Indianerleben – Häßliche Worte, Homosexualität, Selbstmord, Schamgefühl u. a.

Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer (Forts.).

In der Sprache der Weißen gibt es, wie bekannt, eine Anzahl Worte, die man in anständiger Gesellschaft nicht anwenden darf. Gewisse Körperteile dürfen Personen desselben Geschlechts nur mit lateinischen Namen nennen, während Personen verschiedenen Geschlechts in der Regel gar nicht miteinander darüber sprechen. Ein Wort kann für häßlich gelten, während ein anderes Wort für denselben Gegenstand beliebig angewendet werden kann. Der Grund, warum ein Wort verboten ist, ist sicher oft schwer zu ermitteln.

K. v. d. Steinen und Koch-Grünberg haben darauf hingewiesen, daß auch die Weiber unter den Indianern am Xingu und Rio Negro von den Geschlechtsteilen ganz offen, als von etwas Natürlichem reden. Ebenso ist es bei den Indianern, die ich kennen gelernt habe. Als ich nach Worten fragte, welche die allerintimsten Dinge berührten, gaben auch die Weiber, ja die jungen Mädchen, auf die allernatürlichste Weise Auskunft darüber.

Es gibt indessen Worte, die verboten sind. Solche Worte sind bei den Chorotis „ametche“, das ein Schimpfwort ist, ,,ictivähi“, das homosexuellen Geschlechtsverkehr bezeichnet, „huéle“, das Onanie bedeutet, und ,,tévi“ bei den Chanés und Chiriguanos, das dieselbe Bedeutung wie ictivähi hat. Das Unnatürliche im Geschlechtsleben ist auch hier so schändlich, daß es sich nicht paßt, darüber zu sprechen

Es gibt auch Indianer, die niemals über solche Gegenstände sprechen wollen. So beschaffen war z. B. ein Chiriguano, den ich auf meinem ersten Ausflug den Rio Parapiti herunter mithatte. Er stellte sich sogar so, als hätte er niemals von etwas Derartigem reden hören. Als ich ihn über die Homosexualität bei seinen Landsleuten befragte, stellte er sich dumm und sagte ungefähr:

,,Pflegen das die Weißen zu tun?“

Unter den Indianern gibt es gleichwohl, wie auch bei uns, solche, denen es Spaß macht, obszöne Geschichten zu erzählen. Ein solcher war der alte Chané Boyra, er, der den Schimpfnamen yúruhuasit, Großmaul, hatte. Je schlimmere Sachen er erzählte, um so mehr amüsierte sich der alte Boyra. Zuweilen erzählte er so, daß sogar mein Freund Batirayu, der zu dolmetschen pflegte, sich richtig genierte. Der alte Chiriguano Yambási war auch einer, der alle möglichen Unanständigkeiten zu erzählen wußte.

Bóyra erzählte, wie der Fuchsgott, Aguaratunpa, und die Iguanaeidechse, Teyuhuasu, in einem homosexuellen Verhältnis zueinander standen. Bóyras Erzählung war so außerordentlich realistisch, daß ich sie hier unmöglich wiedergeben kann. Er erzählte auch, wie der Fuchs sich mit einem Waldhuhn  „Kése-Kése“ verheiratete, das auch ein Mann war.

Aguara (der Fuchs) kam einmal zur Hütte des Waldhuhns.

„Wie geht es dir, Bruder?“ sagte der Fuchs.

„Gut, komm, setz’ dich, Bruder“, sagte das Waldhuhn.

Der Fuchs setzte sich. Das Waldhuhn hatte viele Erdratten „angúyatúto“ aufgehängt, die es getötet hatte.

„Willst du Erdratten essen?“ sagte das Waldhuhn.

„Ja“, sagt der Fuchs und aß eine. Er verlangte dann noch eine und noch eine usw.

Schließlich bat er darum, zwei für seine Kinder mitnehmen zu dürfen. Das Waldhuhn gab sie ihm. Der Fuchs, der keine Kinder hatte, fraß auch diese auf.

,,Hast du eine Frau?“ sagte der Fuchs.

„Nein, ich wohne hier mit meiner Schwester,“ sagte das Waldhuhn.

Der Fuchs ging hierauf fort. Als er zu einer Pflanze „supua“ gekommen war, hing er seinen Penis auf, nahm eine Frucht herunter und setzte sie an die Stelle, wo der Penis gesessen hatte. Die Supua sieht nämlich wie eine Vulva aus. Der Fuchs nahm dann die Tembeta heraus und verstopfte das Loch. Er kam dann an ein Haus, wo einige Frauen wohnten.

