Königsberg in Ostpreußen

Im Zuge der Eindeutschung der ostelbischen Gebiete kommt der Staatengründung des Deutschen Ritterordens besondere Bedeutung zu. Außerhalb des Reichsgebietes, aber auf urgermanischem Siedlungsboden östlich der Weichsel, errang der Deutsch Ordensstaat im Verein mit der Hanse dem Deutschtum die ihm zukommende Machtstellung an der Ostsee durch die Schaffung eines neuen deutschen Kraftfeldes zwischen Weichsel und Memel. Dieses altpreußische Gebiet ist dann mit den kurbrandenburgischen Landen verbunden zum Grundstock eines größeren Preußens deutscher Sendung geworden. In diesen Rahmen großdeutscher Entwicklung aber ist die Geschichte Königsbergs verwoben.

Deutsch-Ordensburg Königsberg. Als Kaiser Friedrich II. von Stauffen das Machtstreben des Reiches nach Süden richtete, rief Hermann von Salza, der Hochmeister des Ordens der Brüder des deutschen Marienhospitals zu Jerusalem, die Deutschen zur Unterwerfung der heidnischen Preußen. Im Jahre 1230 begann der Kampf. 1255 wurde auf einem Kreuzzuge in das Samland am Pregel eine Preußenfeste erobert. Im Schnittpunkte alter Handelswege nach Litauen und zum Bernsteinstrande gelegen, wurde sie zur Anlage einer Ordensburg bestimmt. Die Teilnahme des Böhmenkönigs hatte diesem Kriegszuge besonderen Glanz verliehen. Dem Könige zu Ehren nannte der Orden die neue Feste daher Königsberg.

Angelockt durch die günstige Lage der Burg strömten bald Siedler herbei, die sich längs des heutigen Steindammes ansetzten. Doch erlag diese Gründung bald dem Sturm der Preußen. Die Altstadt wurde daher am Pregelufer zu Füßen des Schlosses neu angelegt, wo sie sich rasch entwickelte. Die Aufgabe der neuen Burg als Bollwerk des Deutschtums im Osten ward als höchste Bestimmung auch über das gescbichtlidie Werden des jungen Gemeinwesens gesetzt. Seine Fortentwicklung aber verflocht sich eng mit dem Schicksal des Deutschordens.

Aus seiner kolonisatorischen Tätigkeit in Ungarn verdrängt, wandte der Orden seine ganze Kraft dem eroberten Lande am Baltischen Meere zu. Der Hochmeister verlegte 1309 seinen Sitz von Venedig nach der Marienburg. Königsberg aber wurde 1312 Sitz des Marschalls. Es war damit Hauptwaffenplatz für zahlreiche Kriegsfahrten geworden, die der Orden gegen seine Nachbarn ausführen mußte. Diese Unternehmungen waren zur Blütezeit des Rittertums in ganz Europa bekannt. Die abendländische Ritterschaft beteiligte sich gern an ihnen. 1340 war die Altstadt Königsberg schon ein geachtetes Mitglied der Hanse. Aber auch der Orden konzentrierte hier seine staatliche Wirtschaft. Die Erhebung der Burg zum bedeutenden Verwaltungszentrum hemmte die Machtentwicklung der städtischen Siedlung. Außer der 1286 mit Stadtrecht beliehenen Altstadt erhielten 1300 auch Löbenicht und 1327 Kneiphof vom Orden eigene Stadtrechte. Auch diese Kernstädte Königsbergs blieben in ihrer Ausdehnung beschränkt, und um sie erstand ein Kranz neuer Gemeinwesen im Bannkreise der Burg. Noch heute kennzeichnet diese Vielgestalt die Anlage des Stadtkerns.

Versagte die Zersplitterung der städtischen Siedlung Königsberg ein einheitliches und prächtiges mittelalterliches Stadtbild, so gewann die Stadt für die Folge mehr an politischer Bedeutung. Die Katastrophe von Tannenberg 1410 endete die Glanzzeit des Ordens. Neben den Polen und Litauern an den Grenzen bedrängten im Innern die nach Selbständigkeit strebenden Städte sein wankendes Staatsgefüge. Nach der Übergabe der Marienburg nahm 1457 der Hochmeister seinen Sitz im Königsberger Schlosse. Als Haupt- und Residenzstadt konnte Königsberg sich nunmehr eine beherrschende Stellung vor den Städten des Ordenslandes erringen. Im Zweiten Thorner Frieden büßte der Deutschordensstaat den räumlichen Zusammenhang und die staatsrechtliche Zugehörigkeit zum Reiche ein. Noch sechs Hochmeister kämpften in Königsberg um die Lösung des eingedeutschten Landes aus polnischer Lehnshoheit. Dann beendete der letzte, Albredit von Brandenburg, den Todeskampf des Ordens. Aut Luthers, des Reformators, Rat löste er den mönchischen Ritterstaat auf. Mit dem Frieden von Krakau 1525 trat Preußen, ungeachtet seiner Lösung aus dem Reichsverband, als Herzogtum in die Reihe der deutschen Territorialfürstentümer.

Die Tat Albrechts leitete in Königsberg eine glanzende Epoche deutscher Kulturentwicklung ein. Der Fürst strebte mit allen Kräften, sein Land geistig und materiell zu fördern. Ihm dankt Königsberg seine Erhebung zum deutschen Kulturzentrum im Osten. Die Krönung seines KultuTwerkes schuf Albredit mit der 1544 eröffneten Universität. Ihr erster Rektor war der Humanist Georg Sabinus, ein Schwiegersohn Melanehthons. Unter landesherrlicher Förderung erblühten auch Handel und Gewerbefleiß in der Stadt. Hochgeschätzt in jener Zeit waren besonders die herzogliche Plattnerei sowie die Büchsen- und Geschützgießerei. Albrechts Prunkschwert, das spätere Reichsschwert Preußens, und die kunstreichen Metalleinbände der Silberbücherei des Herzogs sind noch heute berühmte Beispiele der Leistungsfähigkeit Königsberger Werkstätten.

Vieles, was Albrecht geschaffen hat, mußte noch Samen bleiben, der erst später unter seinen Nachfolgern aufging. Dann aber erwies sich die ganze Fruchtbarkeit seiner Epoche. Es bedurfte nur weniger Generationen, daß sich in Preußen, unter Führung der Hauptstadt, ein eigenes, bodenständiges geistiges Leben entwickelte. Es zierte einen Volksboden, der aus Siedlerströmen aller deutschen Gaue mit den Ureinwohnern zusammengeschmolzen war. Hinzu kamen dann später Mennoniten aus Holland, Hugenotten, Schotten, Pfälzer, Salzburger und andere, meist wegen ihres Glaubens Ausgewanderte, die in Preußen eine neue Heimat fanden. Sie alle verwuchsen mit dem neuen deutschen Volksstamm in Preußen, der sich für die Sicherung des Deutschtums in den oft gefährdeten ostelbischen Gebieten entscheidende Bedeutung erworben hat.

