Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER PROTESTANTISCHE KIRCHENBAU

Die Anfänge des protestantischen Kirchenbaues Deutschlands liegen bereits in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Die evangelische Predigt-und Gemeindekirche findet ihre erste eigene Lösung in der gleichen Epoche, die dem katholischen Kirchenbau der Gegenreformation neues Leben gab. Es ist überaus bezeichnend, daß die deutschen protestantischen Kirchen dieser ersten Stufe Gedanken aufnehmen, die im deutschen Kirchenbau der Spätgotik ausgebildet waren. So sind die großen Kirchen von Wolfenbüttel und Bückeburg und die erste St. Michaelskirche in Hamburg (164g—1651) als Hallenkirchen mit Kreuzgewölben auf Rundpfeilern gebildet. Die von dem württembergischen Baumeister Schickhart errichtete einschiffige, im rechten Winkel gebaute Kirche in Freudenstadt ist sogar mit gotischen Netzgewölben überdeckt. Der einschiffige rechteckige Raum wurde in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Kriege die gebräuchlichste Form der protestantischen Kirche. So kunstlos er ist, so bot er den Bedürfnissen der Predigt, des Gemeindegesanges und des Orgelspiels Befriedigung, wobei die Stellung der Kanzel in der Mitte der Längsachse und die Herumgruppierung der Kirchenbänke eine beliebte Lösung war. Diese Fassung schlägt auch der Ulmer Stadtbaumeister Furttenbach in einer nach dem Dreißigjährigen Kriege erschienenen Schrift als die beste, namentlich für unbemittelte und ländliche Gemeinden, vor. Die Altstädterkirche in Erlangen und die Kreuzkirche in Augsburg, vorzüglich die Katharinenkirche in Frankfurt am Main von dem Stadtbaumeister Melchior Hessler, sind einige Beispiele der Jahrzehnte nach dem Kriege. Der klare und wohlräumige Raum der Frankfurter Katharinenkirche mit flachen Kreuzgewölben und gotischen Fenstergliederungen ist ein Zeugnis der selbständig formenden Kraft des deutschen Protestantismus, die auf andere Weise gleichzeitig in den Kirchenliedern des Paul Gerhardt und der geistlichen Dichter zutage tritt. Vergegenwärtige man sich nur, daß mit der Reihe der eben aufgezählten protestantischen Kirchen gleichlaufen im katholischen Deutschland die Michaelskirche in München, der Dom in Salzburg, die Theatinerkirche in München und der Dom in Passau: Wie tritt uns in diesen nebeneinander hergehenden Erscheinungen der tiefgehende Unterschied zwischen den beiden religiösen Hauptrichtungen Deutschlands vor Augen! Wie bedeutsam insbesondere die bodenständigen praktischen Grundlagen im protestantischen und die italienischen im katholischen Kirchenbau!