„Wollt Ihr Tiru (Frauentracht), Halskette und Haarband mit mir gegen ein Pferd tauschen?“ sagte der Fuchs.

„Wo hast du dein Pferd?“ sagten die Frauen.

„Mit dem komme ich morgen“, sagte der Fuchs.

Er bekam nun Tiru, Halskette und Haarband, legte alles dies an und begab sich auf einem anderen Wege nach dem Hause des Waldhuhns. Als er dorthin kam, war niemand zu Hause. Er legte sich da in die Hängematte. Nach einer Weile kam das Waldhuhn nach Hause.

„Woher kommst du?“ sagte das Waldhuhn.

„Von meinem Vater“, antwortete der Fuchs.

Der Fuchs kochte nun zwei Erdratten und aß sie auf. Dann kochte er noch zwei und aß auch diese auf. Hierauf kochte er noch zwei und aß sie auf.

Am Abend fragte der Fuchs die Schwester des Waldhuhns:

„Wo willst du liegen?“ „Hier“, sagte sie.

„Dann lege ich mich neben dich“, sagte der Fuchs.

Ein bißchen davon legte sich das Waldhuhn. Als die Schwester eingeschlafen war, streckte der Fuchs die Hand aus und faßte das Waldhuhn an. Dieses kam und legte sich neben den Fuchs.

„Bist du verheiratet?“ sagte das Waldhuhn.

„Nein, meine Mama hat mich nicht verheiraten wollen“, antwortete der Fuchs . .

Der Fuchs schlief nun zwei Nächte bei dem Waldhuhn und wurde schwanger. Nach einiger Zeit gebar der Fuchs.

Eines Tages kamen einige Vögel dort vorbei.

„Gib mir Bogen und Pfeil, ich will schießen“, sagte der Fuchs.

„Du kannst wohl nicht schießen, du bist ja kein Mann“, sagte das Waldhuhn.

„Ich bin ein Mann“, sagte der Fuchs, nahm Pfeil und Bogen und ging fort. Als er zur „Supua“ kam, nahm er seinen Penis herunter und setzte ihn sich wieder an.

Man erzählte mir von einem Chancéindianer von Yacundai am Rio Parapiti, der sich in fremden Dörfern als Schmarotzer herumzutreiben pflegte. Die Indianer wurden zuletzt seiner über, und als er einmal vollständig betrunken war, schändeten ihn einige Chiriguanoindianer im Caipipendital. Er begab sich nach diesem Schimpf nach dem unteren Rio Parapiti. Als die Kenntnis von dem, was ihm in Caipipendi passiert war, dorthin gedrungen war, bängte er sich in Verzweiflung über diese Schande.

Eigentümlicherweise wird es unter diesen Indianern nicht als eine Schande betrachtet, in einem homosexuellen Verhältnis der Aktive zu sein, der Passive wird aber tief verachtet. Er wird als ein Weib betrachtet. Dies ist der Grund, warum ein Teil rücksichtslose Weiße unverbesserliche Indianer mit — einem Klistier bestrafen. Ein so gekränkter Indianer verschwindet für immer. Man nimmt an, daß er Selbstmord begeht. Mittels „tévi“ bestraft ein Indianer seine ungetreue Frau und verläßt sie dann. Chanéknaben habe ich „tévi“ spielen sehen.

Nach Westermarck ist die Homosexualität sehr verbreitet unter den Indianern Amerikas. Die Auffassung, daß dies eine Schändlichkeit ist, ist keineswegs überall so ausgeprägt, wie bei den hier erwähnten Indianern. Über Onanie habe ich bei den Chanés und Chiriguanos nichts gehört. Sie soll dagegen bei den Chorotis von den Männern, die beim Tanz von den Frauen übergangen werden, betrieben werden.

Perversitäten im Verhältnis zwischen Männern und Frauen, die im alten Peru gewöhnlich waren, scheinen hier nicht vorzukommen. Primitive Säugetierstellung beim Koitus soll bei den Chacostämmen gewöhnlich sein. Mataco gab mir eine Wurzel, die sie als Aphrodisiakum anwendeten. Das Verhältnis zwischen Menschen und Tieren ist in den Sagen der Indianer so intim verflochten, daß man nicht immer bestimmen kann, ob sie das eine oder das andere meinen. Die Sagen, welche die Liebesverhältnisse zwischen Menschen und Tieren schildern, sind keine Schilderungen von Bestialität, die bei diesen Indianern unbekannt zu sein scheint.

