Kinder aufs Land

Von Hofrat Prof. Dr. Müller-Lenhartz.

Eine Erinnerung und eine Mahnung

Berliner Kinder kehren im Herbst 1921 aus den Harzheimen des Deutschen Roten Kreuzes zurück, wo ihnen durch die grossherzigen Gaben der Deutsch-Amerikaner ein vierwöchentlicher Aufenthalt ermöglicht wurde.

Mit dem Monat Mai beginnt die Unterbringung von Kindern der städtiscnen und Industrie-Bevölkerung auf dem Lande, die sich seit dem Jahre 1917 zu einem wichtigen Wirkungsfeld der Volkswohlfahrtspflege ausgewachsen hat. Weithin ist freilich die Ansicht verbreitet, dass man dieses Feld jetzt getrost wieder brach liegen lassen möge, nachdem sich unbestreitbar die Ernährungsverhältnisse gegenüber den schlimmsten Kriegsjahren wesentlich gebessert haben. Und wenn auch der Landmann gelegentlich erschütternde Schilderungen der entsetzlichen Not hört, die in weiten städtischen Kreisen herrscht, und wenn ihm das Bild der verhungernden „Kinder in Not“ sichtbar vor Augen geführt wird, dann denkt er an die ungeheueren Preise, die auch er bezahlen muss, an die lawinengleich wachsenden Arbeitslöhne, und er denkt nicht zum wenigsten an den sinnlosen Luxus, den er gerade auch in den Kreisen sieht, die ihn früher nicht kannten und die sich gedankenlos Dinge leisten, auf die er noch heute verzichtet — und wird misstrauisch. Nicht ganz ohne Berechtigung.

Gleichwohl muss dieser Stimmung auf das nachdrücklichste entgegengearbeitet werden. Ja, es muss geradezu als das Gebot der Stunde bezeichnet werden, dass das gesamte Volk, Stadt und Land, von der Ueberzeugung durchdrungen wird, dass die Unterbringung der Schulkinder auf dem Lande noch auf Jahre eine der wichtigsten Volksaufgaben bleiben wird, ebensowohl um der Volksgesundheit willen, wie wegen des Ausgleichs zwischen Stadt und Land. Noch hält sich die bitterste Not in begreiflicher Verschämung verborgen. Tatsächlich aber gibt es Tausende und aber Tausende, die nicht nur längst auf den kleinsten Luxus verzichten lernten, sondern buchstäblich darben und bei den stetig steigenden Preisen ihren Kindern auch die unentbehrlichen kraftbildenden Nahrungsmittel nicht mehr bieten können. Früher mochten manche ihre erholungsbedürftigen Kinder in Heimen unterbringen, heute sind sie nicht mehr in der Lage, die dort geforderten Preise zu bezahlen. Noch sind überdies die Folgen der jahrelangen Unterernährung in dem heranwachsenden Geschlechte längst nicht überwunden. Das macht freilich die sorgsamste Auswahl der unterzuhringenden Kinder zur gebieterischen Pflicht. Eine schematische Beschränkung auf bestimmte Stände oder Volksklassen würde zu offensichtlicher Ungerechtigkeit führen.

Eine solche Auswahl muss übrigens der Landmann noch aus ganz anderen Gründen fordern. Er hat in der Zwischenzeit auch seine Erfahrung mit Stadtkindern gesammelt. Nicht selten wurden ihm Kinder zugesandt, denen daheim — manchmal geflissentlich — übertriebene Vorstellungen von einem „Schlemmerleben der Bauern“ eingepflanzt worden waren. Er hat aber deswegen nicht nötig, von seiner zwar kräftigen, aber durchweg einfachen Kost abzugehen. Noch weniger haben ihm andere Erfahrungen Freude gemacht. Nicht selten kommen Sonntags Vater und Mutter mit Kind und Kegel bei den Pflegeeltern angereist, um nach dem Rechten zu sehen, sich nebenbei aus dem Ueberflusse mit verpflegen zu lassen und reichen Vorrat mit nach Hause zu bringen. Nicht selten hat die Herrlichkeit dieser „Landreise“ für beide Teile ein schnelles und wenig erfreuliches Ende genommen. Dass auf die besonderen Wünsche der aufnehmenden Landleute Rücksicht genommen wird bezüglich des Alters, Geschlechtes und der Religion der Kinder, ist selbstverständlich, ebenso, dass ihnen keine ausgesprochen kranken oder schlecht gehaltenen Kinder anvertraut werden. Ebenso selbstverständlich sollte es aber auch sein, dass sich die Kinder in die Verhältnisse des Hauses einfügen, dass sie eine anspruchslose Dankbarkeit bekunden und dieselbe Hilfsbereitschah zeigen, zu der der Landwirt von klein auf seine eigenen Kinder erzieht. Das ist um der Kinder selbst willen nur erwünscht, weil sie dann unter Aufsicht sind und Beschäftigung haben. Wenn Kinder nicht so ausserordentlich anpassungsfähig wären, möchte es für die unter ganz anderen Verhältnissen Aufgewachsenen — das sollten auch die Pflegeeltern stets bedenken! — sehr schwer sein, sich in die Welt des Landmannes hineinzufinden.