Königsbergs deutsche Bedeutung im 17. Jahrhundert. In dem kraftvoll erblühenden Lande wuchs Königsberg im 17. Jahrhundert zu einer Stadt empor, die zu den größten und geistig bedeutendsten in deutschen Landen gehörte. An Bevölkerungszahl stand sie lange Zeit vor Berlin, das Königsberg erst unter dem Großen Kurfürsten überflügelte. 1623, das ist 14 Jahre nach der ersten deutschen Zeitung, wird auch in Königsberg bereits die älteste Zeitung nachgewiesen. Im 17. Jahrhundert erwarb die Königsberger Universität durch die Bedeutung ihrer Lehrer weitreichenden Ruhm. Damals bildete sich, wie auch an anderen deutschen Geisteszentren, in der Pregelstadt ein gelehrter Dichterkreis, dessen Mittelpunkt Simon Dach war. Das Volkslied „Ännchen von Tharau“ klingt noch heute als Zeugnis dichterischen und musikalischen Schaffens aus Alt-Königsbergs Tagen, in denen dort der Komponist Heinrich Albert wirkte, der das deutsche Lied der Barockzeit schuf.

Herzog Albrechts Enkelin, Anna von Preußen, vermählte sich mit dem nachmaligen brandenburgischen Kurfürsten Johann Sigismund. Diese Heirat hatte 1618 bei ihres Vaters Tode durch Erbanfall die Vereinigung Preußens mit Kurbrandenburg zur Folge. Annas Enkel, Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, nahm als letzter die Demütigung des polnischen Lehnseides auf sich. Im Frieden zu Oliva erreichte er die Anerkennung der Souveränität Preußens. 1663 huldigten ihm auch die preußischen Stände auf dem Schloßhofe zu Königsberg. Dieser Staatsakt vollendete die Bildung des brandenburgisch-preußischen Staates, der hernach vom alten Ordenslande seinen Namen „Preußen“ empfing und zum „Vorbild und Kristallisationskern“ der neuen deutschen Reichsbildung von 1871 wurde.

Krönungsstadt der preußischen Könige. Der Große Kurfürst regte den Bau einer Königsberger Handelsflotte an. Er verbesserte den Königsberger Hafen und ließ eine Fahrrinne nach Pillau baggern. In weitschauender Erkenntnis der verkehrsgünstigen Lage Königsbergs im europäischen Ostraum schloß er mit Rußland einen Handelsvertrag. Dieser erlaubte den Königsberger Kaufleuten, mit allen Plätzen des Zarenreiches frei zu handeln. Friedrich Wilhelms Sohn verlieh Preußen neuen Glanz, indem er sich 1701 im Königsberger Schloß die Königskrone aufs Haupt setzte. Zugleich stiftete er hier Preußens höchsten Orden vom Schwarzen Adler. Diese Ereignisse lenkten wieder aller Augen auf Königsberg. 1721 nahm der Graf zu Waldburg als erster Oberpräsident seinen Sitz in der Stadt, die damit zur Provinzialhauptstadt gekennzeichnet wurde. 1724 endlich wurden die, bis dahin noch selbständigen Königsberger Gemeinden unter einer Magisirats-verfassung vereinigt. Das Königsberger Stadtwappen mit dem Preußenaar, der die Schilde der drei Königsberger Kernstädte zusammenfaßt, ist das Symbol dieses segensreichen Verwaltungsaktes.

Das klassische Königsberg. Das 18. Jahrhundert war auch Königsbergs klassische Geistesepoche. Die alte Universität war eine Hauptträgerin des geistigen Aufschwunges. 1744, zur Zweihundertjahrfeier, hatte sie über 1000 Studierende, darunter viele Balten, Schlesier und andere Landesfremde. Diese Hochschule im deutschen Osten hat führend den entscheidenden Wandel des Jahrhunderts von der kirchlich-theologischen zur weltlich-philosophischen Weltanschauung vollzogen. Ihr bedeutendster Lehrer war Immanuel Kant (1724 bis 1804). Auf der Höhe der Aufklärungszeit wies er durch seine Kritik der Grenzen des menschlichen Erkennens Wissenschaft und Religion wieder auf ihre verschiedenen Ursprünge. In seinem „Kategorischen Imperativ“ einte er den absoluten Pflichtgedanken mit der Idee der inneren Freiheit. Seine Lehren bereiteten geistig den Boden, auf dem im Kampfe gegen den Korsen das niedergebrochene Preußen neu errichtet wurde. Als erhabener Lehrer der Pflicht wirkt er weiter in uns.

Tief in der Geistesart des alten Ordenslandes begründet war es, daß zugleich mit Kant ein kongenialer Geist für das Recht des Gefühls, des Organisch-Gewachsenen und des Historisch-Gewordenen den Kampf gegen die rationalistische Denkungsart in Königsberg führte. Es war Johann Georg Hamann, der Magus im Norden. Hamann öffnete Herder die universale religiöse Weltschau. Er faßte die Dichtung wieder in ihrer ursprünglichen Tiefe und ihrer Bindung an Gott und Volk. Goethe hat zuerst seine Werke gesammelt und ihr Herausgeber zu werden gehofft. Er tat es nicht allein, um dem Manne ein Denkmal zu setzen, der ihm ein entscheidender Anreger in seiner Sturm- und Drangzeit war, sondern auch, um seinem Vaterlande einen rechten Nationalschriftsteller zu schenken. Herder, Kants und Hamanns gemeinsamer Schüler, verband das klassische Königsberg mit Weimar. Schon vorher hatte ein anderer Ostpreuße, Gottsched aus Juditten bei Königsberg, der Vorkämpfer für die deutsche Sprache und das deutsche Theater, als Vorbote der für die deutsche Kulturgeschichte wirksam werdenden preußischen Geisteskräfte im Reiche gewirkt. Gottsched, Kant. Hamanii und Herder, diese mit Königsberg verknüpften Namen umschließen ein Jahrhundert höchster Geistesentfaltung des Preußentums.

