Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld

Am 21. Februar 1908 verließ ich zusammen mit einem Schweden, W. Andersson, Schweden, um mit dem Dampfschiffe „Drottning Sofia“ nach Buenos Aires zu fahren. Auf der herrlichen Seereise konnten wir Kräfte für künftige Strapazen sammeln. Mit Salz- und Sonnenbädern härteten wir unsere Körper in dem Gedanken: Auf einer solchen Reise, wie dieser, ist die allerwichtigste Ausrüstung eine gute Gesundheit. Ist man munter und gesund, so arbeitet man gut, ist man infolge Krankheit niedergedrückt, dann geht alles schlecht. Während meiner ganzen Reise war ich auch nicht einen einzigen Tag ordentlich krank.

Auf dem Dampfer schloß ich mit einem jungen Landsmann, Carl Moberg, Bekanntschaft. Es war ein wilder Junge. Eines Tages kletterte er auf den Großmast der „Sofia“, setzte sich auf den runden Knopf der Spitze und genoß bei einer Zigarette die Aussicht. Da er den Eindruck eines kühnen und furchtlosen Menschen machte, stellte ich ihn bei der Expedition an. Und das habe ich nicht zu bereuen brauchen. Moberg erwies sich während der ganzen Reise als ein tüchtiger und zuverlässiger Kamerad. Ich habe ihn hier so schildern wollen, wie ich ihn zum ersten Male kennen gelernt habe, damit der Leser verstehe, daß er ein Mann war, der für die Indianer paßt.

Ich will hier nicht schildern, was so viele andere vorher beschrieben haben, sondern übergehe Buenos Aires und begebe mich von dort direkt nach der Zuckerfabrik Esperanza in Nordargentinien. Wo die Indianer an fangen, dort will ich auch meinen Reisebericht beginnen. Ich bitte nun den geneigten Leser, der besseren Orientierung wegen, diesen Platz auf der Karte aufzusuchen.

Nach den Zuckerfabriken in Nordargentinien kommen die Indianer von weit umher. Hier in den Fabriken treffen wir nicht die Wilden der Urwälder, sondern solche, die, von den Reichtümern des weißen Mannes angelockt, aus ihren Dörfern gekommen sind, um Arbeit und Verdienst zu suchen. In diesem Buche werden wir diese Menschen auch nicht hier, sondern weit hinten in den Urwäldern und Gebüschen ihrer Heimat kennen lernen.

Mit dem größten Wohlwollen wurde ich von den Brüdern Leach, den Besitzern der Fabrik Esperanza, aufgenommen. Sie haben ein echt englisches Heim mit bequemen Stühlen, Polo, Freundschaft ohne Ziererei und Zeremonien und Dienstbereitschaft ohne viele Worte.

In Esperanza hielt ich mich einen Monat auf, um meine Expedition auszurüsten. Während dieser Zeit hatte ich Gelegenheit zum Studium der Indianer, die, wie schon erwähnt, von weit her nach den Fabriken kommen, um Arbeit zu suchen. Außerdem machte ich eine Expedition nach dem nahebelegenen Berge Calilegua.

Unter den Indianern in Esperanza hatte ich das Glück, einen alten Freund von meiner Reise 1901 zu treffen, den Matacoindianer „Chetsin“. Dieser, der Dolmetscher seines Stammes, sprach ausgezeichnet spanisch. Beinahe jeden Tag pflegte ich ein Stündchen in seiner Hütte zu verweilen und mit ihm von allem möglichen zu sprechen. Zuweilen erzählte er mir einige Sagen seines Stammes.

Es war ein eigentümliches Gefühl, auf einem Holzblock in der Grashütte bei einem spärlichen Feuer zu sitzen und erzählen zu hören, wie die wilden Schweine dem Gürteltier den Mais stahlen und wie das Meerschweinchen dem Jaguar das Feuer stahl und es den Matacoindianern gab, und einige Augenblicke später in einem bequemen Stuhle in dem englisch komfortablen Leachschen Hause zu sitzen und über Politik, Flugschiffe und Sport zu sprechen. Die Gegensätze im Leben bereiten immer Vergnügen.

Über die Wanderung der Indianer nach den Zuckerfabriken möchte ich hier einige Worte sagen.

,,Bapurenda“ nennen die in Bolivia lebenden Indianer das Land Argentinien. Das bedeutet: dort gibt es Arbeit. Nach den Zuckerfabriken kommen jährlich tausende Indianer aus dem argentinischen Chaco und aus Bolivia, um Arbeit zu suchen. Man verwendet sie teils zum Roden und Graben, teils für die Ernte. Diese Wanderung nach Argentinien ist für die friedliche Eröffnung der in Südbolivia von Indianern bewohnten Wildnisse von der größten Bedeutung für die Weißen gewesen, und ist es auch heute noch. Nach ,,Bapurenda“ kommen die Indianer aus weiter Ferne. Man sieht dort die sauberen und aufgeweckten Chiriguano und Chane, die heimtückischen und zudringlichen Toba, die schmutzigen und unzuverlässigen Mataco, die stets heiteren und faulen Choroti. Einige Tapiete und Ashluslay sind auch dort gewesen, obschon die ersteren als Toba, die letzteren als Choroti und Mataco aufgetreten sind. Eigentümlicherweise sollen auch von solchen Teilen des südbolivianischen Chaco, wo noch nie ein Weißer gewesen ist, Indianer nach Argentinien gekommen sein. Unter ihnen ist der Chiriguanohäuptling Cayuhuari bemerkenswert. Dieser Häuptling wohnt seit 1890, wo er sich gegen die Weißen empört hatte, im Chaco.

