Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo

Als ich frühzeitig im Jahre 1902 vom Rio Pilcomayo heimkehrte, glaubte ich kaum, daß ich jemals wieder dorthin kommen würde. Die widrigen täglichen Staubstürme machten den Aufenthalt unerträglich. Anfang Juni 1908 ritt ich gleichwohl wieder durch den großen Wald zwischen Yacuiba und Crevaux nach dem Rio Pilcomayo. Man vergißt so leicht die Schwierigkeiten einer Reise. Nach einiger Zeit gedenkt man ausschließlich der angenehmen Stunden. Nach einer Höflichkeitsvisite bei den Matacoindianern ging ich bei Crevaux über den Rio Pilcomayo und reiste durch ein von den Toba bewohntes Gebiet zu den Chorotiindianern, die etwa 50 km unterhalb Crevaux viele Dörfer besitzen. Hier verweilte ich vor allem in dem Dörfchen des Chorotihäupt-lings ,,Waldhuhn“. Dort amüsierte ich mich prächtig; beinahe nackt, nur in Federschmuck und Brille gekleidet, tanzte ich des Nachts mit den Indianern und Indianerinnen an den weißschimmernden Sandufern des Rio Pilcomayo. Fühlten wir uns vom Tanze erhitzt, so tummelten wir uns in dem brausenden Wasser des Flusses. Wir jagten, sangen, spielten, fischten, wir rauchten abwechselnd aus derselben Pfeife und langweilten uns niemals. Einige Besuche machte ich 60 70 km weiter unterhalb des Flusses bei den Ashluslayindianern, die, durch meine Vorräte von Messern, Nadeln, Tabak und prächtigen Tüchern angelockt, mich einluden, sie im Herzen ihres Landes zu besuchen.

Erst ein Jahr später, im Oktober 1909, als meine Wege mich wieder von Yacuiba nach dem Rio Pilcomayo führten, konnte ich ihre Einladung annehmen. Es erscheint mir als das Geeignetste, diese beiden Reisen nach dem Rio Pilcomayo im Zusammenhang zu schildern.

Mit fünf Mann verließ ich am 27. Oktober 1909 den bolivianischen Militärposten bei Guachalla, 100 Kilometer von Crevaux, und folgte dem nordöstlichen Ufer des Rio Pilcomajo. Ein Mestize, Flores, begleitete mich als Dolmetscher. Er sprach ausgezeichnet Choroti und verstand auch etwas Ashluslay. Jahrelang hatte er unter den Indianern gelebt und hatte dort auch eine größere Anzahl Frauen. Von den Weißen am Rio Pilcomayo ist wohl keiner so imstande gewesen, das Indianerleben kennen zu lernen, wie dieser Mann. Er kennt ihre Sitten und Gebräuche, er weiß, wie man sich bei einem Indianerfest zu benehmen hat, er kann ihre Lieder singen, er tanzt wie ein Indianer. Viele Chorotifrauen haben sich dem Weißen hingegeben. Flores ist der einzige Weiße, der mit einer solchen Frau ein Kind hat, und die Chorotiindianer betrachten ihn auch vollständig als zur Familie gehörig. Er ist ihr Freund und Ratgeber und hat manches Mal die Unterhandlungen zwischen Indianern und Kolonisten geleitet. Einen vortrefflicheren Dolmetscher konnte ich kaum erhalten.

Unser erstes Nachtlager nach Guachalla hatten wir in einem Ashluslaydorf. Als ich in das Dorf ritt, waren alle Indianer betrunken. Unter Jubelrufen führten sie meinen Maulesel zum Festplatz. ,,Elle is.“ ,,Der kleine Papagei ist gut“, riefen die Indianer. ,,Ashluslay is! is! is! Toba häes! liäes!“ ,.Ashluslay sind gut, Toba schlecht!“ johlte ,,der kleine Papagei“, indem er Tabakblätter um sich streute. Man hob mich vom Maulesel, umarmte mich und berauschte mich mit Algarrobobier. Es war wild, aber interessant. In dieser Nacht schlief ich vor meinem Bett, während drei Indianer, in meine Decken eingehüllt, schnarchten. Wir kamen gut überein, aber der Kommunismus ist anstrengend.

