Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DAS GEISTIGE WESEN DES KATHOLIZISMUS IM DEUTSCHEN BAROCK UND ROKOKO

Zum Verständnis der katholischen Kirchenkunst des deutschen Barock ist es unumgänglich, sich ein Bild von dem Wesen des katholischen Lebens in dieser Epoche zu machen. Nach dem Dreißigjährigen Kriege hatten der Katholizismus und ebenso der Protestantismus eine innere Erneuerung erfahren. Die Neubelebung des religiösen Empfindens in dem Barockzeitalter hat Ranke folgendermaßen gekennzeichnet: ,,In den früheren Zeiten war das Christentum mehr Sache der Überlieferung, der naiven Annahme, des von Zweifeln unberührten Glaubens gewesen. Jetzt war es eine Sache der Überzeugung, der bewußten Hingebung geworden. Von hoher Bedeutung ist es, daß man zwischen den beiden Bekenntnissen zu wählen hatte, daß man verwerfen, abfallen, übertreten konnte. Die Person ward in Anspruch genommen, ihre freie Selbstbestimmung herausgefordert. Hierdurch geschah es, daß die christlichen Ideen alles Leben und Denken nur noch vollständiger durchdrangen.“ Der Katholizismus war durch die Arbeiten des Trienter Konzils und der Gegenreformation mit neuer Stoßkraft erfüllt worden. Die Einheitlichkeit und die Ordnung der Liturgie waren wiederhergestellt worden. Der Begriff der Heiligung durch die Kirche, die Verehrung des Leibes und Blutes Christi hatten sich vertieft. Eine straffe Organisation trat an Stelle der gelockerten Kirchenzucht. Der eingreifenden Tätigkeit der deutschen Kirchenfürsten wurde bereits gedacht. Ihre Arbeit erfuhr die kräftigste Unterstützung durch die Orden. Allen voran durch die Jesuiten. Dem Orden des hl. Ignatius von Loyola war in erster Linie die Befestigung des katholischen Glaubens in den schon schwankend gewordenen südlichen und westlichen Gauen Deutschlands zu verdanken. Meisterhaft verstanden es die Väter Jesu, gerade das einfache, in den Kriegszeiten verwahrloste Volk durch Predigt, Gottesdienst und leichtverständliche Katechese zurückzugewinnen. Das Kollegium Germanicum und das Kollegium Romanicum in Rom wurden Pflanzschulen für deutsche Prediger, Seelsorger und Gelehrte. Überall entstanden nun Kollegien und Gymnasien, die das humanistische Studium zur Grundlage hatten und den berühmten protestantischen Lateinschulen nachzustreben suchten. Die Jesuiten faßten auch Fuß an den katholischen Universitäten, in Ingolstadt, in Wien, in Köln und Würzburg usw. Sie verlangten von den akademischen Lehrern die Ablegung der Confessio fidei. Ihr Einfluß war bis über die Mitte des 18. Jahrhunderts in ständigem Steigen, das beweisen auch die prachtvollen Jesuitenkirchen in Schlesien, in Mannheim, in Heidelberg, in Büren und in Würzburg.

Sie vermochten Leibniz und den Prinzen Eugen an der Gründung einer Akademie der Wissenschaften in Wien zu verhindern. Ihre Bekehrungen in der Pfalz erregten noch den Unwillen des Kronprinzen Friedrich im Polnischen Erbfolgekrieg. Nach der Eroberung Schlesiens sucht er sie zu gewinnen, indem er u. a. einer ihrer berühmten Wallfahrts-Madonnen ein neues Seidenkleid schenkt. Mit den Jesuiten wetteiferten in der Seelsorge, in der Erziehung und der Armenpflege eine Reihe weiterer reorganisierter oder neubegründeter Orden, die Serviten (Franziskaner), die Dominikaner, die Augustiner, die Observanten, die Kamaldulenser, die Karmeliter, die barmherzigen Brüder vom hl. Johannes de Deo. Ihnen zur Seite gehen die Frauenorden, die durch einige von Frankreich herkommende Neugründungen Zuwachs erhalten, durch die Salesianerinnen, die nach dem hl. Franz von Sales genannt werden, die Kongregation der hl. Therese, die Vinzentinerinnen, vom hl. Vinzenz gegründet, die lotharingischen Chorjungfern, die die Erziehung adeliger Mädchen übernahmen. Strenge Unterwerfung unter die Regeln, hingebende Frömmigkeit, und tätige Arbeit am Wohl der Nächsten, besonders der Ärmsten, sind das Kennzeichen des wiederhergestcllten Ordenslebens.