Trübe Erfahrungen auf diesem Gebiete werden aber im allgemeinen von den guten Ergebnissen bei weitem überwogen. Oft ist ein persönliches Verhältnis angeknüpft worden, so dass es den Pflegeeltern schwer wird, den jungen Gast nach 2 bis 3 Monaten wieder ziehen lassen zu müssen und dass dem Kinde die Abreise blutsauer wurde, das oft schon eine Einladung, im nächsten Jahre wiederzukommen, mit nach Hause nahm. Solche Wille haben sich als wirkliche Pflegeeltern an den Kindern bewiesen, die ihnen unaufgefordert die eigene Lagerstelle gaben, nicht daran dachten, ihre kleine Arbeitskraft auszubeuten, sondern sie mit elterlicher Liebe behandelten und beaufsichtigten und sich ihres leiblichen und seelischen Wohlergehens als besonders Pflegebedürftiger annahmen. Naturgemäss hat sich dieses grosse Werk sehr schnell zu einer bis ins kleinste durchgearbeiteten und weit verzweigten Organisation ausgebildet, handelt es sich doch darum, über hunderttausend — es müssten Millionen sein — auszuwählen und unterzubringen.

Das ganze Reich ist in Aufnahme- und Abnahmekreise eingeteilt. Mit den Vorarbeiten muss schon im Winter begonnen werden. Für die Reise werden Begleiter gestellt, Fahrpreisermässigungen erwirkt, die auch den Kindern von Verwandten zugute kommen können, wenn die Vermittlung der Organisation angenommen, eine ärztliche Bescheinigung über deren Erholungsbedürftigkeit, sowie eine schriftliche Einladung des betreffenden Verwandten vorgezeigt wird. Die Einschulung dieser Stadtkinder auf dem Lande ist durch besondere Verfügungen geordnet. Die Versicherung der Kinder, der Transportbegleiter, sowde der Haushaltungsvorstände gegen Unfall und Haftpflicht ist geregelt. Auch kann ein massiges Kostgeld bewilligt werden, obgleich die unentgeltliche Annahme wegen der grossen vaterländischen und sozialen Bedeutung des Werkes die Regel sein sollte. Leider haben sich in dieses segensreiche Werk unlautere Elemente eingeschlichen, die auf eigene Faust und um persönlichen Gewinnes willen als Werber und Vermittler auftreten. Vor ihnen muss eindringlichst gewarnt werden. Man halte sich also grundsätzlich an die amtlichen Vermittlungsstellen, die man allerdings möglichst mit Schreibwerk verschonen möge.

