Jacopo della Quercia

Geboren 1371 zu Quercia bei Siena Gestorben 1438 zu Siena.

uercia, ein Ort in der Umgegend von Siena, ist die Vaterstadt des Bildhauers Jacopo di Maestro Piero di Filippo. Er war nach dem Pisaner Andrea, nach Orgagna und den anderen oben genannten Meistern der erste, welcher anfing, in seiner Kunst Fleiß zu arbeiten und zu zeigen, daß man sich dem Leben nähern könne; der Erste, welcher andern den Mut und die Hoffnung der Möglichkeit gab, die Natur in gewissem Sinne zu erreichen. Sein frühestes Werk, welches der Beachtung wert ist, verfertigte er in seinem neunzehnten Jahre zu Siena bei folgender Veranlassung. Die Sieneser hatten ein Heer gegen die Florentiner im Felde, welches Gian Tedesco, ein Neffe von Saccone da Pietramala und Giovanni d’Azzo Ubaldini als Feldhauptleute befehligten; Giovanni d’Azzo jedoch wurde im Lager krank, deshalb brachte man ihn nach Siena, woselbst er starb, und die Sieneser, denen sein Tod sehr naheging, veranstalteten für ihn ein ehrenvolles Leichengepränge und ließen ihm ein hölzernes Gestell in Form einer Pyramide errichten, auf welches eine Statue von Jacopo kam, die Giovanni zu Pferd in mehr als Lebensgröße darstellte. Diese Figur war mit viel Einsicht und mit Erfindung gearbeitet, indem Jacopo eine Methode fand, die bis dahin noch nicht bekannt gewesen war. Die Knochen des Pferdes und der Gestalt wurden nämlich von Holzstücken und schmalen Bohlen verfertigt, die man aneinander fügte und dann mit Heu, Werg und Seilen umwickelte; alles wurde fest verbunden, und darüber kam eine Verkleidung von Erde, die Jacopo mit Scheerwolle von Tuch, mit Teig und Leim vermischte; ein Verfahren, welches in Wahrheit für solcherlei Dinge das beste war und ist, weil Arbeiten der Art als massiv erscheinen, fertig und getrocknet aber sehr leicht sind, und mit Weiß überzogen, ein dem Marmor ähnliches und dem Auge sehr gefälliges Aussehen gewinnen, wie es bei dem genannten Werke Jacopos der Fall war. Zudem bekommen Statuen, welche mit diesen Mischungen gearbeitet sind, nicht Risse, wie geschehen in dieser Art, was den Künstlern zu großem Nutzen gereicht; denn dadurch haben sie immer ein Vorbild und das richtige Maß der Werke, die sie arbeiten, vor Augen. Jacopo aber, dem als Erfinder dieser Sache viel Dank gebührt, verfertigte nach Vollendung jener Statue zwei Tafeln von Lindenholz, und führte die Figuren, die Bärte und Haare mit solcher Geduld aus, daß es als etwas Bewundernswertes erscheint. Diese Tafeln wurden im Dom aufgestellt, und für die Fassade desselben Ge* bäudes verfertigte Jacopo von Marmor einige Propheten in nicht sehr großem Maßstabe, würde auch an jenem Bauwerk fortgearbeitet haben, wenn nicht Pest und Hungersnot und die Kämpfe der sienesischen Bürger nach vielfachem Aufruhr, jene Stadt in einen schlimmen Zustand versetzt undOrlandoMalevolti vertrieben hätten, durch dessen Gunst Jacopo mit Ehren in seiner Vaterstadt beschäftigt worden war. Er verließ demnach Siena undbegabsich unter Begünstigung einigerseinerFreunde nach Lucca, woselbst er im Aufträge von Paulo Guinigi, Gebieter jener Stadt, in der Kirche S. Martino ein Grabmal für dessen Gemahlin verfertigte, die kurz zuvor gestorben war. Auf dem Sockel dieses Werkes führte er einige Kinder, die ein Laubgeflechte halten, so fein in Marmor aus, daß sie wie von Fleisch erschienen, stellte auf dem Sarge, den dieser Sockel trägt, mit unendlichem Fleiß die Gattin von Paulo Guinigi dar, welche darin beigesetzt wurde, und arbeitete aus demselben Stein, zu ihren Füßen ruhend, einen Hund, in erhabenem Relief, als Sinnbild der Treue gegen ihren Gatten.

