Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GESCHNITTENEN GLÄSER

Von den übrigen Zweigen des Kunsthandwerks, die im 18. Jahrhundert in Deutschland eine Blüte erlebt haben, verdient endlich eine kurzeWürdigung die Glasschneidekunst. Besonders merkwürdig ist die Ausprägung, die der deutsche Barock- und Rokokostil der Gestaltung und der Dekoration der edleren Trinkgläser gegeben haben. Von der Spätrenaissance her hatte sich die Bemalung der Humpen. Pokale und Gläser mit Bildern und Wappen in Schmelz- und Lackfarben bis in das Ende des 17. Jahrhunderts und teilweise selbst bis in den Beginn des 18. Jahrhunderts fortgeerbt. Die Gläser der Halloren, der altehrwürdigen Hallenser Salzherren, Bergmanns- und Jägerhumpen vom Fichtelgebirge, Hofkellereigläser von Dresden sind Träger dieser Überlieferung gewesen. Eine Veredelung der Formen und der Bemalung der Glaspokale erfolgte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zuerst in Nürnberg, das neben Augsburg überhaupt die Traditionen so vieler Zweige deutschen Kunstfleißes aus der Renaissanceepoche durch den Dreißigjährigen Krieg hindurch gerettet hat. Hier erscheinen zuerst Pokale auf hohen Schäften, deren Kugel- und Balusterprofile an die frühbarocken gedrehten Möbelbeine anklingen. Die Dekoration der Mehrzahl besteht in Schwarzlot- und farbigen Schmelzmalereien von der Hand jener oben als Fayencedekorateure schon genannten Glasmaler Schaper, Helmhack usw. Daneben treten mit dem Rade eingeschnittene Verzierungen, Landschaften und dergleichen auf, deren Hauptmeister der ältere und der jüngere Georg Schwanhardt in Nürnberg waren. Mit dem Eintritt des Hochbarock am Ende des 17. Jahrhunderts gewinnt dieser Schnittdekor, neben dem Tiefschnitt auch der seltenere Hochschnitt, in der Glaskunst die Vorherrschaft.

Das mit den achtziger Jahren in Aufnahme gekommene kristallklare Kreideglas mit dicken Wandungen ermöglichte der Schneidetechnik diesen Aufschwung. In den vieleckigen Kuppaformen und in den facettierten Balusterschäften und Dekelknäufen dieser gegossenen und durch Schliff bearbeiteten „Kristallgläser“ gibt sich das plastische Empfinden des Barock markanten Ausdruck. Gewiß hat die Freude des Barock am Spiel des Lichtes zu der merkwürdigen Entfaltung der deutschen Glasschneidekunst an der Wende des 17. zum 18. Jahrhundert beigetragen. In diesem Zeitpunkt errang das Glas auch in der Ausstattung der vornehmen Gemächer eine bedeutsame Stellung, um nur an die Spiegeldekorationen und Glasvertäfelungen der Decken und Wände in der Favorite, im Grünen Gewölbe, in der Amalienburg und in Würzburg, ferner an die Kristall- und Glaskronen und an die Prunkschränke zu erinnern. Fördernd mögen auf die Ausbildung des Glasschnitts in Deutschland die geschnittenen Bergkristallgefäße der italienischen Renaissance eingewirkt haben, die zu den Schaustücken der fürstlichen Kunstkammern gehörten (Grünes Gewölbe). Die Hauptstätten der Glasfabrikation und Schneidekunst entstehen in Deutschböhmen, in Oberschlesien am Fuße des Riesengebirges im Hirschberger Tal, in Potsdam und in Zechlin in der Mark Brandenburg. In dem ersten Viertel des Jahrhunderts haben die böhmischen Meister den Vorrang (Abb. 163).

