Indianerleben – Vom Mutterleib bis zum Grabe

Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer

Streng arbeiten die Chané- und Chiriguanofrauen auch während der Schwangerschaft, bis sie gebären sollen. Im Dorfe Yocapoys war eine schwangere Frau, der ich eine von mir geschossene Taube schenkte. Vocapoy erklärte mir da ganz erregt, eine schwangere Frau dürfe keine Tauben essen. Kommt ein Chané- oder Chiriguanokind zur Welt, verursacht es seiner Mutter sicherlich nicht viel Schmerzen. Diese Frauen sind gesund und gebären leicht, wie alle Indianerfrauen, die eine gesunde Lebensweise führen und niemals eng anliegende Kleider getragen haben. Sie liegen auch nicht im Wochenbett, das muß statt dessen der Papa des Kleinen. Auch hier treffen wir diesen eigentümlichen Brauch, die ,,Couvade“, die von so vielen Indianerstämmen her bekannt ist. Mehrere Tage soll der Mann liegen und Diät halten. Bei den Chanés am Rio Parapiti darf er die ersten Tage nur gekochten Mais und Maissuppe, später auch süße Kartoffeln essen. Mehrere Tage lang darf er kein Fleisch essen. Ißt er z. B. das Fleisch einer Ziege, so stirbt er, meckernd wie diese. Der Chiriguanoindianer Taco erzählte mir, er habe seinen dicken Magen deswegen bekommen, weil er diesen wichtigen Brauch nicht innegehalten habe. ,,Fünf Tage hätte ich liegen und Diät halten sollen“, sagte er.

Die Sitte der Couvade hat, wie bekannt, in Südamerika eine sehr große Ausdehnung. Bei den Stämmen, die ich kennen gelernt habe, kommt sie sicher, außer bei den Chiriguanos und Chanés, bei den Chorotis, Gúarayús und Chacobos vor. K. v. d. Steinen, der diesen Brauch ausführlich vom Rio Xingu schildert, sagt, er sei wahrscheinlich für alle brasilianischen Stämme bekannt. Dagegen scheint der Brauch der Couvade von den Quichuas und Aymaras, d. h. von der Gebirgskultur in Bolivia und Peru, unbekannt zu sein. Dies ist einer der vielen Gegensätze, die zwischen den Indianern des Gebirges und des Urwaldes bestehen.

Die Gúarayúindianer in Nordost-Bolivia sagten mir, wenn ein Mann gleich nach der Entbindung seiner Frau auf die Jagd geht und z. B. einen Papagei schießt, so kann er sein Kind töten. In den ersten Tagen des Lebens folgt nämlich die Seele des Kindes dem Vater.

Sehr selten werden bei den Chanés und Chiriguanos außereheliche Kinder geboren. Ich glaube, vielleicht irre ich mich, daß die Frauen dieser Indianer keusch sind, bevor sie heiraten. Am Rio Itiyuro befand sich unter etwa 500 Chanés nur ein von einer unverheirateten Frau geborenes Kind. Mißgestaltete Kinder werden sehr selten geboren. So gibt es, nach dem, was ich gesehen und Batirayu angegeben, im ganzen Parapitital unter 1500—2000 Chanes keinen Blindgeborenen, keinen Schielenden, keinen Idioten und nur einen mit mißgestalteten Extremitäten und vier Taubstumme. Stark stammelnde Indianer habe ich nicht beobachtet.

Ich weiß nicht, ob die mißgestalteten Kinder auch bei diesen Indianern gleich getötet werden, aber wahrscheinlich ist dies der Fall. Ich weiß auch nicht, ob Abtreibung der Leibesfrucht vorkommt. Sicher ist aber, daß diese gesunden Frauen selten Kinder gebären, die nicht wohlgestaltet sind. Im Parapitital fand sich gleichwohl, wie erwähnt, ein Knabe mit mißgestalteten Extremitäten. Das eine Hüftbein war zu kurz und der eine Arm auch verkrüppelt. Dieser Knabe wurde von allen mit außerordentlichem Wohlwollen behandelt, und man drückte laut seinen Beifall aus, als ich ihm einige kleine Geschenke gab.