Trotz Freude, Freundschaft, Rausch und Geschenken konnte der Dolmetscher die Indianer nicht dazu bringen, uns auf ihren Wegen, die direkt nach dem nördlichen Chaco gehen, in das Herz ihres Landes zu führen. Alle Versprechungen waren vergessen. Dort gibt es keine Menschen, dort gibt es kein Wasser auf drei Tagemärschen, sagte einer, auf zwei, sagte ein anderer, gar keins, sagte ein dritter. Daß Wassermangel herrschte, war möglicherweise wahr, denn wir befanden uns am Ende der Trockenzeit. Ich beschloß deshalb, zu warten, und erst nach den ersten Regentagen, die bald kommen mußten, einen Versuch zu machen, in das unbekannte Land nördlich vom Pilcomayo einzudringen.

Wir gingen deshalb längs des Rio Pilcomayo weiter und folgten immer dem nördlichen, d. h. dem bolivianischen Ufer, wo ich mich leicht orientieren konnte. Zuerst kamen wir durch das Land der Mataco-Guisnays. Man hatte mir erzählt, daß einer dieser auf der argentinischen Seite des Flusses wohnenden Indianer den Skalp eines Ashluslayindianers besitze. Der Dolmetscher und Moberg wurden, mit allerlei Tauschwaren beladen, vorausgesandt. Ich ging nicht selbst mit, weil ich wußte, daß ich, wo es sich um einen so interessanten ethnographischen Gegenstand handelte, nicht gleichgültig und uninteressiert genug auf treten könne. Als sie in das Dorf kamen, war dort ein großes Fest, und die Matacos waren betrunken und johlten. Mitten im Dorfe hing auf einer spiralförmig abgerindeten Stange der mit roten Taschentüchern und anderen Schmuckgegenständen behängte Skalp. Moberg und der Dolmetscher taten, als sähen sie nichts. Dem ersteren wurde Algarrobobier angeboten, dem letzteren zuerst nichts, weil er für einen Chorotifreund, also Matacofeind, gehalten wurde. Nachdem sie eine Weile gesessen und geplaudert hatten, tat der Dolmetscher, als wenn er erst jetzt zufällig den Skalp gesehen hätte und fragte: ,,Was ist das dort für ein Waschlappen?“ Der Besitzer begann nun seine Taten zu rühmen, und der Skalp wurde heruntergenommen und besichtigt. Sie erzählten ihm, daß seine Heldentaten nun weit und breit unter den weißen Männern bekannt werden würden, was ihm natürlich schmeichelte. Nach vielem Hin und Her tauschten sie denselben ein. Erst sollten jedoeh die alten Frauen singen und mit ihnen tanzen.

Wie Friederich naehgewiesen hat, ist das Gebiet in Südamerika, aus dem Skalpe bekannt sind, kein sehr bedeutendes. Außer dem Chaco ist es nur ein kleines Gebiet in Guyana. Kopfjäger sind dagegen ein großer Teil der Indianer Südamerikas. Dies war der erste Skalp aus Südamerika, der in eine Sammlung gekommen ist.

Nachdem wir mehrere große Matacodörfer, ein Ashluslaydorf und einen bolivianischen Militärposten passiert hatten, kamen wir nach einem großen, unbebauten, infolge Streifzüge der Toba-Pilagaindianer unsicheren Gebiet. Diese Tobas zeichnen sich unter anderem dadurch aus, daß sie gleich den Chorotis und Ashlulays große Holzklötze in den durchbohrten Ohrläppchen tragen. Was man auf einem Marsche durch ein von feindlich gesinnten Indianern bewohntes Gebiet am meisten zu fürchten hat, ist, daß einem während der Nacht die Reittiere gestohlen werden. Ungefähr 250 km unterhalb Guaehalla kamen wir nach dem äußersten, erst einige Monate vor Antritt meines Ausflugs angelegten Militärposten der bolivianischen Regierung.

