Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GROSSEN FESTE

Keinen sinnfälligeren Ausdruck für den Seelenzustand des Barock gibt es als die Art, wie er seine Feste feierte. Am Ende des 17. Jahrhunderts erreichte die Festeskultur des höfischen Europa einen vorher und nachher nie wiedergesehenen Glanz. Damals kamen die in der Renaissance entsprossenen Keime zur üppigsten Entfaltung. Der Festbetrieb des deutschen Barock steht wie selbstverständlich in engster Fühlung mit dem der italienischen Höfe; die Götterfestzüge, die Ballette, die Turniere, Ringelstechen und Karnevalsfeste, die Karussels und Tierhetzen, die Komödien und Opern, die namentlich am Hofe Leopolds I., Josephs I. und Karls VI. in Wien, Max Ema-nuels in München, der Johann George und Augusts des Starken in Dresden aufgeführt werden, sind Nachbildungen italienischer Feierlichkeiten. Italiener wie Burnacini, die Galli Bibiena und andere Festdekorateure haben dabei eine wichtige Rolle gespielt. Das italienische Fest- und Maskeradenwesen drang aber nicht nur in das geistige und künstlerische Leben der deutschen Höfe — es befruchtete auch die deutschen Gemüter, so daß deren Vorstellungs- und Gedankenwelt im Beginn des 18. Jahrhunderts daraus starke Anregungen schöpfte. Große deutsche Baumeister wie Fischer von Erlach, Hildebrand. Neumann, Schlaun usw. treten als Festarrangeure auf. Die von ihnen und ihren Zeitgenossen ausgestatteten und geleiteten Staatszeremonien, Kirchen-, Freuden- und Trauerfeiern eröffnen uns erst das volle Verständnis für den Sinn ihrer architektonischen Schöpfungen. Rufen wir uns die längst verklungenen rauschenden Feste ins Gedächtnis, erfüllen wir die Prozessionswege und das Innere der Kirchen, erfüllen wir die Straßen, die Schloßplätze und Höfe, die Gärten und Teiche, die Säle und Galerien der Schlösser, ihre Opernhäuser und Kapellen mit den farbenbunten Scharen, die sie an solchen Tagen belebten: dann erst gewinnt das Bild des Barock seine Rundung. Der Barock als Ausdruck eines hochgesteigerten Lebensgefühls wird dann erst im ganzen Umfang verständlich. Die zahlreichen kostspieligen Kupferwerke und bis ins Einzelne gehenden Beschreibungen, in denen die Plpoche die wichtigsten Ereignisse der Art festgehalten hat, beweisen überdies, daß sie darin mehr als bloß vorübergehende Vergnügungen gesehen hat. Sie hat ihre Feste mit demselben Ernst wie die monumentalen Bau- und Kunstangelegenheiten behandelt. Uns sind die Zeugnisse hierüber nicht weniger als die anderen Kunstschöpfungen unentbehrliche Quellen des Denkens und Wollens unserer Vorväter aus dem 18. Jahrhundert).

Der moderne Mensch, der nichts so sehr verlernt hat, als das wahre Festefeiern, muß sich vergegenwärtigen, daß die großen Feierlichkeiten des Barock nur auf dem Grunde des damals noch vorhandenen künstlerischen Gemeinsamkeitsgefühls von Hoch und Niedrig erwachsen konnten. In ihnen findet das freudig erregte Volksgemüt seinen höchsten Ausdruck. Bei den Kirchen-und großen Heiligenfesten und Wallfahrten selbstverständlich. Aber auch die Einzüge, Sieges- und Krönungsfeiern der Fürsten, ihre Vermählungs- und Totenfeste wurden von dem ganzen Volke als Zuschauern, ja als Mitwirkenden erlebt. Es wäre ganz töricht zu glauben, daß Kurfürst Friedrich III. von Preußen, als er aus eigener Machtvollkommenheit sich und seiner Gemahlin die Königskrone aufs Haupt setzte, dies bloß aus persönlicher Eitelkeit und Prunksucht tat: Nein, das ganze Preußenvolk fühlte sich in dieser Handlung mittätig erhoben. Die reichen freiwilligen Krönungssteuern aus dem ganzen Lande beweisen das zur Genüge. Gewiß muß man manche Übertreibung in den Schilderungen der bestallten Hofpoeten auf ihr Maß beschränken.