Ein sehr großer Teil der Indianer nimmt die lange Reise nach Argentinien zu Fuß vor, da nur wenige Pferde haben. Einzelne haben bis zu ihrer Ankunft über 500 km zu wandern, und das ist ein ganz hübscher Spaziergang.

Der Grund der Wanderung dieser Indianer ist die große Schwierigkeit, alle die Herrlichkeiten des Weißen, wie Messer, Äxte und Kleider, in ihrem eigenen Lande zu erwerben. Wenn sie bei sich zu Hause Arbeit haben, ist sie in der Regel schlecht bezahlt, und innerhalb großer Gebiete ist überhaupt keine Arbeit zu bekommen.

Mehrere Indianer haben mir gesagt, sie würden, wenn sie zu Hause Arbeit fänden, diese Wanderung nicht vornehmen. Eins ist jedoch sicher, daß diese Reisen in ein fremdes Wunderland im höchsten Grade verlockend für sie sind. Ich war gerade in einem Ashluslaydorf, als die ersten dieses Stammes, die in den Fabriken gewesen sind, wieder nach Hause kamen. Sie wurden mit Ovationen empfangen. Das ganze Dorf war ihnen entgegengegangen, und unter dem Gesang der alten Frauen wurden sie zu ihren Hütten gebracht, wo sie von ihren Kindern und Frauen bewillkommnet wurden. Sie hatten so viel Merkwürdiges mitgebracht, alte Gewehre, alte Uniformen, Zucker, Streichhölzer, Pulver, Knallerbsen, betresste Käppis, Anelin u. a. Wie viel ist nicht zu erzählen, wenn man nach Hause kommt. Fs muß mindestens ebenso merkwürdig gewesen sein, als wenn ein Erdbewohner von einer Reise nach dem Monde nach Hause gekommen wäre. W ie wunderbar muß es den zu Hause Gebliebenen vorgekommen sein, von den Eisenbahnen, den Fabrikmaschinen, den elektrischen Bogenlampen, den großen Hütten und allem anderen Neuen zu hören. Auch sie werden zu der mühseligen, langen Wanderung verlockt, und immer weitere Gebiete eröffnen sich dem weißen Manne ohne Kampf, ohne Schwierigkeiten.

Infolge dieser Wanderungen nach Argentinien verbreiten sich eine große Masse Werkzeuge, Messer, Waffen u. a. über den ganzen Chaco, und die ursprüngliche Kultur der Indianer verändert sich vollständig. Viele von ihnen lernen auf diesen Reisen etwas Spanisch, denn den Indianern fällt diese Sprache leicht. Sie lernen sogar sehr bald, es grammatikalisch zu sprechen.

Nach den Zuckerfabriken kommen die Mataco und Choroti sowie teilweise auch die Toba mit Frauen, Kind und Kegel, Hunden und Hausgerät, Schmutz und Ungeziefer und bauen dort ihre Dörfer, ganz wie im Chaco. Die höherstehenden Chiriguano und Chane bringen nur wenig Frauen und niemals ihre kleinen Kinder mit, falls sie nicht für immer dort bleiben wollen. Die Chiriguano und Chane wohnen in Zelten oder in den den Fabrikbesitzern gehörigen Baracken.

In den Fabriken habe ich die Indianer, besonders die Mataco und Chiriguano, arbeiten sehen. Die ersteren werden als die Tüchtigsten beim Ernten des Zuckerrohres, die letzteren als die besten Gräber betrachtet. Die Mataco und verschiedene Chiriguano werden auf Akkord bezahlt. Die besten Chiriguano sind Tagelöhner und werden den weißen Arbeitern gleichgestellt. In der Regel verdienen die Chiriguano täglich 2 1/2 Peso die Matacomänner 40 Centavos und die Matacofrauen 20 Centavos außer der Kost. Die Arbeitszeit ist für die letzteren ungefähr acht, für die ersteren zehn Stunden.

Über den Fleiß der Indianer habe ich einige Notizen machen können. Die Chiriguano arbeiten in der Regel alle Tage außer den Montagen, wo sie den Sonntagsrausch ausschlafen. In San Lorenzo, unweit Esperanza, wo ich Gelegenheit hatte, etwas statistisches Material zu sammeln, arbeiteten die Matacomänner im Durchschnitt 12 1/2 und die Matacofrauen 11 1/2 Tage im Monat. Das beste Resultat hatte eine Matacofrau, die von 127 möglichen Tagen 125, und ein Matacomann, der 110 gearbeitet hatte. Die Häuptlinge und Dolmetscher arbeiten am wenigsten.