Mit der Neuformung des Gottesdienstes w’andelte sich die Kirchenausstattung. Mit dem Drang nach tieferer Erfassung des Glaubens ging die Beseelung des künstlerischen Ausdrucks Hand in Hand. Die Verehrung zum Herzen Jesu spricht sich in der feierlichen Aufstellung des Allerheiligsten aus. Die strahlende vergoldete Riesenmonstranz, die die Hostie umschließt, steht nun auf dem Hochaltar unter einem triumphbogenartigen Säulenbaldachin, der von heiligen Heerscharen bevölkert ist. Das Auge der Andächtigen folgt dem beseligt aufwärts gerichteten Blick der Heiligen zu den Gewölben, wo die himmlischen Heerscharen im lichten Äther schweben. Es ist der alte Glaube, aber erfüllt mit neuer Hingebung, mit Siegeszuversicht. Es sind die alten Klänge und Geheimnisse, aber in volleren Akkorden ertönend. So wie die römische Kirchenmusik des Barock in ihren Oratorien die alten Weisen des Dies irae, Dies lila, des Stabat Mater Dolorosa, des Salve Regina und des Te Deum in reicheren Harmonien erbrausen läßt. In den Schall der Orgel mischt sich der Jubel der Geigen, der Posaunen und der Pauken. Nach dem römischen Muster entstehen die trefflichen Domkapellen der deutschen Bischofssitze, die eine Hauptquelle für die Entfaltung der Musik in den katholischen Ländern Süd- und Westdeutschlands werden 4).

Die Heiligenverehrung erfüllt sich mit neuer Inbrunst. In den Kreis der Bekenner und Märtyrer der Kirche treten Männer und Frauen aus der jüngsten Kampfperiode des Glaubens, so der hl. Ignatius und Franz Xaver, der Missionar Ostindiens, beide erst von Gregor XV. heilig gesprochen, Karl Borromäus, Franz von Paul, Johannes Nepomuk. Das tausendjährige Jubiläum vieler Domstifter und Benediktinerabteien veranlaßt die Auffrischung des Gedächtnisses an die ersten Begründer und Bekehrer.

Ihr Leben wird erforscht, ihre Taten werden dargestellt. Die süddeutschen Deckengemälde schildern mit Vorliebe Ereignisse aus der Gründungs- und Wundergeschichte der Kirchen, die sie schmücken. Uber dem Grab des Frankenapostels Kilian in Würzburg und über dem Grabe des hl. Bonifatius in Fulda wachsen prächtige Kirchen empor. Die Statuen der ältesten Bischöfe umstehen das Grab des Bonifatius hinter dem Chor des Fuldaer Domes: die ersten Bischöfe von Würzburg stehen auf der Mainbrücke, die von der Stadt hinüberführt zum Fuß des Marienbergs, der die älteste Kirchengründung St. Kilians trägt. Dadurch wird das alte Verhältnis des Volkes zu den Heiligen des Landes erneuert; die Liebe zum Stifte und zur Heimat bekräftigt. Scharen von Heiligen bevölkern nicht nur das Äußere und Innere der Kirchen. Sie werden aufgestellt auf Plätzen und Märkten, auf Brücken und Toren, an den Häuserfronten, auf Wegen und Stegen. Kruzifixe, Passions- und Schmerzensgrup-pen und Kapellen werden an Kreuzwegen, in Wiesen und auf Höhen errichtet. Sie sind noch heute die Merkmale der katholischen Landschaften. An ausgezeichneten Punkten entstehen Passionswege mit den zwölf Leidensstationen. Einen solchen schuf Bischof Bernhard von Galen in der Heide vor Münster an der Prozessionsstraße nach Telgte. Bei Fulda ziehen sich vom Franziskanerberg die Stationskapellen über den waldigen Bergrücken zum Kalvarienberg hinauf. Da oben steht unter alten Bäumen die in Stein gehauene Kreuzigung in lebensgroßen Figuren auf einer Plattform, deren Balustrade von sechs Engeln mit den Marterwerkzeugen bekrönt ist: Maria, Johannes und zwei Engel blicken schmerzvoll zum Gekreuzigten empor. Die hochgewundenen verzerrten Schächer sind auf den Seiten, und am Fuß des Kreuzes das Totengerippe in einer Felsengrotte. Den Gläubigen umweht ein Schauer an dieser dunkeln Waldesstätte. Der Kreuzweg zum Würzburger Käppele auf der anderen Mainseite steigt in Absätzen den steilen Berg hinan; jede dieser Plattformen ist von drei Kapellen mit den lebensgroßen Leidensstationen von Wagners und von Auweras Hand unter vier alten Platanen besetzt. Bis obenhin ist die Stiege zwischen Mauern eingeschlossen, so daß sich erst von der Höhe vor dem Käppele der überraschende Blick in das Maintal und die unten gelagerte Stadt eröffnet.

