Karl der Große

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Im siebenten Jahrhundert bildeten sich drei germanische Großreiche: Das der Franken, das bereits nach Burgund und Italien, ja bis Böhmen hinübergriff; ein angelsächsisches auf den britischen Inseln, das 687 durch Egbert von Wessex aus sieben Herzogtümern zusammengeschweißt wurde, und ein skandinavisches, dessen Kern die breiten Flächen Schwedens bildeten. Für die Entwicklung Europas wurde das Frankenreich am wichtigsten. Gründer war der gewalttätige und gewissenlose Chlodwig. Als seine Enkel und Urenkel erschlafften, rissen allmächtige Minister, Hausmeier genannt, die Zügel an sich. Die Hausmeier waren aus dem Geschlechte Pipins von Heristal, und heißen daher auch die Pipiniden. Ein hervorragender Mann des Geschlechtes war Karl, zubenannt der Hammer. Erschlug die Araber zurück, die nach 730 von Spanien aus in Frankreich eingebrochen waren. Um die Mittel zu den Araberkriegen zu bekommen, entriß er Kirchen und Klöstern ihr Gut.

Der Papst knüpfte mit den Pipiniden an und erbat ihren Schutz gegen die Langobarden. Der wurde gewährt. Dafür war der Papst den Hausmeiern hilfreich, als sie die Merovinger, die Sippe

Chlodwigs, vom Throne stießen, um selbst an deren Stelle zu treten. Der gewaltigste Sproß der Pipiniden war Karl der Große 768—814. Er dehnte das Reich bis Nordspanien, Süditalien und Nordungarn aus, während die anderen Grenzen durch die Nordsee und den ganzen Lauf der Elbe gebildet wurden.

Die Staatseinkünfte kamen unter Karl dem Großen vorzüglich von vlämischer Wolle, die bis nach Spanien verkauft wurde. Die Zollhäuser standen auf der Linie Magdeburg-Erfurt-Karlstadt. Forchheim-Regensburg-Lorch (in Niederösterreich). Karls Reich war also nicht auf Bergbau und Edelmetalle gegründet. Das schlechtfinanzierte Reich der Karolinger ist bald zergangen. Es war auch schlecht abgegrenzt. Infolgedessen gingen die Zölle unregelmäßig ein. Denn wer konnte eine so schwankende, so zerklüftete Grenze gegen Zollverletzungen schützen? Im übrigen beginnt nach mehr als hundertjährigem Stillstand gerade unter den Karolingern der bedenklich gesunkene Bestand des Abendlandes an Edelmetallen sich wieder ganz leise zu heben.

Die Staatsverwaltung geschah in lateinischer Amtssprache, jedoch nach deutschen Grundsätzen. Bemerkenswert sind die Marken und Markgrafen an den Grenzen und die zur Aufsicht herumreisenden Sendboten des Kaisers. Seit Weihnachten 800 war Karl der Große Kaiser; Papst Leo drückte ihm die Krone aufs Haupt. Um indes die Anerkennung von Byzanz zu gewinnen, trat der neugebackene Nachfolger der Cäsaren Dalmatien und Ravenna an den älteren Kaiser des Abendlandes, den byzantinischen, ab.

Den Herrenboten, Missi dominici, der Karolinger entsprachen herumreisende Kontrollbeamte in Japan, den Markgrafen mächtige Daimjos an den Grenzen. Aus dem Stadthalter in Nordosten, dem Generalissimus des Kwanto erwuchs später der Vereiniger des japanischen Reiches, gleichwie der deutsche Kaiser aus dem Markgrafen von Brandenburg. Zur Heranbildung der Beamten wurde eine Klosterschule in Aachen und eine Hochschule in Kioto eröffnet.

Eine der wichtigsten Taten Karls des Großen war die Zurückdrängung der Slawen. Eine andere war die Niederkämpfung der Sachsen und ihre Vereinigung mit den übrigen deutschen-Stämmen. Es ging dabei nicht ohne harte Grausamkeit ab. Das Blutbad von Verden an der Aller haftet noch jetzt als unvertilgbarer Flecken in der Erinnerung des Volkes. Die Gefahr war jedoch gar nicht so entfernt, daß die Sachsen und ihr Führer Witukind sich mit Skandinavien zu staatlichem Verbände zusammentaten.

Karl der Große starb hochbetagt 814, und wurde im Dom zu Aachen beigesetzt. Merkwürdigerweise feiern ihn, den echten Deutschen, auch die Franzosen als ihren größten Helden. Er galt bis zur Gegenwart als das Urbild eines mächtigen und weisen Herrschers.

Hiernach zerfiel das Frankenreich in drei Teile, einen romanischen im Westen und einen deutschen im Osten, sowie das völklich und sprachlich gemischte Lothringen in der Mitte, während die Außenprovinzen, darunter Italien, wieder mehr oder weniger selbständig wurden.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam