Indianerleben – Handel


Auch eine friedliche Verbindung herrscht zwischen den Stämmen. So habe ich am Rio Parapiti von den dort Yanaygua genannten Tapieteindiancrn runde, durchbohrte, kleine Scheiben Muschelschalen eingetauscht. Diese erhalten sie von den Ashluslays, die sie wieder von einem mir unbekannten Stamm, von den Ashluslays Mansie (möglicherweise = Lengua) genannt, bekommen, der unweit des Rio Paraguay wohnt und reiche Vorräte von Eisen, besonders Töpfe und Wagenachsen, zu besitzen scheint. Die Mansie sollen durch den nördlichen Chaco bis zum Chorotigebiet auf Wegen gehen, die nicht dem Rio Pilcomayo folgen. Sie haben Eisen und Schneckenschalen mit, die sie gegen Tiere und Mäntel aus Pelz und Wolle enttäuschen. Man sieht Chorotis, die bis zu zehn bis zwanzig Meter lange Halsketten aus diesen kleinen Muschelschalen haben.

Nimmt man übrigens eine Sammlung von Gegenständen z. B. bei den Chorotis vor, so darf man keineswegs glauben, daß alles, was man erhält, an Ort und Stelle angefertigt ist. Mit Geräten, Geweben, Taschen atis Caraguatá usw. wird ein bedeutender Tauschhandel zwischen den Stämmen betrieben. Von den Chiriguanos erhalten die Chorotis die rote Farbe, Uruku. Für ein kleines Stück davon bezahlen die Choroti einen warmen und großen Mantel aus Wolle. Von den Chorotis erwerben dann die Ashluslays diese beliebte Farbe.

Auch im Paraguayer Chaco ist Uruku eine Handelsware. Nach Boggiani erhalten die Chamacocoindianer die kostbare Farbe von den Caduveis. Domenico del Campana erwähnt, daß die Chiriguanos Uruku zum Verkauf nach Gegenden, wo dieser Busch nicht wächst, hersteilen.

ln Eric von Rosens schöner Sammlung von den Chorotis, die in der Nähe von Caiza, nicht weit von dem letzten Ge-birgskamm der Anden nach dem Chaco, wohnten, befindet sich ein ornamentiertes Gewebe, das durch Handel von den weit davon wohnenden Ashluslays erhalten sein muß. Das Eisen ist im Chaco seit lange eine wichtige Handelsware. Sowohl die Ashluslays wie die Chorotis haben dasselbe ihrer eigenen Angabe nach erst von Osten, d. h. von Paraguay, erhalten. Der Stamm, der wohl am längsten am Rio Pilcomavo gewohnt hat, ohne das Eisen zu kennen, war der der Chorotis, obschon sie jetzt viel mehr Werkzeuge aus diesem Material besitzen, als die Ashluslays.

Ich habe einmal einen Handelsreisenden in Eisen gesehen. Es war ein Choroti, der mit allerlei Schrot, Nägeln u. dgl. auf dem Wege nach dem Innern des Ashluslaygebietes begriffen war. Seinem wenig- wertvollen Lager nach zu urteilen, muß die Nachfrage nach der Ware eine sehr große sein. Von sehr großer Bedeutung ist der Handel mit getrockneten Fischen. Die Chorotis wie auch die Matacos, Tobas und Tapietes bringen solche Fische zu den Chaneindianern am Rio Itiyuro und zu den Chiriguanos, und die Chiriguanos bringen wieder Mais zu den Stämmen am Rio Pilcomayo, wo sie ihre Fischeinkäufe machen. Man mißt den Mais in großen Tongefäßen, „Yambuy“, und in Kalebassen. Die Maße sind natürlich ungefähre.

Meine Tausch waren wanden durch den Handel der Indianer untereinander wreit umher verbreitet. In einem Chorotidorf hatte ich mehrere bunte Hemden in den Tausch gegeben. Als ich einige Tage später den Fluß weiter herunter kam, waren meine grelleuchtenden Hemden das erste, was ich in den Dörfern sah. Sie hatten schon den Eigentümer gewechselt. ln den Ashluslaydörfern war es nichts Ungewöhnliches, daß ein Indianer hunderte große Nähnadeln durch Tausch an sich brachte, und höchstwahrscheinlich werden sie von diesen Grossisten in Nähnadeln als Tauschwaren für im Inneren des Chaco wohnende Indianer angewendet.