Allein die Fortentwicklung des protestantischen Kirchenbaues im Sinne des Barock erfolgte nun keineswegs aus eigener Kraft, sondern durch mächtige, von dem westlichen Protestantismus, von dem reformierten Frankreich und Holland ausgehende Anregungen. In Frankreich hatte de Brosse und in den Niederlanden hatten Hendrik de Kaiser und vollends Hendrik Dankerts in Amsterdam während der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts dem evangelischen Kirchenbau eine höhere Kunstform aufgeprägt. Sie haben der um Kanzel und Altar gruppierten Gemeindeversammlung in dem Zentralbau die geeignetste Behausung gegeben. Die hauptsächlichsten der um einen Mittelpunkt geordneten Grundrisse sind das Sechs- und Achteck, der reine Kreis und, namentlich bei stattlicheren Kirchen, das griechische Kreuz, beziehungsweise ein zentraler Mittelraum mit ganz kurzen gleichlangen Armen. Diese Arme boten teilweise den Platz für Altar und Orgel, teilweise für die Treppen zu den Emporen. Die meist in Holz ausgeführten galerieartigen Emporen, die schon in den älteren protestantischen Kirchen zu Hause waren, hatten in dem hohen Zentralbau die beste Möglichkeit, sich in Geschossen übereinander zu entwickeln. Die Hauptträger der neuen Kirchenlösungen sind natürlicherweise die nach Deutschland auswandernden Protestanten aus Frankreich und den Niederlanden. Schon im Jahre 1622 wird die achteckige reformierte Kirche in Hanau von vertriebenen Niederländern erbaut. Im Jahre 1654 wird ihr eine weit größere, im Zwölfeck gebrochene Kirche von den reformierten Wallonen hinzugefügt. Beide Kirchen sind mit riesigen steilen Schieferdächern bedeckt. Als kreuzförmige Kirchen gehen zeitlich voran die 1643 begonnene reformierte neue Kirche in Emden und die 1662 erbaute in Kissenbrück in Braunschweig. Im Achteck sind die französische Kirche in Kassel vom ältesten Dury, die kleine Kirche beim Schlosse Oranienbaum in Dessau und die in Malberg bei Karlsruhe aus dem letzten Drittel des 17. Jahrhunderts. Geradezu eine Nachblüte erlebt die holländische Kirchenbauschule in Brandenburg-Preußen um 1700. Die reichere Kreuzform, teilweise mit dreieckig oder fünfeckig gebrochenen Abschlüssen, wird hier fortgebildet. In Zerbst in Anhalt, südlich von Berlin erbaut Cornelisz Ryckwaerts die Dreifaltigkeitskirche im Jahre 1683. Die wahrscheinlich von Nehring seit 1690 erbaute reformierte Burgkirche in Königsberg in Preußen, mit doppelten, fünfeckig gebrochenen Querarmen, ist eine Nachbildung der neuen Kirche im Haag. Formverwandt ist die von Nehring begonnene, von Grünberg weitergeführte Parochialkirche an der Klosterstraße in Berlin — noch ohne den Turm — ein griechisches Kreuz mit dreiseitigen Abschlüssen. Vereinfachungen stellen zwei von Grünberg erbaute Kirchen dar: die kreuzförmige Johanneskirche in Dessau und die neue, um 1700 erbaute Kirche auf dem Gendarmenmarkt in Berlin in Fünfecksform. Kreuzkirchen sind ferner die von dem Markgrafen Georg Wilhelm erbaute Ordenskirche in der Vorstadt St. Georgen bei Bayreuth (1705—1718), die 1708 begonnene Nikolaikirche in Schwerin von dem Ingenieur Runz und die schlesischen Gnadenkirchen in Hirschberg und Landeshut mit ringsum laufenden Holzemporen. Sie sind infolge der von Karl XII. mit Kaiser Joseph I. im Jahre 1706 getroffenen Konvention von Altranstädt errichtet worden und schließen sich der St. Katharinenkirche in Stockholm an. Der schwedische Kirchenbau steht wiederum in Fühlung mit dem holländischen; desgleichen der dänische. Von Kopenhagen verbreiten sich die Zentralkirchen, so auch die Kreuzanlagen durch das zugehörige Schleswig-Holstein nach Altona und Hamburg.

