Kriegs-Gedächtnis-Male

Mögen diese kurzen Ausführungen des Stiftes und der Feder dazu beitragen, die Richtung zu klären, in der sich bei Denkmalsfragen die Erwägungen und Gedankengänge zu bewegen haben.

von Fritz Schumacher

Auf dem Gebiete des Denkmals mag man die trübsten Erfahrungen gemacht haben, trotzdem wird ein Volk, das Zeiten gewaltigen Erlebens durchmacht, von dem Streben, das Gedächtnis dieser Zeiten in sichtbarer Gestalt zu verewigen, nicht abzuhalten sein. Der Trieb dazu ist zu eng mit dem innersten Wesen des Menschen verwachsen, er ist der Urtrieb, der zur Kunst führte, er bezeichnet die Art, in der sich das Bedürfnis nach einer höheren Auffassung menschlichen Geschehens äußerlich zusammenzufassen sucht.

Vielerlei Gründe führen uns dazu, zu hoffen, daß dieser Trieb Formen finden wird, in denen er zugleich lebendigen Kulturbedürfnissen Erfüllung bringt. Wir hoffen, daß das Gedächtnis an die Zeiten dieses gewaltigen Ringens zusammengefaßt wird in der Errichtung von Volkshallen und allerlei Stätten geistiger oder körperlicher Kräftigung, sodaß das Nützliche sich verbindet mit dem idealen Erinnerungsgedanken. Alles, was im einzelnen zur Förderung und Ausbildung solcher Absichten beitragen kann, sollte getan werden. Trotzdem aber wird man nicht hindern können, daß daneben auch das Denkmal als Selbstzweck seine Rolle weiter spielt.

Es wird in der reichen Mannigfaltigkeit verschiedenartig liegender Vorbedingungen immer Verhältnisse geben, wo der Zweck einer Anlage die Ehrung als solche ohne weitere praktische Nebenabsichten bleibt, wo also die Phantasiegestaltung, die nur sich selbst will, wie in allen früheren Zeiten hervortreten muß und hervortreten wird. Nach den Erfahrungen des letzten Menschenalters sieht man den Erscheinungen, die dabei zu erwarten sind, mit einer gewissen, oft schon geäußerten Besorgnis entgegen, und von vielen Seiten ist man bemüht, durch allerlei Vorbilder die kommende Willensrichtung in bestimmte Geleise zu bringen. Man empfand es in diesem Streben zunächst wie befreiend, als der Gedanke auftauchte, für die Symbole der Erinnerung auf den Zufall mannigfaltiger Einfälle zu verzichten und mit einem einzigengroßen Gedanken, dem Gedanken der Eichenpflanzung in Heldenhainen, alle auftretenden Bedürfnisse in großzügiger Einheitlichkeit durch ganz Deutschland hindurch zu bestreiten.

Der immer gewaltiger werdende Maßstab des gegenwärtigen Geschehens hat die Form, in der dieser Gedankedurchgeführtwerden sollte, wohl schon endgültig gesprengt; es würde in großen Städten schon rein äußerlich nicht mehr durchführbar sein, jedem Gefallenen eine Eiche zu setzen. Ich glaube nicht, daß es möglich sein wird, diesen oder irgend einen einheitlichen Gedanken in unserem Vaterland zur Ausführung zu bringen. In Wahrheit wird es also doch wieder herauskommen auf verschiedenartige Lösungen, die sich in mannigfaltiger Form an den einzelnen Stätten entwickeln, und damit steigt die Gefahr, die es zu beschwören gilt, unvermeidlich wieder hervor. Kann man sie nicht durch einen Einheitsgedanken bannen, muß man einer anderen Hoffnung nachgehen und ihrer Erfüllung die Wege zu ebnen suchen.