Ein anderer Handel ist der mit Pferden, Schafen usw. Zuweilen sind diese Pferde gestohlen, und hat ein solches gestohlenes Pferd mehrere Male den Besitzer gewechselt, so haben die Weißen große Schwierigkeit, es zurückzubekommen. Die Indianer verstehen das Unrechte, zu stehlen, aber nicht das, gestohlene Waren zu kaufen. Dieser Handel zwischen den Stämmen ist natürlich für die Vermittlung von allerlei Kultureinflüssen von großer Bedeutung. Für den Etnographen ist er sehr zum Arger, da er den umbildenden Einfluß der Weißen auf Indianer, die in keiner direkten Verbindung mit irgend welchen Fremden gestanden haben, vermittelt.

Von Interesse ist es zu beobachten, wie die Indianer beim Tauschhandel ihre Habseligkeiten taxieren. Am teuersten sind z. B.. bei den Chorotis die Halsketten, die Mäntel, die sehr großen Caraguatätaschen, die Netze, Kalebassen und die Urukufarbe. Die Chorotis und die Ashluslays haben die ganz natürliche Auffassung, daß das, was ihnen die meiste Arbeit macht, durch die gesuchtesten Tauschwaren, wie Zeuge, Messer u. dgl, ersetzt werden muß. Für die Halsketten bezahlen sie selbst Schafe, und diese schätzen sie sehr hoch. Daß sie den wirklichen Wert der ihnen angebotenen Tausch waren nicht kennen, ist natürlich. Hatte ich irgend welche Gegenstände nach Ansicht der Indianer zu hoch bezahlt, so verbreitete sich sofort das Gerücht davon und mir wurden überall solche angeboten. Eine Herabsetzung des Preises für einen Gegenstand, weil der Vorrat groß war, war für die Indianer unbegreiflich und deshalb schwer. Beinahe unmöglich war es, gewisse Gegenstände einzutauschen, die sie für unentbehrlich hielten. Sehr große Caraguatätaschen gaben sie deshalb, falls sie nicht mehrere Exemplare davon hatten, nicht her, weil sie dieselben notwendig zum Einsammeln wilder Früchte gebrauchten.

Außer im El gran Chaco, hat man in Bolivia nicht häufig Gelegenheit, den Handel zwischen den Stämmen zu studieren. In den übrigen Teilen von Ostbolivia gibt es zwar noch äußerst primitive Indianer, diese sind aber beinahe überall nach den unzugänglichsten Wäldern hingedrängt und die verschiedenen Stämme wohnen isoliert voneinander.

Text aus dem Buch: Indianerleben (1912), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianerleben – Einleitung
Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld
Indianerleben – Der Calilegua
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung)
Indianerleben – Das Indianerhaus
Indianerleben – Der Kampf ums Dasein
Indianerleben – Indianerkinder
Indianerleben – Männer und Frauen
Indianerleben – Trinkgelage
Indianerleben – Das Tabakrauchen
Indianerleben – Medizinmänner, religiöse Vorstellungen
Indianerleben – Vom Matacoindianer Na-yás erzählte Sagen
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Krieg und Frieden

4 Comments

  1. […] Siehe auch: Indianerleben – Einleitung Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld Indianerleben – Der Calilegua Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung) Indianerleben – Das Indianerhaus Indianerleben – Der Kampf ums Dasein Indianerleben – Indianerkinder Indianerleben – Männer und Frauen Indianerleben – Trinkgelage Indianerleben – Das Tabakrauchen Indianerleben – Medizinmänner, religiöse Vorstellungen Indianerleben – Vom Matacoindianer Na-yás erzählte Sagen Indianerleben – Kunst und Industrie Indianerleben – Krieg und Frieden Indianerleben – Handel […]

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