Kolonie und Heimat : Rückblick und Ausblick

Mit Befriedigung können wir auf das Kolonialjahr 1909 zurückblicken, denn auch dieses Jahr hat den Kolonien wieder wichtige Fortschritte auf allen Gebieten gebracht. Ein Fortschritt ist namentlich der, dass die Bedürfnisse der Kolonien im politischen Leben nachgerade mit derselben Selbstverständlichkeit behandelt und anerkannt werden, wie die andrer Bestandteile des Reichs. Und es ist heute beinahe unmöglich, dass wohlbegründete Forderungen der Kolonialverwaltung sang- und klanglos im Reichstag unter den Tisch fallen, wie dies noch vor kaum drei Jahren vorgekommen ist. Es sind ansehnliche Summen, die den Kolonien in den letzten zwei Jahren zu ihrer wirtschaftlichen Erschliessung mit erfreulicher Uebereinstimmung der meisten Parteien bewilligt worden sind. Namentlich

das Eisenbahnnetz der afrikanischen Kolonien

hat sich in dieser Zeit bedeutend entwickelt, ln Südwestafrika ist die Südbahn von Lüderitz-bucht nach Keetmanshoop und Kalkfontein bis in die Nähe von Warmbad geführt worden und nun soll das Eisenbahnnetz in der auf Seite 2/3 geschilderten Weise grosszügig ausgestaltet werden. ln Kamerun sind heute etwa 103 Kilometer der Nordbahn betriebsfertig und im nächsten Herbst wird die Linie ihren vorläufigen Endpunkt int Manengubagebirge erreichen. Inzwischen schreiten die Arbeiten an der Mittellandbahn Duala — Edea — Widimenge rüstig vorwärts, und hoffentlich werden bald auch die berechtigten Wünsche des Südbezirks betreffend den Bau einer Südbahn von Kribi nach Lolodorf befriedigt. In Togo wird energisch an dein Bau der Bahn nach Atakpame gearbeitet. Ostafrika ist vor zwei Jahren am reichsten bedacht worden. Dieser Kolonie wurden damals über 700 Kilometer Eisenbahn bewilligt, davon 700 Kilometer von Morogoro nach Tabora, 45 Kilometer an der Usambarabahn. Von ersterer Linie sind mittlerweile rund 100 Kilometer fertig geworden und die Arbeiten schreiten stetig vorwärts, sodass die Zentralbahn wohl schon in weniven Jahren Tabora erreichen wird. Für das Jahr 1910 ist der Ausbau der Nordbahn nach dem Kilimandjaro vorgesehen, der ohne Zweifel vom Reichstag gutgeheissen werden wird. Hoffentlich wird auch das Projekt der Südbahn nicht ganz vergessen. Der Ausbau der Bahnen wird jedenfalls

die Besiedlung der Kolonien

wesentlich fördern. Namentlich die ostafrikanische Nordbahn dient dem ausgesprochenen Zweck, das Kilimandjarogebiet der Besiedlung zu erschliessen. Es ist dort sogar eine landwirtschaftliche Versuchsstation im Entstehen begriffen, die Vorarbeiten soll. Wir verweisen dazu auf den Artikel unter Otafrika. Die Studienreise des Unterstaatssekretärs v. Lindequist hat demnach ein praktisches Ergebnis gezeitigt. In Südwestafrika ist der Andrang von Ansiedlungslustigen gegenwärtig recht bedeutend, namentlich finden sich auch in steigendem Masse vermögende Leute ein, die die Kolonie zu ihrer Heimat machen wollen. An sich sind die Fortschritte, die die Entwicklung der Farmwirtschaft macht, zufriedenstellend, obwohl die Selbstverwaltung der Kolonie fühlbare Lasten auferlegt hat. Leider gibt es aber auch eine Reihe von Ansiedlern, die schwer zu kämpfen haben, weil ihre Mittel beschränkt sind. Schon lange wartet dieser Teil der Bevölkerung auf das von Dernburg in Aussicht gestellte Kreditinstitut, das ihnen über die schwersten Zeiten hinweghelfen könnte. Es soll zugegeben werden, dass dieses Kreditinstitut ein schwer zu lösendes Problem ist, denn die notleidenden Farmen bieten noch keine ausreichenden realen Unterlagen für eine Beleihung. Aber wir meinen, die Kolonialverwaltung hätte aus dem durch die Diamantengewinnung geschaffenen verhältnismässigen Ueberfluss wohl mit einer kleineren Summe, vielleicht 100 000 Mark, einen Fonds gründen können zur Gewährung von Krediten an würdige Personen. Den in Frage kommenden Ansiedlern wäre in den meisten Fällen mit 2—3000 Mark ausreichend geholfen Die Finanzwirtschaft der Kolonie würde dieses kleine Opfer nicht allzuschwer belasten, im Vergleich zu dem idealen und wirtschaftlichen Nutzen der dadurch geschaffen würde. Dem Reichstag zur Beachtung empfohlen! Da wir grade bei Südwestafrika und den Diamanten angelangt sind, ein paar Worte über

die Diamantenproduktion,

die einen überraschenden Aufschwung genommen und den Finanzen in Südwest einen ansehnlichen Zuschuss gebracht hat. Rund 6 1/2 Millionen betragen die Einnahmen, die der Fiskus daraus zieht, und man muss es der Kolonialverwaltung hoch anrechnen, dass sie diese Mehreinnahmen sofort zu einer bleibenden Anlage verwenden will, zum Ausbau des Eisenbahnnetzes der Kolonie. Man kann — wenn man auch das beste hoffen will — nie sicher wissen, wie lange der Diamantensegen anhält. Umsomehr ist die weise Voraussicht der Kolonialverwaltung zu loben.