Dicht bei und einige Meilen von dem Militärposten lagen große, von Ashlulayindianern bewohnte Dörfer. Wir besuchten den Häuptling Tone in seinem Dorfe. Dieses hat, wenn alle Indianer versammelt sind, etwa 1000 Einwohner. Mitten auf dem großen, offenen Platze des Dorfes schlugen wir unser Lager auf und machten es uns richtig gemütlich. Wir waren zu einer Zeit gekommen, wo die Algarrobofnicht reif war, und Algarrobobier wurde auf dem Fest platz in großen Quantitäten getrunken. Interessant war es, das indianische Leben zu sehen, das zu studieren ich hier reichlich Gelegenheit hatte und späterhin schildern werde. Mehrmals bin ich bei von den Weißen unabhängig lebenden Indianern gewesen, aber niemals bei einem so großen und mächtigen Stamme.

Die Ashluslayindianer lagen im Krieg mit den Tobas, und der Krieg verlief sehr ungünstig für sie. Auf alle Weise suchten sie mich zu verlocken, für sie Partei zu ergreifen und mit meinen Feuerwaffen eine gute Hilfstruppe zu bilden. Sie spiegelten mir in beredten Worten vor, wie wir die Männer skalpieren, Frauen und Kinder zu Gefangenen machen und eine Menge Pferde stehlen wollten. Das letzte war ihrer Ansicht nach die beste Lockspeise für den weißen Mann. Ich versprach ihnen, falls sie während unseres Aufenthaltes überfallen würden, bei der Verteidigung ihrer Dörfer behilflich zu sein, auf einen Angriff wollte ich mich aber nicht einlassen. Immer eifriger pochten sie auf eine Allianz, wozu sie von dem Dolmetscher hinter meinem Rücken ermuntert wurden. Zuletzt blieb mir nichts anderes übrig, als entweder den Indianern auf ihrem Anfallskriege zu folgen oder mich davonzumachen. Einen Augenblick war ich zweifelhaft. Ich wußte, daß ich, falls ich die Ashluslays zum Siege führte.

Herr dieses Landes sei, fürchtete aber doch die Konsequenzen. Es handelte sich hier darum, sich an die Spitze eines Einfalls in argentinisches Gebiet zu stellen, und es wäre schön gewesen, wenn das bekannt geworden wäre. Aus weiter Ferne kamen mehrere Häuptlinge, unter anderem der alte Mayen-ten, ein stattlicher Mann, von einigen seiner besten Krieger umgeben, um mich zu überreden.

Ich begab mich zu dem bolivianischen Militärposten und suchte den Kommandanten zu einem Eingreifen zu bewegen. Vergebens versuchte ich ihm zu erklären, daß er, wenn er nicht den Ashluslays gegen die Tobas helfe, eines schönen Tages, oder richtiger Nachts, mit allen seinen Soldaten niedergemetzelt werden würde, daß er aber, wenn er ihnen beistehe, sich und seinem Lande den inneren, noch unerforschten Teil des nördlichen Chaco eröffne. Er dürfe nicht vergessen, daß es bis zum nächsten Orte, wo Weiße seien, 150 km sei, und daß die Anzahl derer, die ihm helfen könnten, nur gering sei. Er trug jedoch Bedenken, einen in einem fremden Lande wohnenden Stamm anzugreifen, obschon dieser Stamm unaufhörlich Raubzüge auf bolivianischem Gebiet vornahm. Ich beschloß deshalb zurückzukehren.

Nach langen Unterhandlungen und sicherlich vielen Lügen gelang es meinem Dolmetscher, die Indianer zu bewegen, uns einen Wegweiser zu geben, der uns auf unbekannten Pfaden durch das Innere des nördlichen Chaco führen sollte.

Die Gegend um das Dorf Tones besteht aus offenen Ebenen, Sümpfen und parkähnlichen Wäldern aus Algarrobo. Dieselbe wird stark von Jaguaren heimgesucht, die sogar die Reittiere verfolgen. Mehrere Pferde und Maulesel der Soldaten waren zerrissen, trotzdem der Militärposten, wie erwähnt, nur einige Monate alt war.

Wenige Meilen oberhalb des Dorfes Tones bildet der Pilco-mayo einen Wasserfall. Das ist der merkwürdigste Fall, den ich je in meinem Leben gesehen habe. Nicht ein Felsblock, nicht der geringste Stein hindert das Wasser, sondern es braust zwischen harten Tonbänken dahin. Nicht weit unterhalb dieses Falles löst sich der Rio Pilcomayo in gewaltige Sümpfe, die sog. „Esteros del Padre Patino“ auf, wo unerhörte Schilfmassen das Weiterkommen jedes Fahrzeugs verhindern. Infolge dieser Sümpfe ist der Fluß, der sonst für den Verkehr so wichtig sein könnte, unfahrbar. Im Rio Pilcomayo gibt es unerhörte Massen Fische, und Tausende Indianer entnehmen dem Flusse einen großen Teil des Jahres ihre wichtigste Nahrung. In den Sümpfen finden sich eigentümliche Lungenfische „Lepidosiren“.

