Indianerleben – Nahrungszweige

Der Fischfang und die Jagd spielen für den Chane und Chiriguano keine bedeutende Rolle. Sie sind, wie ich schon vorher erwähnt habe, Ackerbauer, vor allem Maisbauer. Diese Indianer leben so ausschließlich von Mais, daß alle andere Nahrung für sie eine untergeordnete Rolle spielt. Eine Ausnahme machen die am Rio Parapiti wohnenden Indianer, die mehr süße Kartoffeln als Mais bauen, die in ihrem Land eine ausgezeichnete Ernte geben.

Folgende Pflanzen werden von den Chanes und Chiriguanos angebaut:

In den Pflanzungen dieser Indianer habe ich weder gewöhnliche Kartoffeln noch Bananen gesehen. Die süßen Kartoffeln sind, nach Batirayus Angaben, in später Zeit von den Weißen eingeführt. Der Tabakbau ist unbedeutend. Die Chanés und Chiriguanos sind keine großen Raucher. Sie rauchen meist Zigaretten in Maisblättern, selten Pfeife. Bei ihnen braucht man seine Pfeife nicht seinem Nachbar zum Weiterrauchen zu geben.

Es ist eigentümlich, wie verschieden bei den Indianerstämmen der Tabak verbrauch ist. Die Aymaras und Oui-chuas, die Koka kauen, rauchen sehr selten. Sie finden keinen Geschmack daran. Ebensowenig rauchten die Chacobos und Atsahuacas, zwei Stämme, die ich auf meinen Reisen kennen lernte. Als ich einem Chacobo eine Zigarette anbot, machte er nur ein paar Züge, behielt den Rauch einige Augenblicke im Munde und warf dann die Zigarette fort. Die Chacobos bauen indessen Tabak, wenden ihn aber ausschließlich als Heilmittel an. Ist einem Chacobo ein ,,boro“, eine Fliegenlarve, „Dermatomya“, unter die Haut gekommen, so bedeckt er die Eintrittsstelle der Fliegenlarve mit Tabakpulver und kann nach einigen Stunden die tote Larve lierausquetschen. Die Chorotis und Ashluslavs sind leidenschaftliche Raucher.

Bei ihnen ist das Rauchen einer der höchsten Lebensgenüsse. Diese Gegensätze sind ganz sonderbar. Die Chiriguanos und die Chanes haben ausgedehnte Anpflanzungen, die, im Gegensatz zu den Rodungen der Chorotis und Ashluslays in der Wildnis, gut gepflegt sind. Ehemals hat man Spaten aus hartem Holz mit schönen Stielen angewendet, diese sind aber jetzt außer Gebrauch gekommen und vollständig durch eiserne Spaten verdrängt worden. Die Felder liegen nicht selten weit von den Dörfern, wie z. B. im Caipipendital. Dies hängt damit zusammen, daß nicht überall das ganze Jahr Wasser in der Nähe der Pflanzungen vorhanden ist.

Die gewonnenen Früchte werden, wie schon erwähnt, in auf Pfählen gebauten Scheunen verwahrt, um sie wenigstens etwas vor Ratten, Feuchtigkeit usw. zu schützen. Diese Scheunen sieht man, außer bei den Chanes am Rio Pilcomayo, überall. Die Felder sind mit gestrüppförmig gebauten Zäunen eingezäunt, deren Übersteigung oft Schwierigkeiten macht. Eine Düngung der Felder kommt nicht vor. Dagegen läßt man einen ausgenutzten Acker brach liegen. Die Zeit des Säens wird nach der Stellung des Siebengestirns, „ychu“, bestimmt. Geht dieses sehr früh am Morgen über den Horizont, so ist Saatzeit. Wenn die Regenzeit beginnt, muß alles gesät sein. Die Männer roden und säen. Bei der Ernte helfen alle mit, Männer, Frauen und Kinder. Bei den Chanes im Itiyurotal säeten die Männer den Mais, d. h. sie besorgten die größeren Pflanzungen, während die Frauen Gärtner waren und Kürbisse, Bohnen usw. pflanzten.