Wenn das Kind zu gehen anfängt, erhält es einen Namen. Diesen gibt nicht der Vater oder die Mutter, sondern seine Großeltern. Bei den Chanés am Rio Parapiti habe ich einige Namen aufgezeichnet. Ist es ein Knabe, so wird er z. B. yateurembi (Lippe der Zecke), huásucaca (Guanaco), tátu-nambi (Gürteltierohr), yánducúpe (Straußrücken), vacainyáca (Kuhkopf), aguárachivi (Fuchsharn), deresa paravete (deine armen Augen) genannt ; ist es ein Mädchen, z. B. árasaypoti (Guayavablüte). Ein großer Teil der Namen ist unübersetzbar. Zu diesem Namen kommt nicht selten ein Spottname. So wurde z. B. der Chanéhäuptling Boyra (Boy-Schlange) yúruhuasu genannt, was Großmaul bedeutet. Der alte Boyra war auch ein Schwätzer, der für alles, was ein wenig unanständig war, eine große Schwäche hatte.

Ungewöhnlich lange stillen die Mütter, und es dauert in der Regel mehrere Jahre, bis sie wieder ein Kind bekommen. Vielleicht vertreibt sie auch ein wenig, wie die Chorotifrau, die Leibesfrucht, damit die Familie nicht allzu sehr belästigt wird. In der Missionsstation in Ivu suchte ich über die Anzahl überlebender Kinder in 127 Chiriguanoehen eine Statistik aufzustellen und fand da, daß in 10 Ehen kein, in 27 ein, in 35 zwei, in 29 drei, in 13 vier, in 9 fünf und in 4 sechs Kinder waren. Diese Zahlen sind jedoch ganz unsicher. Sie zeigen jedoch, daß man hier, wie bei vielen anderen Indianerstämmen, eine Art Zweikindersystem hat.

Corrado behauptet mit Bestimmtheit, daß unter den Chiriguanos Kindermord vorkommt. Das tut man in verzweifelten Fällen auch bei uns, das von Corrado angeführte Beispiel hat daher nichts zu bedeuten. Die Frage ist: kommt Kindermord und Abtreibung der Leibesfrucht als eine vom Stamme angenommene Institution, wie bei den Chorotis, vor?

Die Chané- und Chiriguanokinder werden auch, wie erwähnt, in Freiheit erzogen. Unter Spielen verleben sie die Kinderjahre. Allmählich beginnt das Kind den Eltern bei Kleinigkeiten, z. B. beim Wasser- und Holztragen, Fesseln der Haustiere, Fischen usw. zu helfen. Die Mädchen lernen von den Müttern das Spinnen, Weben, Anfertigen von Tongefäßen, Brauen des Maisbiers usw. Sie lernen alles durch Imitation. Die Knaben verfolgen die kleinen Vögel um das Dorf und lernen auf diese Weise den Waffengebrauch. Die Kinder begleiten die Eltern zum Fischen und Ackern. Der Knabe begleitet den Vater auf die Jagd und fühlt sich ordentlich stolz und tüchtig, wenn er mit der „gemeinsamen“ Jagdbeute nach Hause gehen darf. Die Kinder sehen und lernen. Es macht ihnen Spaß, Vater und Mutter zu helfen.

Wie verschieden ist nicht die Kindererziehung in den Missionen, die auf Spionage und Angeberei basiert ist. Mutterlose Kinder werden von den Verwandten aufgenommen. Nicht selten sieht man auch hier ältere Tanten die Kinder anderer liebkosen. Wenn das Mädchen ihre erste Menstruation bekommt, wird sie in einen Verschlag in der Hütte, eine Art Schrank, gesetzt. Ihr Haar wird kurz geschnitten, und sie darf erst wieder heraus, wenn es halblang gewachsen ist. In Begleitung der Mutter darf sie ausgehen und das Notwendigste tun, z. B. baden usw. Zwischen der ersten und zweiten Menstruation muß sie Diät halten. Sie darf gekochten Mais und Mehl essen. Diese Sitte nennen die Chanes „yimundia“.