Diese Hoffnung liegt darin, daß jeder Ort, in dem ein Erinnerungsmal entsteht, anknüpft an eine örtliche Situation, die nur in ihm gegeben ist, und die dadurch der Art des Gedächtniszeichens ein ganz bestimmtes Gepräge gibt. — Das ist eine Forderung, auf die man immer wieder hinweisen möchte, denn nichts ist auf dem Gebiete des Denkmals schlimmer, als die Verwirklichung von künstlerischen Einfällen, die eigentlich an beliebiger Stelle stehen könnten. Die Kriegsdenkmäler von 1870/71 sind, ganz abgesehen von ihrem Werte als Einzelleistungen, fast alle so geartet, daß man sie beliebig von Stadt zu Stadt austauschen könnte; irgend ein leerer Platz wird mit ihnen mehr oder minder geschickt besetzt, an der gleichen Stelle könnte mit leisen Abänderungen auch irgend etwas anderes oder auch gar nichts stehen.

Wir alle sind uns klar, daß wir dem nicht wieder verfallen dürfen. Wir dürfen nicht Erinnerungsmale schaffen, für die viele Plätze möglich wären, sondern wir müssen Zusammenhänge suchen, die einer Denkmalswirkung eine ganz besondere, nur in dieser einen Art mögliche Form geben. Aus der Eigentümlichkeit der Natur, aus den städtebaulichen Linienzügen einer großen bestehenden Anlage, aus dem Wesen eines vorhandenen Bauwerkes müssen die Vorbedingungen des zu Schaffenden entspringen. Der Gedanke, aus dem die Denkmals-Anlage entsteht, muß ein wesentliches Stück ihres Charakters sein.

So macht das Vorhandene, an das angeknüpft wird, die Schöpfung nicht nur eigenartiger, sie steigert auch ihre innere Bedeutung, und das ist nicht unwichtig, denn in den kommenden Zeiten wird auch der Gesichtspunkt eine Rolle spielen, mit möglichst geringem Aufwande möglichst starken Ausdruck zu erreichen, und wir werden uns nicht wie früher darauf verlassen können, die Bedeutsamkeit des zu Ehrenden durch den Aufwand von Millionen zu verdeutlichen. Wir müssen das Gleiche erzielen durch die innere Schlagkraft des Anlagegedankens und dann durch die edle Feinheit seiner künstlerischen Durchführung.

Aus alle dem würde nun eigentlich hervorgehen, daß man allgemeine Gesichtspunkte für Denkmäler solcher Art in Form von Entwürfen garnicht aufzustellen vermag, sodaß es wie ein Widerspruch erscheint, wenn hier trotzdem Entwürfe vorgeführt werden. In Wahrheit ist es keiner, wenn man die Blätter richtig betrachtet. Das will heißen: man darf sie nicht ansehen als Vorbilder, sondern nur als Strichproben für Gedankengänge, die zuDenkmalsanlagen führen können. Alle diese Studien, die unabhängig von einander aus verschiedenen Anlässen hervorgegangen sind, haben das Eine gemeinsam, daß sie nicht von einer Denkmalsidee ausgehen und nun einen Platz dafür suchen, sondern daß sie von bestimmten Vorbedingungen ausgehen und diese Vorbedingungen zu einem Erinnerungsmal zu verwerten trachten.

Dieses Gemeinsame ist also gerade das, was sie im ersten Augenblick so ungemeinsam erscheinen läßt. Sie werden hier nicht gezeigt, um ihres Eigenwertes willen, sondern als Mittel, um einen Gedankengang in verschiedenen Abwandlungen zu verdeutlichen. Sie ergänzen dadurch in gewisser Weise die Grundsätze im Bilde, welche „Dürerbund“ und „Heimatschutz“ bereits zu diesem Kapitel aufgestellt haben und vervollständigen das schöne Material, das namentlich in Österreich aus ähnlichen Gefühlen heraus schon zusammengetragen ist. — Was im einzelnen mit den Anregungen gemeint ist, die hier beabsichtigt sind, läßt sich am besten klarlegen, wenn wir die verschiedenen Arbeiten daraufhin etwas näher ins Auge fassen.