Im allgemeinen werden Kinder vom vollendeten 6. bis 16. Lebensjahre untergebracht. Die Dauer des Aufenthaltes ist auf 2 bis 3 Monate bemessen. Schüler höherer Lehranstalten sollen möglichst in den grossen Ferien auf das Land entsendet werden. Ihnen kann übrigens ein Urlaub bis zu 3 Monaten gewährt werden. Von ausserordentlicher Wichtigkeit aber wäre es, wenn sich die Organisation auch auf das höhere Alter, z. B. besonders der Studierenden legen könnte. Es ist bekannt, mit welchem Ernährungselend weite Kreise gerade der akademischen Jugend zu kämpfen haben. Es sollte nicht übersehen werden, wie sehr sie in ihrem späteren Berufe unmittelbar — z. B. die Ingenieure, die Studierenden der landwirtschaftlichen und tierärztlichen Hochschulen—und mittelbar der Landwirtschaft und dem Lande dienen; es kommen ja fast die meisten Studierenden in Frage. Da sind viele, die mit Freuden hilfeleistende Handarbeit für eine Zeitlang gegen die Anspannung ihrer geistigen Kräfte vertauschen werden, Männer, die beherzt genug sind, auch im Flurschutz sich zu bewähren, den wir leider heute noch dringend nötig haben. Hier könnte geradezu eine Art Ersatz für die uns allgemeine Dienstpflicht von einst gefunden werden. Wie dienlich wäre der Jugend von heute die körperliche Arbeit, die schon angestrebte gesetzliche Arbeitspflicht!

Es bleibt von höchster Bedeutung, dass die in den Steinwüsten der Grossstadt aufgewachsenen Kinder, die ja die Organisation in erster Linie zu erfassen sucht, einmal in unmittelbare Berührung mit der Natur kommen; ihnen muss ja erst noch eine Ahnung aufdämmern von dem Werte bodenständiger Sitte und schollentreuen Volkstums. Es ist gut, wenn sie lernen, dass dem Landmann der Segen wahrlich nicht so ganz von selber zuwächst, sondern dass er sein besonderes Mass schwerer Sorgen zu tragen und saure Arbeit zu leisten hat. Es ist noch besser, dass der Landmann beweisen darf, dass er durchaus nicht der eingefleischte Egoist und Materialist sei, als der er so oft verschrien wird. Und das ist das beste, wenn dieses Werk hilft, den albernen Dünkel des Städters und das schlimme Misstrauen des Bauern zu verscheuchen, wenn es Brücken schlägt zwischen Stadt und Land, die nur im Zusammenleben und Ineinanderarbeiten uns wieder hochbringen können.

Deshalb steht das, was wir selber leisten können und müssen, schliesslich viel höher als das überaus dankenswerte Hilfswerk des nicht am Kriege beteiligt gewesenen Auslandes an unseren Kindern. Ausgewanderte Deutsche haben das Valuta-Elend in Segen gewandelt, indem sie auf ihre Kosten hier und da Kolonien auf dem Lande einrichten, in denen sie für die Unterbringung von hundert und mehr Kindern aufkommen. Auch das ist gross und dankenswert, zumal wenn es noch nicht Schulpflichtigen oder wirklich Kranken zugute kommt. Aber das Wichtigste und Wertvollste bleibt doch das, was wir selber leisten. Wir wollen wieder aufbauen! Und zwar mit einem festen, äusser-lich und innerlich gesunden Material. Wir wollen wieder auf eigenen Füssen stehen und, was wir sind, durch eigene Kraft sein. Darum müssen wir uns besinnen auf das, was wir noch können. Darum hat jetzt das Land das Wort. Möge es ein starkes verantwortungsbewusstes selbstloses Wort sein!

Siehe auch:
Wir Deutsch-Amerikaner
Deutsch-Amerika
Die Deutsch-Amerikaner und das Kaiserreich
Wie das alte Österreich starb
Wie das alte Österreich starb II
Die Deutschen in Amerika
Die Deutschen in Amerika II
Eine Audienz bei Richard II. (Richard Strauss)
Die Lüge als Fundament
„Deutsch-Amerikas“ Mission
Schundromane auf dem Scheiterhaufen
Lincoln und das deutsche Element
Die Geschichte der Revolution
Der Aufbau Palästinas
Deutschland und der Weltfriede
Vaterland vor der Wiedergeburt
Das Schicksal der deutschen Kolonien
Der letzte Zar im Kreise seiner Familie
Krupp-Werk in Friedens-Arbeit
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Deutschlands chemische Industrie in der Nachkriegszeit
Jerusalem die Heilige Stadt
Die Schwarzen Truppen in Deutschland
Schiffsmodelle als Zimmerschmuck
„Bismarck“-„Majestic“- der Meeresriese
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Von Versailles bis Haag
Klein-Amerika in Ostpreussen
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    11. März 2018

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