Der Rio Pilcomayo ist ein merkwürdiger Fluß. Wenn er die Berge verläßt, führt er Steine und Kies mit sich, nach dem Inneren des Chaco bringt er aber nur Schlamm. Während der Trockenzeit trägt der Wind diesen Schlamm weit umher, und die Tage, wo die Staubmassen über den Chaco wehen, sind höchst unangenehme. Der Rio Pilcomayo hat, nachdem er die Berge verlassen hat, bis ins Herz des Chaco hinein keinen einzigen Nebenfluß. Er hat oft seinen Lauf verändert und sich neue Wege gebrochen. Entfernt man sich etwas vom Flusse, so trifft man mit Wasser angefüllte Reste alter Flußbetten, Muschelbänke und große, verräterische Erdhöhlen an. Am oberen Pilcomayo verlieren die Kolonisten in diesen Höhlen, die bis zu io m tief und zuweilen mit einer dünnen, zerbrechlichen Decke bekleidet sind, jährlich viele Tiere. Diese Höhlen dürften in der Weise gebildet sein, daß die gewaltigen Massen Hölzer, die der Fluß mit sich geführt und aufgehäuft hat, von den Schlammassen bedeckt werden und dann, wenn der Fluß sich einen neuen Lauf gesucht hat, vermodern. In den Trockenzeiten wüten in den Wäldern und Gebüschen des Chaco gewaltige Feuersbrünste. In der Regel zünden die Indianer das Gras und die Büsche an, um die leckeren Erdratten, die zu den Delikatessen ihrer Speisekarte gehören, besser finden zu können. In einer Choroti-sage ist von diesen Erdhöhlen und Waldbränden die Rede.

Vor langer Zeit wurde alles von einem großen Feuer verheert, das alle Chorotis, außer zwei, einem Mann und einer Frau, die sich in eine Erdhöhle retteten, tötete. Als alles vorüber und das Feuer gelöscht war, gruben sie sich heraus. Sie hatten kein Feuer. Der schwarze Geier hatte einen Feuerbrand nach seinem Xest gebracht, dieses war in Brand geraten, das Feuer hatte sich längs des Baumes verbreitet und kohlte noch unter dem Stumpfe. Der Geier schenkte nun dem Choroti von diesem Feuer, und seitdem haben diese Feuer. Von diesem Manne und dieser Frau stammen alle Chorotis her.

Die Wälder des Chaco sind reich an wilden, eßbaren Früchten. Es gibt ganze Wälder von Algarrobo2) und Tusca, ganze Sträucher von Chanar. Die Schlingpflanze, welche die Tuscafrucht trägt, ist sehr gemein. In wasserarmen Gegenden erhalten die Indianer Wasser aus einer Wurzel, die von Weißen und Chiriguanos Sipoy genannt wird.

Das Tierleben ist nicht sehr reich. Von größerem Wild sieht man meistens Rehböcke und Strauße. Der Jaguar ist, wie erwähnt, häufiger. Den Spuren nach zu urteilen, sind Tapire und Wildschweine nicht ungewöhnlich. Füchse sieht man ebenfalls zahlreich. Die Gürteltiere sind gemein. Der aus dem Chaco bekannte windhundähnliche Hund5) ist selten. Das Vogelleben ist besonders im Walde arm. Die Flußufer und Sümpfe sind von einigen Storch- und Entenarten belebt. Eidechsen, auch die großen Iguanoeidechsen, huschen an warmen Sonnentagen überall umher. Meilenweise sind die Ebenen mit den für die Reiter so lästigen Löchern der Erdratten übersät.