In einem Chanedorf, Aguaräti, sah ich ein Mädchen, das in einem solchen Schrank saß. Sie spann. Ich guckte in den Schrank, was wohl unrecht von mir war, denn am nächsten Tage waren Mädchen und Schrank verschwunden. P. Chome erwähnt schon diesen Brauch von den Chiri-guanos. Er sagt, die Indianer glauben, eine Schlange habe das Mädchen gestochen. Wenn das Mädchen aus dieser Gefangenschaft kommt, ist sie heiratsfähig.

Wenn der Chanéknabe etwa 1o—12 Jahr alt ist, wird seine Unterlippe von einem hierin besonders erfahrenen Mann durchbohrt. In das Loch wird ein Stückchen Holz gesteckt. Der Knabe muß einen Tag liegen. Sein Großvater kommt und reißt tiefe Wunden in seinen Körper, damit er mutig im Kampf und ein tüchtigei Jäger werde. Des Morgens, wenn es noch richtig kalt ist, führt er ihn baden, damit er ein richtiger Mann werde. Einen Tag lang darf der Vater nichts verzehren, damit der Knabe nicht geschwätzig wird. Dies zeigt, daß die Indianer keine Schwätzer lieben. Wenn der Knabe älter wird, erhält er statt des kleinen Hölzchens ein größeres, und ist er ein Mann geworden, so kann er mit einem großen Knopf, „Tembeta“, in der Unterlippe herumstolzieren (Abb. 79). Diese soll aus Holz sein, in welches Türkisen- und Chrysocolstücke eingesetzt sind. Bei den Chanés und den meisten Chiriguanos haben jetzt nur die Alten die Tembeta. Beim Chiriguanohäuptling Maringay, der noch alte Sitten ehrt, wird allen Knaben die Unterlippe durchbohrt. Maringay gehört zu den Alten, die verächtlich sagen: Der ,,ava“, der Mann, der keine Tembeta trägt, sieht wie eine ,,cuna“ (Frau) aus. Männern das Schimpfwort Frau zurufen, heißt auf Chiriguanoweise beschimpfen. Diese, die ,,ava“ sind, sagen von den Chanes, die kleine Tembetas haben, „cunireta“ (Weiber).

Jetzt werden die meisten Tembetas von den Weißen in den Gebirgsgegenden aus Zinn und Glasstücken angefertigt. Unter denen, die solche gemacht haben, ist der Italiener Pablo Piotti. Seine Werke sind sogar in europäische Museen gekommen, ohne jemals in einem Indianerkinn gesessen zu haben. Früher hatten die Chiriguanos auch Tembetas aus durchsichtigem Harz. Will der Chane- oder Chiriguanoknabe heiraten, so schickt er den Eltern des Mädchens allerlei Jagdbeute. Vocapoy erzählte mir, daß er vor ihre Häuser Holz legt. Wird das Holz angewendet, so bedeutet es Einwilligung, findet er das Holz unberührt, so ist er abgewiesen. Hat er mit dem Holz Glück gehabt, so hält er bei der Mutter des Mädchens um sie an. Diese antwortet dann, sie könne nicht wissen, ob er ein guter Mann wird, der seiner Frau Essen schaffen kann. Um dies zu zeigen, muß er bei der künftigen Schwiegermutter ungefähr ein Jahr lang dienen. Die Ehe ist somit hier eine Art Kauf.