Der protestantische Kirchenbau im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts geht in künstlerischer Hinsicht selbstverständlich unmittelbar zusammen mit dem gleichzeitigen Schloßbau Norddeutschlands, da es doch überwiegend die gleichen holländischen und französischen Baumeister und Kupferwerke sind, auf denen beide beruhen. Aber es verbinden ihn wenigstens geistesverwandte Züge auch mit dem katholischen Kirchenbau Süddeutschlands in der gleichen Epoche. Das ist die durchgehende architektonische Strenge im Grundriß und im Aufbau, die, wie man sich erinnert, bereits als Merkmal der katholischen Kirchen des deutschen Frühbarock zu beobachten ist. Die protestantischen Kirchen gehen diesbezüglich freilich sehr viel weiter. Nicht nur die Grundrisse, auch der Aufbau hält sich in klaren mathematischen Formen. Langgezogene Fenster und flache Mauerstreifen bilden meist die einzige Belebung der Außenwände. Dem entspricht die einfache Behandlung des Inneren mit flacher Decke oder hölzernem Gewölbe; Altar, Kanzel und Emporen von größter Schlichtheit und alles geweißt. Es steckt in dieser Kunst ein Zug der Sachlichkeit, der sie den Baumeistern unserer Zeit zum eifrigsten Studium empfiehlt. Zumal die einfachen Putzbauten der Dorfsiedlungen Friedrichs III. und Friedrich Wilhelms I. in der Mark Brandenburg und die Backsteinbauten der Städte und Dörfer Schleswig-Holsteins. Die Kirchenbaukunst der norddeutsch-holländisch-hugenottischen Schule ist nicht weniger von klaren sinnlichen Raumvorstellungen erfüllt, als die der italienisch-süddeutschen, nur sind sie anderer Art. Eine mehr theoretische Bedeutung haben die um 1710 erschienenen Kirchenentwürfe des Mathematikarchitekten Leonhard Sturm, eines Schülers des Mathematikers Goldmann an der Universität Leiden. Doch haben die Entwürfe des in Frankfurt an der Oder, in Berlin, in Mecklenburg und in Braunschweig tätigen Sturm auf die weitere Entwicklung des protestantischen Kirchenbaues geringen Einfluß gehabt. Dieser beginnt eben jetzt — also wenig später als der katholische Kirchenbau — die gewonnenen strengen Grundformen mit größerer Wärme zu durchdringen, und da ist es gerade die Kreuzkirche, gegen die sich Sturms errechnete Vorschläge wenden, die der Gegenstand reicherer Durchbildung wird.

Drei Hauptsitze des evangelischen Lebens werden jetzt Mittelpunkte des protestantischen Kirchenbaues in der Reifezeit des Barock: Berlin unter dem tiefgläubigen Friedrich Wilhelm L, Dresden und Hamburg-Altona mit Schleswig-Holstein. Ein vierter Mittelpunkt ist das Bergische Land mit Barmen und Elberfeld als den wichtigsten Städten. In Berlin bezeichnen den Übergang von den älteren Formen die Garnisonkirche und die Jerusalemerkirche von Gerlach, in Potsdam die Heiliggeistkirche von la Gayette. Den Höhepunkt stellen dar die in den dreißiger Jahren entstandenen Bauten der Garnisonkirche in Potsdam von Gerlach (Abb. 57), der im Jahre 1809 durch Brand zerstörten großen Petrikirche von Gerlach und Grael (1730), sowie der beiden kreisrunden, mit kurzen Kreuzarmen versehenen Kirchen an der Mauerstraße: die Dreifaltigkeitskirche (Abb. 53) und die Böhmische Kirche (Abb. 55). Die Potsdamer Garnisonkirche in Kreuzform und ebenso die Berliner Dreifaltigkeitskirche in Kreisform, beide mit Emporen auf Pfeilern, offenbaren die