Königsbergs Geistesleben im 18. Jahrhundert. Das Gesellschaftsleben der Stadt in dieser geistig so fruchtbaren Zeit stand auf hoher Stufe. Die geistige und künstlerische Geselligkeit spielte sich in kleineren Kreisen ab. In den Familien des Landadels war sie vorwiegend auf Musik abgestimmt. Auch.das allgemeine Musikleben entwickelte sich. 1753 erhielt Königsberg sein erstes festes Theatergebäude. 1794 wurde unter begeisterter Aufnahme durch das Publikum zum ersten Male „Die Zauberflöte“ aufgeführt. Die große Literatur des Landes fand in dem Königsberger Kanter einen großen Buchhändler und Verleger. In seinen* zu einem künstlerisch gestalteten Lesesaal ausgebauten Geschäftsräumen traf man sich damals wie auf einer literarischen Börse. Der bedeutendste ihrer Besucher war der junge Professor Immanuel Kant, dem ein kleines Museum in den heutigen Geschäftsräumen gewidmet ist. Das unter geänderter Firma noch bestehende Unternehmen hat sich zu einer Sortimentsbudihandlung von hervorragender Größe entwidcelt. An Kanters hochfliegende Pläne und seinen Ehrgeiz aber erinnert heute als Wandspruch im Gefolgschaftsraum des Hauses der fast zum geflügelten Wort gewordene Satz, den einmal Friedrich der Große als Randglosse und Ablehnungsbescheid auf Kanters Gesuch um den Kommerzienratstitel schrieb: „Buchhandeler ist ein honeter Titel.“ Hauptpflanzstätten Königsberger Geistes im 18. Jahrhundert aber waren Hamanns Freundeskreis — eine Akademie im kleinen, der die bedeutendsten Namen entstammen — und die Tafelrunde Kants, ein Querschnitt durch die Elite des geistigen und bürgerlichen Königsberg, derep der unbeweibte Philosoph zum Leben und Arbeiten bedurfte. In der Gesellschaft der Freunde Kants ist diese Tafelrunde symbolisch zum Andenken an ihren Gründer weiter aufrechterhalten worden.

Auf der Höhe einer Kulturentwicklung, die Königsberg zum Geisteszentrum mit Deutsche weit über die deutschen Grenzen wirkender Ausstrahlung erhoben hatte, erlebte die Stadt auch die stolzeste Zeit ihrer politischen Geschichte. Im Jahre 1806 hatte Franz von Lothringen die deutsche Kaiserkrone niedergelegt. Das alte Reich begann sich aufzulösen. Bei Jena zerbrach auch Preußens Kraft. In vier Wochen führte Napoleon seine Heere von der Saale über die Weichsel. Über ein Halbjahr mußte er im alten Preußenlande um die Entscheidung ringen. Im Tilsiter Frieden, der Preußens Großmachtstellung vernichtete, blieb Alt-Preußen dem Königreiche erhalten. Damit war dem Staate ein Kräftezentrum außerhalb des französischen Machtbereiches gerettet worden. Dorthin strömten nun alle, die an der Wiederaufrichtung Preußens mit-arbeiten wollten. Die kurze Spanne von 1807 bis 1813 wurde nach ihrem schöpferischen Gehalt und ihrer Auswirkung der am meisten mit der allgemein deutschen Geschichte verschmolzene Teilabschnitt Königsberger Geschichte.

Preußens Erhebung umstrahlt auch die alte ostpreußische Hauptstadt mit unvergänglichem Ruhm. Die schönste Frucht ihrer geistigen Führerschaft war die hervorragende Beteiligung ostpreußischer Staatsmänner, Politiker und Soldaten an dem großen Reformwerk zur Erneuerung und Wiederaufrichtung des Staates. In erster Linie waren es die Schüler Kants, die an der Gestaltung der Reformideen teilhatten.

Neben Ostpreußen, wie Heidemann und Schenkendorf, wirkten ferner bedeutende Männer aus dem Reiche, wie Fichte und Ernst Moritz Arndt, in Wort und Schrift für die politische Schulung der Bürgerschaft. Im Tugendbunde, dem Grolmann und Boyen ängehörten, fanden sich verantwortungsbewußte Männer zu sittlicher und körperlicher Erziehung im nationaldeutschen Sinne zusammen. Es war die Zusammenballung stärkster Willens- und Geisteskräfte der Nation, die der Freiherr vom Stein für sein Erneuerungswerk in Königsberg nutzen konnte.

Die erste in Angriff genommene Reform war die Regelung der Besitzverhältnisse der Bauern und ihre Befreiung aus der Erbuntertänigkeit. 1808 erschien sodann als erste Verwirklichung des großen Planes einer allgemeinen Selbstverwaltung eine für ganz Preußen geltende Städteordnung. Ihr Schöpfer war der Königsberger Polizeidirektor Frey. Die entscheidende Tat aber für die Errichtung neuer Staatsgrundlagen war die Erweckung des Wehrwillens im Volke und die Erhebung des Wehrdienstes zur nationalen Pflicht durch die Schaffung der Landwehr. Sie führte zur Befreiung.

Ostpreußen war der Hauptkriegsschauplatz des französisch-preußischen Ringens Ostpreußens Von 1806/07 gewesen und hatte in dessen Gefolge die größten Lasten zu tragen gehabt. Königsberg mußte eine viertägige Brandschatzung erleiden und eine Kontribution von 12 Millionen Franken hauptsächlich aufbringen. Besonders litt Königsberg noch unter der Kontinentalsperre, denn diese zerstörte die Haupteinnahmequelle der Stadt aus dem Ausfuhrhandel ostpreußischen und russischen Getreides nach England. Im Jahre 1811 vernichtete überdies die letzte der großen Feuersbrünste, die Königsberg heimgesucht haben, auch noch große Teile der Stadt. 1812 schließlich zogen die Hauptteile der großen Armee durch Ostpreußen nach Rußland und hausten hier wie in Feindesland. Ganz Ostpreußen stand vor dem Ruin. Königsberg hat noch bis 1900 die Tilgung der in dieser Notzeit aufgenommenen Gemeindelasten zu leisten gehabt.

Trotz des ungeheuren Druckes dieser Not gelangte die Erhebung zur Befreiung Preußens in Ostpreußen zuerst zum Durchbruch. Das Signal für sie war Yorcks Tat der Konvention von Tauroggen. Am 8. Januar 1813 war Yorck bereits in Königsberg und bald folgte aus Petersburg Stein, die Flamme der Erhebung zu schüren. Auf sein Drangen berief Auerswald eine Versammlung der ostpreußischen Stände nach Königsberg, um über eine Landwehrordnung zu beraten, die Stein, Yorck, Clausewitz und Dohna entworfen hatten. Yorcks flammende Begeisterung riß auch die letzten Zögernden mit. Am 7. Februar erfolgte der endgültige Beschluß über die Errichtung einer Landwehr. Der Bericht der Versammlung hierüber an den König schloß mit den Worten: „In dem großen Plan der Vorsehung kann die Vernichtung des preußischen Staates nicht liegen. Dieser Staat ist der Welt und der wahren Aufklärung nötig .. Dieses Vorgehen in Königsberg gab den letzten Anstoß zum offenen Bruch mit Frankreich und zur Aufstellung von Landwehren in ganz Preußen durch Verordnung des Königs. Als dieser am 17. März seinen Aufruf „An mein Volk“ erließ — Verfasser des Aufrufes war der Königsbcrger von Hippel, ein Neffe des Oberbürgermeisters und Freundes Kants — da stand die ostpreußische Landwehr bereits fast vollzählig. Von ihren Taten ist die Erstürmung des Grimmaischen Tores in der Völkerschlacht bei Leipzig durch das Königsberger Landwehrbataillon am meisten bekanntgeworden.

Die Wiederherstellung Preußens, das zum beherrschenden norddeutschen Staate emporwuchs, sah Ostpreußens Hauptstadt wie geschildert von der Höhe ihres Wohlstandes hcrabgestürzt. Noch schwerwiegender aber wirkte auf das alte Handels- und Verkehrszentrum in der Folge die Technisierung der Wirtschaft und des Verkehrs im 19, Jahrhundert. Diese verlegte das wirtschaftliche Schwergewicht an die Stätten der Eisen- und Kohlegewinnung nach dem Westen, der zugleich auch durch den Ausbau der überseeischen Handelswege dem Ostseeraum den Vorrang abgewann. Dort aber brachten politische Maßnahmen wie der Sundzoll und die Preußen-feindliche Handelspolitik Rußlands vollends den Handelsverkehr über Königsberg zum Erlahmen.

Um so bedeutsamer war daher Königsbergs fortwirkendes Eigenleben auf geistigem Gebiet. Es äußerte sich politisch durch führende Anteilnahme an den Bestrebungen um die Einführung einer Verfassung in Preußen sowie in der Rolle, die Königsbergs Vertreter im Frankfurter Parlament und später im Reichstage spielten. Wenn auch im Zeichen der neuen Reichsbildung die Stadt in den Hintergrund des politischen Geschehens treten mußte, so erinnerten erneut die Krönung Wilhelms I., 1861, sowie die Zweihundertjahrfeier des preußischen Königstums, 1901, an ihre hohe Tradition für das zu strahlendem Glanze emporgestiegene Preußen. Auch die altehrwürdige Albertina bewahrte durch die Bedeutung ihrer Lehrer ihren Rang. Bessel legte in Königsberg die Grundlagen der modernen Astronomie. Helmholtz erfand hier den Augenspiegel. Karl Ernst von Baer legte die wichtigsten Grundlagen der heutigen zoologischen und biologischen Forschung und entdeckte das menschliche Ei. Felix Dahn veröffentlichte in Königsberg seinen „Kampf um Rom“.

Mit einem allgemeinen Anwachsen des Bildungsstrebens wuchs in der Stadt auch die Pflege der Künste, besonders der Musik. 1836 bis 1838 war Richard Wagner am Königsberger Theater als Kapellmeister tätig. Er schloß in der Pregelstadt seinen ersten Ehebund. Robert Schumann widmete seinem Königsberger Aufenthalt interessante Tagebuchblätter. Liszt wurde 1841 bei seinem Besuche sogar von der Universität ehrenhalber zum Doktor der Musik promoviert. Die bildenden Künste vollends erfuhren eine erhöhte Förderung in der Stadt durch die Schaffung einer Kunstakademie (1845).

Das äußere Bild Königsbergs im 19. Jahrhundert wurde weitgehend bestimmt durch die Anlage von Festungswerken, die seit 1843 entstanden und die Stadt zu einer der stärksten Festungen des Staates machten. Die große Garnison mit Regimentern ältester Tradition verlieh Königsberg im besten Sinne den Charakter einer Soldatenstadt. Die Überführung der sterblichen Hülle des auf Ösel gefallenen Weltkriegsdichters Walter Flex nach dem alten Standortfriedhof hat der historischen Bedeutung Königsbergs als Pflanzstätte besten Soldatentums erneut symbolischen Ausdruck gegeben.

Erst um die Mitte des Jahrhunderts brachten die wieder auflebenden wirtschaftlichen Kräfte der Stadt ein schnelles und anhaltendes Aufblühen ihrer Bevölkerungszahl und ihres Wohlstandes. Königsberg wurde dem europäischen Eisenbahnnetz angeschlossen. Der Bau eines Seekanals zum Vorhafen Pillau und die Verbesserung des Pregelhafens schufen weitere Entwicklungsbedingungen für den Handel. Die Begünstigung der deutschen Ostseehäfen im deutsch-russischen Handelsverträge von 1894 schließlich brachte die Vorteile der Lage Königsbergs zur höchsten Auswirkung. Königsberg wurde den russischen Ostseehäfen frachttariflich gleichgestellt und erhielt damit wieder sein natürliches wirtschaftliches Hinterland von der Newa bis zum Schwarzen Meer. Die Stadt entwickelte sich jetzt zu einem der bedeutendsten deutschen Transithäfen der Ostsee. Sie versorgte die westlichen Industriegebiete mit Getreide. Für Hülsenfrüchte, insbesondere russische Linsen, war Königsberg der bedeutendste Weltmarkt. Die günstigen Transportmöglichkeiten wurden ferner ausschlaggebend für die Errichtung moderner Industrien in der Stadt. Alle diese Umstände in Verbindung mit den Segnungen der langen Friedenszeit nach den deutschen Einigungskriegen bewirkten ein Anwachsen ihrer Bevölkerung. Königsberg, das 1802 54 000 Einwohner gezählt hatte, nahm mit rund 250 000 im Jahre 1910 den 17. Platz unter 47 deutschen Großstädten des Kaiserreiches ein.