Auch ist nicht zu vergessen, daß eben der Barock ein mit allen Mitteln arbeitender Meister in der Inszenierung war. Dennoch ist ein Hof- und Krönungsfest von dem aufrichtigen Freudeempfinden der breiten Massen getragen gewesen. Man muß dem Hofmarschall von Besser Glauben schenken, wenn er den Volksjubel bei der Königsproklamation in Königsberg beschreibt. Unter dem Donner der Geschütze und demTrompetenschall von allen Türmen ..entstand auf dem Markte ein so lautes und allgemeines Freudengetümmel, daß es von Gasse zu Gasse, ja von einer Stadt zur anderen erschallte und die Ankommenden vom Lande zu ihrer Verwunderung mit darunter verwickelt wurden, bevor sie noch wissen konnten, was ein so unverhofftes und in den preußischen Grenzen nie erlebtes Frohlocken bedeuten sollte.“ Bei der Krönungsfeier in der Schloßkirche bewirkten die in dem Feuer der Brillanten strahlende Krone und die goldbestickten scharlachroten Ornate des königlichen Paares bei allen Anwesenden gesteigerte Begriffe von ihrer Herrlichkeit. Besonders schimmerte die Krone aus den dicken Buckeln des natürlich gekrollten kohlschwarzen Haares der Sophie Charlotte desto heller hervor, so daß alle Anwesenden von dem Anblick wie betroffen waren. Um den Jubel des Volkes zu steigern, wurde diese Königskrönung, wie stets auch die Kaiserkrönung, damit beschlossen, daß Münzen unter die Menge geworfen und ihr ein gebratener Ochse und Wein als Symbol des Überflusses und der Wohltätigkeit preisgegeben wurden. Die herzliche Teilnahme des Volkes an den Feierlichkeiten seines Kaiserhauses beleuchtet die Erzählung, die Goethe als Knabe von älteren Frankfurtern erfuhr. Als Franzi, nach der Krönung im Dom in dem seltsamen Ornat an einem Balkonfenster neben dem Römer seiner jungen Gemahlin Maria Theresia gegenübertrat und sich ihr sozusagen als ein Gespenst Karls des Großen dargestellt, habe er wie zum Scherz beide Hände erhoben und ihr den Reichsapfel, das Zepter und die wundersamen Handschuh hingewiesen. Darüber sei die junge Kaiserin in ein unendliches Lachen ausgebrochen, welches dem ganzen Volke zur größten Freude und Erbauung gedient, indem es darin das gute und natürliche Ehgattenver-hältnis des allerhöchsten Paares der Christenheit mit Augen zu sehen gewürdigt worden. Als die Kaiserin nun ihrem Gemahl ein lautes Vivat zurief, wollte das Freudengeschrei des Volkes gar kein Ende nehmen.

Die Kaiserkrönung zeichnete sich natürlich als die ehrwürdigste Feier des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation durch den Prunk, den die Kurfürsten und Stände des Reiches entwickelten, vor allen übrigen Festen aus. Die tagelangen Einzüge. Empfänge und Begrüßungen, die Wahlhandlung, die Krönung und Salbung im Dom, die anschließenden Festtafeln, Illuminationen und Volksbelustigungen vollzogen sich in einer genau geregelten Ordnung. Der Aufbau dieser Zeremonien, wo jeder Schritt beinahe von dem Obrist-Hofmarschall geregelt war, ihre Steigerung zum Höhepunkt der Feier, die Verknüpfung sinnvoller historischer Bedeutung mit kostbarem Wappen-, Herolds- und Livreenprunk: dies allein erhob bereits die Feier zum Kunstwerk. Es sei auf die Darstellung der römischen Königskrönung in der Reichsstadt Augsburg 1690 verwiesen. Hier ziehen nacheinander unter Kanonen- und Trompetenschall alle die Fürsten oder ihre Gesandten ein, die diese erste Epoche des deutschen Barock kennzeichnen, mit einem unabsehbaren Gefolge von Karossen, mit Domherren, Kavalieren, Ministern, davor und dahinter Trabanten, Pagen und Garden, alle in bunten Samt- und Seidengewändern: Die Kurfürsten, voraus der Erzkanzler Anselm Franz von Mainz, Johann Hugo von Trier, Joseph Clemens von Köln, Philipp Wilhelm von der Pfalz, Max Emanuel von Bayern, Johann Georg III. von Sachsen, Friedrich III. von Brandenburg usw.