Steigerung des Raumsinnes und der plastischen Gliederung, die in den dreißiger Jahren den protestantischen Kirchenbau von der flachen und geometrischen Gestaltungsweise des Frühbarock weggeführt hat. Das bedeutendste Denkmal dafür muß die ebenfalls kreuzförmige, im Innern mit kreisartig geführten Emporen ausgestattete Petrikirche gewesen sein. Das Äußere der Berliner Kirchen erhält durch die hohen, im obersten Geschoß reichdurchbrochenen Türme eine lebhaftere Betonung. Die hochragenden Türme waren eine Liebhaberei Friedrich Wilhelms I., die ihm in Holland erweckt worden ist. Der Ausgangspunkt der eigentlich Berliner Fassung ist der wundervolle Münzturmentwurf Andreas Schlüters. An der Spitze steht der noch strenge, von Gerlach 1713—t7t4 erbaute Turm der Parochial-kirche; es folgen der schlanke Sophienkirchturm in Berlin und der der Heiliggeistkirche in Potsdam, beide von Grael, und der 1730 erbaute, eingestürzte großartige Turm der Petrikirche, als Glanzstück endlich‘ der schön nach oben verjüngte und durchbrochene Turm der Potsdamer Garnisonkirche, ln seinem Gewölbe stehen die schmucklosen Särge Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs des Großen — die Kirche selbst ist mit den ruhmreichen Fahnen des Gardekorps und des brandenburgischen Armeekorps ausgestattet. Aus dem obersten Turmgeschoß klingen die alten Choräle des Glockenspiels trostreich über die alte Preußenstadt und die Havellandschaft hin. Aus der Mark selbst verdient die nach Plänen Wiesends von Dietrichs erbaute, innen und außen stattliche kreuzförmige Kirche in Buch aus dem Anfang der dreißiger Jahre Beachtung (Abb. 54)s). Mit Friedrichs des Großen Regierung kam der monumentale protestantische Kirchenbau zum Stillstand. An der Entfaltung zum Rokokostil hat er nicht teilgenommen. Wie sehr der große König der inneren Fühlungnahme mit dem religiösen Wesen der Kirchenkunst ermangelte, beweist der Umstand, daß er Knobelsdorff beauftragte, der alten schlichten protestantischen Nikolaikirche auf dem Markt in Potsdam eine Kopie der Fassade von Sa. Maria Maggiore in Rom vorzublenden. Eine Komposition im reichsten römischen Spätbarock von Fuga. gewissermaßen eine Theaterkulisse!

In Dresden und Sachsen entfaltete sich der Kirchenbau gleichfalls im zweiten Jahrzehnt des Jahrhunderts zu größerem Reichtum. Es ist die Bürgerschaft, die von der Baulust Augusts des Starken jetzt zur Errichtung stattlicher Kirchen angespornt wird — der katholisch gewordene König förderte diese dessen unbeschadet nach besten Kräften. Die Loslösung aus dem strengeren Schema des Frühbarock unternahmen bereits die zentralen kreuzförmigen Kirchen von Bähr in Schmiedeberg (1713 begonnen) und in Forch-heim in Sachsen und Hohnstein bei Pirna aus den zwanziger Jahren. Die von Pöppelmann und Bähr erbaute Dreifaltigkeitskirche in Dresden-Neustadt, ein Rechteck im Grundriß, bezeugt durch die schöngeschwungenen ovalen mehrgeschossigen Emporen auf durchgehenden Pfeilern den gleichen Fortschritt wie in Berlin — übrigens wurde Pöppelmann bei den Entwürfen der Berliner Petrikirche zu Rate gezogen. Das großartigste Denkmal nicht nur des Dresdener, sondern des deutschen protestantischen Barock überhaupt, ist die im Jahre 1726 begonnene Frauenkirche, das Meisterwerk Bährs, deren Bau sich bis in den Ausgang der Barockepoche