Als Königsberg sich gerade anschickte, den veralteten, hinderlichen Festungsring niederzulegen, brach der erste Weltkrieg aus. 1410 war das Banner der Altstadt bei Tannenberg verlorengegangen. 1914 rettete die Schlacht bei Tannenberg die Stadt vor den Schrecken des Russeneinfalls in Ostpreußen. Lange noch war sie Operationsbasis für die Kämpfe. Dann stellte das Diktat von Versailles Königsberg erneut vor seine alte kämpferische Bestimmung, seine Geltung zugleich mit seinem Deutschtum zu erhalten. Härter als die anderen deutschen Landesteile hatte Ostpreußen das Nachkriegsschicksal getroffen, denn es wurde wieder vom Reichskörper abgetrennt. Die völlige Veränderung des europäischen Ostraumes traf besonders seine Hauptstadt, deren Wirtschaftsgrundlagen durch sie erneut vernichtet waren.

In festem Glauben an einen Wiederaufstieg aber ging Königsberg nach Vertreibung der roten Aufrührer im Jahre 1919 an den Neubau seiner Zukunft. Der Hafen wurde großzügig ausgebaut, der Seekanal vertieft und befeuert, die Eisenbahnanlagen vergrößert. Insbesondere wurde ein moderner Großbahnhof als Hauptbahnhof sowie ein Bäderbahnhof erbaut, von dem in kurzer Fahrt die weitbekannten Bäder der sam-ländischen Steilküste und der Kurischen Nehrung erreichbar sind. Vor allem aber wurde Königsberg durch einen Flughafen auch dem Luftverkehr angeschlossen. Durch Schaffung weiträumiger Grünanlagen und aufgelockerter Siedlungen begann die wachsende Stadt ihr städtebauliches Gepräge neu zu formen. Zur Förderung des kaufmännischen Nachwuchses gründete sie eine Handelshochschule. Ferner wurde der Ostmarken-Rundfunk, der heutige Reichssender Königsberg, geschaffen, 1920 schließlich eröffnete die Deutsche Ostmesse Königsberg zum ersten Male ihre Tore. Sie blieb ein städtisches Unternehmen und vermochte als anerkannte Mustermesse von nationalem und internationalem Charakter bald wieder Königsberg den Rang eines internationalen Wirtschaftszentrums zu verleihen.

Zwanzig Jahre — bis zum Feldzug der 18 Tage — erfüllte die Hauptstadt des feindumschlossenen Ostpreußenlandes trotz wirtschaftlicher Not und feindlichem Terror ihre alte kämpferische Bestimmung für das Deutschtum im Osten. Die alte Soldatenstadt darf besonders stolz darauf sein, daß sie zur Zeit der Wehrlosigkeit Deutschlands eine der wichtigsten Aufbaustätten der deutschen Wehrmacht gewesen ist. Es hat darum einen tieferen Sinn, daß Adolf Hitler am Vorabend des 5. März 1933 vom Schlageterhaus zu Königsberg seinen letzten Aufruf an das deutsche Volk richtete. Er hat für seine wieder mit dem Großdeutschen Reiche vereinigte Gauhauptstadt die Durchführung gewisser von ihm selbst bestimmter städtebaulicher Maßnahmen angeordnet und ihre Gestaltung zu einem strahlenden Kulturzentrum im deutschen Osten vorgesehen.

Königsberg hat das Glück gehabt, zur Zeit seines sprunghaften Wachstums in der Gründerzeit entlegene Provinzstadt gewesen zu sein. Weder das Mietskasernenelend noch prunkhaft aufdringlicher Kitsch haben in ihr überhand nehmen können. Neben solidem Neuen bewahrt sie besonders im alten Stadtkreise noch manch Schönes und Wertvolles aus vergangenen Jahrhunderten. Immer noch herrschen die alten Wahrzeichen über dem Weichbild der Stadt und ihren neuzeitlichen Industrie- und Hafenanlagen. So ist Königsberg gerade wegen dieser abwechslungsreichen Vielgestalt eine reizvolle Stadt. Um dieses zu erkennen, muß man sich einmal zu einer Pferdedroschkenfahrt Zeit nehmen, sowie auch zu einer besinnlichen Wanderung oder einer Hafenrundfahrt. Diese zeigt am schönsten die malerischen Reize des breiten, sumpfigen Pregeltales, von dem aus besonders die auf dem Nordufer ansteigende Stadt sich vieltürmig wirkungsvoll darstellt. Das Bild des Königsberger Innenhafens mit seinen schmalen Kais, umsäumt von malerischen Häuserfronten, und seinem bunten Gewimmel wird immer einer der stärksten Eindrücke bleiben, die Königsberg vermittelt.

Als beherrschendes Wahrzeichen der alten Stadt ragt vom höchsten Uferrand desPregeltales weithin sichtbar das Schloß auf. Wer Geschichte und Kulturleistungen Königsbergs in Gedenkstätten und Schausammlungen kennenlernen will, trete durch eins, der engen Tore in den lichten Schloßhof, Schlichtheit und Formstrenge im einzelnen geben seinen vielgestaltigen Bauteilen einen harmonischen Zusammenklang.

Die ehrwürdigen Innenräume bewahren die Zeugnisse der historischen Ereignisse. Die Wappen der Ritter des Schwarzen Adlerordens schmücken die feierliche Krönungskirche. In der darüberliegenden Ruhmeshalle haben die Fahnen der ostpreußischen Regimenter der alten Armee ihren Ehrenplatz. Hier findet man auch die Bildnisse großer Ostpreußen in einem Ehrenraum. Unter ihnen seien als Kinder Königsbergs neben Kant, Hamann und Gottsched der Dichter und Musiker E. Th. A. Hoffmann, der Komponist Otto Nicolai, der die „Lustigen Weiber von Windsor“ schuf, sowie noch der große Maler der Barockzeit Michael Willmann genannt.

In den ehemals königlichen Gemächern sind besonders kostbar der Fliesensaal, einst der Festsaal des Herzogs Albrecht, in dem die staatsrechtlichen Akte der Krönungen vollzogen wurden, das Geburtszimmer des ersten Preußenkönigs, in renaissancemäßiger Raumgestaltung, und das Stiftungszimmer des Schwarzen Adlerordens. Aber auch reiche museale Schätze erfreuen den Kunstfreund im Schloßbau. Die Sammlungen der Prussia bewahren wertvollste Funde aus Ostpreußens Vorgeschichte. In den ehemals herzoglichen Gemächern werden die Schätze der Staats- und Universitätsbibliothek gezeigt. Unter ihnen ist die Silberbibliothek des Herzogs Albrecht mit ihren prunkvollen, metallischen Bucheinbänden, meist Königsberger Arbeit, eine besondere Kostbarkeit. Aus den städtischen Kunstsammlungen im Südflügel sei schließlich ein Bernsteinzimmer als einzigartige Sehenswürdigkeit genannt. Es wurde unter Friedrich I. für das Stadtschloß Berlin geschaffen und ist spater Peter dem Großen geschenkt worden. Zuletzt befand es sich in Zarskoje Selo, wo es unsere siegreichen Soldaten vor der Zerstörung bargen.