Die Chanes und die Chiriguanos sind keine großen Jäger. Vielleicht hat man früher mehr gejagt. Ihre Jagdwaffen bestehen aus Pfeil und Bogen. Zur W ildscliweinjagd werden Keulen angewendet, zur Straußenjagd wurden früher die Boleadora, ,,ehurima“ benutzt. Schlingen und Vogelnetze kommen auch vor. Früher trugen die Jäger eine offenbar den Spaniern nachgeahmte, nach europäischem Schnitt zugeschnittene Tracht aus Leder. Diese durfte nicht im Hause hängen. Früher durfte auch bei den Chanes am Rio Parapiti kein Fleisch im Hause gekocht werden, sondern dies mußte ein Stückchen davon geschehen. Die Knaben sind natürlich eifrige Jäger kleiner Vögel. Sie benutzen manchmal, wie auch die Männer, Tonkugelbogen.

Man hat eigens für die Wildschweinjagd abgerichtete Jagdhunde. In einem Chanedorf am Rio Itiyuro sah ich, wie man allen Hunden ein rotes Kreuz auf den Kopf malte, damit sie nicht von einem in der Nähe grassierenden tollen Hunde gebissen würden. Es war wirklich spaßhaft zu sehen, wie diese heidnischen Chanes ihre Hunde mit dem Kreuzzeichen gegen die Tollwut schützten. Batirayu erzählte mir, die Chanémänner dürften, wenn sie auf die Jagd gingen, in der Nacht vorher nicht bei ihren Frauen schlafen.

Der Fischfang wird in den verschiedenen Flüssen ungleich betrieben. Im Rio Itiyuro fischen beinahe ausschließlich Frauen und Kinder. Dort gibt es auch nur kleine Fische. Ich sah dort drei Fischereimethoden. Angelfischerei, Fischfang mit Kalebasse und Fischerei durch Aufdämmen von Teichen. Die Angelhaken bestehen aus gebogenen Nadeln, die man von den Weißen bekommen hat. Flöße und Senkblei kommen nicht vor. Der Fischfang mit Kalebasse geschieht folgendermaßen. In den Boden des Flusses werden mehrere Laubbüschel gesteckt, die Schatten geben, und vor jeden von diesen wird eine Kalebasse (Abb. 90) mit saurem, gemahlenem Mais (Abfälle vom Bierbrauen) gestellt. Die Fische sammeln sich in den Kalebassen, die von den Frauen‘ von Zeit zu Zeit herausgenommen werden. Diese schleichen sich an die Kalebasse heran, legen schnell die Hand auf die Mündung, heben sie hoch und entleeren dann den Inhalt in Gruben am Flußufer.

Eine andere, in dem erwähnten Flusse oft angewendete Art des Fischens ist das Aufdämmen länglicher Teiche im Sande, in denen die Fische sich sammeln. Die Fische werden nach Entleerung des Wassers aus den Teichen gefangen. Zuweilen läßt man den Teich in einer mit einem Ketscher verschlossenen Rinne enden, aus der die Fische nicht heraus können. Aller Fischfang, den ich am Rio Itiyuro gesehen habe, geschah während der Trockenzeit an sonnenheißen Tagen. Im oberen Rio Pilcomayo fischen die Chiriguanos mit von den Weißen erhaltenen Angelhaken, mit den Tauchnetzen der Chorotis ähnlichen, obschon kleineren Netzen und durch Schießen der Fische mit Pfeil und Bogen. Die zum Fischfang angewendeten Pfeile haben zwei oder mehrere Spitzen.

Im Rio Parapiti sah ich Chanes und Chiriguanos mit einem Netz von dem hier abgebildeten Typ (Abb. 91) fischen. Beim Fischschießen wenden die dortigen Chiriguanos Pfeile mit vielen feinen Spitzen an. In diesen zuletzt genannten Flüssen fischen die Männer immer im tieferen Wasser mit Netz und mit Pfeil und Bogen, während die Frauen sich damit begnügen, kleine Fische in den Verdämmungen zu fangen, wenn der Fluß halbtrocken ist. Nicht so selten nehmen die Indianer lange Reisen vor, um zu fischen. So pflegen die Chanes zuweilen während der Trockenzeit die Sümpfe, ,,Madrejones“, in denen der Rio Parapiti sich verliert, zu besuchen.

