Krupp-Werk in Friedens-Arbeit

Die Arbeitsumstellung bei Krupp ist eine der typisch deutschen Taten, die Bewunderung verdient und — Neid weckt. Die größte Waffenfabrik der Welt ist sozusagen über Nacht in den Dienst der Friedensarbeit gestellt worden. Wie restlos dies geschah, darüber gibt der Bericht, den P. Harvey  für ein amerikanisches Finanzstitut ausgearbeitet hat, Auskunft:

Durch die gütige Vermittlung des Herrn Dunning, Handels- und Gewerbeminister Berlin, war ich in der Lage die Krupp-Werke zu besichtigen. In der grossen Lokomotivenhalle werden mächtige Lokomotiven gebaut und zwar zur Rate von einer llständigen Lokomotive pro Tag. In einer deren Halle werden Güterwagen — acht am Tag — hergestellt; in einer dritten werden fünf Tonnen Lastautos und kleinere Kraftwagen als Spezialität angefertigt. Alle diese Wagen werden in allen ihren Teilen auf den kleinsten Nagel in den Krupp-Werken fabriziert. Krupp begnügt sich jedoch nicht mit dem Bau von Eisenbahnmaterial — Krupp macht einfach alles: Maschienen für die Textilbranche, Kassenschränke, Rechenmaschinen, chirurgische Instrumente, Werkzeuge u. s. w. Und Krupp beschäftigt heute mehr Arbeiter als zuvor.



Es ist ohne Zweifel interessant, zu sehen, das dieser Werkskoloss, der sich mit einer Belegschaft von 170,000 Mann völlig auf die Erstellung von Kriegsmaterial eingerichtet hatte, den Uebergang zum reinen Friedensberieb vollzogen hat.

Erschwert wurde der Firma diese Umstellung durch die Entente. Die Entente hat sich vor dem Friedens – Krupp noch eine große Angst; der alte Löwe hat ihr in dem Siege auch gar zu schwere Tatzschläge versetzt. Etwa 9000 Maschinen hatte die Fima im Kriege laufen. Unzählige Maschienenleichen stehen in den grossen Anlagen verlassen herum. Aber die Entente wollte der Firma auch solche Maschinen vernichten, die für Friedensarbeit dringend erforderlich sind. Weil die Entente vor den Schiffsgeschützen und deren Aufstellung auch heute eine böse Angst hat, mussten die Fundamente, wo früher die grossen Panzertüme aufgebaut wurden, mit Zement vermauert werden, den man für Arbeiterwohnungen so nötig hätte brauchen können, trotz aller dieser Schikanen und Schwierigkeiten hat die Firma den Mut nicht verlorn, an den Wiederaufbau zu gehen, und der Umstellungsarbeit der Firma lassen sich zwei Gruppen von Massregelungen unterscheiden. Die eine Gruppe ist organisch den Betrieben herausgewachsen, die andere hat fremde Reiser auf den alten Baum gepflanzt. Logisch gegeben war als Ausgspunkt für die Umstellung der Stahl. Soweit man daran angeknüpft hat, kann  die Umstellung als organisch bezeichnet werden.
Die Firma konnte dabei auch ihre reichen Erfahrungen in der Herstellung nahtloser Rohre und Bleche verwerten, der Glanzpunkt der Umstellung ist die Abteilung für Lokomotiven- und Wagenbau. Sie ist in der riesengrossen Halle untergebracht, wo im Kriege schwere Lafetten gebaut worden sind; die Männer, die vorher die Lafetten gebaut haben, haben auch den Lokomotiv- und Wagenbau hingestellt.

Der Bau von Lokomotiven und Waggons ist also organisch aus den Betrieben herausgewachsen. In der Mechanischen Werkstatt IX, die früher von Leuten aus aller Herren Ländern besucht war, wo vorher die Schiffstürme für die Kriegsmarine hergestellt wurden, werden jetzt ramponierte Lokomotiven zugerichtet, Schrauben und Bolzen und andere Dinge gemacht. In der Abteilung, wo früher die langen Marinegeschütze gebohrt worden sind, werden jetzt hauptsächlich grosse Rohre für neue Zweige der chemischen Grossindustrie hergestellt. Die imposante Anlage, wo die mächtigen Panzerplatten gewalzt wurden, ist jetzt zum Blechwerk geworden, wo die schweren Bleche für die Lokomotivrahmen hergestellt werden.

Die Firma und die Familie halten darauf, ihre angestammten Werksangehörigen nicht in unverdiente Not kommen zu lassen. Ohne Rücksicht auf die Kosten hat die Firma deshalb auch solche Betriebszweige neu aufgenommen, die nicht in den Rahmen des Ganzen passten. Aus einer Spezialabteilung für Visierapparate ist eine Anlage zur Anfertigung von Milchzentrifugen geworden. In der Auto – Abteilung werden auch Motorroller hergestellt, eine eigenartige Neuerung.

Die Entwicklung vollzieht sich derart, dass alle Werkstätten stillgelegt werden, weil sie zu eng geworden sind und nach leergewordenen Anlagen verschoben werden. Auf diese Weise gewinnt man in den alten Essener Betrieben Luft und Licht. Hierbei entsteht auch die grösste Eisengiesserei Deutschlands, wie die Firma auch die grösste Lokomotivfabrik Deutschlands besitzt. Das kühne Wagestück der Kruppwerke ist vollkommen geglückt, das beweist am besten der Umstand, dass Krupp mit Aufträgen für Russland, wo englische und amerikanische Firmen konkurrierten, überhäuft ist.

Die Firma Krupp hat ihr Hauptaugenmerk auf Russland gerichtet als die reichste Quelle der Rohstoffe. Es sollen der Firma Krupp in verschiedenen Teilen Russlands für landwirtschaftliche Zwecke, die Betreibung von Geschäften und Destillerien riesige Konzessionen verliehen werden. Wie der Auslandminister Jakowanko der offiziellen Rosta Neuigkeiten-Agentur der Soviet-Regierung mitteilte, sind die Vorbereitungen so gut wie beendet, der Firma Krupp 100,000 Acker Land für landwirtschaftliche Zwecke zu überweisen, die sie für die Zucker-Fabrikation und den Betrieb von Destillerien ausnutzen will. Ausserdem sollen der Firma Konzessionen für den Betrieb von Grossgärtnereien und die Anlegung von Baumschulen im südlichen Russland verliehen werden.

Der Ackerbauminister erklärte ferner, dass die Konzessionen auch Privilegien für die Jagd nach Pelztieren in den verschiedenen Teilen des Landes umfassten in Verbindung mit Kontrakten für die Ausnutzung von Holzländereien, die mit der Firma Krupp abgeschlossen werden sollen.

Siehe auch:
Lokomotiven für Werks- und Nebenbahnen
Lokomotiven für das Ausland
Die Lokomotivfabrik
Das Stammwerk als Zulieferer der Lokomotivfabrik
Von Kohle und Erz zur Lokomotive
Krupp-Lokomotiven im Bild
Lokomotiven für die Deutsche Reichsbahn
Enstehung und Entwicklung der Firma Orenstein & Koppel-Arthur Koppel Aktiengeselleschaft