Alle Künste, die bildenden, die redenden und die Musik, standen im Dienst der Sache. Die Architektur aber leitete das Ganze. Mächtige Ehrenpforten als Nachbildungen römischer Triumphbogen, Ehrensäulen und Denkmäler bildeten den Mittelpunkt des von einheitlichen Gedanken beherrschten Festschmuckes. Beim Einzug Friedrichs I. nach seiner Krönung in die Residenz Berlin waren sechs großeEhrenpforten errichtet, die auf das Schloß zuführten. Der Chronist berichtet ausdrücklich: ,,Sie standen in einer Reihe, wurden in Perspektive gesehen und erschienen dem Durchziehenden nicht anders als entweder die in einem Palast hintereinander gelegenen, reich aufgeschmückten Gemächer, oder als die bei den Karussels gewöhnlichen Schranken mit Neugierigen auf beiden Seiten.“ Den Endpunkt dieser Dekorationen bildete das eben vollendete Portal Schlüters mit den vier majestätischen Säulen am Schloßplatz (Abb. 16).

Durch dieses betrat der Festzug den gewaltigen Säulenhof Schlüters, dessen Mitteltrakt das zur Flucht der glänzenden Paradekammern hinaufführende Treppenhaus umschließt. So erst enthüllt sich uns der triumphale Gedanke in dem Schloßbau Schlüters. Fischer von Erlach, der große österreichische Zeitgenosse Schlüters, entwarf die Triumphbogen zum Einzug seines Herrn Josephs I. als römischen Königs in Wien 1690, deren einer eine Quadriga mit vier sprengenden Rossen zierte. Die Festbauten Fischers werden bezeichnenderweise von seinem Freunde Wagner von Wagenfels als Triumphe des deutschen Meisters über die Welschen gefeiert. „Dieses war ein schöner Triumpf- und Ehren-Tag, in welchem nicht allein Ihre Königliche Majestät, als wie ein, zur Frolockung des sämmtlichen Volcks vom Himmel herabgeschickter Engel in das weltbeherrschende Wien mit einer unvergleichlichen und von der Teutschen Weiss-heit wohlangeordneten Pracht Siegprangend eingeritten, sondern an welchem auch die Teutsche Kunst und Geschicklichkeit wider die Hochachtung der Ausländer in den Gemüthern aller Zuschauer einen sehr herrlichen Sieg erhalten hat.“

Die architektonische Ordnung, die den Festen des Barock zugrunde liegt, wird auch in den Balletten, Turnieren und Karussels eingehalten. Das zum Karneval 1722 im Zwinger in Dresden abgehaltene „Caroussel Comique“ ist eine von Kavalieren und Damen in Masken der italienischen Charakterkomödie aufgeführte Quadrille. Scaramuzi, Crispini, Harlequini, Pantaloni, Dottori, Bringhelli, Policinelli und Capitani ziehen in rhythmischer Ordnung von Charivarimusiken geleitet in die Arena. Es folgen allegorische Kämpfe und Turniere — acht welsche Ritter bekämpfen die Elemente, alles möglichst „egal und in gleicher Distance“, und mit derselben zeremoniösen Regelmäßigkeit vollzieht sich die anschließende Festtafel in der Bildergalerie. Wie sehr dieser ordnende Grundzug des Barock selbst das militärische Exerzieren, Lager- und Uniformenwesen beseelte, ja daß er von dem künstlerischen Empfinden mit vollen Zügen genossen wurde, beweist das von August dem Starken zu Ehren Friedrich Wilhelms I. und des Kronprinzen Friedrich im Juni 1730 bei Mühlberg an der Elbe abgehaltene, von den Zeitgenossen verherrlichte Lustlager der polnisch-sächsischen Armee. Für diese martialischen Lustbarkeiten wurde eine Ebene von drei deutschen Meilen planiert, in deren Mitte sich der königliche Pavillon erhob. Der Sinn für strenge Ordnung geht so weit, daß die abgeschlagenen Bäume „in Klaftern sehr ordentlich in zwo Linien gesetzt am Horizont stunden, und daß die geschickte Aufstellung nicht genugsam zu bewundern war“. König August hatte für sich selbst ein Palais aus Holz mit kostbar tapezierten Zimmern, mit Küche, Kellerei, Konditorei, Galanteriebutiken und Kaffeehäusern errichten lassen, wo Janitscharen und Mohren aufwarteten — alles auf grün gestimmt —, während das preußische Hauptquartier in prächtigen Zelten logierte. Die Armee kampierte in Ordre de Bataille in zwei langen Linien, an deren Ende je eine steinerne Pyramide aufragte. Jedes Regiment in seinen prächtigen Uniformen und Farben um seine Fahnen und Standarten geordnet. Der „Accuratesse und Proprete“ dieses Zeltlagers zollt der Berichterstatter Bewunderung. Den Höhepunkt der Übungen bildet der Parademarsch und das Exerzieren, das Quareesbilden, die Handgriffe nach dem Trommelschlag, das Feuer in Gliedern und dergleichen Vorführungen, worin die sächsische Armee der preußischen nacheiferte. Zum Beschluß wurde ein vierzehn Ellen langer Kuchen gebacken, wozu ein besonderer Ofen gebaut war. Unter Leitung eines Oberlandbaumeisters wurde der Kuchen von einem Zimmermann zerlegt; also auch in diesem echt barocken Scherz wird doch die architektonische Seite nicht vergessen!

