen, bis wir über Santa Cruz de la Sierra, über den Rio Mamore und den Rio Madie de Dios nach der alten Hauptstadt der Inka kommen.

Vom Calilegua nach den Fabriken zurückgekehrt, beendigte ich meine Ausrüstungsarbeiten, und am 5. Mai saßen wir im Sattel, um nordwärts, nach dem Rio Pilcomayo, zu ziehen. Einige Tage darauf gingen wir über den Rio Bermejo und setzten unseren Weg längs der letzten Ausläufer der Anden fort. Das jetzt von uns durchzogene Gebiet war teils von Weißen, teils von den in vollständigem Abhängigkeitsverhältnis von jenen stehenden Mataco-Vejos bewohnt. Alles, was ich von ihnen sammeln konnte, kaufte ich an; des Abends saß ich bei den Alten, die mir dies und jenes erzählten. Diese Mataco haben eine Sage von einem großen, die ganze Welt verheerenden Feuer. Ein Vogel „Miya“ hatte ihnen von einer wilden Katze „Note“ die Maissamen geraubt, ein kleiner schwarzer und röter Vogel „Sipüp“ hat die Kürbissamen geraubt. Das Meerschweinchen ,,No-tek“ hat das Feuer von einem bösen Geist, „Tacuash“, der es verborgen hatte und den Matacos nichts davon abgeben wollte, geraubt.

Die Mataco-Vejos sind von der mächtigen Chiriguanokultur, über die ich weiterhin ausführlicher sprechen werde, stark beeinflußt. Sie sind außer den Chiriguanos und Chanes die einzigen Indianer im Chaco, die ihre Toten zuweilen in Tongefäßen begraben.

Dem Toten bauen sie in der Tiefe des Waldes ein besonderes Haus mit Feuerstätte und Bett. Er wird auf das Bett gelegt oder manchmal in ein Tongefäß hineingestopft. Ich selbst habe niemals ein derartiges Grabhaus gesehen, die Indianer haben es mir aber so beschrieben. Als ich danach fragte, erklärten sie mir, augenblicklich gäbe es keins, das nicht vollständig zerstört sei. Sie wollten mir ihre Gräber vielleicht nicht zeigen. Auf meiner Reise 1902 zog ich auch durch das Gebiet der Vejos und grub damals ein Vejograb aus. Vielleicht war dieses nicht typisch. I nter einer Wildschweinhaut lag der Tote in die Erde eingegraben mit seiner Wasserkalebasse. Von Hütte und Bett war keine Spur vorhanden. Die Kalebasse war leer. Das Wasser habe der Tote ausgetrunken, sagten die Indianer.

Nicht selten arbeiteten die Mataeo-Vejos als Diener der am Rio Itiyuro wohnenden Chanes. Daß ein Chane dagegen bei einem Mataco dienen sollte, wäre undenkbar. Einen solchen Klassenunterschied zwischen den Stämmen werden wir hier wiederholt zu erwähnen Gelegenheit haben.

Am 18. Mai waren wir in Yacuiba, einem großen Dorfe an der Grenze zwischen Bolivia und Argentinien, jetzt ist es ein ganz anständiger Platz, während es früher ein gefährlicher Zufluchtsort für Verbrecher war, die aus Furcht vor der argentinischen Polizei hierher geflohen waren.

Yacuiba war während eines großen Teiles der Reise ein wichtiger Stützpunkt für mich. Ein liebenswürdiger Franzose, C. Holzer, hat mir dort große Dienste geleistet, indem er mir bei vielen schweren Transporten von Ausrüstungen und Sammlungen behilflich war.

Mein erster Ausflug von Yacuiba galt denChaneindianern am Rio Itiyuro. Diesen werde ich in einem anderen Zusammenhänge schildern. Mein zweiter war nach dem Rio Pilcomayo und den an diesem eigentümlichen Flusse wohnenden Indianern.

Hier begann der ernste Teil meiner Reise.

Text aus dem Buch: Indianerleben (1912), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianerleben – Einleitung
Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld