Indianerleben – Tapietesagen

Wie die Papageien den Tapietes Mais verschaffen.

Es war einmal eine Frau, die hatte „huirakuio“ gegessen. Es wird erzählt, daß sie zwei kleine Klöße aufgespart hatte. Am nächsten Tage, als sie essen wollte und hinging, um sie zu holen, hatten sie sich in kleine Papageien verwandelt. Nach zwei Tagen hatten diese Flügel. Nach fünf Tagen konnten sie fliegen und waren gegangen, um Nahrung zu suchen. Sie hatten Mais gefunden und vier Körner geholt, die sie ihrer Frau gaben. Sie sagten, sie solle dieselben säen. Am folgenden Tage waren sie wieder gegangen, um von diesem Mais zu fressen und waren mit schmutzigem Schnabel zurückgekehrt. Am folgenden Tage hatten sie von dem Mais gegessen, den die Alte gesäet hatte. Sie kamen und sagten zu ihrer Frau, sie solle den Mais holen. Sie waren mit vier Maiskolben zurückgekehrt und hatten jedem von der Familie einen gegeben. Darauf waren sie einen Augenblick ausgegangen und wieder hineingekommen. Es war dort viel Mais, ein ganzer Haufe.

Seitdem haben die Tapictes Mais.

Wie die Tapietes das Schaf bekamen.

Es war einmal eine alte Tapietefrau, die hatte zwei ganz kleine junge Hunde. Alle hatte sie gegessen. Sie hatte nichts. Sie hatte einen Poncho aus Gras. Es wird erzählt, Tunpa sei zur Alten gekommen und habe gesagt: „Ich will deine jungen Hunde mitnehmen, und ich komme zurück.“ Nach drei Tagen kam er mit den Hunden, die trächtig waren, zurück. Er sagte zur Frau, sie solle zehn Stöcke in eine Reihe stellen und die Hunde anbinden. In der Nacht verwandelten sich diese in zehn Schafe, die an die Stöcke gebunden waren. Tunpa sagte, sie solle Ponchos machen, und die Alte machte eine Spindel. Es wird auch erzählt, daß Tunpa gegangen sei, um für die Frau Gesellschaft zu suchen. Er kam mit einem Mädchen und einem Knaben. Als diese groß waren, verheirateten sie sich. Die Frau gebar einen Knaben und danach ein Mädchen. Diese verheirateten sich wieder und bekamen Kinder, die sich wieder miteinander verheirateten. Von diesen stammen alle Tapietes.

Der Raub des Feuers.

Der schwarze Geier hatte Feuer, das er durch den Blitz vom Himmel (ära) bekommen hatte. Die Tapietes hatten kein Feuer. Ein kleiner Vogel, ,,cáca“, stahl ihnen Feuer, es erlosch aber. Sie hatten kein Feuer, um das Fleisch des Wildschweines, des Rehbocks und anderer Tiere zu braten. Sie froren sehr. Der Frosch empfand Mitleid mit ihnen. Er ging zu dem Feuer des schwarzen Geiers und setzte sich dorthin. Als der schwarze Geier sich gerade wärmte, nahm der Frosch zwei Funken und verbarg sie im Munde. Darauf hüpfte er davon und machte dann den Tapietes ein Feuer an. Seit dieser Zeit haben die Tapietes Feuer. Das Feuer des schwarzen Geiers erlosch. Der Frosch hatte alles gestohlen. Die Hände über den Kopf setzte ich der schwarze Geier hin und weinte. Alle Vögel sammelten sich nun, um zu verhindern, daß jemand dem schwarzen Geier Feuer gab.

Das Entstehen der Zahnschmerzen.

Die Alten hatten Zähne aus Silber. Wenn sie aßen, verschluckten sie Knochen, Fleisch und alles. Sie gaben ihren Hunden nichts zu fressen. Dies machte, daß Tunpa Mitleid mit den Hunden empfand. Er gab deshalb den Menschen Samen von Zapallo (Kürbis). Sie aßen Kürbisse und ihre Zähne verwandelten sich in Knochen. Von dieser Zeit an bekamen die Hunde Essen und die Menschen Zahnschmerzen. Diese Sagen von den Tapietes sind Kulturmythen. Wir erfahren hier, wie diese Indianer das Feuer, ihre zwei wichtigsten Kulturpflanzen, den Mais und den Kürbis, sowie ihr nunmehr unentbehrliches Haustier, das Schaf, erhalten haben. Die letztere Sage ist natürlich ganz modern, da die Tapietes die Schafe erst durch die Weißen erhalten haben. Es erscheint mir nicht unmöglich, daß mehrere der Kulturmythen viel moderner sein können, als man im allgemeinen glaubt. Denken wir uns z. B., daß ein Stamm keinen Mais gehabt hat, weil sie Mißernte gehabt hatten und vielleicht aus Hunger gezwungen gewesen waren, aufzuessen, was sie zur nächsten Saat aufbewahrt hatten. Sie müssen da versuchen, neue Saat zu bekommen und werden vielleicht gezwungen, sie einem anderen feindlichen Stamm zu stehlen. Dieses wahrscheinlich gefährliche Abenteuer gibt Veranlassung zu einer Kulturmythe, in welcher, wie immer in der Phantasie der Indianer, die Tiere eine große Rolle spielen.

Die Taubstummen der Tapietes.

Wenn ein Indianer erzählt, so verdeutlicht er die Rede mit Händen und Füßen. Maße und fast immer Zahlen werden durch Zeichen ausgedrückt. Soll er z. B. acht sagen, so tut er dies, indem er acht Finger zeigt. Er hat keine Worte, die Maße bezeichnen, er mißt das Maß mit der Hand oder mit dem Arm. Erzählt er von Tieren, so schildert er die Bewegungen des Tieres äußerst lebhaft durch Gebärden. Er ahmt sie mit der scharfen Beobachtungsgabe des Naturmenschen nach.

Oftmals ist es mir, wenn ich keinen Dolmetscher hatte, mit wenigen Worten und zahlreichen Zeichen, gelungen, mit meinen Freunden, den Indianern, eine recht lebhafte Unterhaltung zu führen. Unter den Indianern gibt es jedoch, wie bei uns, Personen, die, da sie taub geboren sind, sich nur durch Zeichen verständigen können. Vollständig Taubstumme habe ich bei zwei Stämmen, den Tapietes am Rio Pilcomayo und den Yuracäre am Rio Chimore, kennen gelernt. Unter den zivilisierten Indianern habe ich ebenfalls einige Taubstumme getroffen. Bei den Tapietes lernte ich einen taubstummen Greis kennen, der intelligent war und gut behandelt wurde. Alle verstanden die Zeichensprache, die er sprach. Unter den Yuracäres sah ich drei taubstumme Frauen, eine Mutter mit ihren beiden Töchtern. Bei dem letzteren Stamme sollen mehrere Taubstumme Vorkommen. Sämtliche Tapietes konnten mit dem Tauben sprechen. Die für Mitteilungen an ihn angewendete Zeichensprache, benutzen Such diejenigen, die normales Spreclivermögen haben, unter sich, wenn sie sich in der Entfernung stillschweigend etwas mitteilen wollen. Im Vergleich zu den der ärmeren Klasse angehörenden taubstummen Weißen in Ostbolivia scheinen mir ihre indianischen Unglücksbrüder entwickelter und, infolge des Interesses und der Freundlichkeit, die ihnen von der Umgebung gezeigt wurde, glücklicher.

Bei den Tapietes (Yanaygua) am Rio Parapiti war ein Knabe, der vom Rio Pilcomayo war. Ich fragte ihn, ob er Yare kenne, er tat aber, als kenne er ihn nicht. Da machte ich ihm Zeichen, wie ich sie von dem Taubstummen im Dorfe Yares gelernt hatte. Der Junge begann zu lachen und wurde ganz mitteilsam. Das mußte ein komischer Weißer sein, der die Zeichensprache wie ein Tapiete konnte. Die meisten Zeichen der Taubstummen sind rein beschreibend. Einige sind gleichwohl konventionell und von Außenstehenden schwer zu verstehen. Die Lehrer des Taubstummen sind seine Umgebung, seine Mutter, sein Vater, seine Spielkameraden.