Hier bedarf die sinngemäße Gestaltung der Erinnerungsmale besonderer Aufmerksamkeit, weil hier am leichtesten eine geschäftige Denkmalsindustrie ihre Opfer findet. Vor allem braucht es nicht immer ein Denkstein zu sein, wonach man ausschaut; man kann beispielsweise an den einfachen Turm der schmucklosen Kirche eine kleine Vorhalle bauen und sie zur Gedächtnisstätte für die Helden ausgestalten. In die Öffnungen zwischen den hölzernen Stützen ist reichgeschmiedetes Gitterwerk gespannt, das die Schilder mit den Namen der Gefallenen in seinen Verschlingungen trägt. Die Aufgabe muß so durchgebildet sein, daß das örtliche Handwerk die Arbeit selber durchzuführen vermag; gerade auf dem Gebiete der Schmiedekunst haben die norddeutschen Küstenstriche in früheren Zeiten besonders erfreuliche Blüten getrieben; an diese alten Überlieferungen kann man neu wieder anknüpfen.

Noch einfacher ist die Lösung, welche die Abb. S. 336 darstellt. Sie ist bereits vor dem Kriege zum Gedächtnis des Jahres 1870 71 in einer ländlichen Gemeinde ausgeführt. 1200 Mk. waren gesammelt, um das Denkmal zu schaffen. Das Bild des Landesherrn, der zugleich Heerführer gewesen, war Bedingung der Gestaltung ; ein namhafter Bildhauer erbot sich, für 800 Mk. die Plakette zu liefern, große Sprünge konnte man in der weiteren Gestaltung also nicht machen. Die Wahl des Ortes mußte dem kleinen Erinnerungszeichen die innere Bedeutung geben. Neben dem Torhaus zum Kirchplatz war ein Stück kahler Mauer; in sie ist das schlicht gerahmte Relief eingefügt, die Namen der Gefallenen daneben, Stufen heben den Ort ab von der Straße. Die ganze heimliche Ecke ist zum Denkmal geworden, mit dem Torhaus, der Mauer und den Bäumen, ja mit dem freundlichen Kirchturm im Hintergrund.

In der Abb. S. 337 wird ein ähnlicher Gedanke in einer Stadt verfolgt. In einer ihrer Hauptstraßen liegt die ehrwürdige alte Kirche. Die großen, nackten Joche ihres Seitenschiffes ragen in das Leben desTages. Was maninsie einsetzt, wird über seine eigentliche Form heraus gewaltig an Wirkung gesteigert; es kann klein sein und wird doch groß wirken, wenn es ein ganzes Kunstwerk ist. — Würde heute ein neuer Peter Vischer ein solches Epitaphium mit dem ganzen unerschöpflichen Reichtum seiner sprudelnden Kunst erfüllen, so könnte es auch für große Dinge ein vollgültiges Sinnbild werden. Am besten aber würde sich solch ein Platz eignen zur Ehrung eines einzelnen Helden oder einer einzelnen Tat. —

Auch bei den Abbildungen Seite 338 ist an einen örtlichen Helden oder eine einzelne Heldentat gedacht. Zwei große Kastanien in einer öffentlichen Anlage geben den Anhaltspunkt. Nicht die architektonische Durchbildung, sondern der Zusammenhang mit den Bäumen und die Fassung durch eine strenge Linie des Geländes heben den einfachen Stein aus der Sphäre des Grabmals heraus in die Sphäre des Denkmals. — Die Abmessungen des Steines der Abb. S. 339, der den Gefallenen der deutschen Marine im Jahre 1906 als Erinnerungszeichen gesetzt wurde, erheben sich ebenfalls nicht über die Größe eines mittleren Grabmales.

Der umhegte Platz inmitten eines kleinen Haines gibt erst die Steigerung zum Denkmal. Mit dem Aufwand von außerordentlich geringen Kosten mußte ein bedeutsames Thema bewältigt werden. Außer der Gesamtanlage ist das Hauptmittel dafür die ungewöhnliche Wirkung zahlloser Namen auf einfacher Steinfläche. Schrift wirkt ehrwürdig; eine steinerne Chronik kann in sachlichster Schlichtheit feierlich werden.