Das Schamgefühl ist bei diesen Völkern sehr verschieden entwickelt. Es scheint mir sehr stark von der Kleidertracht abzuhängen. Keiner dieser Indianer oder Indianerinnen, von denen ich hier erzähle, betrachtet es, soweit sie nicht vollständig verdorben oder zivilisiert sind, als unpassend, den Oberkörper zu zeigen. Die Chiriguano- und Chanéfrauen sind viel verschämter als die Chorotis und Ashluslays, wenn sie die Geschlechtsteile zeigen. Die letzteren wollten sich höchst ungern vollständig entkleiden, um photographiert zu werden. Den ersteren wagte ich so etwas nicht, einmal vorzuschlagen.

Saß man des Abends am Feuer in der Hütte und war mit der Familie bekannt, so schienen sie gleichwohl ganz ungeniert zu sein. Die Choroti- und Ashluslaymänner sind sehr schamlos. Die Männer unter den Chanés und Chiriguanos dagegen weniger. Es ist sehr gewöhnlich, daß die Chiriguano-und Chanéfrauen, in einer Gesellschaft konversierend, stehend Wasser lassen und den Urin das Bein herunterlaufen lassen, was ja als weniger sauber gelten darf. Die Männer gehen dagegen immer abseits, um dieses Bedürfnis zu verrichten.

Der Geschlechtsakt geht, wie erwähnt, bei den Ashlnslays oft in Gegenwart von Zuschauern vor sich. Bei den Chorotitänzen mußte man sich in der Dunkelheit vorsehen, nicht über die liebenden Paare zu stolpern. Dergleichen sieht man niemals bei den Chiriguanos oder Chanés. Da viele in derselben Hütte liegen, sieht man gleichwohl auch bei ihnen vieles, was man immer sieht, wenn man Schlafgäste hat. Dies nicht zum wenigsten ist der Grund, daß das Geschlechtsleben selbst für die kleinen Kinder keine Geheimnisse hat.

Offenbar steigert das Zusammenleben mit den Weißen das Schamgefühl. Die Indianerinnen genieren sich sogar, die Brust zu zeigen. Die Moral sinkt in dem Maße, wie das Schamgefühl steigt. Dies sollten alle diejenigen bedenken, die für nackte Heidenkinder Kleider nähen.

Viele meiner Leser finden vielleicht, daß dieses Kapitel nicht in meinem Buche hätte enthalten sein sollen. Es scheint mir gleichwohl richtig, etwas über die Abweichungen auf dem geschlechtlichen Gebiete zu sprechen. Es trägt zum Verständnis der Menschen, die ich hier schildere, bei. Natürlich habe ich hier nicht über all den Realismus, der bei den Gesprächen am Lagerfeuer manchmal zutage trat, sprechen können.

Die natürliche Seite des Geschlechtslebens fassen die Indianer so ganz verschieden von dem, wie wir es in der Regel sehen, auf. All die Verderbnis, die in der zivilisierten Gesellschaft ist, treffen wir bei diesen Menschen nicht, verschiedenes findet sich aber schon hier. Was besonders die Homosexualität betrifft, so zeigen, wie bekannt, die Verhältnisse bei den Naturvölkern, daß die Ursache des Übels viel tiefer, als in unserer Hyperzivilisation liegt.

Wenn unsere täglichen Zeitungen, die wohl für die Öffentlichkeit bestimmt sind, über alles mögliche schreiben, so braucht man ja in einer Reiseschilderung nicht allzu prüde zu sein.

Text aus dem Buch: Indianerleben (1912), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianerleben – Einleitung
Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld
Indianerleben – Der Calilegua
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung)
Indianerleben – Das Indianerhaus
Indianerleben – Der Kampf ums Dasein
Indianerleben – Indianerkinder
Indianerleben – Männer und Frauen
Indianerleben – Trinkgelage
Indianerleben – Das Tabakrauchen
Indianerleben – Medizinmänner, religiöse Vorstellungen
Indianerleben – Vom Matacoindianer Na-yás erzählte Sagen
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Krieg und Frieden
Indianerleben – Handel
Indianerleben – Besuch in fremden Dörfern
Indianerleben – Das Verhältnis zu den Weißen
Indianerleben – Das Land der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Der Indianer als Historiker
Indianerleben – Alltagsleben in den Chané- und Chiriguanohütten
Indianerleben – Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern
Indianerleben – Nahrungszweige
Indianerleben – Zubereitung der Speisen
Indianerleben – Spiele
Indianerleben – Das Leben der Indianerkinder
Indianerleben – Alltagskleidung
Indianerleben – Reinlichkeit
Indianerleben – Vom Mutterleib bis zum Grabe

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    10. Januar 2016
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