hingezogen hat (Abb. 56). Die Gedanken des protestantischen Zentralbaues, die sich seit dem 17. Jahrhundert entwickelt hatten, werden hier mit höchster Gestaltungskraft zur letzten Vollendung gebracht. Das Innere ist kreisförmig mit fünf galerieartigen Emporen zwischen mächtigen durchgehenden korinthischen Pfeilern, die zugleich die hohe Kuppel tragen helfen. Das Äußere hat vier schräggestellte Treppentürme und dazwischen pilastergeschmückte Vorlagen mit den Eingängen und einem herausgebuchteten Chor. Das etwas schachtartige Innere ist durch die Überschneidung der langen Fenster nicht günstig beleuchtet. Vor dem ovalen Chor baut sich auf geschweiftem Grundriß eine Kanzeltribüne mit dem Altar und hohem Säulenaufbau und der Orgelempore dahinter auf. Diese von oben beleuchtete, prächtig ausgestattete Gruppe inmitten der zu verglasten Betstübchen eingerichteten Logen und der Galerien darüber erinnert fast an gleichzeitige katholische Barockkirchen. Bährs Kuppelraum bleibt aber an Raumwirkung weit zurück hinter solchen Schöpfungen wie der Karlskirche oder der Peterskirche in Wien. Dennoch wird man auch dem Inneren der Frauenkirche die Bewunderung nicht versagen, wenn man sich klar macht, eine wieviel schwierigere Aufgabe die künstlerische Lösung der protestantischen Predigt- und Gemeindekirche bot. Unbestritten ist die Schönheit des Äußeren. In dieser Hinsicht ist die Frauenkirche eine der großartigsten architektonischen Schöpfungen Deutschlands. Der Körper des Gebäudes hält an den langen Rundbogenfenstern und strengen Pilastergliederungen der protestantischen Überlieferung fest. Um so freier und herrlicher erhebt sich die, auf hohem eingeschweiftem Unterbau ruhende steile Kuppel mit unvergleichlich steigendem Umriß empor. Bekrönt mit einer schlanken Laterne und umgeben von den vier kandelaberartig geschwungenen Aufsätzen der vier Ecktürme, bietet sie ein Bild von Kraft und Zierlichkeit, von Ernst und Frohsinn. Wie der ganze Bau, so ist auch die Kuppel aus großen Elbsteinquadern aufgemauert, die fast schwarz geworden sind. Aber in dem Sonnenlicht leuchtet die Steinmasse immer noch genug, um das kühne plastische Leben zur Geltung zu bringen. Die Verbindung von Strenge und erhabener Heiterkeit dieser großartigsten Schöpfung des protestantischen Kirchenbaues offenbart einen der Bachschen Kirchenmusik im Innersten verwandten Geist. Die unermüdet durch dauernde Widerwärtigkeiten und feindselige Anfechtung zum Höchsten durchdringende Persönlichkeit des Ratszimmermeisters Bähr kann uns zugleich als ein Typus der von einem unbesiegbaren Gottvertrauen erfüllten evangelischen Männer gelten, die für das deutsche 18. Jahrhundert so bezeichnend sind. Aus dem Jugendleben Jung Stillings und Klödens und anderen Lebensbeschreibungen wird uns diese Grundstimmung im protestantischen Bürgertum Norddeutschlands verständlich. In das Rokokozeitalter führt den Dresdener Kirchenbau des Meisters Schüler Schmidt hinüber. Die T-förmige Stadtkirche in Großenhain (1748), die rechteckige Annenkirche (seit 1766) und die fast quadratische, mit flachrundem Chor schließende, 1764 begonnene Kreuzkirche in Dresden bezeugen in der weiträumigeren Anordnung der im Oval gebogenen mehrgeschossigen Emporen zwischen hohen Pfeilerarkaden den fortgeschrittenen Raumsinn dieser Epoche.