Auf dieselbe Weise, wie die Chané- und Chiriguanomänner heutigentags werben, taten sie es vor zweihundert Jahren. In der Nacht vor der Hochzeit schläft der junge Mann bei seinem Mädchen. Die Hochzeit wird mit einem Trinkgelage ohne andere Zeremonien als vieles Maisbiertrinken gefeiert. Die Jungverheirateten erhalten Glückwünsche. In der Regel wohnen die Jungen noch einige Zeit in dem Hause der Schwiegermutter. Die Ehen scheinen mir in der Regel glücklich zu sein. In dem Dorfe des Chanéhäuptlings Vocapoy hatte ich Gelegenheit, mehrere Jungverheiratete Paare zu sehen. Das Glück des Honigmonats erschien mir imgeheuchelt, und die jungen Frauen arbeiteten strebsam für ihre Männer. Bei den Indianern, wie bei anderen Völkern, gibt es indessen Frauen ungleichen Charakters. Es gab solche, die den ganzen Tag für ihr Heim arbeiteten, und solche, die nur dazu da zu sein schienen, um sich zu amüsieren.

Geschwisterehen sind verboten, Cousins und Cousinen dürfen sich dagegen heiraten (wenigstens bei den Chanés). Dies ist dagegen, wie erwähnt, weder bei den Chorotis noch bei den Matacos gestattet. Unter den Chanés und Chiriguanos gibt es solche, die mehrere Frauen haben. Dies gilt jedoch nicht für die Jungen, sondern für die Alteren, besonders für die Häuptlinge. Vocapoy hatte vier Frauen, die in verschiedenen Dörfern wohnten. Taco soll sieben haben, Maringay hat zwei, die zusammen wohnen. Der alte Mandepora (Abb. 111) soll auch eine größere Anzahl haben. Diese älteren hohen Herrn lassen oft ihre Frauen sitzen und schaffen sich neue, junge und hübsche an. Außer in diesen Fällen scheint der Altersunterschied zwischen den Gatten in der Regel nicht mehr, als ein paar Jahre zu betragen.

Spricht man mit den Missionaren über die sittlichen Verhältnisse unter den Indianern, besonders unter den Chiri-guanos, so malen sie dieselben in schwarzen Farben. Der sittliche Wandel der christlichen Indianer ist, fürchte ich, auch recht schlecht, aber in den Tälern, wo der weiße Mann die Indianer nicht verdorben hat, habe ich niemals eine allgemeine Liebe, wie bei den Chorotis, Vorkommen sehen. Typisch für alte Sitten ist Maringays Dorf, und dort herrscht eine so strenge Sittlichkeit, wie ich sie nirgends sonst gesehen habe. In diesen rein heidnischen Dörfern kam es niemals vor, daß den Mitgliedern der Expedition ein Mädchen angeboten wurde, was dagegen in den Missionsstationen vorkam. Folgendes Urteil gibt der Jesuit Pater Ignace Chome in einem Briefe von 1735, von einer Zeit, da sie von der Zivilisation der Weißen noch vollständig unberührt waren, ab, ein Urteil, das ich hier wortgetreu wiedergeben will:

Die Ehen der Chiriguanos schildert dieser Jesuitenpater indessen als sehr locker. Mit der Ehe beginnt für diese Indianer das Leben im Ernst. Es besteht aus Arbeit und Maisbier trinken. Die Arbeit habe ich schon ein wenig beschrieben, ihre Trinkgelage. werde ich weiterhin schildern.

Das Leben der Indianer und der Indianerin schwindet schneller als das der Weißen. Das Alter eines Indianers ist, wenn man keine bestimmte Zahl hat, an die man sich halten kann, sehr schwer bestimmbar. Maringay erzählte mir, er sei der Älteste seines Stammes, es lebe kein Altersgenosse von ihm mehr. Die Weißen sagten, Maringay sei über 100 Jahr alt. Dies ist jedoch übertrieben. Als jungverheirateter, 16—20jähriger Jüngling, besuchte Maringay den Präsidenten Belzu in Sucre. Dieser regierte zwischen 1848—1855, der hundertjährige Maringay ist also offenbar nicht älter, als ungefähr 80 Jahre. Ein 80jähriger Indianer ist also der Alteste seines Stammes. Bei den Indianern sieht man beinahe immer, daß derjenige, der erwachsene Enkelkinder hat, sehr gebrechlich und greisenhaft ist und am Rande des Grabes steht. Die Indianer und Indianerinnen entwickeln sich schnell, altern aber auch schnell. Mit 50 Jahren ist der Indianer ein Greis, mit 70 ein sog. Hundertjähriger. Im Thurn meint ebenfalls, daß die Indianer nicht alt werden.