Jacopo, der unterdes gehört hatte, die Zunft der Wollenweber zu Florenz wolle eine der Bronzetüren der Kirche S. Giovanni arbeiten lassen, war nach Florenz gegangen, damit er dort bekannt werden möchte, denn diese Arbeit sollte demjenigen übertragen werden, welcher bei Verfertigung einer Darstellung in Bronze von sich und seiner Geschicklichkeit den besten Beweis gegeben hätte. In Florenz angelangt, arbeitete er nicht nur das Modell, sondern führte auch das sehr gut entworfene Bild bis zur letzten Politur aus, und dasselbe gefiel so wohl, daß, hätte er nicht den trefflichen Donatello und Filippo Brunelleschi zu Mitbewerbern gehabt, die ihn in Wahrheit mit ihren Arbeiten übertrafen, jenes große Werk ihm übertragen worden sein würde.

Da indes die Sache anders ging, so begab er sich nach Bologna, woselbst ihm durch die Gunst Giovanni Bentivoglios von den Werkmeistern von S. Petronio der Auftrag gegeben ward, die Haupttüre jener Kirche in Marmor zu verzieren. Um nicht die Art, wie dieses Werk begönnen war, zu stören, setzte er nach deutschem Geschmacke die Arbeit fort, indem er über der Reihe von Pfeilern, welche die Gesimse und den Bogen tragen, die noch fehlenden Reliefs einfügte, die er mit unendlichem Fleiß im Verlauf von zwölf Jahren verfertigte. Die Bolognesen aber, welche geglaubt hatten, man könne kein besseres, ja selbst nicht ein gleich schönes Marmorwerk zustande bringen, wie jenes, welches die Sieneser Agostino und Agnolo nach alter Manier in S. Francesco, ihrer Stadt, am Hauptaltar verfertigt hatten, sahen mit Verwundern, daß dies um vieles herrlicher war wie jenes. Jacopo wurde gebeten, nach Lucca zurückzukehren, und folgte gern dieser Aufforderung. Dort arbeitete er in S. Friano für Federigo di Maestro Trenta del (Veglia eine Tafel aus Marmor, worauf er die Jungfrau mit dem Sohne im Arm, die Heiligen Sebastian, Lucia, Hieronymus und Sigismund nach guter Methode und Zeichnung und mit Anmut darstellte. Auf der Staffel sah man unter jedem Heiligen eine Begebenheit aus dessen Leben in halbem Relief ausgeführt, welches alles sich sehr gut ausnahm und vielen Beifall erwarb, denn Jacopo hatte mit vieler Kunst die Figuren allmählich zurücktreten und nach dem Hintergrund zu flacher werden lassen. Auch stärkte er anderen den Mut, durch neue Erfindungen ihren Werken Reiz und Schönheit zu verleihen, indem er auf zwei großen Grabsteinen Federigo, für den er das ganze Werk vollführte, und dessen Gemahlin in Basrelief nach dem Leben abbildete. Auf diesen Steinen liest man die Worte: Hoc opus fecit Jacobus Magistri Petri de Senis 1422.

Von Lucca begab sich Jacopo nach Florenz, und die Werkmeister von Santa Maria del Fiore, die ihn sehr hatten rühmen hören, gaben ihm Auftrag, den Vorgiebel über der Türe nach der Annunziata in Marmor zu arbeiten. Dort stellte er in einem spitzen Oval (Mandorla) die Madonna dar, die von einem Chor singender und musizierender Engel zum Himmel getragen wird, welche alle schöne Stellungen und Bewegungen haben, und in ihrem Fluge Kraft und Gewandtheit zeigen, wie bis dahin noch niemals gesehen worden war.

