Jean-François Millet und sein Kreis

Vergleichende Betrachtung der bildenen Künste

Band I

ERSTES BUCH

DER KAMPF UM DIE MALEREI

Jean-François Millet und sein Kreis

Theophile Silvestre berichtet von einer Schilderung, die ihm Corot von seiner Art zu zeichnen machte, als er anfing. Er begann zuerst auf der Strafe von Leuten oder Gruppen, die ihm gefielen, Details zu zeichnen. Da die Leute ihm nicht den Gefallen taten, stehen zu bleiben, bis er fertig war, füllte sich sein Skizzenbuch von halben Köpfen, angefangenen Nasen u. s. w. Da faßte er den Entschluß, nicht mehr nach Hause zu kommen ohne einen fertigen Kopf, und gab sich daran, seine Gruppen mit einer schnellen Umrißzeichnung im Ganzen festzustellen. Wenn ihm die Details dabei abgingen, wenigstens vermochte er nun den Charakter des Ganzen zu geben. Die ganze moderne Kunst ist diesem Rezept, das schon die Rembrandt, Rubens und Velasquez besaßen und das bei Daumier Genie war, gefolgt. Millet machte es zu einem Stilelement.

Es ist kaum übersehbar, was Millet Daumier verdankt. Die Biographien, die von ihm handeln, pflegen diese Tatsache entweder überhaupt zu verschweigen, oder in einer nebensächlichen Phrase darüber wegzugehen. Entweder sehen sie es nicht oder wollen diskret sein, aus Zärtlichkeit zu dem Biographierten und namentlich zu der Biographie, deren Begeisterung die nüchterne Analyse Gefahr bringt. Die Kunstgeschichte ist ihnen eine Geschichte der Einzelnen, von denen jeder alles erfunden haben muß, auch wenn sie dadurch genötigt werden, in jedem Kapitel immer nur auf derselben hochgestimmten Saite zu klimpern. Es ist im Grunde nichts wie die eigene Kleinheit, die das Große verringert, indem sie es mit grobem Maß überschätzt d. h. nicht schätzt. Man traut den großen Leuten das Plagiat zu und verweigert ihnen ihre Geschichte. Als ob es der Summe der Werke, die wir Delacroix nennen, Abbruch täte, daß die Dinge, die Gericault heißen, mancherlei Größeres enthalten, ja wenn sie zahlreicher wären, wenn dieses und wenn jenes sich ereignet, wenn Delacroix dann immer noch nichts anderes gemacht hätte, und wenn noch zehntausend andere Wenns zur Wirklichkeit würden, ihn vielleicht in den Schatten gestellt hätten. — Es ist pläsierlich, solchen Gedanken zu folgen. In Wirklichkeit aber sollte die kunstgeschichtliche Untersuchung eine Beschäftigung mit dem Dasein sein, in dem die Menschen verschwinden, die Werke bleiben.

Sie kann auf historischem Wege das Wesen des Wertes vertiefen und den lebenden Künstlern Hinweise zur persönlichen Belehrung geben, zumal Beispiele für die goldene Tatsache, daß es innere Zusammenhänge gegeben hat und geben muß. Die Biographen aber, die solchen Untersuchungen aus dem Wege gehen, sind immer dieselben, die sich in Anekdoten über das Leben des Gefeierten erschöpfen. Es ist kaum vermeidbar, daß sie auf diesem Wege nicht schließlich dahinter kommen, daß alles schon mal da war, und diese Konstatierung kann sie dann zu dem bekannten Abscheu vor der ganzen Kunst führen, den man heute zuweilen an intelligenten Menschen beklagt, die sich für nichts mehr erwärmen.