Die wilden Tiere im Chaco sind für den mit Feuerwaffen Bewaffneten nicht sehr gefährlich. Der Jaguar ist der Sehrek-ken der Indianer. Kurz bevor ich einmal nach einem Matacolager kam, hatte ein Jaguar einen Indianer von einem Feuer, an dem er mit einigen zwanzig Kameraden lag und schlief, fortgeschleppt und getötet. Giftige Schlangen, auch Klapperschlangen, kommen vor, man sieht sie aber selten. In den Seen darf man nicht baden, und auch in den Flüssen kann dies gefährlich sein. Am Rio Pilcomavo gibt es kaum einen Indianer, der nicht zahlreiche Narben von Palometafischen hat. Mit ihren messerscharfen Zähnen schneiden sie aus dem Körper desjenigen, der so unvorsichtig ist, da zu baden, wo sie sind, große Fleischstücke heraus. Einmal wollte Moberg über den Pilcomayo schwimmen. Es war gegen Ende der Trockenzeit, und das Wasser strömte in einer schmalen, tiefen Rinne dahin. Ganz mit Blut bedeckt stieg er aus dem Flusse. Kleine Siluroidfische hatten ihn in Massen überfallen und ihm mit ihren scharfen, lanzettförmigen Flossen zahlreiche tiefe Wunden zugefügt. Um sich vor dem Biß der Palometafische zu schützen, wenden die Ashlus-lay, wenn sie in Sümpfen waten, aus Caraguatäschnüren dicht geknüpfte Strümpfe an.

Schön ist es im Chaco nicht. Der Wald entzückt nicht das Auge durch üppiges Grün, die Palmenwälder und Schilfbüsche ermüden durch ihre Einförmigkeit, die Seen sind klein und gering an Zahl. Der Rio Pilcomayo hat hier keine Nebenflüsse. Keine Anhöhe, kein Berg, von wo man eine Aussicht über das Land hat. Im Innern des Chaco gibt es keinen Stein, ja kaum ein Kieselkörnchen. Überall besteht der Boden aus Staub und Schlamm.

Die Regenzeit beginnt im November oder Dezember und endet im April oder Mai. Macht man eine Reise in diese Gegenden und will nur dem Pilcomayo folgen, so ist die Trockenzeit die beste Reisezeit. Zur Vornahme von Ausflügen in den wasserarmen nördlichen Chaco soll man den Anfang der Regenzeit wählen.

Der Chaco ist gesund. Während meines Aufenthaltes am Rio Pilcomayo waren weder ich noch meine Begleiter krank, und die weißen Kolonisten scheinen sich alle einer guten Gesundheit zu erfreuen. Möglicherweise sind die schrecklichen Staubstürme für Schwachbrüstige auf die Dauer ungesund.

Wir nahmen nun von unseren Freunden im Dorfe Tones Abschied und versprachen ihnen, wiederzukommen. Wer weiß, wann dies geschehen wird? Vielleicht tanze ich noch einmal mit im Reigen auf dem großen Platz, vielleicht erheitert mich noch einmal das Algarrobobier, vielleicht johle ich noch einmal auf den Festen dieser meiner Afihluslay-freunde. Am besten wäre es vielleicht, wenn ich nicht zurückkehre. Warte ich noch einige Zeit, so hat sich wahrscheinlich auch hier viel verändert und verschlechtert und der Besuch bereitet nur eine große Enttäuschung.

Wir verließen mit unserm Wegweiser den Pilcomayo und begaben uns nach dem nördlichen Chaco. Ich hatte erwartet, wenig bebaute Gegenden zu finden, sah aber bald meinen Irrtum ein. Gebahnte Wege führten nach allen Richtungen. Der Wegweiser übergab uns schon nach zwei Tagen, wir hatten aber das Glück, andere Reisegesellschaft zu finden. Zwei Ashluslayindianer, denen die Tobas ihre Frauen geraubt und die Kinder gefangen fortgeführt hatten, waren auf dem Wege zu den Mataco-Guisnay, um mit ihnen als Zwischenhändlern betreffs der Auslösung ihrer Kinder aus der Gefangenschaft zu verhandeln. Wir reisten gemeinsam.