Genügte vor dem Kriege dieser schlichte Denkstein, um die Namen derer aufzunehmen, die für unsere Flotte ihr Leben gelassen, so geben die mannigfaltigen Taten unserer Marine neuerdings Anlaß zu den verschiedensten Erinnerungs-Malen. Es ist nur ein Notbehelf, wenn wir sie irgendwo auf festem Lande errichten. Gelingt es, sie mit dem Meer in unmittelbare Verbindung zu bringen, so gibt das erst den rechten und vollklingenden Akkord.

Jeder, der norddeutsche Häfen gesehen hat, kennt jene mächtigen Pfahlbündel, die aus dem Wasser hervorragen, um den Schiffen Gelegenheit zum Vertäuen zu geben; Dückdalben nennt der Seemann die phantastisch wirkenden Gebilde. An sie kann man, wie die Abb. S. 340 und 341 zeigen, anknüpfen, sei es, daß man einen mittleren Pfahl säulenartig emporragen läßt und ihn krönt mit einer kleinen bronzenen Siegesgöttin, sei es, daß man einen trotzigen Adler von Gaul’schem Gepräge auf einen Unterbau metallener Spangen setzt, die sich aus den Köpfen der Pfähle entwickeln, — sei es, daß man zu schlichteren Gebilden kommt. Wenn sich künftig in den kleinen Orten unserer Küsten hier und da solch ein Erinnerungsmal aus dem Wasser erhebt, wird es in all seiner Einfachheit große Erinnerungen zu wecken vermögen.

Hart am Rande des Wassers auf einer Höhe ist das Wahrzeichen gedacht, das in der Abb. S. 342 zur Darstellung kommt. Eine Flottille von Schifferbooten, die sich im Dienste des Vaterlandes herauswagte, ist nicht wiedergekehrt; in schlichter Form ist hier ihr Gedächtnis gewahrt. Jedem Schiff ist eines der gleichartigen Male gewidmet, die nur in ihrer oberen Schmiedearbeit auf das besondere Fahrzeug und seine Insassen durch individuelle Einzelheiten Bezug nehmen; die Ausführung bleibt im Rahmen einfachen handwerklichen Könnens. Den Hintergrund desEindrucksgibt die weite Wasserfläche.

Auch beim Festlandsdenkmal wird das Wasser in andererWeise eine starke, die Wirkung steigernde Rolle spielen können. Auf den Abbildungen S. 343 ist in einem öffentlichen Park eine von Bäumen umstandene Wiese zu einer Gedächtnisanlage umgewandelt, ein flaches Wasserbecken ist in die Grasfläche gelegt, Heckenwände schließen den Hintergrund. Das Denkmal, das mit dieser Anlage in Verbindung steht, braucht nicht mehr besondere Abmessungen zu haben; es kann ein intimes Kunstwerk werden und wird doch eine gehobene Bedeutung wahren. Gerade in mittleren Städten wird es viele Fälle geben, wo man vor allen Dingen danach trachten muß, zu solchen intimen Kunstwerken zu kommen. Beim Kriegs- und Helden-Denkmal liegt ein wesentlicher Teil der Gefahr darin, daß man sich aus dem Thema heraus zu großen Maßstäben im Kunstwerk verpflichtet fühlt und dadurch entweder zu außerordentlich kostbaren oder zu leer wirkenden Gebilden kommt. Die Art der Anlage kann in mannigfaltigster Weise den absoluten Maßstab ersetzen.

