Kultur-Kolonien : Ein Wort für die Esperanto-Sprache

Von Dr. Ernst Kliemke – Berlin.

Kolonien sind Teile des Mutterlandes ausserhalb seiner Staatsgrenzen, entsprechend den Hauptbestandteilen eines Staates — Land und Leuten — entweder eigenes Land mit fremden Menschen, oder eigene Leute im fremden Land. Jetzt ist eine dritte Art von Kolonien in der Entwicklung begriffen.

Ueber die Staatsgrenzen hinaus haben sich einheitliche Kulturgemeinschaften gebildet, so die romanisch-germanische, die indisch-mongolische und die arabisch-türkische, oder nach den Religionsstiftern, die den Kulturen das besondere Gepräge gegeben haben, die christliche, buddhistische und die mohammedanische.

Die Religion, die das innerste Leben des Menschen beeinflusst, führt, wo sie wirklich lebendig ist, zu der stärksten Einheit der Menschen. Aber das rastlos fortschreitende Leben macht ein Gebiet der Kultur nach dem anderen mehr oder minder unabhängig von der Religion. Dampf und Elektrizität treiben die Werke der heutigen Technik überall in derselben Weise, ob ein Christ sie bedient oder ein Mohammedaner. Der vor keiner Grenze mehr halt machende Verkehr bringt immer mehr gleiche oder ähnliche Interessen und Bedürfnisse über die Erde und zwingt die fremdesten Menschen, sich überdieseiben Dinge, konkrete wie abstrakte, zu verständigen. Wie z.B. der Telegraph keine nationale Sache ist, sondern der ganzen Verkehrskultur, um hierfür einen kurzen Ausdruck zu gebrauchen, angehört und deshalb überall denselben Namen führt, wie das Telephon dadurch keine echt deutsche Sache wird, dass ich es Fernsprecher nenne, so gibt es tausenderlei Arten von Sachen, für die alle Kulturmenschen dieselben oder ähnliche Begriffe haben, über die sie sich auch alle in einer einzigen Sprache verständigen können. Eine solche Sprache haben wir in Esperanto. Man denke sich, cs gäbe keine einheitlichen Telegraphenzeichen, sondern jedes Land könnte Telegramme immer nur in der Landessprache bis zur Grenze befördern, so dass ein Telegramm von Petersburg nach Lissabon erst russisch, dann deutsch, dann französisch, dann spanisch und dann portugiesisch den Draht durchlaufen müsste, — wie unbequem, wie zeitraubend, wie kostspielig, wie unsicher wäre das!

Esperanto gleicht diesen einheitlichen Telegraphenzeichen. Niemand braucht mehr sämtliche zwischen den Völkern stehenden Sprachen zu erlernen, sondern es genügt, wenn jeder neben seiner Muttersprache Esperanto kann, um sich mit jedem anderen unmittelbar zu verständigen. Soweit diese Sprache verbreitet ist — und sie kann soweit verbreitet sein, wie die Verkehrskultur reicht — schliesst sie alle, die sie verstehen, zu einer grossen Gemeinschaft zusammen, bei der die Teile durch das Ganze gewinnen und das Ganze durch die Teile bereichert wird. Esperanto ist keine nationale Sprache: sie wurzelt nicht in einem bestimmten Gebiete, ist nicht mit der Geschichte und Eigenart eines bestimmten Volkes verknüpft, sondern gibt in Anlehnung an die Denkformen der romanisch-germanischen Kulturgemeinschaft ein einfaches Mittel, alle Anschauungen zu übertragen, die überhaupt einem menschlichen Geist durch eine andere Sprache als die Muttersprache übertragen werden können. Die Folge ist ein leichterer und schnellerer Verkehr unter den Menschen verschiedener Muttersprachen. Wie die Eisenbahn die Menschen näher aneinanderrückt und sie deshalb öfter miteinander in Berührung bringt, und die Güter der fernsten Gegenden allen zugänglich macht, so bringt die Verkehrssprache die Menschen geistig näher zusammen und lässt die Anschauungen einer grösseren Menge auf eine grössere Menge wirken, als es jetzt möglich ist, wo in jedem Volke nur wenige in der Lage sind, wegen der Beherrschung mehrerer fremder Sprachen mit Angehörigen mehrerer Völker unmittelbar zu verkehren. Dadurch muss aber die Kultur in hohem Masse gefördert werden und zwar nach zwei verschiedenen und doch demselben Ziele zuführenden Richtungen hin: Die nationalen Sonderheiten werden so gestärkt und das allen Kulturmenschen Gemeinsame wird so gepflegt, dass eins das andere nicht ärmer macht, sondern reicher. Das scheint auf den ersten Blick paradox. Wie es aber eine bekannte Tatsache ist, dass diejenigen ihre Muttersprache am schlechtesten kennen, die keine fremde Sprache gelernt haben, und diejenigen fremde Sprachen besser lernen, die ihre eigene gut kennen, so wird durch Esperanto das Eigene um so mehr verlieft, je weniger Mühe notwendig ist, mit dem Fremden fcrtig zu werden. Wir haben ein deutliches Beispiel, wenn wir vergleichen, wie sich Engländer und Deutsche im Auslande verhalten. Der Engländer ist gewöhnt, überall verstanden zu werden, und er bleibt deshalb überall derselbe. Der Deutsche kommt als Fremder unter Fremde; um zu gelten und vorwärts zu kommen, bestrebt er sich, möglichst wenig fremd zu scheinen. Das Studium der fremden Eigentümlichkeiten, nicht um sie nur als solche zu erkennen und sie deshalb für sich abzulehnen, sondern gerade um sich ihnen anzuschmiegen, ist nicht dazu angetan, die eigenen Sonderheiten zu erhalten und zu kräftigen. Die Ueberwindung der Schwierigkeiten, sich mit der fremden Sprache und Gewohnheit vertraut zu machen, gibt ihm, wie jede erfolgreiche Mühe, eine gewisse Befriedigung, und er freut sich, wenn man ihm sagt, dass man ihm den Deutschen gar nicht anmerke.