Die Plastik und Malerei entfalteten im Bunde mit der Architektur ihre ganze Kraft, um den Festen Gehalt und Form zu geben. Figurenreiche allegorische Gruppen und Gemälde schmücken die Ehrenpforten und Denkmäler. Der hochgesteigerte Ruhmsinn findet hier das Feld seiner Betätigung. So sind die Triumphpforten und Ehrenpyramiden, durch die August der Starke nach seiner polnischen Königskrönung in Danzig einzieht, mit Darstellungen „der von seiner kgl. Majestät vollführten Heldentaten“ geschmückt; „der König erscheint ganz geharnischt im Purpurmantel gemalt als unüberwindlicher Monarch in freundlicher doch königlicher und heroischer Gestalt“, über ihm Fama und Virtus, gegen die zwei giftige Nattern anzischen. Ähnlich werden Max Emanuel und Therese Kunigunde bei der Rückkehr aus der Verbannung nach München im Juli 1715 durch Ehrendenkmäler gefeiert. Sie erscheinen auf einer Ehrenpforte nach dem Leben gemalt „in vollkommener Freudsvergnügung sitzend“ von Tugenden und Göttern umgeben. Auf dem Festwege werden sie begrüßt durch einen Lustberg mit Wasserfällen und grünenden Bäumen, dazwischen die Bilder ihrer Lustschlösser, ferner durch ein Bassin in Form einer wassersprühenden Galeere, sowie durch Statuen und Gruppen antiker Gottheiten, die in sinnbildliche Beziehungen zum Ruhm des Hauses Bayern gesetzt sind.

Selbst in den Trauerfestlichkeiten wird der Gedanke des Heldenruhmes betont, ja hier wirkt er im Gegensatz zur Schaustellung von Todestrauer und Schrecken und der Vergänglichkeit doppelt stark. In dem „Castrum doloris“, der feierlichen Aufbahrung des fürstlichen Leichnams in der völlig schwarz ausgeschlagenen Kirche, tritt die rauschende Inszenierung der Barockgefühle in einer Weise zutage, die uns Nachfahren besonders schwer verständlich ist. Was ist hier wirklicher Schmerz, was ein selbstgefälliges Wühlen im Schmerze? Ähnlich wie angesichts vieler religiöser Kunsterscheinungen bewegt uns die Frage : wo geht der Ausdruck wirklichen Gefühls in theatralische Schaustellung über? Der Historiker steht an einem Punkt, wo er der Vergangenheit nicht mehr ins Herz sehen kann. Gibt es einen größeren Gegensatz als eine solche Totenfeier, wie sie Fischer von Erlach seinem Herrn, Kaiser Joseph I., in der Augustiner-Hofkirche, Eosander seiner Herrin, Sophie Charlotte, im Berliner Dom und Effner dem Kurfürsten Max Emanuel in der Theatinerkirche anrichtete, mit einem modernen Leichenbegängnis? Kaiser Josephs Katafalk steht zwischen den vier Mittelpfeilern der Kirche, die, in Trajanssäulen verwandelt, die glorreichen Taten des Kaisers wie in Metall gegossen darstellen. Die Totenbahre mit schweren goldgestickten Trauer-clecken, deren vier Ecken römische Klageweiber halten, ist umgeben von Figuren in der traurigsten Stellung, Matronen, die das römische Reich und die Provinzen Österreichs darstellen. In der Höhe schwebende Engel und dahinter eine Apotheose auf Wolken, über welche der Kaiser als Imperator auf einer von zwei Adlern gezogenen Biga emporfährt. Darüber ein Baldachin mit der Kaiserkrone und Genien mit Schrifttafeln; die herabfallenden Draperien des Baldachins sind in den Seitenschiffen an Wolkenballen aufgeknüpft. Uber dem Eingang zu dem kaiserlichen Begräbnis brach aus einem Vorhänge „das Gerücht“ — der Ruhm — hervor, auf dessen Trompetenfahne der in den alten Triumphen gebräuchliche Zuruf; Jo Triumpfe!