Für Denkmäler vaterländischer Art gibt es nur die Wahl zwischen ganz gewaltigen Abmessungen und normalen Maßstäben, die einer verfeinerten künstlerischen Behandlung nicht schaden. Die Größensteigerung mittleren Grades wird meistens unfruchtbar. — Parkähnliche Eindrücke kommen auch in Betracht, wenn die Kriegs-Erinnerung auf dem Friedhofe zusammengefaßt wird. Seitdem wir dem Friedhofe die künstlerische Form wiedergewinnen, beginnen wir auch immer mehr, ihn als einen Teil unseres öffentlichen Lebens, und nicht als eine Provinz des Todes zu betrachten. Er ist die lebendige Chronik bürgerlicher Erinnerungen, und seine Ge-staltungistviel-fach die weitaus monumentalste Aufgabe, die einer Stadt in unseren Tagen gestellt wird.

Es kann sehr wohl in Betracht kommen, nicht nur die Erinnerung an die auf ihm bestatteten Gefallenen, sondern auch die allgemeine Erinnerung an Kampf und Überwinden in seinem Rahmen zum Ausdruck zu bringen. Das ist ganz besonders in solchen Städten ins Augezufassen, wo die vorhandene Entwicklung es schwer macht, ein Erinnerungs-Mal in große, städtebauliche Linienzüge einzugliedern, der Friedhof aber vermöge seinernatürlichen Vorbedingungen u. Bedürfnisse ein freies, großes Disponieren der Zusammenhänge noch zuläßt. — Die Skizze in der Abbildung S. 345 verdeutlicht einen solchen Fall, der besonders reicher Abwandlungen fähig sein dürfte. Hier handelt es sich um einen in flachen Terrassen ansteigenden Friedhof, der als oberen Abschluß eine Erinnerungshalle zeigt, die in einer hochragenden Kruzifixusgruppe ausklingt. Die Halle würde alle auf das Gemeinsame gehenden Erinnerungsbeziehungen aufnehmen. Die Gräber der hier bestatteten Einzelnen würden in gleichartiger Herrichtung die innere Zusammengehörigkeit anzeigen.

In der unteren Abb. S. 345 ist anknüpfend an bestehende Verhältnisse eine andere Form durchgebildet, um die Zusammengehörigkeit einer kleinen Gräbergruppe monumental zum Ausdruck zu bringen. Ein Hauptweg der Friedhofsanlage führt durch einen sumpfigen Teich ; dieser ist zu einer klaren Form gefaßt und gibt nun, ohne Aufbietung weiterer baulicher Aus-drucksmiltel, einen räumlichen Rahmen, der die Grabstätten, die ihn umgeben, zusammenfaßt. Hier kann man sogar bei ähnlicher Größenentfaltung individuelle Grabmale zu errichten wagen, ohne fürchten zu müssen, daß die Einheitlichkeit dadurch zerrissen wird.

Es liegt ja nahe, wenn man einen vorhandenen Anknüpfungspunkt für das Mal großen, gemeinsamen Fühlens und Erlebens sucht, zunächst dahin zu blicken, wo ähnliche Empfindungen bereits ihre Verkörperungen finden, zu Anlagen kirchlicher und halbkirchlicher Natur. In früheren Zeiten haben sich die Zeichen historischer Erinnerungen mit einer gewissen Selbstverständlichkeit an diesen Brennpunkt des Gemeinsamkeitsgefühles angeschlossen. Die Vorhalle der Kirche, die Außenwand der Kirche, der anschließende Friedhof, die Kirchhofsmauer sind Träger geschichtlicher Erinnerungen, und es ist für uns heute noch natürlich, in alten Städten diese Erinnerungen an solcher Stätte zu suchen. Wir fühlen, wie die ehrwürdige Umgebung alle Wirkungen steigert.