Er glaubt, daß sie selten ein höheres Alter als 40—50 Jahre erreichen.

Maringays Haare waren leicht ergraut. Es gibt beinahe weißgelbhaarige Indianer und Indianerinnen, aber sie sind selten (Abb. 112). Einen kahlköpfigen Indianer habe ich niemals gesehen. Wenn sie älter sind, ist das Gesicht stark gefurcht. Nicht selten werden sie im Alter blind, aber weniger oft taub. Bei den Chorotis und Ashluslays ist der Anblick der Alten oft abschreckend, sie sind schmutzig, abgemergelt und triefäugig. Dies ist bei den Chanés und Chiriguanos nicht der Fall. Diese Indianer verstehen es, in Schönheit zu altern, und auch die Alten halten sich rein und fein.

Erkrankt der Chané- oder Chiriguanoindianer schwer, so läßt man, wie bei anderen Indianern, den Medizinmann kommen. Die Chiriguanos und Chanes unterscheiden zwischen zwei Arten von Medizinmännern, die sie ,,ipáye“ oder „ipáyepótchi“ nennen. Die ersteren sind gut und heben die Verhexungen, die letzteren können die Verhexung heben und verhexen.

Im Scherz fragte ich einmal einen Chiriguano, ob Vater Bernardino in Ivu ein ,,ipáye“ oder ein ,,ipáyepótchi“ sei. Artig antwortete der Indianer, ein ,,ipáye“. Die Stellung des Missionars unter den Indianern ist die des Medizinmannes, er übernimmt ihre Macht und ihren Einfluß. Im vorhergehenden habe ich erzählt, daß die Weißen in der Gegend von Ivu einen indianischen Medizinmann zum Vertreiben der Pocken kommen ließen. Es kommt auch vor, daß sie glauben, von den Indianern verhext zu sein. Ein Kolonist, Gutierrez, hatte einen Indianer durchgepeitscht. Dieser verhexte ihn so, daß er krank wurde. Es klang in seinem Magen wie das Quaken eines Frosches. Durch Räuchern suchen die Medizinmänner den Verhexer ausfindig zu machen. Wie es dabei zugeht, habe ich nicht gesehen. Der Verhexer wird, wenn er oder sie entdeckt wird, getötet.

Hier unten werde ich über die Verbindung der Medizinmänner mit den großen Geistern sprechen. Im Auftreten und in der Methode der Medizinmänner scheint bei den Chorotis und Ashluslays und bei den Chanes und Chiriguanos kein Unterschied zu herrschen. Es ist dasselbe Aussaugen fremder, durch Verhexen in den Körper gelangter Gegenstände. Bei den letzteren sind die Medizinmänner geheimnisvoller, als bei den ersteren. Vielleicht hat die Berührung mit den Weißen bewirkt, daß sie selbst an ihrer Kunst zu zweifeln beginnen.

Ein Unterschied herrscht indessen in den gewöhnlichen Heilmitteln. Die erstgenannten Indianerstämme entnehmen ihre Heilmittel in der Regel dem Pflanzenreich. Man kocht Dekokte von gewissen Gewächsen. Die Chanes und Chiriguanos wenden dagegen, außer gewissen Pflanzen, animale Heilmittel an. So benutzen die Chanes am Rio Itiyuro das Fett vom Reiher für Geschwülste, das Wildschweinfett für das Eieber, das Jaguarfett für Knochenschmerzen und Tukanschnäbel für Frauenblutungen. Die Chanes am Rio Parapiti wendeten das Fett des Straußes gegen Brustschmerzen, der Iguanaeidechse gegen Conjunctivitis, des Huhnes gegen alles, das Maisbier gegen Erkältung an. Das Fett habe ich ausschließlich für den äußeren Gebrauch anwenden sehen.