Um die Mitte des Jahrhunderts erheben sich auch einige Meister aus dem Kreise der Kirchenbaukunst der Niederelbe und Schleswig-Holsteins zu jener Vervollkommnung des einheitlichen zentralen Kirchenraumes, die zu gleicher Zeit, wenn auch in ganz anderer Weise, von den großen süddeutschen katholischen Zeitgenossen erstiegen worden war. Es ist doppelt bemerkenswert, daß auch diese Schule, die auf den schlichten Backsteinformen beruhte, jetzt in ihren Raumbildungen den Flug aus der Strenge des älteren Barock zur Freiräumigkeit unternommen hat. Drei große Kirchen, alle auf kreuzförmigem Grundriß, sind dafür die Hauptzeugnisse: die Hauptkirche inAltona, nach demVorbild der Kopenhagener Garnisonkirche von Cai Dose in Schleswig erbaut, die Hamburger Georgskirche in der Vorstadt St. Georg von dem Stadtzimmermeister Johann Leonhard Prey und, der Gipfelpunkt der norddeutschen protestantischen Kirchenraumkunst: die große Hamburger Michaelskirche, die von 1750—1762 durch Sonnin erbaut wurde. Die bekanntlich im Jahre 1906 durch einen Brand schwerbeschädigte Kirche ist ein Kreuz mit ganz kurzen Armen und vier freistehenden mächtigen Pfeilern in der Vierung. Der weite Mittelraum ist mit einem flachen Muldengewölbe überdeckt. Die an sich schon äußerst freie Raumwirkung wird aufs glücklichste durch eine einzige Empore gehoben, die von kleeblattförmigem Grundriß, durch ihre geschweifte Brüstung den großen Zug des Raumes wie durch ein breites Band betont. Die Kirche vermochte die bisher größtmögliche Zuschauermenge zu fassen, 3000 bei lockerer und 6000 bei gedrängter Besetzung. Das Äußere teilt mit den Backsteinkirchen der niederelbisch-schleswig-holsteinschen Gebiete die Beschränkung auf strenge Pilaster, die nur in ihrer reicheren Verkröpfung ihre Entstehungszeit im Rokokozeitalter verraten. Der erst 1777—1786 von Sonnin errichtete Turm mit offener Säulenlaube im obersten Geschoß wendet sich bereits dem Klassizismus zu. Die Lebensumstände des genialen Hamburger Baumeisters werfen ein Streiflicht auf die in dem norddeutschen Protestantismus wirkenden geistigen Kräfte. Als Sohn eines Predigers in der Priegnitz geboren (1709) studierte Sonnin zuerst in Halle Theologie. Er bildete sich in der Mathematik an den Schriften Wolfs und Eulers und befaßte sich auch mit der Philosophie, insbesondere mit der prästabilierten Harmonie, die damals in Halle noch Leibniz’ Schüler, Wolf, lehrte. In Hamburg erlernte er dann den Mechanikerberuf und wurde erst als reifer Mann durch einen dortigen Bürger zur Beschäftigung mit der Architektur veranlaßt. Gleich sein erster Bau war die Michaelskirche, in deren Bauleitung er dem Stadtzimmermeister Prey beigeordnet wurde. Sonnins Leistungen auf dem Gebiete der Baumechanik, der Statik, der Mathematik, in allen praktischen Zweigen der Baukunst müssen hier übergangen werden. Ein Vergleich seiner Hauptschöpfung mit dem größten protestantischen Kirchenbau seines Landsmannes Schinkel auf dem Markt in Potsdam, der Nikolaikirche von 1830, ist lehrreich zur Erkenntnis der Unterschiede zwischen dem protestantischen Kirchenbau des 18. und dem des 19. Jahrhunderts. Sonnins Raum ist trotz aller klaren Verständigkeit von der Wärme des lebendigen Raumsinnes erfüllt, dahingegen Schinkels viereckiger zentraler Kuppelbau, als ein Werk mehr des abstrahierenden Verstandes unter der vorherrschenden geistigen Energie unvergleichlich ärmer an wohlräumiger Wirkung ist. Gerade in dem protestantischen Kirchenbau tritt jener eingangs charakterisierte Grundzug in der Baukunst des 18. Jahrhunderts, die anschaulich empfundene Mathematik, zutage. Die letzte monumentale Schöpfung der Barock- und Rokokoepoche ist die ebenfalls kreuzförmige Ludwigskirche in Saarbrücken, die als Krönung eines neuen Stadtviertels von Stengel unter dem Fürsten Ludwig von Nassau-Saarbrücken errichtet wurde. Ihre prächtige innere und äußere Dekoration stellt den Ausklang des Rokokostils dar.