Als vir nach den Dörfern kamen, wurden wir mit Tränen und Wehgeschrei empfangen. Auf diese Weise zeigten die Weiber unsern neuen Freunden ihre Teilnahme an deren Kummer.1) Überall wurden wir gut aufgenommen und durften in den stürmischen, regnerischen Nächten den spärlichen Raum in den Hütten teilen und uns an den Lagerfeuern erwärmen. Zuweilen wurden wir auch zu den einfachen und unappetitlichen Mahlzeiten eingeladen. Alles ging gut und wir waren auf diesen unbekannten, niedrigen Indianerpfaden, wo man sich in der Regel dicht an den Hals des Reittieres drücken muß, um nicht von den Zweigen gestreift zu werden, einen Grad nach dem Chaco zu geritten. Man hatte mir gesagt, die Gegenden seien aus Mangel an Wasser unbebaut. Dies war keineswegs richtig, obschon es zuweilen weit zwischen den Tränken war. ln der Regel ist das gefundene Wasser braun und stinkend.

Alles ging, wie gesagt, gut, bis wir zu einem Häuptling namens Chilán kamen. Als wir durch den dichten Wald, der nach einem Dorfe führte, ritten, raschelte es überall in den Büschen. Chilän hatte seine Krieger auspostiert, um uns, falls wir schlechte Absichten hätten, einen warmen Empfang zu bereiten. Ruhig ritten wir durch den gefährlichen Wald gerade in das Dorf Chiläns. Mit bösen Blicken und unter einigen weniger freundlichen Worten an unsere Reisekameraden empfing uns der Alte. Als Freundschaftsgabe überreichte ich ihm ein Messer, worauf er halb zögernd den Streitkolben, den er in der Hand hatte, weglegte.

Chilán muß unseren Wegweisern bestimmte Weisungen gegeben haben, denn nach dem Besuch bei ihm begannen diese uns in der Richtung nach dem Rio Pilcomayo zu führen und nicht, wie wir gewünscht und sie uns infolge unseres Versprechens von Geschenken gelobt hatten, nach Norden. Da wir die Tränken nicht kannten, fanden wir uns nicht ohne ihre Hilfe zurecht. Wir waren schon nahe an dem Flusse, als wir eines Abends in ein Ashluslaylager kamen. Müde, wie ich war, legte ich mich gleich schlafen. Moberg fand es eigentümlich, daß beinahe nur Männer im Lager waren, ließ aber seinen Verdacht nicht verlauten und kroch ruhig unter das Moskitonetz. Ungefähr gegen zwei Uhr erwachte der Dolmetscher durch ein Signal, das jemand im Walde gab. Einer der Männer im Lager erhob sich leise, ging fort und kam nach einiger Zeit mit einer Schar bewaffneter Leute wieder. Der Dolmetscher lauschte und hörte, wie die Neuangekommenen fragten, warum die Ashluslav uns nicht töteten. In diesem Falle bekämen sie die Karabiner und könnten die Tobas mit Erfolg bekämpfen. Wären wir getötet, würden die Weißen niemals erfahren, was im Innern ihres Landes sei. Sie sagten auch, sie wünschten den Skalj) des blonden Mannes, d. h. Mobergs, für ihre Feste. Meine Wegweiser wollten sich indessen an dem I berfall nicht beteiligen. Diese Weißen sind unsere Freunde, sagten sie.

Der Dolmetscher, der meine beiden anderen Begleiter, zwei bolivianische Soldaten, geweckt hatte, redete nun die Neuangekommenen an. Diese machten sich nun eilig davon. Vergebens bat er sie, bis zum Morgen zu bleiben. An der Sprache hatte er jedoch gehört, daß es Matacoindianer waren. Diese von der Zivilisation halbverdorbenen Indianer wollten also einen Mord begehen, an dem „die Wilden“ sich nicht beteiligen wollten.

Vielleicht haben wir es Onásh, so heißt der Mann, der gegen den Überfall sprach, zu verdanken, daß wir nicht das Schicksal Crevaux’, Ibaretas und Boggianis teilten.

Am folgenden Tage waren wir wieder im Lande der Mataco-Guisnay. Wir hatten keinen Bissen zu essen und der Regen goß in Strömen. Wir waren also hungrig und froren. Zelte hatten wir schon lange nicht mehr mit, da wir sie zum Schutz unserer Sammlungen hatten zurücklassen müssen. W’ir ritten in ein Dorf und wurden höchst unfreundlich empfangen. Wir bekamen nicht das geringste, und man weigerte sich bestimmt, uns während der Nacht in den Hütten Schutz gegen den Regen zu gewähren. Obschon sich in der Gegend, in der wir jetzt waren, keine Weißen befanden, suchen alle diese Matacoindianer bei den Weißen Arbeit und kennen den „Segen“ der Zivilisation.

