Indianerleben – Krieg und Frieden

Als ich die Chorotis und Ashluslays im Jahre 1908 besuchte, herrschte zwischen diesen beiden und den Mataco ein sehr gespanntes Verhältnis. Die Chorotis und Tobas waren ebenfalls keine Freunde. In welchem Verhältnis die Ashluslays zu den Tobas standen, weiß ich nicht, da ich die Gegenden, wo diese Stämme aneinandergrenzen, in diesem Jahre nicht besuchte.

1909 war die äußere politische Lage verändert. Die Chorotis und Ashluslays hatten mit den Matacos Frieden geschlossen. Dagegen lebten die Ashluslays mit den Tobas in erbitterter Fehde. Die Ursache der Kriege zwischen diesen Stämmen ist gewöhnlich der Fischfang und die Plünderungssucht. Ein Stamm sperrt den Fluß ab, so daß die Fische nicht zu den Fischplätzen des anderen hinaufkommen können. Dieser versucht die Sperre zu zerstören, einer der Stämme verwundet oder tötet einen von der Gegenpartei, und der Krieg ist in vollem Gange.

Beide Stämme ziehen sich so weit zurück, daß zwischen ihnen eine unbewohnte Zone entsteht. Geordnete Schlachten scheinen selten geschlagen zu werden und in der Regel ist die Zahl der Getöteten eine sehr geringe. Ein weißer Mann hat mir über eine Schlacht zwischen den Chorotis und Matacos folgende Schilderung gemacht, die sehr charakteristisch, wenn auch etwas übertrieben ist.

In der Nähe seiner Ansiedelung hatten zwei bedeutende Gruppen sich einen ganzen Tag bekämpft. Eine Menge Schüsse waren abgefeuert worden, denn einige der Indianer hatten Feuerwaffen. Des Abends kam ein Choroti fliehend an seinem Hause vorbei:

,,Wie ist es gegangen?“ wurde er gefragt.
,,Schlecht“, war die Antwort.
,.Wie viele sind denn getötet worden?“
,, Keiner.“
„Dann habt ihr wohl viele Verwundete gehabt?“
„Keine“, war die Antwort.

Man hatte sich offenbar zuerst außerhalb der Schußweite bekämpft. Als die Matacos dann mit großer Tapferkeit etwas näher gingen, waren die Chorotis davongelaufen.

Alle Kämpfe verlaufen indessen keineswegs so unblutig. In dem Kampf zwischen den Ashluslays und den Tobas, die ich am Anfang des Buches erwähnt habe, wurden zehn Ashluslays und ein Toba getötet. Dieser letztere war ein zur Rekognoszierung vorausgesandter Späher. Zur Erforschung der feindlichen Stellung wurden nämlich zahlreiche Späher angewendet. Die besten Krieger sollen die älteren Männer und die Greise sein. Die Jugend hält sich gern zurück. In geeigneter Entfernung von den Dörfern sind Aussichtsposten gebaut. Auf den Kreuzwegen geben auf gewisse Art gelegte Zweige u. dgl. dem Freunde an, welchen Weg er einschlagen soll.

Eine wichtige Neuigkeit wird durch Eilboten von Dorf zu Dorf verbreitet. Mehrere Tage, bevor ich zu dem äußersten bolivianischen Militärposten am Rio Pilcomayo kam, gingen die Indianer zu dem Chef desselben und sagten zu ihm:

„Elle (der kleine Papagei) kommt.“ Sie berichteten ihm auch, wie viel Mann der kleine Papagei mithatte, und sonst noch alles mögliche, was er nicht verstand, da er keinen Dolmetscher hatte und nicht wußte, daß ich, d. h. der Papagei, kommen würde. Sowohl die Chorotis und Ashluslays wie auch die Tobas und Matacos skalpieren ihre getöteten Feinde. Der Skalp eines Tobapilage, den ich nach vielen Unterhandlungen von einem Ashluslay eingetauscht habe, ist hier abgebildet (Abb. 70). Diese Skalpe hängen bei schönem Wetter, an Lanzen angebunden, zu Ehren des Siegers vor den Hütten. Bei Trinkgelagen spielen sie eine große Rolle. Dorfschaften, die nicht so glücklich sind, daß einer der Ihren einen Skalp genommen hat, leihen einen solchen von einem Xachbardorf für ihre Feste.