Wird nicht, wenn Esperanto allgemeine Verkehrssprache sein wird, d. h. die Sprache, die man ohne Unterschied mit Ausländern spricht, wird dann nicht jeder in der Lage sein, in der jetzt in vieler Hinsicht die Engländer sind? Alles, was nicht jeder kann, reizt. Wenn man erst in jedes Land reisen und überall mit der einen Hilfssprache durchkommen kann, wird man auch ruhig seine Eigentümlichkeiten bei-behalten können. Man spricht eben Esperanto, und stellt damit allen Fremden gleich, die nicht die Muttersprache des anderen verstehen. Dadurch erscheint aber, auch der andere nicht mehr so sehr als Fremder wie heute, sondern als Mitglied derselben Kulturgemeinschaft. Ich habe diesen Eindruck lebendig empfunden, als icli einmal zufällig in London bei einem Ausflug nach Margate auf dem Themsedampfer mit einer kleinen Gesellschaft von Engländern, Franzosen und Spaniern zusammentraf, die sich nur auf Esperanto unterhielt und sich nur so unterhalten konnte, weil nicht alle englisch, französisch, spanisch oder deutsch beherrschten. Wir plauderten den ganzen Tag in der anregendsten Weise zusammen, ohne das Gefühl zu haben, dass wir in einem fremden Lande mit Fremden in einer fremden Sprache redeten.

Eine einzige solcher Erfahrungen widerlegt. Bände theoretischer Erörterungen über die Unmöglichkeit einer „künstlichen“ Sprache.

Das durch Esperanto zusammengehaltene Kulturreich, das seine allgemeinste Organisation in der „Universala Esperanto Asocio“ hat, ist jetzt schon über die ganze Erde verbreitet und hat Kolonien an über 1500 Plätzen in 60 verschiedenen Ländern. Es hat eigene Konsulate, die jedem, der sich in Esperanto an sie wendet, so zur Verfügung stehen wie irgend ein staatliches Konsulat den Angehörigen seines Mutterlandes. Es sind Kultur-Kolonien im wahrsten Sinne des Wortes.

Schon jetzt erscheinen über hundert Zeitungen in Esperanto, und während die nationalen Zeitungen in der Hauptsache nur von Angehörigen desselben Volkes geschrieben und gelesen werden, ist eine Esperantozeitung nach Lesern und Mitarbeitern an kein einzelnes Sprachgebiet gebunden. Man hat geglaubt, das gegenseitige Verständnis zweier Nachbarvölker dadurch zu fördern, dass man Zeitschriften in den Sprachen beider herausgibt. Eine solche Zeitschrift kann aber immer nur einen verhältnismässig kleinen Leserkreis haben und muss in ihrer Wirkung sehr beschränkt bleiben. Wie ganz anders kann dagegen die Wirkung von Esperantozeitungen sein, die nicht nur das Verständnis für die Eigentümlichkeiten vieler Völker pflegen können, sondern, wenn sie sich natürlich aus praktischen Gründen auch inhaltlich beschränken müssen, doch auf viel weitere Kreise des Volkes wirken können, da Esperanto auch der einfachste Mann leinen kann, der sonst nie in die Lage käme, eine andere fremde Spiache zu erlernen.

Voraussetzung für die volle Wirkung des Esperanto ist freilich, dass es in allen Kulturländern in die Schulen eingeführt wird; jedermann muss imstande sein, Esperanto nicht nur zu verstehen, sondern auch zu sprechen. Bei der Einfachheit und Klarheit der Sprache gehört dazu nicht viel. Ehe die Regierungen aber dazu übergehen, Esperanto als allgemeine Verkehrssprache anzuerkennen — die, was nicht scharf genug betont werden kann, die nationalen Sprachen nicht verdrängen, sondern kräftigen soll —, müssen sie durch die Macht der Tatsachen dazu gedrängt werden.

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