Die nur angedeutete Fülle des Schönen und Sehenswürdigen an einem Orte, wo preußisch-deutsche Geschichte, sichtbar an wertvollsten Zeugnissen, wieder auflebt, gestaltet auch den Besuch des Schlosses zu einem gewiß unvergeßlichen Erlebnis Königsberg«. Dabei haben wir einer Stätte in den ordenszeitlichen Kellern dieses wundersamen Baues noch gar nicht gedacht, des sagenumwobenen Blutgerichts, der schönsten der Königsberger Weinkneipen und zugleich einer der stimmungsreichsten in deutschen Landen. Ja, es ist schwer, sich aus diesen Räumen vom Schlosse zu trennen.

Gewiß, es gibt noch außerhalb seiner Mauern mehr bedeutende Sammlungen in Königsberg. Denken wir nur an das Zoologische Museum außer welchem noch ein reichhaltiger Zoologischer Garten vorhanden ist — oder das Bernsteinmuseum der Universität, das einzige dieser Art überhaupt. In dem Hause, dessen Räume es heute aufnehmen, wohnte einst Eichendorff. Es gibt auch noch weitere historische Stätten, die mit hohen Kunstwerten ausgestattet sind, so das ehemals Kneiphöfsche Rathaus. Es ist heute noch Rathaus der Stadt im engeren Sinne und umfaßt hinter seiner südländisch heiteren Fassade einen Komplex verschiedenartiger Bauten, deren Grundmauern zum Teil bis ins 14. Jahrhundert reichen. Sie bergen die Repräsentationsräume des Oberbürgermeisters mit besonders schönen barocken Stuckdecken, die Stadtgeschichtlichen Sammlungen und das Kantmuseum. Noch eindrucksvoller durch seine Geschlossenheit wirkt der Dom mit seinen Innenräumen. Außer seiner kostbaren kirchlichen Einrichtung aus dem 16. und 17. Jahrhundert sowie seltenen Wandmalereien und schönem Chorgestühl aus der Ordenszeit besitzt das Gotteshaus einen wunderbaren Reichtum an Grabdenkmälern. Das 1570 datierte Grabmonument des Herzogs Albrecht sei als vornehmstes genannt. In den stimmungsvollen Turmräumen des Dombaues ist mit der Wallenrodtschen Bücherei schließlich ein Kulturbeispiel des gelehrsamen 17. Jahrhunderts unberührt als Zeugnis einstigen Glanzes erhalten. Niemand hat die Schönheit des im äußeren so schlichten Dombaues, an dessen Chorwand Immanuel Kants Gebeine ruhen, schöner gedeutet als Agnes Miegel, die noch heute in ihrer Vaterstadt schaffende Königsberger Dichterin. Ihre Jugenderinnerungen umspinnen die engen, stillen Gassen der Kneiphofinsel, die später einmal als Beispiel Alt-Königsbergs pfleglich erhalten werden sollen.

Und doch — mögen Dom und Rathaus künftig noch schöner in ihrer altertümlichen Umgebung erscheinen — das hochaufragende Schloß in einem der Brennpunkte des Großstadtverkehrs wird immer das sinnfälligste alte Wahrzeichen der Pregelstadt bleiben. Es gewährt umfassend zugleich die weiteste Rückschau in das Werden der Stadt und des Landes sowie einen der schönsten Rundblicke über das Weichbild Königsbergs. Blicken wir umher, so fallen uns zwei geschlossene alte Teile nahe beim Schlosse auf. Im Osten, am aufsteigenden Uferrand des Pregels, um die oben errichtete Kirche die alte Brauerstadt Löbenicht. Sie mutet fast flämisch an und besitzt in ihrer Langgasse noch die unzerstörten alten Giebelfronten. Dort hat einst Heinrich von Kleist am „Prinzen von Homburg“ gearbeitet und „Michael Kohlhas“ sowie den „Zerbrochenen Krug“ vollendet. Im Westen, am Hundegatt, am Zusammenfluß der Pregelarme, das Speicherviertel der Lastadie mit Fachwerkbauten, die zum Teil noch aus dem 16. Jahrhundert stammen. Nirgends ist der nordische Charakter Königsbergs deutlicher ausgeprägt als an diesem Hafenbild, das an die Deutsche Brücke in Bergen erinnert. Mit ihren treuherzig bunten Hausmarken und ihrem farbigen Balkenanstrich sind die Speichergassen, die heute noch reges Leben und Treiben erfüllt, Königsbergs Malerwinkel.

Hinter ihnen liegt der Packhof, das Zollager am unteren Pregel, wo einst Hamann eine Verwalterstelle innehatte. Noch weiter, hinter der großen Drehbrücke am Holländerbaum — der einstigen Zollsperre —, beginnt der Außenhafen mit seinen tiefen Becken, großen Lagerhäusern und dem grotesken Gewirr seiner Kräne. Hier befinden sich nicht nur die gewaltigen Silos und Mühlen, die dem Getreide-Transitverkehr dienen, sowie die Umschlag- und Stapelplätze für Holz, Kohle, Öl, Baustoffe und anderes, hier sind auch die wichtigsten Industriewerke gelegen. Königsberg besitzt Zellstoffwerke, eine Waggonfabrik und eine bedeutende Werftindustrie. Zu nennen sind ferner Sperrholzfabrikcn, Brauereien und die Bernsteinindustrie als über die Zahl vieler kleinerer Betriebe an Umfang hervorragend. Die Industrie ist meist im Pregeltal bis weit oberhalb der Stadt verteilt, so daß sie im Gesamtbilde zurücktritt, der Hafenansicht aber einen gesteigerten Eindruck verleiht. Aber noch über dieses stolze Bild des schaffenden Königsbergs hinweg schweift das Auge vom hohen Schlosse bis zu den Uferhöhen des blinkenden Haffes, wo die Stadtgrenze verläuft.