Wenn die Indianer zum Kampfe ausziehen, stellen sie zuerst ein ordentliches Trinkgelage an, bemalen sich kohlschwarz und schmücken sich mit Federschmuck, Magenpanzer aus dickem Fell, Jacken und Mützen aus Jaguarhaut usw. Die Ashluslays führen richtige Kriegsspiele, riclitige Feldmanöver auf, wo man sich übt oder richtiger amüsiert. Diejenigen, die den Feind vorstellen, bekommen immer Prügel. Die Häuptlinge sind, wie schon gesagt, im Kriege Befehlshaber. Fine Disziplin ist nicht vorhanden. Die Waffen im Kampfe sind Pfeil und Bogen sowie Streitkolben. Durch Umwicklung des linken Handgelenks schützt man sich gegen die Bogensehnen (Taf. 4). Einige der Ash-luslavs, die beritten sind, wenden Lanzen an. Die Matacos benutzen bisweilen Brandpfeile, mit denen sie die Dörfer der Feinde in Brand setzen.

Der bitterste Feind der Ashluslays ist der Tobahäuptling Taycolique, der, wie ich vorher erzählt habe, seine Leute systematisch mit Feuerwaffen bewaffnet. Ich fragte einmal Dr. L. Trigo, der fünf Jahre lang Gouverneur im bolivianischen Chaco war und als solcher edel mit den Indianern zu tun gehabt hat, ob er unter ihnen eine bedeutende, leitende Persönlichkeit, einen „großen Mann“, angetroffen habe. Er antwortete, der einzige sei Taycolique.

Unter den Indianern geht das Gerücht, daß dieser Häuptling eine allgemeine indianische Empörung gegen die Weißen anzustiften versucht habe. Er hat mit dem Chiriguano-häuptling Mandepora und dem Chanehäuptling Vocapoy geheime Konferenzen gehabt. Dies geschah 1909 unter dem Einfluß des Gerüchts, daß zwischen Bolivia und Argentinien ein Krieg im Anzug sei. Ein Friede zwischen den Stämmen wird in der Weise geschlossen, daß an die Angehörigen der im Kampfe Gefallenen Schafe, Pferde und andere Gaben ausgeteilt werden. Beide Stämme, auch die Sieger, bezahlen einander Blutschuld. Der Friede wird somit eigentlich zwischen den Individuen und nicht zwischen den Stämmen geschlossen.

Haben alle Individuen der Stämme ihre gegenseitigen Streitigkeiten beglichen, so hört der Krieg auf. Mein Dolmetscher Manuel Flores, von dem ich vorher gesprochen habe, hat auf diese Weise 1908 die Blutschuldauszahlungen zwischen den Matacos und den Chorotis geordnet, worauf sie in Frieden, wenn auch in einem bewaffneten Frieden, lebten. Ihre gefangenen Kinder versuchten die Ashluslays mitten im Kriege von den Tobas gegen Pferde zurückzukaufen. Einige Mataco-Guisnays, die unter den Tobas lebten und eine eigentümliche neutrale Stellung zu beobachten schienen, dienten als Zwischenhändler. Verschienene der Kriege im Chaco sind sicher auch Ausrottungskriege, die nicht eher aufhören, als bis der eine Stamm unterjocht wird oder auswandert. Ein solcher Krieg ist sicher der zwischen den Tapicte- (Yanaygua) und den Tsirakuaindianern, über den ich am Schlüsse dieses Buches zu sprechen Gelegenheit haben werde.

Infolge der Kriege verändern sich die Verbreitungsgebiete der Stämme. Auf diese Weise läßt es sich erklären, daß Campos die Stämme 1883 an ganz anderen Stellen fand, als wo sie 1908 und 1909 wohnten. Wird der Krieg zwischen den Tobas und den Ashluslays fortgesetzt, so drängen die ersteren die letzteren wahrscheinlich ganz vom Flusse fort. Die Eroberung der bolivianischen Seite des Rio Pilcomayo ist auch für die Tobas außerordentlich wichtig, da die Argentinier sie immer mehr zur Unterwerfung zu zwingen suchen. Kämpfe um den Fluß und den Fischfang haben hier wohl zu allen Zeiten geherrscht. Die stärkeren Stämme haben sich der Nahrungsquelle Rio Pilcomayo bemächtigt und die schwächeren nach noch unerforschten Gegenden des nördlichen Chaco gedrängt, wo wir wahrscheinlich Reste von Stämmen finden können, deren Namen uns nicht einmal bekannt ist.

Text aus dem Buch: Indianerleben (1912), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianerleben – Einleitung
Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld
Indianerleben – Der Calilegua
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung)
Indianerleben – Das Indianerhaus
Indianerleben – Der Kampf ums Dasein
Indianerleben – Indianerkinder
Indianerleben – Männer und Frauen
Indianerleben – Trinkgelage
Indianerleben – Das Tabakrauchen
Indianerleben – Medizinmänner, religiöse Vorstellungen
Indianerleben – Vom Matacoindianer Na-yás erzählte Sagen
Indianerleben – Kunst und Industrie

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