Merkwürdig ist der Chanéindianer als Aseptiker. Ich habe mehrmals gesehen, wie sie Wunden nach einer höchst modernen Methode behandeln, nämlich mit gekochtem Wasser. Das ist etwas anderes, als wenn die Weißen Schweineexkremente und frischen Urin vom Menschen mit Salz zu demselben Zwecke anwenden. Die Ursache, daß diese Indianer eine so moderne Methode kennen, ist sicher ihre große Reinlichkeit. Sie sind daran gewöhnt, sich beständig zu waschen. Daß sie auf die Idee gekommen sind, das Wasser zu kochen, kommt wahrscheinlich daher, daß sie makroskopische Tiere in demselben haben töten wollen. Zum Verbinden von Wunden wenden die Chanés zuweilen frische Blätter an.

Sollte trotz der Anstrengungen des Medizinmannes die Verhexung nicht gehoben werden können und der Chané-oder Chiriguanoindianer sterben, so wird er oder sie in einem großen Tongefäß unter der Hütte begraben. Bevor der Sterbende richtig tot ist oder gleich nach dem Tode, wird er so zusammengefaltet, daß die Knie unter das Kinn kommen, und die Arme werden kreuzweise über die Brust gelegt. Am Rio Parapiti hat jahrelang ein Chaneindianer gelebt, der auf diese Weise zusammengefaltet worden war, der aber, bevor er in die Graburne gestopft worden war, von einem weißen Manne gerettet wurde. Der Tote wird angekleidet, mit einer W asserkalebasse im Knie, in das Gefäß gesetzt. Das Wasser soll der Tote mithaben, wenn er auf den Bergen umhergeht, sagte mir der Chanehäuptling Vocapoy. Das Gefäß wird in der Hütte vergraben und als Deckel ein anderes Gefäß darübergestülpt.

Bei Tatarenda in der Nähe von Yacuiba verbrennt man, wie ich gehört habe, nach dem Begräbnis die Hütte. Dies ist jedoch nicht das Gewöhnliche. Dagegen pflegt man die Hütte einige Zeit nach dem Begräbnis zu verlassen, um später wieder hinzuziehen. So geschah es z. B. in einem Chanédorf am Rio Itiyuro, in welcher ich kurz nach dem Begräbnisse war.

Die großen Maisbiergefäße (Abb. 113) werden als Sarg angewendet. Herrscht Mangel an Gefäßen, so begräbt man oft auf andere W’eise. ln einem Chanédorf, Coperi, am Rio Parapiti, begrub man kurz vor meiner Ankunft ein Kind in einer Haut unter der Hütte. Auf den Gräbern ihrer toten Verwandten verleben diese Indianer ihr Leben, und oft ist es so voll in der Hütte, daß ein Nachbegräbnis in alten Töpfen notwendig wird.

,,Der Christ schleppt seine Toten weit von seinem Hause fort. Wir Indianer, die eine größere Liebe für sie hegen, bewahren sie in unseren Häusern.“

So ungefähr sprach Vocapoy einmal zu mir, als das Gespräch auf diese eigentümliche Begräbnisart kam. Wird ein Chiriguano von einem Jaguar getötet, so wird er mit dem Kopf nach unten begraben, damit er nicht als ein solches Tier umgeht. Diese Vorstellung vom Jaguar, der ein Mensch war, ist besonders unter den Ouichuas verbreitet, wo dieses merkwürdige Tier, wie schon erwähnt, Uturunco genannt wird (vgl. S. 12). Heult der Fuchs des Nachts nahe dem Dorfe, so stirbt jemand.