Bei der Bezahlung der Indianer hat man darauf zu sehen, daß sie nicht die ganze Löhnung während der Arbeitszeit ausbezahlt erhalten, sondern noch etwas zugute haben, wenn sie heimkehren, sonst halten sie sich für betrogen.

Stirbt ein Indianer, dem die Fabrik etwas schuldig ist, so verlangen die Mataco, Choroti und Toba nichts. Trifft dies bei den Chiriguano ein, so fordert der Häuptling die Bezahlung der Schuld durch ihn an die Hinterlassenen. Der Grund hierfür ist möglicherweise der, daß die Chiriguano infolge ihrer langen Beziehung mit den Weißen die Erbschaftsverhältnisse derselben besser kennen.

Leider wird für die Zivilisierung der nach den Zuckerfabriken kommenden Indianer nichts getan. Sie werden hier im allerhöchsten Grade demoralisiert. Die Männer verfallen der Trunksucht, d. h. sie lernen Branntwein trinken, im Verhältnis zu welchem alle einheimischen Getränke bedeutend unschuldiger sind. Infolge des Branntweins und der schlechten Beispiele seitens der weißen Arbeiter kommt eine große Anzahl Indianer durch Schlägereien in den Fabriken um. Die Indianerfrauen verkaufen sich den Weißen. Geschlechtskrankheiten herrschen unter den indianischen Arbeitern, die teilweise geradezu Bordelle besuchen, wo sie mit den weißen Frauen Bekanntschaft machen. Der Chiriguanohäuptling Maringay, der niemals in Argentinien war, und von dem ich später noch recht viel zu erzählen haben werde, fragte mich einmal:

„Sage mir, ist es wahr, daß es in Argentinien Läden gibt, wo man weiße Frauen, je nach Beschaffenheit, für 2, 3, 5 Pesos bekommt?“

Maringay fand sicher, daß die Weißen merkwürdige Läden hatten. Viele Chiriguanoindianer kommen mit ihren Familien nach den Zuckerfabriken und kehren niemals in ihre Heimat zurück. Das Leben dieser Indianer verläuft ebenso wie das der weißen Arbeiter. Sie leben in einer Art Konservenbüchsen-kultur und stellen so gut wie gar keine ihrer alten charakteristischen Sachen her. Lin wie trauriges Leben führen sie doch, viel schlechter als in ihren Dörfern in ihrem eigenen Lande. Anstatt der feinen, bemalten Tongefäße bilden leere Konservenbüchsen, Blechteller usw. ihr Hausgerät. Manchmal sieht man auch unter ihren Habseligkeiten ein europäisches Nachtgeschirr in dem sie das Essen verwahren.

Eine in den Fabriken in großer Ausdehnung betriebene Unsitte ist die, daß die Indianer Schießwaffen erhalten. Infolge dieser führen die Indianer, die dort gewesen sind, siegreiche Kämpfe mit denen, die nur Pfeile und Bogen besitzen. Diese Schießwaffen werden eines Tages manchem weißen Manne das Leben kosten, denn sicher werden die Indianer im Chaco noch manchen Aufruhr anstiften. Auf argentinischem Gebiete sorgt besonders der Tobahäuptling Taycolique systematisch für eine Bewaffnung seiner Leute mit Feuerwaffen. Er ist schon so weit gekommen, daß er die unmodernen Remingtongewehre kassiert und statt dessen Repetiergewehre eingeführt hat. Taycolique hat seinen Leuten das Schießen beigebracht. Eines Tages zog er mit einigen seiner Männer an einem Platze vorbei, wo einige Weiße Schießübungen abhielten. Taycolique forderte sie zu einem Wettschießen auf, und seine Tobaindianer gewannen den Preis.

Im großen ganzen wird meiner Ansicht nach das Indianererziehungsproblem am besten gelöst auf die Weise, daß man dem Indianer gutbezahlte Arbeit, wie sie sie in den Fabriken haben, gibt. Viel wäre außerdem zur Hebung der Indianer zu tun, sie müßten schreiben, lesen und rechnen lernen, und man müßte sie vor dem Branntwein und der Prostitution bewahren. In diesen Fabriken müßten industrielle Schulen errichtet werden, in welchen die Indianer ein Handwerk erlernten. Eine Arbeit, wie sie sie in gewissen Gegenden haben, mit durchaus unbefriedigender Bezahlung, erzieht sie nicht zu fleißigen und arbeitstüchtigen Menschen, sondern bewirkt eher das Gegenteil. Erhalten sie eine ordentliche Entschädigung und sehen sie, daß es ihnen durch Arbeit gut ergeht, daß sie leichter ihren Magen füllen, Pferde, Werkzeug und Kleider anschaffen können, dann arbeiten sie gern, und die Arbeit tut ihnen gut und erzieht sie.

Text aus dem Buch: Indianerleben (1912), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianerleben – Einleitung

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