Es ist merkwürdig, daß Völker, die so viel fischen, so wenige Fischereigeräte kennen. In meiner Schilderung der Chorotis und Ashluslays haben wir mit dieser Armut schon Bekanntschaft gemacht. Moberg und der Verfasser wollten einmal am Rio Pilco-mayo den Indianern etwas von unseren Erfahrungen im Fischfang zum besten geben und fabrizierten nun eine Reuse, über die wir nicht wenig stolz waren. Wir setzten sie in der vollen Überzeugung aus, daß sie am Morgen voller Fische sei. Holz und Abfälle aller Art war alles, was wir fingen, und ich kann nicht leugnen, daß die Indianer uns ein wenig auslachten. Der Grund der Armut dieser Indianer an Fischereigeräten ist nicht der Mangel an Ideen, sondern ein anderer. Es passen ganz einfach wenige Fischereimethoden für diese Gewässer. Ein Netz des Nachts aussetzen, geht nicht an, denn wenn ein Palometafisch in das Netz gerät, schneidet er dasselbe mit seinen messerscharfen Zähnen sofort entzwei. Angelfischerei treiben, wo cs solche Fische gibt, ist auch nicht verlockend, denn sie beißen die Angeln ebenso leicht, wie die Angelschnüre, ab, wenn sie nicht ans sehr gutem Material sind. In diesen tropischen Gewässern modern auch die Fischgeräte schneller, als bei uns, man darf sie also nicht eine ganze Nacht über im Wasser lassen.

Die Chiriguanos und Chanes haben keine Fahrzeuge. Sie sind dagegen außerordentliche Mater, und hier während der Regenzeit in den Flüssen waten, ist gerade keine Kleinigkeit. Hat man jedoch einen dieser Indianer als Beistand, so kommt man, wenn es überhaupt möglich ist, doch hinüber. Als eine Eigentümlichkeit kann ich erwähnen, daß ich während meiner ganzen Reise niemals einen eingeborenen Weißen oder Mestizen habe fischen sehen. In Bolivia ist es nicht fein, frische Fische zu essen. Am Rio Pilcomayo aßen die Offiziere der Militärposten beinahe niemals die leckeren, frischen, lachsähnlichen Fische aus dem Flusse, sondern zogen Büchscnlachs aus Alaska vor. Da dieser, wenn er nach Bolivia kommt, sehr alt ist, schmeckt er schrecklich. Die Angelfischerei ist auch die einzige Fischereimethode, welche die Indianer von den Weißen gelernt haben. Von Haustieren haben die Chiriguanos und Chanes nur die Hunde nicht von den Weißen bekommen. Diese Hunde scheinen mir jetzt stark mit fremdem Blut vermischt zu sein. Sie haben immer Namen, z. B. tirupotchi (altes Kleid), chapikáyu (gelbe Augenbrauen). In der Regel haben die Chiriguanos und Chanes weniger Pferde, Kühe, Esel, Schafe und Ziegen, als die Chorotis und Ashluslays. Hühner und Schweine haben sie dagegen mehr. Zuweilen sieht man Enten, Perlhühner und Truthähne. In gewissen Gegenden, wie z. B. im Caipipendital, wo die Indianer reich sind, haben sie gleichwohl viel Vieh. V as sic besitzen, suchen ihnen die Weißen leider auf alle Weise abzuschwindeln. So ist es nichts Ungewöhnliches, daß ein weißer Mann oder eine weiße Frau mit einigen Fäßchen Branntwein in ein Dorf kommt und dasselbe mit einem Paar der besten Kühe der Indianer verläßt. Die Weißen werden reicher, die Indianer ärmer. Die Menagerie gezähmter Waldticre, die man in den Dörfern der primitiveren Indianer sieht, findet man bei diesen Indianern nicht. Ein Papagei, der etwas Guarani spricht, ist jedoch in den Hütten nichts Ungewöhnliches.

Text aus dem Buch: Indianerleben (1912), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianerleben – Einleitung
Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld
Indianerleben – Der Calilegua
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung)
Indianerleben – Das Indianerhaus
Indianerleben – Der Kampf ums Dasein
Indianerleben – Indianerkinder
Indianerleben – Männer und Frauen
Indianerleben – Trinkgelage
Indianerleben – Das Tabakrauchen
Indianerleben – Medizinmänner, religiöse Vorstellungen
Indianerleben – Vom Matacoindianer Na-yás erzählte Sagen
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Krieg und Frieden
Indianerleben – Handel
Indianerleben – Besuch in fremden Dörfern
Indianerleben – Das Verhältnis zu den Weißen
Indianerleben – Das Land der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Der Indianer als Historiker
Indianerleben – Alltagsleben in den Chané- und Chiriguanohütten
Indianerleben – Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern

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  1. […] in den Chané- und Chiriguanohütten Indianerleben – Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern Indianerleben – Nahrungszweige Indianerleben – Zubereitung der Speisen Indianerleben – Spiele Indianerleben – Das Leben der […]

    10. Januar 2016
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    10. Januar 2016

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