So zeigt der Rundblick von der alten Stadtmitte, wie die Altstadt, heute im wesentlichen Sitz der Geschäftswelt, nur einen kleinen Teil des Stadtgebietes bedeckt. Er lockt zu neuen Entdeckungsfahrten in die weiträumigen Außenbezirke. Wer aber vom hohen Königsbau über den langgestreckten grünen Schloßteich blickte, hat wohl den schönsten Weg aus der zusammengedrängten, vom Lärm des Verkehrs erfüllten Innenstadt in die ruhige Weite jenseits des Wallrings gefunden. An alten Garten vorbei führt er zu dem heiter offenen, noch größeren Oberteich, den noch Festungsmauern säumen. Der Königsberger Festungsgürtel ist zur erholsamen Grünanlage geworden. Reizvoll eingefügte Gartenidylle beleben seine Bastionen und winkeligen Gräben. Großräumig aber und frei, aus der natürlichen Gegebenheit in Anlage und Bepflanzung entwickelt, entfalten sich hinter ihm die weiteren gartenbaulichen Anlagen. Entlang an Wasserläufen oder mit parkartigem Charakter um Teiche und alte Erdbefestigungen in immer wechselnder, anmutiger Art geschaffen, umgeben sie die aufgelockerten Stadtteile. Zwanglos fügen sie die Baugruppen in die weitüberschaubare Landschaft der Umgebung, in die sie fast unmerklich den Stadtrand überleiten. Sie gewähren beglückendes Naturerleben und stille Einsamkeit ungeachtet der modernen Verkehrsstraßen, die unaufdringlich sie durchschneiden. Bis in die engen Häuserteile aber tragen sie den Erdduft des flachen Landes. Noch ist die anwachsende Großstadt ihm nicht entfremdet.

Noch nistet der Storch auf ihren Dächern. Den Sprosser hört man selbst in den Gärten des Schloßteichs. Im Herbst und Frühjahr aber kann man Scharen von Enten, Gänsen, Tauchern und Möwen auf den Gewässern finden, während man auf stillen Wegen im Vinter Seidenschwänze und den Eisvogel als Gäste aus dem hohen Norden beobachten kann. Das schönste Erlebnis aber gewährt die Sommerstadt, wenn zur Sonnenwendzeit nach traumhaftem Farbenspiel des Sonnenunterganges die Dämmerung des hellen Nordhimmels still und von Blütenduft durchweht über dem glasklaren Spiegel der Gewässer steht, bis mit den ersten Vogcl-.stiramen die bald wieder aufsteigende Sonne die Morgennebel rötet.

Wer aufmerksam die Stadt, insbesondere in ihren äußeren Teilen, durchstreift, sieht überall die Ansätze eines kraftvollen neuen Wachstums. Seit dem Niedergange nach dem ersten Weltkriege hatte das Jahr 1933 für Königsberg das Ende eines unaufhaltsam scheinenden Abstieges gebracht. Die drückende Arbeitslosigkeit wurde durch die neue Führung bald beseitigt. Königsberg erstarkte wieder als Führungs- und Wirtschaftszentrum des gesundenden Ostpreußengaues. Das Stadtgebiet wurde duröh Eingemeindungen auf rund 193 Quadratkilometer vergrößert. Die Einwohnerzahl wuchs bis an das vierte Hunderttausend. Rasche und großzügig angelegte Aufbauleistungen erfüllten die Gauhauptstadt wieder mit stolzem Kraftbewußtsein.

Vermochte das im Nationalsozialismus geeinte Reich diese Wandlung bereits zu vollbringen, als der europäische Ostraum noch im Zeichen des Versailler Diktates stand, so wird die siegreiche Beendigung des zweiten Weltkrieges in ungleich höherem Mäße die Voraussetzungen für einen weiteren Aufstieg Königsbergs schaffen. Der günstigen geographischen Lage und der Machtstellung des Deutschtums im Osten verdankte die alte Deutschordensstadt ihre Entwicklung zur modernen Großstadt. Beide Momente werden nach diesem Kriege in glückbringender Vollkommenheit wirksam werden. Denn künftig hat Königsbergs Wirkungskraft ungehinderte Ausdehnungsmöglichkeit auf einen riesigen, neuen nordosteuropäischen Wirtschaftsraum, der unter deutscher Führung stehen wird. Königsberg ist aber naturgegebener Kristallisationspunkt für eine künftige Ordnungsarbeit im europäischen Osten und im Ostseeraum, liegt es doch fast im geographischen Mittelpunkt aller möglichen Beziehungen dieses Raumes. Während die Entfernung in der Luftlinie von Königsberg nach Berlin 570 Kilometer beträgt, so beträgt sie beispielsweise nach Stockholm 562 Kilometer und nach Krakau 510 Kilometer. Während Königsberg von Kiew wie von Kassel nur 864 Kilometer entfernt ist, beträgt die Entfernung zum nächsten Schwarzmeerhafen Odessa rund 1200 Kilometer. Königsberg liegt gerade an der Südostecke der Ostsee, die zugleich die tiefste Landeinschnürung zwischen dieser und dem Schwarzen Meer kennzeichnet. Infolge des rechten Winkels, den die nach Norden biegende Meeresküste hier bildet, besitzt die Stadt ein verhältnismäßig großes Hinterland.

Unter den Eisenbahnlinien, die von Königsberg ausgehen, sind vor allem die Ostbahn Berlin—Königsberg—Eydtkau sowie die Südbahn Königsberg—Prostken zu nennen, die eine Verbindung nach dem ehemals westrussischen Eisenbahnnetz sowie zur Ukraine herstellen. Königsberg liegt auch in einem Netz gut ausgebauter Landstraßen, die zum Teil ihre Fortsetzungen jenseits der alten Grenzen Ostpreußens besitzen. Von den geplanten, für den Kraftwagen-Fernverkehr wichtigen Autobahnen ist die Strecke nach Elbing bereits seit Jahren fertiggestellt. Im Luftverkehr ist Königsberg schon seit Ende des ersten Weltkrieges wichtiger Flughafen der Link Berlin—Moskau gewesen. Die Linie Riga—Helsinki ist außerdem schon während des jetzigen Krieges wieder in Betrieb genommen. Sie wird einmal ihre Verlängerung nach Stockholm finden und nach Süden ihre natürliche Fortsetzung bis Breslau und Wien erhalten. Königsberg wird sich dann zu einem wichtigen Luftverkehrskreuz entwickeln.

Auf dem Binnenwasserwege schließlich hat der Königsberger Hafen über Weichsel und Bromberger Kanal Anschluß an das zentraldeutsche Kanalnetz. Er wird künftig über die Weichsel durch den Dnjepr-Bug-Kanal sowie über die Memel durch den Dnjepr-Memel-Kanal auch unmittelbare gute Wasserverbindung mit dem Schwarzen Meere besitzen. Königsbergs Entwicklung zu einem Verkehrszentrum erster Ordnung in dem neuerschlossenen Ostraum ist nur noch eine Frage der Zeit.