Als wir dann des Nachts hungrig und frierend an einem Feuer saßen, das infolge des Gußregens nicht kräftig brennen konnte, dachten und sagten wir böse Sachen über den Ein-fliiß der Weißen auf die Wilden des Urwaldes und verglichen die Ungastlichkeit der Matacos mit der Freundlichkeit, die wir tief in den Wäldern bei den Indianern genossen hatten, die nie vorher von Weißen besucht worden sind.

Nach zwei Tagen waren wir wieder bei einem bolivianischen Militärposten. Ich war der einzige, der beritten ankam. Die Pferde der anderen waren ermüdet oder unterwegs gestürzt.

Die Indianer, besonders die Ashluslays und Chorotis, die ich auf diesen Streifzügen im Chaco kennen gelernt habe, will ich hier in den folgenden Kapiteln zu schildern suchen. Da ihre Kultur ziemlich gleichartig ist, glaube ich, sie zusammen behandeln zu können.

Nicht viele Verfasser haben bisher die Sitten und Gebräuche der Chorotis und Ashluslays geschildert. Beiträge zur Kenntnis der letzteren sind von Herrmannx) geliefert worden, der sie, gleich den Tobas, Sotegaraik nennt. Eric-von Rosen hat ausgezeichnete Photographien von den letzteren veröffentlicht.

Der vortreffliche deutsch – argentinische Anthropologe R. Lehmann-Nitsche3) hat auf den Zuckerfabriken von Esperanza wichtige Studien über die physische Anthropologie der Chorotis und anderer Chacostämme gemacht. Er hat den richtigen Platz für derartige Forschungen gewählt. Die Fabrik liegt, wie erwähnt, an der Eisenbahn, man kann also allerlei Instrumente mit der größten Leichtigkeit dorthin schaffen. An Ort und Stelle befinden sich ausgezeichnete Dunkelkammern zur Entwicklung der Platten usw. Die sich für die physische Anthropologie der Chacostämme Interessierenden verweise ich auf die Arbeit dieses Verfassers.

Da die den Chacostämmen angehörenden Guaycuru-, Mataco- und Maskoi-Gruppen in vielen Beziehungen eine den Choroti und Ashluslay ähnliche Kultur haben, so ist die Literatur, die hier des Vergleichs wegen von Interesse ist, eine sehr große.

In dieser Arbeit ist indessen nicht der richtige Platz zu solchen vergleichenden Forschungen. Hier will ich vor allem ein Bild des Lebens unter den Indianern geben, wie ich es aufgefaßt habe, und überlasse solche Forschungen Sonderaufsätzen in Fachzeitschriften.

Der einzige ältere Verfasser, der die Chorotis erwähnt, ist Pedro Lozano. Er nennt jedoch nur den Namen. Sehr möglich ist es ja, daß sowohl die Chorotis wie die Ashluslays den älteren Verfassern bekannt waren, aber unter anderen Namen als die, die wir kennen.

Die Ashluslays nennen sich selbst so. Die Chorotis nennen sie Aslili, die Matacos Sówua oder Sówuash, die Tapietes sagen Etehua, die Tobas Sotegaraik. Die Weißen sagen in der Regel Tapiete und verwechseln sie mit einem hier unten näher geschilderten Stamm. Die Chorotis nennen sich selbst Yoshuahä, welcher Name natürlich angewendet werden sollte. Sie kennen jedoch jetzt alle ihren Chiriguana-Namen Choroti, den die Weißen in Chorote verspanischt haben. Die Matacos nennen die Chorotis Mánuk oder Má-niuk.

Sprachlich gehören die Ashluslays und Chorotis mehr zusammen mit den Matacos. Ich bringe hier einen kurzen Auszug aus dem bei ihnen gesammelten Wörterverzeichnis, damit der Leser etwas von ihrer Sprache sieht.





Text aus dem Buch: Indianerleben (1912), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianerleben – Einleitung
Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld
Indianerleben – Der Calilegua