Wer aber die Kunst sucht, der wird in der Erkenntnis der tiefen Zusammenhänge der großen Schöpfungen immer nur seine Liebe zur Kunst noch vertiefen und der göttlichen Besserung teilhaftig werden, die uns das innige Durchdringen künstlerischer Offenbarungen verleiht. Je mannigfaltiger das Bild in ihm wird, desto glücklicher, reifer und reicher wird er werden. Es kann ihm immer nur in viel tieferem Maße gehen wie es dem einfachen Menschen vor der Natur geht. Kein Mensch ist denkbar, der alle Dinge in der Natur gesehen hat, sodaß ihm von dem Bestehenden nichts mehr verborgen ist, und selbst, wenn es ihn gäbe, könnte ihm die zufällige Veränderung auch nur eines einzigen Blattes in der Blüte eines der Milliarden von Blumen, die er gesehen hat, eine andere Welt offenbaren, in der alles früher Gesehene im neuen Lichte erstrahlt.

Die Erinnerung an Daumier verkleinert nicht den Genuß an Millet, sondern gibt ihm eine Vertiefung, die uns in diesem Falle zumal davor bewahrt, in Millet den sentimentalen Bauern zu sehen; eine Versuchung, der die Art des Kultus, den man mit der Angelusnote treibt, Waffen in die Hände spielt. Millet ist eine unverhältnismäßig einfachere Kunst als Daumier, der in allen Dingen viel artistischerer Künstler blieb und dem es unmöglich gewesen wäre, sich einem höheren Zweck zuliebe eine solche Vereinfachung des malerischen Mittels aufzuerlegen, wie sie Millets Natur mit sich brachte. Das machte den Don Quichotte-Maler zu nichts weniger als zum Apostel geeignet; er hatte dazu viel zu viel Gepäck und trug fast mehr an seinem universellen Genie als es ihm Werke gab. Er war selbst in der flüchtigsten Zeichnung für die Bedürfnisse seiner Brotgeber mehr Maler als Millet in seinen reichsten Bildern. Millet hatte das eigene Temperament der großen Primitiven; Daumier zeigte ihm die Form, deren Elemente der äußersten Gegenwart angehörten. Er nahm sie, schälte den zeichnerischen Umriß heraus und füllte diese Form mit dem warmen Ausdruck seiner Menschenliebe. Millet hätte noch weniger als einer der Primitiven nötig gehabt, seine Bilder mit Öl zu machen. Die Malerei war ihm oft nur ein Mittel seine Zeichnung zu vergrößern. Man hat Millet nie so nahe als in seinen Holzschnitten, die der Bruder ausführte, in seinen Federzeichnungen und den Radierungen, die auch mehr Holzschnitte als etwas anderes sind. Schon die Lithographie scheint die äußerste Kraft seiner Kunst zu schmälern. Es gibt keine schöneren Mittel als z. B. die Radierung, wo die Frau auf den Löffel bläst, um dem Kind auf dem Schoße die Suppe zu geben, oder „la Legon de tricot und dergl. Ich will damit ja nicht sagen, dag die Gemälde Millets zu viel sind; man kann auch einen Christ von Roger van der Weyden, der ein paar Zentimeter misst, auf das Zehnfache vergrößern, ohne dag das Format die Kraft übersteigt.

Es ist merkwürdig, dag Millet in Frankreich geboren wurde. Je näher man ihn in gewissen Bildern Daumiers dem französischen Genie glaubt, um so mehr entfernt er sich als Block, als den wir ihn vor uns sehen. Man möchte ihn eher germanisch nennen, nicht nur weil kein anderer französischer Künstler so die Deutschen, Holländer und Vlaamen beeinflußt hat, nicht nur weil das deutsche Gemüt vor keinem anderen Ausländer in so mächtige Erschütterung gerät, sondern auch wegen seiner materiellen Form. Er scheint in seinen Gemälden ein naiver Rembrandt; in seinen Zeichnungen schreibt eine dem Dürer verwandte, vereinfachte Handschrift klassische Dinge. Die Holländer haben ihm von seiner ganzen Generation am meisten gegeben. Auch bei ihm finden sich, wie in so vielen Interieurs Corots, Reize aus der Zeit van der Meers, und das Erstaunliche ist, dag sie sich mit der ganz michelangelsken Größe vertragen, die in gewissen Zeichnungen ihre elementare Nacktheit offenbart.