Hier unten sind einige von mir bei den Tapietes gesammelte Taubstummenzeichen wiedergegeben. Pferd — man streicht sich mit der rechten Hand, dem Daumen und dem Zeigefinger von der Oberlippe über die Mundwinkel und macht den Mund auf (Abb. 135 A). Katze — man zieht sich am Schnurrbart (die Tapietes haben in der Regel einen kleinen Schnurrbart), d. h. den Schnurrhaaren, und macht eine krallenförmige Bewegung mit der Hand in Katzenhöhe über dem Fußboden. Jaguar — man streckt beide Hände krallenförmig nach vorn und zieht sie geschwind zurück (Abb. 135 B). Puma — man macht wie im Vorhergegangenen und streicht sich außerdem mit der rechten flachen Hand hin und her über den Mund. Fisch — die rechte Hand macht eine den schwimmenden Fisch imitierende Bewegung (Abb. 135 C).

Feuer — man führt den Zeigefinger an den Mund und bläst (Abb. 135 D). Sonne — man macht dieselbe Bewegung wie bei Feuer und zeigt nach oben. Mond — man macht eine schmatzende Bewegung mit dem Mund und zeigt nach dem Himmelsgewölbe. Stern — man macht mit Daumen und Zeigefinger ein Loch (Abb. 135 E) und zeigt kreuz und quer am Himmelsgewölbe. Wasser — man streicht sich mit der flachen Hand über das Gesicht und macht eine trinkende Bewegung. Gut, schön — man streicht die rechte flache Hand über die linke flache Hand (Abb. 133 F). Schlecht — man schlägt mit der rechten Faust auf die linke flache Hand (Abb. 135 G). Die Bewegung wird in gleicher Höhe mit dem Gesicht gemacht. Kalebaßschale — man bildet mit den Händen eine Kale-baßschale. Tragtasche — die Hände werden über den Kopf erhoben und über die Seiten des Kopfes gestrichen (Abb. 133 H). Krug — man bildet mit der Hand eine Krugmündung über dem Boden (Krughöhe) und macht dann eine trinkende Bewegung. Poncho — man streicht sich mit beiden Händen über die Schultern am Körper herunter. Weg — man streckt die Arme und Hände gerade aus und führt sie parallel aufwärts. Weit — man streckt den Arm aus und knipst schnell mit Daumen und Zeigefinger (Abb. 136 I). Nahe — man zeigt mit dem Zeigefinger nach vorn und unten. Er ist gegangen — man streckt den Zeigefinger aufwärts und führt den Arm weg und nach oben (Abb. 136 J). Komm her — man hält die Hand ganz offen und führt den gekrümmten Arm zu sich hin (Abb. 136 K). Fischnetz — man bildet mit beiden Armen das ovale Netz (Abb. 137 L). Mais — man macht dieselbe Bewegung, als ob man den Mais abgriest (Abb. 137 M). Auge — man zeigt auf das Auge. Auf dieselbe Weise werden alle anderen Körperteile ausgedrückt. Freund — man klopft sich auf die Brust und zeigt auf den Freund hin.Mataco — man schlägt mit dem rechten Zeigefinger in die linke flache Hand (Abb. 137 N). Die Ursache, warum die Matacos auf diese Weise bezeichnet werden, ist die, daß die Tongefäßtrommel für sie so außerordentlich charakteristisch ist. Der Zeigefinger ist der Trommelstock und die Hand die Trommel. Choroti — man zeigt auf die Ohrläppchen. In diesen tragen die Chorotis, wie erwähnt, Holzklötze. Weißer Mann — man formt mit den Händen einen Hut und einen Bart. Tanzen — man führt die Arme kreuzweise vor den unteren Teil des Magens. Tod — man wendet die flache Hand schnell nach oben. Frau — man zeigt auf die Brust, alle Finger auf die Brust stellend (Abb. 137 O). Missionar — man macht mit der Hand eine Tonsur auf dem Kopf. Mutter — man klopft sich auf die Brust und macht dabei dieselbe Bewegung, als wenn man eine Frau bezeichnet. Caraguatá — man dreht die eine Hand über die andere (Abb. 137 P). Algarrobo — man legt die Hand auf den Mund und saugt (Abb. 137 R). Messer — man führt die Hände vorwärts (Abb. 137 S) und sticht nach dem Gürtel. Tunpa (großer Geist) — man hält die Arme in die Seiten und zittert. Hübsches Mädchen — man macht das Zeichen für Frau und für hübsch. Seele, Geist (ana) — man öffnet den Mund und macht eine speiende Bewegung nach vorn.