Jacopo wünschte seine Vaterstadt wiederzusehen, und kehrte daher nach Siena zurück, woselbst ihm, seinem Verlangen gemäß, bald Gelegenheit gegeben ward, ein ehrenvolles Gedächtnis von sich zu stiften; denn die Signoria von Siena, entschlossen, eine reiche Marmorverzierung um die Quelle verfertigen zu lassen, welche die Sieneser Agostino und Agnolo im Jahre 1343 nach dem Hauptplatze geleitet hatten, übertrug Jacopo dieses Werk, für den Preis von zweitausendzweihundert Goldgülden. Er verfertigte ein Modell, ließ den Marmor kommen, und begann die Arbeit, die er zu größter Zufriedenheit seiner Mitbürger vollendete, welche ihn von nun an nicht mehr Jacopo della Quercia, sondernjacopo della Fonte nannten. Inmitten dieses Werkes sieht man die glorreiche Jungfrau Maria, die vornehmste Schutzpatonin jener Stadt, etwas größer als die anderen Figuren, in anmutiger und ungewöhnlicher Weise dargestellt. Ringsumher sind die sieben theologischen und Kardinaltugenden, deren Köpfe Jacopo zart arbeitete und ihnen einen angenehmen Ausdruck gab, so daß man erkennt, er habe angefangen, das Gute und die Schwierigkeit der Kunst einzusehen und dem Marmor Reiz zu geben, indem er die alte Methode verbannte, welche bis dahin von den Bildhauern geübt worden war, die ihren Gestalten durchaus keinen Anmut zu verleihen wußten, während Jacopo sie lieblich und voll darstellte, und den Marmor mit Geduld und Zartheit ausmeißelte. Zur Verzierung jenes Brunnens arbeitete er außerdem einige Begebenheiten aus dem alten Testament, das heißt die Erschaffung der ersten Menschen, und wie sie den verbotenen Apfel genießen, wobei man in dem Angesicht Evas einen so schönen Ausdruck, und in der ehrfurchtsvollen Stellung, mit der sie Adam den Apfel hinreicht, einen solchen Liebreiz gewahrt, daß es scheint, als könne er nicht verweigern, ihn zu nehmen. Das übrige in jenem Werke ist nicht minder einsichtsvoll gearbeitet, und mit schönen Kindern und anderen Verzierungen, mit Löwen und Wölfen, welche zum Wappen der Stadt gehören, geschmückt, was Jacopo alles im Verlauf von zwölf Jahren mit sorgsamem Fleiß und vieler Übung ausführte. Durch diese Werke gelangte Jacopo zu immer mehr Ruhm in der Kunst, und durch sein tugendhaftes Leben ward er bekannt als ein Mann von edlen Sitten; deshalb ernannte die Signoria von Siena ihn zum Ritter und bald nachher zum Werkmeister des Doms. Dieses Amt übte er so, daß es weder vorher noch nachher besser versehen worden ist, und obgleich er nicht länger als drei Jahre lebte, nachdem es ihm übertragen war, hat er doch bei jenem Bau viele rühmliche und nützliche Verbesserungen bewirkt.

Aus dem Buch: Lebensbeschreibungen der ausgezeichnetsten Maler, Bildhauer und Architekten der Renaissance (1910), Author:Jaffé, Ernst.

Siehe auch:
Giovanni Cimabue
Niccolo und Giovanni aus Pisa
Giotto
Buonamico Buffalmacco

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  1. […] auch: Giovanni Cimabue Niccolo und Giovanni aus Pisa Giotto Buonamico Buffalmacco Jacopo della Quercia Luca della Robbia Lorenzo Ghiberti Masaccio Filippo Brunelleschi Donatello Frate Giovanni da […]

    3. Juni 2015

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