Die Auswirkung der künftigen Verkehrsverhältnisse wird vor allen Dingen einen vollen Einsatz des eisfreien Königsberger Hafens zur Folge haben. Das Gebiet der oberen Memel, Ruthenien und insbesondere die Ukraine sind sein natürliches Hinterland. Königsberg war früher der bedeutendste deutsche Getreideexporthafen an der Ostsee. Dreiviertel seiner seewärtigen Ausfuhr bestand aus Waren russischer Herkunft. Er wird künftig eine noch größere Bedeutung als zentraler Sammelplatz erhalten, auf den die Rohstoffe und landwirtschaftlichen Überschüsse des Hinterlandes zusammenströmen. Wenn hierbei der Ost-West-Verkehr auch weiterhin erheblichen Anteil nehmen wird, so wird doch der infolge Königsbergs Lage nahe dem geographischen Mittelpunkt der Ostsee mehr naturgegebene Nord-Süd-Verkehr einmal den Vorrang gewinnen. Nach der Ausschaltung Englands aus dem Ostseeraum wird nämlich künftig Königsbergs Hafen wichtig als Einfalltor nach Südosten für die industriellen Erzeugnisse der skandinavischen Staaten. Zugleich wird damit auch seine Entwicklung zum maßgeblichen Transithafen für die Versorgung der Nordstaaten mit den ihnen mangelnden Landwirtschaftserzeugnissen aus den Überschußgebieten des Königsberger Hinterlandes gegeben sein. Der Ausbau des Hafens mit seinen Umschlags- und Lagereinrichtungen sowie seinen Verkehrsverbindungen wird also eine der Hauptaufgaben Königsbergs für die Zukunft.

Eine nicht minder wichtige Aufgabe wird auch die künftige Gestaltung Königsbergs als Messestadt. Die Gründung der Deutschen Ostmesse knüpfte bewußt an die Tradition der Königsberger Kaufmannschaft im Ostgeschäft:. In ihrer messetechnischen der Ost-Gliederung kam sie den Besonderheiten des Ostmarktes entgegen. Schließlich hat die Deutsche Ostmesse von jeher durch die Förderung zwischenstaatlicher Verkehrsbeziehungen das Ostgescbäft gefördert. Die erhebliche Zahl ausländischer Staaten des Ostseeraums, aus Südosteuropa und andererseits aus dem fernen Osten, die als Aussteller sowie Entsender von Einkäufern und Interessenten an der Messe teilnahmen, ließ bereits die gemeinsamen Interessen eines kontinentalen Handelsblocks im eurasischen Raum deutlich erkennen. Mit Hilfe des ihm angeschlossenen Wirtsehaftsinstitutes für die Oststaaten hat das Messeamt trotz aller Schwierigkeiten unter den früheren Verhältnissen eine intensive Marktbeobachtung und Marktforschung betrieben. Es verzeichnete eingehend alle Regungen und Wandlungen im Osten und brachte die Folgerungen in der Gestaltung der Messen zum Ausdruck. Für die Deutsche Ostmesse wird durch die Befriedung und Neuordnung des Ostraumes ein neuer Lebensabschnitt mit weitest gespannten Wirkungsmöglichkeiten beginnen. Er wird durch einen großzügigen und repräsentativen Neubau der Ausstellungshallen auf einem neuen, ungleich größeren Gelände auch äußerlich in Erscheinung treten.

Neben diesen umfassenden Wirtschaftsaufgaben wird für Königsberg als geistiger Hochburg des Deutschtums im Osten die Erfüllung kultureller Aufgaben wie stets vornehmste Pflicht sein. Königsberg wird das Glück haben, seine repräsentative Neugestaltung nach dem Formwillen des Führers zu erhalten. Mit ihr wird ein planvoller Ausbau des gesamten Stadtgebietes Hand in Hand gehen. Er wird — neben einer Lösung drängender Wohnungs- und Verkehrsprobleme und einer Ausmerzung von Häßlichem — durch neue repräsentative Bauanlagen städtebauliche Höhepunkte schaffen, deren das weiter wachsende moderne Stadtgebiet bedarf. Diese städtebauliche Neugestaltung wird zugleich die vom Führer gewünschte Gestaltung der Stadt als deutsches Kulturzentrum einleiten, indem sie die Grundlagen der kommenden kulturellen Arbeit schaffen wird.

Als maßgeblicher Kulturfaktor der deutschen Geltung im Ostraum wird in Zukunft aber Königsberg nicht mehr auf einsamer Vorpostenstellung stehen, sondern Eckpfeiler einer geschlossenen deutschen Front von der Memel bis zu den ostmärkischen Gauen sein. Noch im vorigen Jahrhundert hat diese alte Siedlerstadt als Glied des kleinen Preußenstaates dem ganzen Deutschland ihre Kraftimpulse vermittelt. Zum erstenmal in ihrer Geschichte wird sie jetzt ihre deutsche Ostmission als stolze Repräsentantin eines geeinten, mächtigen Deutschen Reiches erfüllen, das sein Antlitz bewußt nach Osten wendet.

Siehe auch:
Deutsche Geschichte-Zeittafel
Germanen kämpfen um Europa
Die Wikinger, eine neue germanische Welle.
Das Reich der Deutschen beginnt
Großtaten des deutschen Volkes-Das Rittertum und seine Aufgaben
Großtaten des deutschen Volkes-Deutsche gewinnen Raum im Osten
Deutsche Bauern und Bürger sichern das Neuland.
Deutsche Städte — deutsche Kunst.
Großtaten des deutschen Volkes-Die deutsche Hanse.
Der deutsche Bauer und sein Schicksal
Eine neue Welt tut sich auf— Große Erfindungen
Fürstentrotz und Glaubensstreit zerstören das Reich.
Die Not ruft den Erneuerungs willen des Volkes wach.
Martin Luther, der Reformator.
Volkskämpfe im Schatten der Reformation.
Der Kampf deutscher Fürsten gegen Kaiser und Papst.
Glaubenskämpfe in anderen Ländern Europas.
Am Glaubensstreit geht das Reich zugrunde.
Der Dreißigjährige Krieg (1618—1648).
Randstaaten werden Weltmächte.
Ein neues Deutschland ersteht.
Um die Herrschaft über Europa und die Welt.
Wiedergeburt und Befreiung des deutschen Volkes.
Das deutsche Volk will die Einheit.
Bismarck errichtet das neue Reich.
Das Reich unter Kaiser Wilhelm II.
Im Weltkrieg unbesiegt.
Die Schmach von Versailles und die Republik