Die große Landschafterschule der Rousseau, Corot und Dupre vollbrachte eine kunstpolitische Tat, als sie Ruysdael und van der Meer der französischen Malerei brachte. Frankreich brauchte das Stück Brot, das ihm die holländische Aufrichtigkeit reichte, um in Zukunft nicht ganz in den Armen des geliebten Rubens zu zerfliegen, und um auf der anderen Seite der schönen klassischen Phrase etwas von der Natur einzuflögen, die vorher der Landschafter der Dichtung, J. J. Rousseau, zur rechten Zeit der Sprache gegeben hatte.

Millet spielte bei dem Akt eine besondere Rolle. Corot und Diaz suchten eine Vermittlung zwischen dem importierten antilateinischen Geiste und der ur-französischen Muse; Diaz zumal in der Delacroix-Tradition; mit größerem und freierem Takt Corot mit seiner typisch französischen Legende. Aber weder Corot noch Diaz bevölkerten die neue Erde; sie schmückten sie. Corots gottbegnadetes Genie machte ein Reich der Träume daraus, in dem das ewig junge, griechische Märchen wohl zu Hause war. Wir würden nie etwas anderes entbehren, wenn Millet nicht gekommen wäre, der dem Riesenwerk Rousseaus, dessen Bäume wie gigantische Hände in die Welt ragen, die Sprache gab, einen Ausdruck des Ernstes und der Tiefe, der dem Einflug des Rubens und des Klassizismus gleichzeitig vorteilhaft entgegentrat und von nun an neben diesem erhalten bleibt. Er stellte den Menschen in diese neue Landschaft, nicht diesen oder jenen, sondern den ernsten Typ, dessen Geist diese Landschaft geboren hatte. Es konnte immer nur der Bauer sein, dessen Name von Bauen herkommt. Er machte ihn nicht schön oder gefällig, sondern groß; so groß, dag das Haupt in den Azur ragt, während die schweren, griechisch geschwungenen Holzpantinen in die Erde wachsen. Millet war Bauer in demselben vollkommenen Sinne, in dem Rubens, sein stärkster Gegenpol, Edelmann war.

Man begreift, warum van Gogh verehrte, dag Millet in seinem Milieu blieb. Nur so bekam die Welt nach langer Zeit wieder einen von der großen Rasse, deren Schöpfung eine ganze Menschheit mit einem einzigen Atemzuge mitfühlt, einen von denen, die zuweilen kommen müssen, damit die Welt nicht vor lauter Genie aus den Angeln geht, der große Sammler, der den tollen Haufen von Eigenwirtschaften wieder einmal die Inbrunst des Gemeinen fühlen läßt.

Was ihn unsterblich macht, ist, daß er dabei Künstler war und allein blieb, daß die Zeit für die Gemeinschaft, an die er sich wandte, noch nicht gekommen war und er Kraft genug hatte, sie in starker Unpersönlichkeit zu entbehren. Bei keinem lag die Gefahr der Schwäche so nahe. Vielleicht hat dem Verständnis seiner Zeitgenossen nur das fromme Kreuz auf seinen Bildern gefehlt, um ihn als Heiland zu verehren. Er zog es vor, sich und die Seinigen damit zu belasten und die Millionenwertung seiner Bilder im Jenseits abzuwarten.

Text aus dem Buch: Entwickelungsgeschichte der modernen Kunst : vergleichende Betrachtung der bildenen Künste, als Beitrag zu einer neuen Aesthetik, Author: Meier-Graefe, Julius.

Siehe auch:
Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst – Vorwort
Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst – Einleitung
Die Träger der Kunst Früher und Heute
Traditionen
Die Entstehung des Malerischen
Die Blüte der Malerei
Das Empire
Ingres
Die deutsche Kunst
Delacroix und Daumier
Honoré Daumier

2 Comments

  1. […] war natürlicher, als daß Millet auf ihn wirkte, der Mensch, der dasselbe Christentum trug und die göttliche Gebärde seines […]

    7. März 2016

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