Wenn ich die Ouichuaindianer auf dem Calileguaberge, bei denen wir einen flüchtigen Besuch abgelegt haben, ausnehme, haben wir in diesem Buche zwei Indianerkulturen kennen gelernt, eine ursprünglichere bei den Chorotis und Ashluslays, eine entwickeltere bei den Chiriguanos und Chanes. Zu den ersteren gehören auch die Matacos und Tobas, welche hier nur flüchtig erwähnt sind. Wo diese beiden Indianerkulturen sich treffen, haben wir eine Mischung beider, ein Kontaktvolk. So müssen wir, meiner Ansicht nach, die Tapietes auffassen. Sie sind diejenigen von den Chacostämmen, die den Chiriguanos am nächsten gewohnt und deshalb den meisten Einfluß von ihnen erfahren haben.

Bevor ich mein Buch abschließe, will ich auch über das wenige, das ich von den Tsirakuaindianern weiß, die wir als Gefangene der Tapietes kennen gelernt haben, berichten. Es ist ein Blick in das große Unbekannte, in den nördlichen Chaco, wo noch ein großer, weißer Fleck auf der Karte Südamerikas ist.

Text aus dem Buch: Indianerleben (1912), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianerleben – Einleitung
Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld
Indianerleben – Der Calilegua
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung)
Indianerleben – Das Indianerhaus
Indianerleben – Der Kampf ums Dasein
Indianerleben – Indianerkinder
Indianerleben – Männer und Frauen
Indianerleben – Trinkgelage
Indianerleben – Das Tabakrauchen
Indianerleben – Medizinmänner, religiöse Vorstellungen
Indianerleben – Vom Matacoindianer Na-yás erzählte Sagen
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Krieg und Frieden
Indianerleben – Handel
Indianerleben – Besuch in fremden Dörfern
Indianerleben – Das Verhältnis zu den Weißen
Indianerleben – Das Land der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Der Indianer als Historiker
Indianerleben – Alltagsleben in den Chané- und Chiriguanohütten
Indianerleben – Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern
Indianerleben – Nahrungszweige
Indianerleben – Zubereitung der Speisen
Indianerleben – Spiele
Indianerleben – Das Leben der Indianerkinder
Indianerleben – Alltagskleidung
Indianerleben – Reinlichkeit
Indianerleben – Vom Mutterleib bis zum Grabe
Indianerleben – Häßliche Worte, Homosexualität, Selbstmord, Schamgefühl u. a.
Indianerleben – Häuptlinge und Gesetze
Indianerleben – Trinkgelage bei den Chanés und Chiriguanos
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Sage und Religion
Sage und Religion – 1. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers
Sage und Religion – 2. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers
Sage und Religion – Geister- und Tiersagen
Indianerleben – Die katholischen Missionen unter den Chiriguanos
Indianerleben – Die Furcht vor den Gummigegenden.
Indianerleben – Frondienste für die Weißen
Indianerleben – Die Tapieteindianer
Indianerleben – Kultur und Sprache der Tapieteindianer

One Comment

Comments are closed.