Hieran wieder anzuknüpfen erscheint auch heute noch durchaus natürlich, nicht nur in Formen, wie sie die bescheidenen, hier gegebenen Beispiele zeigen, sondern unter Umständen in noch viel weitergehender Art. Die StadtWands-bek verfolgt beispielsweise den Gedanken, an ihre Hauptkirche einen Kreuzgang anzubauen, der Kriegserinnerungen bergen soll, und in Lübeck hat Professor Schäfer vorgeschlagen, die alte Katharinen-Kirche, die gottesdienstlichen Zwecken nicht mehr dient, zu einer Kriegshalle auszugestalten. In Bremen könnte man auf einer ähnlichen Grundlage zu einer wundervollen Lösung kommen. Hier ist während des Krieges der Anbau an den alten Dom von Feuer vernichtet und dadurch der alte Kreuzgang, der unversehrt blieb, aus der Haft störender Ein- und Umbauten erlöst, in der er bisher vergessen war. Der ganze zerstörte Baukörper soll neu errichtet werden; dadurch ergibt sich die Gelegenheit, den Kreuzgang zum Marktplatz hin durch ein Tor zu öffnen und zur Gedächtnisstätte für den Krieg auszugeslalten. Mitten im historischen Herzen Bremens könnte dieser Fleck stiller Weihe liegen, alle Möglichkeiten zu einer befriedigenden Lösung stehen offen, wenn dieser Zweck in die neuen Bauabsichten des Domes mit aufgenommen wird. Das sind Pläne, die jene natürliche Wurzelkraft in sich tragen, die eine Stadt berechtigt, einen eigenen Denkmalsgedanken zu verfolgen. Aber derartige Anknüpfungen sind nicht auf einen kirchlichen Hintergrund beschränkt, so sehr dieser auch als erstes in Betracht kommen mag. Es ist durchaus nicht ausgeschlossen, auch an andere Monumentalgebilde anzuknüpfen, wenn sie ihrer Gestaltung nach geeignet erscheinen, um als Hintergrund eines bedeutsamen Eindrucks zu dienen. —

Die Abbild. Seite 346 bis 351 geben hierfür ein Beispiel. In einer großen Stadt steht ein alles überragender, mächtiger Wasserturm als Zielpunkt in der reichentwickelten Mittelachse eines Volksparks. Das Bedürfnis hat hier eine Massenentfaltung veranlaßt, die durch nichts anderes in der Stadt erreicht werden kann. Alles erscheint klein neben diesem Koloß von 55 Metern. Die Masse ist edel von Künstlerhand abgestimmt. Sie ist gleichsam ein Stück neutraler Monumentalität, das darauf wartet, seine individuelle Bedeutung zu erhalten. Durch ein inhaltsschweres Abzeichen kann man diese neutrale Monumentalität einer bestimmten Bedeutung widmen.

An diese Möglichkeit wird angeknüpft. Der Turm wird durch bedeutsame Bildhauerarbeit verziert und durch eine architektonische Anlage zum Abschluß eines Ehrenhofes gemacht, der dem Gedächtnis des großen Krieges geweiht werden soll. — Das eigentliche Denkmal wird dieser Ehrenhof ; die weithin wirkende repräsentative Kraft erhält er durch den Turm, das intime Wesen seines Anlagegedankens bleibt trotzdem gewahrt. Turm und Ehrenhof sind durch zwei mächtig-ragende, reitergeschmückte Pfeiler miteinander in bauliche Beziehung gebracht. Die innere Verbindung vermittelt zudem das reich sprudelnde Wasser, das dem Turm schon in seiner jetzigen Gestalt entquillt. In den Hallen aber, die den Ehrenhof umgeben, entfaltet sich der eigentliche Erinnerungsgedanke. Hier findet er die Möglichkeit, sich dem verschiedensten Inhalt und der mannigfaltigsten künstlerischen Form anzupassen.

An den Wänden dieser Hallen werden die Namen der Helden in Inschriften verewigt; die einzelnen Gruppen, zu denen sie zusammengefaßt werden, kann ein besonderes Kunstwerk schmücken, das der Waffentat gewidmet ist, der ihr Opfertod galt. Monumentale Malerei und feinsinnige Plastik kann hier zur Geltung kommen. Diese besonderen Kunstwerke können gestiftet werden von Angehörigen, die einen der Ihren unter den Helden der betreffenden Gruppe haben und ihn zusammen mit seinen Kameraden ehren wollen. Zwischen den Jochen des Umganges, die der persönlichen Erinnerung gewidmet werden, sind auf beiden Seiten der Anlage größere Hallen an kleinen einspringenden Höfen eingeschoben, in denen das allgemeine Erinnern an den großen Kampf und seine Führer zum Ausdruck kommen kann. Hier bietet sich besonders Gelegenheit zur Entfaltung persönlichster Kunst.