Die Hauptströmung des protestantischen Kirchenbaues von der Mitte des 17. bis über die Mitte des r8. Jahrhunderts hinaus verläuft also in der gleichen Richtung wie die des katholischen, trotz der so starken Abweichungen im einzelnen und in dem inneren Wesen. Wir müssen uns versagen, auf die weiteren bemerkenswerten Schöpfungen einzugehen, unter denen die der süddeutschen Enklaven wohl besondere Erwähnung verdienten (z. B. die durch ihren ovalen Predigtraum ausgezeichnete Ägidienkirche in Nürnberg von Troost, 1711—1718). Auch die große Reihe der an der einfachen rechteckigen Form des Betsaales festhaltenden schlichteren Stadt- und Dorfkirchen muß sich hier mit diesem kurzen Hinweis begnügen. Sie sind vor allem von den Reformierten und Hugenotten, auch von den Herrnhutern bevorzugt worden (vgl. die 1756 erbaute Kirche der Brüdergemeinde in Herrnhut). Gerade das Innere der einfachen protestantischen Kirchen mit den weißgetünchten Wänden, den schlichten Holzemporen und den hellen Fenstern atmet einen Geist der Sachlichkeit, der sie dem modernen Empfinden wohltuend macht. Es ist erstaunlich, mit welcher Sinnlosigkeit der Protestantismus diesen bis über das 18. Jahrhundert hinaus gepflegten Schatz gesunder künstlerischer Denkweise durch falsche Romantik und frömmelnde Unsicherheit im 19. Jahrhundert zerstört hat. Auch das Äußere gerade der schlichten protestantischen Kirchen zeugt von der bodenständigen, bei aller Schmucklosigkeit nicht gefühlsarmen Denkweise der protestantischen Kirchenbaumeister des 18. Jahrhunderts. Das tritt vor allem dort, wo die protestantischen Kirchen noch in der alten, gleichzeitig entstandenen Umgebung stehen, zutage. So an den schlichten gelbverputzten Kirchenbauten der kleinen Städte und Kolonistendörfer der Mark Brandenburg, wie nicht minder in den kleinen Backsteinkirchen der Elbmarschen und in Schleswig-Holstein. So auch in den Kirchen der alten Industriestädte des Bergischen Landes. Hier sind ihre grauen Putzwände, ihre schwarzge-schieferten Dächer und die gleichfalls schwarzgeschieferten bauchigen Zwiebelhauben der dicken Viereckstürme mit den Schieferhäusern lebendig verwachsen. Eine solche Gemeinde fleißiger Garnbleicher, Weber oder Schleifer in den Tälern der Wupper und Lenne oder auf den Höhen von Berg und Mark, eine solche Stadt mit dem schlichten, aus Schornsteinen und Essen herausragenden Gotteshaus ist im Bilde des deutschen Volkstums des 18. Jahrhunderts so wenig zu vergessen wie die ausgedehnten Klosteranlagen in den Donau- und Mainlandschaften.

Aus dem Buch: Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland (1922), Author: Schmitz, Hermann.

Siehe auch:
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – Einleitung
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – ÜBERBLICK ÜBER DIE KUNST DES JAHRHUNDERTS DIE STILEPOCHEN: BAROCK, ROKOKO U. FRÜHKLASSIZISMUS
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – POLITISCHER UND SOZIALER ZUSTAND DEUTSCHLANDS IM ZEITALTER DES BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GEISTESBILDUNG IM DEUTSCHEN BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GROSSEN FESTE
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE STELLUNG DER BAUKUNST IM 18. JAHRHUNDERT
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE BAUMEISTER, DIE BAUHERREN UND DER BAUBETRIEB. STADTBAUKUNST
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DAS GEISTIGE WESEN DES KATHOLIZISMUS IM DEUTSCHEN BAROCK UND ROKOKO
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER KATHOLISCHE KIRCHENBAU DES BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER KATHOLISCHE KIRCHENBAU DES ROKOKO
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER PROTESTANTISMUS DES 18. JAHRHUNDERTS

3 Comments

Comments are closed.