Zahlreiche Wallfahrtskirchen werden prächtig erneuert — wie Andechs und Ettal — und neue gebaut. Die Perle darunter ist Vierzehnheiligen, Balthasar Neumanns Schöpfung. Sie ist an einer Stelle errichtet, wo vor Jahrhunderten einem armen Hirten die vierzehn Nothelfer erschienen waren. Mit bewegten Umrissen steigt der Bau auf einer kahlen Bergkuppe, dem Näherkommenden aus dem Gebüsch und Gestrüpp herauswachsend, gegen den Himmel. Von den Höhen des Main- und Donautals, von den Bergen um die oberbayerischen Seen grüßen zahlreiche andere herab. Der Wunder- und Reliquienglaube hat sich neu belebt. Aus Rom bringen die weltlichen und geistlichen Fürsten neu entdeckte Märtyrergebeine als Geschenke des Papstes ins Land. Sie werden in reich bestickte und betreßte Seiden- und Goldgewänder gehüllt, in kunstvollen gläsernen Gehäusen in die Predellen der Altäre eingesetzt; oder auch in reich getriebene silberne Reliquienschreine gebettet. Daß die Pontifikal- und Meßgewänder mit schwerer Seiden-, Gold- und Perlenstickerei geschmückt werden, ist selbstverständlich5).

Höchst merkwürdig und für das künstlerische Leben von tiefgehender Bedeutung ist die innige Verschmelzung der religiösen und der weltlichen Angelegenheiten, die für den Barock in den katholischen Ländern bezeichnend ist. Sie ist der Grundstein für die wahrhaft volkstümliche Kunst der Kirche in diesen Gebieten. Und hier scheinen sich die Gegensätze zwischen den fürstlichen und adeligen Ständen und dem dritten und vierten Stand zu versöhnen. Die aristokratische Grundtendenz des deutschen 18. Jahrhunderts offenbart sich darin in ihrer glücklichsten Gestalt. Mitten unter dem andächtigen Volk thronen die in Stein verewigten geistlichen Fürsten auf ihren Grabmälern in den Domkirchen (Abb. 34 u. 35). Wie lebend knien sie dort im vollen Schmuck des Pontifikalornates vor dem Kruzifix beim festlichen Hochamt, oder sie sind hingelagert auf ein reich befranstes Pfühl, den perückenumrahmten Kopf milde und hoheitsvoll dem Beschauer zuwendend. Die Spitzen des Chorhemdes, des Kragens, die Stickereien der Kasula und der Handschuhe sind voller Sorgfalt in dem Marmor verewigt. So majestätisch und nicht anders wollte das Volk seine Landesherren sehen. Es erblickte in ihnen den Vater aller, den Beistand der Armen und Unterdrückten. Ein Altarbild, das Sandrart für S. Walburg in Eichstätt malte, stellte mit des Künstlers eigenen Worten dar: „den Fürstbischof auf einer Galerie im bischöflichen Ornat und Pontifikal von allen dero und des Hochstifts Kapitelherren umgeben ganz andächtig gen Himmel fahrend als gleichsam flehentlich ansuchend um Hilfe für eine große Menge armer, blinder, lahmer, kranker und bresthafter Leute.“ Die Vereinigung des geistlichen und weltlichen Regimentes in den Reichsstiftern hat die Durchdringung geistlicher und weltlicher Dinge am stärksten ausgeprägt. Die großen Klosterbauten sind zugleich riesige Residenzen, Güterverwaltungen und Wirtschaftsanlagen. In den Aktenschränken der geistlichen Herren an Rhein, Mosel und Main liegen neben den geistlichen die Domänen-, Forst-, Militär-, Jagd-, Weinbau-, Kellerei-und anderen Sachen. „Unter dem Krummstab ist’s gut leben“ hieß es in diesen gesegneten Gauen. Die Lichtseiten dürfen allerdings nicht über die Schattenseiten der geistlichen Herrschaften hinwegtäuschen: gerade sie haben der staatlichen Ohnmacht Deutschlands und zuzeiten selbst den entwürdigenden militärischen und politischen Eingriffen der Fremden Vorschub geleistet. Als die preußischen Husaren über den Thüringer Wald in die Mainbistümer drangen, vermochten ihnen die zusammengewürfelten und schlecht ausgebildeten Kreistruppen der Bistümer keinen nennenswerten Widerstand zu leisten, und bei Roßbach zerstoben ihre Kontingente mit den Franzosen vor der Seydlitzschen Kavallerie.