Ihre Pokale zeichnen sich durch ausdrucksvolle Profile und meist durch den ornamentalen Dekor aus. In den älteren Werken herrscht noch das krause Rankenwerk; um 1710 tritt an seine Stelle das Laub- und Bandelwerk, teilweise in Anlehnung an die in diesem Jahre erschienenen Ornamentwerke Johann Leonhard Eislers und des Schlüterschülers Paul Decker, dessen „Groteskenwerk“ im Titel ausdrücklich für Goldschmiede wie für Glasschneider als Vorlagensammlung empfohlen wird. Somit berührt sich auch diese abseitsliegende Kunstindustrie mit dem großen Entwicklungsgänge der deutschen Barockformen. Neben derben mythologischen und Amorettenfiguren werden, und dies vor allem auf den schlichter gebildeten brandenburgischen Gläsern der Epoche Friedrichs I. und Friedrich Wilhelms I., Fürstenbildnisse, Monogramme und Gebäude eingeschnitten (Abb. 164). Ein Meisterschneider um 1700 war der von dem Großen Kurfürsten 1683 angestellte Gottfried Spiller in Potsdam. Damals wurde von dem Chemiker und Alchymisten Kunkel auf der Pfaueninsel bei Potsdam, die ihm der Kurfürst geschenkt hatte, kurze Zeit das vielbesprochene rote Rubinglas erzeugt. Bemerkenswert ist übrigens die Notiz Nicolais, daß der Eisenschneider und Medailleur der Kurfürsten, der aus Nürnberg übergesiedelte Gottfried Leygebe, Formen für Zieraten der Potsdamer Glashütten hergestellt hat; womit sich wiederum ein Verbindungsweg rückwärts nach der alten Hauptstadt der deutschen Kunstarbeit der Spätrenaissance ergibt. Länger als anderswo behauptet sich das gedrängte Barockornament in den geschnittenen Gläsern, bei den abgelegenen böhmischen und schlesischen Werkstätten noch besonders. Die große Zeit der deutschen Glasschneidekunst war eigentlich die des Barock. Mit dem Erlöschen des Barock um 1740 verliert sich die plastisch formende Kraft in der Bildung der Pokalkörper- und -schäfte. Das Ornament und die Bilder aus dem Schäfer-, Amoretten- und Chinesenkreise geraten unter den Einfluß der Augsburger Stecher (Abb. 165). Das Werk des Glasschneiders Chr. Gottfried Schneider in Warmbrunn, um 1740 bis in die sechziger Jahre, veranschaulicht am besten den Rocaillestil in der Glasdekoration. Eine weitere Dekorationsweise des Rokoko ist die aufgeklebte Vergoldung (Abb. 166). Im Beginn der siebziger Jahre wird der spielerische Rokokozierat von den Gläsern verbannt. Wie die Gefäßformen der Trinkgläser alsbald unter dem Einfluß der klassischen Kunstlehren sich glätten, so erstirbt auch die Freude an dem lustigen Licht- und Schattenspiel der mit Schnitt bedeckten schimmernden Kristallgläser.

Auf die vorwiegend mit Goldradierung und Rot gemalten Goldzwi-schengläser (zwischen zwei Glaswandungen), die in dem Rokoko ihre Blütezeit erlebten, sei nur hingewiesen.

Aus dem Buch: Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland (1922), Author: Schmitz, Hermann.

Siehe auch:
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – Einleitung
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – ÜBERBLICK ÜBER DIE KUNST DES JAHRHUNDERTS DIE STILEPOCHEN: BAROCK, ROKOKO U. FRÜHKLASSIZISMUS
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – POLITISCHER UND SOZIALER ZUSTAND DEUTSCHLANDS IM ZEITALTER DES BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GEISTESBILDUNG IM DEUTSCHEN BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GROSSEN FESTE
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE STELLUNG DER BAUKUNST IM 18. JAHRHUNDERT
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE BAUMEISTER, DIE BAUHERREN UND DER BAUBETRIEB. STADTBAUKUNST
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Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER KATHOLISCHE KIRCHENBAU DES BAROCK
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Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER PROTESTANTISCHE KIRCHENBAU
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Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE DECKENMALEREI
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Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE BILDHAUERKUNST DES ROKOKO
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Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – SCHMIEDEKUNST UND WAFFEN
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