So bildet die ganze Anlage einen Rahmen, der allmählich im Laufe der Zeit ausgefüllt und immer reicher geschmückt werden kann. Viele verschiedene Künstler vermögen dabei mitzuwirken, und eben weil die Durchführung nicht gebunden ist an einen einzigen Mann und an eine bestimmte Zeit, sondern sich mannigfaltig ausführen läßt, ohne den einfachen zusammenhaltenden Rahmen zu gefährden, trägt solch ein Gedanke eine gewisse Gewähr in sich, zu einer lebensvollen und reichen Verwirklichung dessen zu führen, was hier künstlerisch zum Ausdruck kommen soll. —

Wenn ein solcher Ehrenhof im Laufe der Jahre geschmückt wird von unseren edelsten Künstlern und so die Dinge einzeln lebendig werden, von denen er Kunde geben soll, kann an seinen Wänden ein großes Dokument entstehen, aus dem wir wie aus den Seiten einer geschmückten alten Chronik lesen können von dem Ringen und Siegen, den lauten und verschwiegenen Taten, die diese schweren Jahre gezeitigt haben. Je mehr ein Denkmalsgedanke großen Stiles solch eine Möglichkeit persönlicher künstlerischer Einzelbelebung innerhalb eines großen zusammenfassenden Gedankens in sich trägt, um so leichter kann seine Durchführung fruchtbar werden. — Denkt man sich dann später eine solche Anlage als Mittelpunkt einer vaterländischen Feier, so gibt sie dafür ebenso gut den Rahmen wie für die stille, weihevolle Betrachtung des Alltags. Tausende können sich in diesem Hofe und auf dennatürlichenTribünen, welche die Dächer der flachen Hallen bilden, versammeln. Aus den großen Bronze-Schalen, mit denen die Eckbauten gekrönt sind, und von dem Stein, der in den Kaskaden des Wassers steht, lodern Flammen empor; alles ist bereit für eine würdige Feier, deren Wirkung weiterreicht, bis herein in die großen Volkswiesen des Parkes.  So bietet sich ein natürlicher Festplatz, der sonst für die Massen einer Großstadt schwer zusammen mit einem Erinnerungsmal würde gewonnen werden können.

Solch ein Festplatz im Zusammenhänge mit dem Gedächtnismal scheint aber in der Großstadt als etwas sehr Wichtiges, um der Erinnerung lebensvolle Formen zu geben. Will oder kann man die Gelegenheit nicht ausnützen, die sich, wie im vorstehenden Falle durch die Anlage eines großen Parks ergibt, so deutet die Abbildung S. 349 auf eine andere Möglichkeit. Der Krieg traf uns gerade in einer Zeit, wo der glänzende Anlauf, den die Entwickelung der Leibesübungen und der Kampfspiele während des letzten Jahrzehntes in Deutschland genommen hat, begann, auch äußeilich seine Früchte zu tragen. Manch eine Stadt war im Begriff, große arena-artige Anlagen für die Entfaltung solcher Spiele zu errichten ; der Ruf nach ihnen ging einmütig durch alle Großstädte. — Wo man mit derartigen Anlagen bereits begonnen oder aber die Not Wendigkeit ihrerVerwirklichung anerkannt hat, liegt es nahe, die Stälte der Erinnerung an große vaterländische Kraftleistungen mit dieser Stätte der Stählung des Kraftbewußtseins in Zusammenhang zu bringen, nicht etwa, indem man nun auf solchen Plätzen ein Denkmal aufstellt, nein! der ganze Kampfspielplatz muß das Denkmal werden. An hervorgehobener Stelle mag dieTribüne sich steigern zu einer Gedächtnishalle, in der Arena mögen sich stolze Säulen erheben, sonst bedarf es keiner Denkmalsentfaltung, die Selbstzweck bleibt. Die einfache, edle Form, in der die Bedürfnisse der Anlage gelöst werden, kann als Mal des Gedenkens wirken.