Der Bergbau

macht überhaupt gute Fortschritte. Verschiedene Goldlager in Ostafrika geben gute Ausbeute, auch die Salzgewinnung erweist sich an mehreren Stellen als ergiebig. Nicht minder zeitigt die Kupfergewinnung in Südwest zufriedenstellende Resultate. Natürlich befindet sich der Bergbau im grossen und ganzen noch in den Kinderschuhen, aber die Anfänge sind doch vielversprechend.

Die Erzeugung von Produkten für den Weltmarkt

steht neben den Diamanten nach wie vor im Vordergrund und entwickelt sich in erfreulicher Weise Namentlich die in Ostafrika zahlreich entstandenen Sisal- und Kautschukkulturen beginnen Erträge abzuwerfen. In neuerer Zeit wird auch der Gewinnung von Nutzhölzern grössere Aufmerksamkeit zugewendet. Freilich darf man nicht erwarten, dass die Pflanzungsunternehmungen schon jetzt glänzende Ergebnisse erzielen. Wie alle landwirtschaftlichen Unternehmungen brauchen sie selbstverständlich eine Reihe von Jahren zu ihrer Entwicklung. Natürlich dürfen ihnen vorläufig keine Lasten auferlegt werden, darum kann man auch die Neigung der Kolonialverwaltung, zur Schaffung von Einnahmen Ausfuhrzölle auf Plantagenprodukte einzuführen, nicht gut heissen. Ebenso wird es gut sein, wenn man den Bestrebungen der Pflanzer hinsichtlich der Arbeiterbeschaffung nach Möglichkeit entgegenkommt. Das wird umso leichter möglich sein, da in neuerer Zeit

der Streit um die Eingeborenenfrage

auf beiden Seiten einer ruhigeren Auffassung Platz gemacht hat und sich die feindlichen Lager in der Praxis einander genähert haben. Es ist eben vielfach in begreiflichem Eifer über das Ziel hinausgeschossen worden.

Die finanzielle Selbständigkeit der Kolonien

ist im verflossenen Jahre wiederum fortgeschritten, und die Zuschüsse, die das Mutterland zu leisten hat, werden immer kleiner. Insbesondere beginnen die Diamantenfunde in Südwestafrika die Scharte auszuwetzen, die der Krieg geschlagen. Ueber die andern Kolonien ist in dieser Hinsicht nichts Besonderes zu sagen. Nur in Samoa fällt es auf, dass die Eingeborenen noch gar nichts zu den allgemeinen Lasten beitragen und namentlich ist nicht zu verstehen, wieso die Erträge der Kopfsteuer geradezu ängstlich für die nutzlose „Eingeborenenverwaltung“ reserviert werden, dergestalt, dass nicht einmal Ueberschiisse anderweit verwendet werden sollen.

Es scheint denn doch, als ob die Eingeborenenpolitik Samoas reichlich unmodern wäre und es wäre Zeit, dass man auch dort, wie in andren Kolonien der Fürsorge für die Eingeborenen eine entsprechende Erziehung zu Pflichten gegenüberstellte. Wir beginnen doch jetzt allmählich, nachdem vermöge erhöhter Erschliessungstätigkeit die praktische Erfahrung wächst, in unsre kolonialen Aufgaben hinein zu wachsen und manches, was uns früher erregt hat, erscheint uns heute selbstverständlich. wenn nicht unwichtig und lächerlich. Alles in allem kommen wir allmählich auf den rechten Weg und können die Hoffnung hegen, dass uns auch das neue Jahr wieder einen Schritt vorwärts bringen wird.

Vom Streit um die Diamantfelder. Beim Reichstagspräsidium sind aus dem südwestafrikanischen Schutzgebiet zwei Depeschen eingegangen, die sich auf die Diamantenfrage beziehen. In der ersten übermittelt der Bürgermeister von Lüderitzbucht mit der Bitte um Weitergabe an die Mitglieder des Reichstages eine Entschliessung, die von einer zahlreich besuchten Versammlung Lüderitzbuchter Bürger einstimmig angenommen worden ist und in der der Reichstag gebeten wird, bei seinem Wiederzusammentritt eine Untersuchungskommission zur Prüfung der Gründungen von Diamantengesellschaften einzusetzen. Namentlich wird der Reichstag gebeten, darauf hinzuwirken, dass der Vertrag mit der Diamantenregiegesellschaft über den 31. März 1911 hinaus nur unter angemessenen Bedingungen gegen eine wirkliche Gegenleistung an den Landesfiskus und nur dann verlängert werden soll, wenn die zuständigen Dienststellen im Schutzgebiet und der Landesrat der Kolonie befragt woiden sind und die Bedingungen annehmbar gefunden haben. Die zweite Depesche ist von Einwohnern von Keetmanshoop eingesandt, die sich der Lüderitzbuchter Resolution anschliessen.

Kamerun

Selbstverwaltung in Kamerun. Kamerun scheint Ostafrika in einer Hinsicht überflügeln zu wollen. Während in Ostafrika im letzten Jahr die vorhandenen Anfänge einer Selbstverwaltung aufgehoben worden sind, will man jetzt in Kamerun, das eine viel schwächere weisse Bevölkerung hat, damit einen Anfang machen. Eine Verordnung betreffend die Selbstverwaltung in Kamerun steht als erster Punkt auf der Tagesordnung der für den 15. Februar 1910 in Aussicht genommenen Sitzung des Kameruner üouvernem’entsrates. Ausserdem sind für die Beratung in Aussicht genommen Verordnungen betreffend die Heranziehung zu Steuerleistungen, den Handel mit geistigen Getränken und deren Ausschank im Schutzgebiet Kamerun, eine Baupolizeiverordnung und Schulordnung.

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