In vieler Hinsicht hat das katholische Glaubensleben im Zeitalter des Barock eine Verjüngung und Vertiefung erfahren. Der gewaltige Aufschwung der kirchlichen Kunst ist dafür der sinnliche Ausdruck. Es entzieht sich unserem Urteil, wie sich in dem Barock das Verhältnis zum Göttlichen in seinen Tiefen gewandelt hat. Aber das ist mit Händen zu greifen: es ist ein grundverschiedener Seelenzustand gegenüber dem, der in der mittelalterlichen Kirche wirksam war. Dieses unbedingte Zusammenwachsen der geistigen und sinnlichen Kräfte, des Religiösen und des Weltlichen, das die Epoche des romanischen und frühgotischen Stils bezeichnet, war im Barockzeitalter unmöglich. So fehlt denn auch der kirchlichen Kunst des Barock und Rokoko die zwingende Vereinigung des religiösen Geistes mit der strengen hieratischen Form. Niemals kommen uns vor dem mittelalterlichen Kirchenkunstwerk Zweifel an der selbstentäußernden tiefgläubigen Empfindung des Bestellers und des Künstlers. Die kirchliche Kunst des Barock bewegt sich häufig an der Grenze, wo die Frage entsteht: ist das nun echte Rührung oder Empfindelei? Mischt sich in die seelische Hingebung nicht allzusehr das sinnliche Gefallen an der schönen Form? Täuscht uns der Künstler durch den schimmernden Schein über die fehlende Gemütskraft hinweg? So ganz eigentümliche Schwärmereien, wie die Magdalenenkapelle im Bonner Schloßpark mit ihrer Gesellschaft von Blumengärtnern, eine Institution des Kurfürsten Joseph Clemens, wie die ruinenartige, halb gotische Magdalenenklause des greisen Max Emanuel, seines Bruders, im Nymphenburger Schloßpark und die der Markgräfin Susanna im Park der Favorite erregen allerdings den Verdacht einer Spielerei mit Glaubensgefühlen. Die Markgräfin kasteite und geißelte sich hier in dem gelben Dämmerlicht in Gesellschaft von heiligen Wachsfiguren mit natürlichen Haaren und Gewändern. Mit der heiligen Familie aus bekleideten Puppen setzt sie sich zu Tische. In einem Franziskanergewand läßt sich die ,,große Sünderin“ in der von ihr erbauten, mit Stuckmarmor und Stickerei reichgeschmückten Schloßkapelle in Rastatt beisetzen. Allein was schonanläßlichderbarocken Mummenschänze gesagt wurde, gilt auch in diesem Falle. Es gibt einen Punkt, wo der Geschichtsschreiber die innersten Triebe einer Zeit vergeblich zu durchschauen sucht. Was also in der kirchlichen Bewegung des katholischen Barock Hingebung, wahre Inbrunst, was Verzückung, was Sclbstberauschung und mit dem Sinnlichen liebäugelnde Verzärtelung des Gefühls darstellt, bleibe auf sich beruhen. Tatsache ist der gewaltige Aufschwung des religiösen Sinnes und zusammen mit ihm der kirchlichen Kunst, in erster Linie der Baukunst.

Aus dem Buch: Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland (1922), Author: Schmitz, Hermann.

Siehe auch:
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – Einleitung
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – ÜBERBLICK ÜBER DIE KUNST DES JAHRHUNDERTS DIE STILEPOCHEN: BAROCK, ROKOKO U. FRÜHKLASSIZISMUS
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – POLITISCHER UND SOZIALER ZUSTAND DEUTSCHLANDS IM ZEITALTER DES BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GEISTESBILDUNG IM DEUTSCHEN BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GROSSEN FESTE
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE STELLUNG DER BAUKUNST IM 18. JAHRHUNDERT
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE BAUMEISTER, DIE BAUHERREN UND DER BAUBETRIEB. STADTBAUKUNST

Im Text gezeigte Abbildungen:
Kanzel in Bogenhausen – Mitte 18. Jahrhundert
Altar von Auwera in der Würzburger Augustinerkirche
Orgel in der Klosterkirche zu Ettal – Mitte 18. Jahrhundert
Grabmal des Fürstenbischofs von Ingelheim im Dom zu Mainz
Grabmal des Domprobstes von der Leyen im Dom zu Mainz