Kommt man zu einer solchen Lösung, so werden alle vaterländischen Feiern in ganz neuer Weise Leben und zündende Wirkung erhalten können; sie werden in Verbindung mit Wettspielen der Jugend ein immer frisch bleibender, natürlicher Bestandteil unseres Lebens werden und dadurch das Gedächtnis der Helden am treuesten wahren. Die hier gezeigte Skizze macht keinen Anspruch auf einen Entwurf ; sie mag nur dazu dienen, das Wort mit einer lebendigen Vorstellung zu begleiten.

Diese Stichproben für verschiedene Denkmalsgestaltungen berühren natürlich nur einen ganz kleinen Kreis der wirklichen Möglichkeiten. Sie sollen nichts anderes, als den Blick zu dem Ziel lenken, an jedem Ort, mag er klein oder groß sein, aus seinen Besonderheiten heraus, den Denkmalsgedanken zu suchen. Noch ehe das eigentliche Kunstwerk da ist, muß der Gedanke, an den er in der Anlage anknüpft, bereits einen ausgesprochenen Charakter tragen. Hat man einmal einen solchen fruchtbaren Gedanken gefunden, so wird die künstlerische Form dafür mannigfache Lösungen zulassen, und es wird die Aufgabe sein, nun die besten Künstlerkräfte in Bewegung zu setzen, um der Verwirklichung die reifste und reinste Prägung zu geben. Für das Prägen dieser Form bedürfen wir aller Muße und Sammlung, und wir werden gut daran tun, es zu vertagen auf Zeiten der Ruhe und des Überblickes. Für den Gedanken aber, an den die künstlerische Gestaltung anknüpfen soll, können wir der Phantasie gern frühzeitig Spielraum geben. Es gilt, das Stück Heimat, das in Betracht kommen soll, mit liebevollem Blick daraufhin zu prüfen, wo etwa Punkte liegen, an denen eine Steigerung ansetzen kann, die zu einem würdigen Gedächtnismale führt. Mag ein solcher Gedanke auch noch lange bis zu seiner Durchführung warten müssen, das ist gleichgültig. Vielfach wird man den Gang der Entwicklung langsam auf ein bestimmtes Ziel vorzubereiten gezwungen sein, wenn man es wirklich erreichen will, und auch wo das nicht der Fall ist, wird es nützlich sein, zu erproben, ob der Kern einer Absicht im Laufe der Zeit seinen Wert und seine Überzeugungskraft behält.

Mögen diese kurzen Ausführungen des Stiftes und der Feder dazu beitragen, die Richtung zu klären, in der sich bei Denkmalsfragen die Erwägungen und Gedankengänge zu bewegen haben.

Verzeichnis der Abbildungen:
Arena-Anlage-Kriegs-Erinnerungs-Mal
Denkmal-Park
Denkmal-Parkanlage
Denkmal-Seegefechte
Denkstein
Denkstein-Entwurf
Ehrenhof
Ehrenhof-Wasserturm-Fritz Schumacher
Erinnerungstafel-Stadtkirche
Fritz Schumacher-Gedenkstein-Hain
Kriegerdenkmal-Dorf
Kriegs-Erinnerungs-Mal
Kriegs-Gedenkhalle
Wahrzeichen-Vernichtete Flottille

Siehe auch:
Münchener Kunstausstellung-Glaspalast 1927
Die Kunst und die Gegenwart
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Modernes Sammlertum
Zur Neuaufstellung des Völkerkunde-Museums in München
Friedrich Stahl
Holzschnitte von Josef Weiss
Ein Kriegerdenkmal
Was ist Expressionismus?
Linie und Form in der Plastik
Der Tastsinn in der Kunst
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Waldemar Rösler
Franz Hoch
Silhouetten
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine

4 Comments

Comments are closed.