Stirbt der Mann, so soll die Frau das Haar kurz schneiden. Hat sie ihn sehr geliebt, tut sie es zweimal. Erst wenn das Haar wieder lang gewachsen ist, darf sie eine neue Ehe eingehen. Stirbt ihr Vater oder ihre Mutter, so schneidet sie das Haar kurz, stirbt ihr Kind, ihr Bruder oder Schwager, so schneidet sie es halblang. Unter langen Haaren versteht man, daß sie bis zur Schulter reichen. Meine Frage, ob auch die Männer bei Trauer ihr Haar schneiden, wurde mit einem Gelächter beantwortet. Sie begnügen sich damit, eins der allerlängsten zu verkürzen. Die Männer dürfen sich erst ungefähr ein Jahr nach dem Tode der Frau wiederverheiraten.

Hat die Frau Trauer, so trägt sie keinen Schmuck. Als ich bei Maringay war, hatte seine Schwiegertochter ihr kleines Kind verloren. Während alle anderen Frauen im Dorfe zahlreiche Halsketten trugen, hatte sie keinen einzigen Schmuckgegenstand. Sie nahm auch an keinem Feste teil. Die Indianer, welche die Missionare taufen, sehen es nicht immer gern, daß sie ihre Toten auf dem Kirchhof begraben müssen. Sie wollen wenigstens, daß die Toten Wasser mit ins Grab bekommen. Man befreit sich nicht so leicht von alten, ererbten Vorstellungen, um sie gegen neue einzutauschen.

Text aus dem Buch: Indianerleben (1912), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianerleben – Einleitung
Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld
Indianerleben – Der Calilegua
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung)
Indianerleben – Das Indianerhaus
Indianerleben – Der Kampf ums Dasein
Indianerleben – Indianerkinder
Indianerleben – Männer und Frauen
Indianerleben – Trinkgelage
Indianerleben – Das Tabakrauchen
Indianerleben – Medizinmänner, religiöse Vorstellungen
Indianerleben – Vom Matacoindianer Na-yás erzählte Sagen
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Krieg und Frieden
Indianerleben – Handel
Indianerleben – Besuch in fremden Dörfern
Indianerleben – Das Verhältnis zu den Weißen
Indianerleben – Das Land der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Der Indianer als Historiker
Indianerleben – Alltagsleben in den Chané- und Chiriguanohütten
Indianerleben – Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern
Indianerleben – Nahrungszweige
Indianerleben – Zubereitung der Speisen
Indianerleben – Spiele
Indianerleben – Das Leben der Indianerkinder
Indianerleben – Alltagskleidung
Indianerleben – Reinlichkeit

One Comment

  1. […] Siehe auch: Indianerleben – Einleitung Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld Indianerleben – Der Calilegua Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung) Indianerleben – Das Indianerhaus Indianerleben – Der Kampf ums Dasein Indianerleben – Indianerkinder Indianerleben – Männer und Frauen Indianerleben – Trinkgelage Indianerleben – Das Tabakrauchen Indianerleben – Medizinmänner, religiöse Vorstellungen Indianerleben – Vom Matacoindianer Na-yás erzählte Sagen Indianerleben – Kunst und Industrie Indianerleben – Krieg und Frieden Indianerleben – Handel Indianerleben – Besuch in fremden Dörfern Indianerleben – Das Verhältnis zu den Weißen Indianerleben – Das Land der Chané- und Chiriguanoindianer Indianerleben – Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer Indianerleben – Der Indianer als Historiker Indianerleben – Alltagsleben in den Chané- und Chiriguanohütten Indianerleben – Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern Indianerleben – Nahrungszweige Indianerleben – Zubereitung der Speisen Indianerleben – Spiele Indianerleben – Das Leben der Indianerkinder Indianerleben – Alltagskleidung Indianerleben – Reinlichkeit Indianerleben – Vom Mutterleib bis zum Grabe […]

    10. Januar 2016

Comments are closed.