Der Barock suchte, wo es möglich war, die Festdekorationen auch in Stein und Stuck über die Vergänglichkeit des Tages hinaus zu verewigen. Namentlich dort, wo er die Bürgschaft dauernden Ruhmes wünschte. Besonders am Berliner Schloß macht sich das Ruhmesstreben noch heute geltend; so an dem von posaunenblasenden geflügelten Genien belebten Triumphbogen Eosanders nach der Schloßfreiheit zu, ferner in der von Eosander geschaffenen Bildergalerie, wo das königliche Paar an den Decken erscheint, von Musen umgeben, während die Laster von Genien in wildem Kampfe über die Gesimse heruntergeschleudert werden; der höchste Festjubel entfaltet sich in dem Schlüterschen Rittersaal, wo aus den vier Ecken plastische Scharen, die Gesimse durchbrechend, zur Decke emporströmen und sich, gemalt, mit Wolken zum Zenith aufschwingen, den Ruhm des Erbauers dieses Schlosses, des Zeughauses und des Charlottenburger Schlosses unter Posaunengeschmetter der Ewigkeit verkündend. Das Prunkbüfett, das nach Eosanders Zeichnung von Augsburger Goldschmieden ausgeführt wurde, diente zum Schmuck des Krönungsfestes im Jahre 1703 und ist ausgesprochenermaßen eine verewigte Festdekoration. Die äußerste Verschwendung mit Prunksilber trieb August der Starke auf seinen Festen; so ließ er 1719 bei der Vermählungsfeier des Kurprinzen mit der Kaisertochter ein Riesenbüfett mit silbernen Pokalen, Schwenkkesseln, Becken und Leuchtern errichten. Diese Vermählungsfeierlichkeiten gehen über alles hinaus, was uns sonst überliefert ist. Noch halten einige der mit Federn besteckten Pferdegeschirre im Historischen Museum die Erinnerung an die abgehaltenen Schlittenfahrten fest (Abb. 21). Das Dresdener Grüne Gewölbe birgt einen Teil des von Dinglinger und anderen geschaffenen Prunksilbers des Königs. Die großartigste steingewordene Festarchitektur ist der Zwinger in Dresden (Abb. 18). Es ist nichts weiter als ein großer viereckiger Festplatz mit Galerien für die Zuschauer, umgeben mit Pavillons und Sälen, den August der Starke durch Pöp-pelmann seit dem Jahre 1709 im Anschluß an die wochenlangen Schaustellungen und Lustbarkeiten auf führen ließ, die er damals seinem Verbündeten Friedrich IV. von Dänemark gegeben hatte. Desgleichen sind die reichgeschmückten Gnadensäulen, die man in Österreich zum Dank für überstandene Türkengefahren und Pestseuchen errichtete, in Stein umgesetzte Festgerüste; die berühmteste, die Pestsäule auf dem Graben in Wien mit dem zwischen Engeln knieenden Kaiser Leopold I., von Burnacini unter Mitwirkung des jungen Fischer von Erlach und Rauchmüllers geschaffen, war ursprünglich in Holz aufgeführt worden. Vollends sind die pompösen fürstlichen Grabmäler nur zu verstehen als dauernd gewordene Trauergerüste, an blei-, bronze- und zinngegossenen Särgen entfaltet sich stellenweise ein unglaublicher Prunk. Wahrhaft tiefempfundene plastische Schöpfungen sind die Särge Friedrichs I. und der Sophie Charlotte von Schlüter in der Berliner Domgruft (Abb. 22). Der ganze Apparatus Funebris, der den Katafalk des Castrum Doloris umgab, findet sich häufig auf dem Sarkophag und dem hohen Aufbau wieder. Die klagenden Tugenden, die posaunenden Engel, die Totengerippe, die Inschrifttafeln, die Pyramiden, die Draperien, Fahnen, Standarten, Waffen, Kanonen und Pauken. So steht Prinz Ludwig von Baden, der Türkensieger, inmitten seiner Kriegstrophäen auf dem Riesen-Epitaph im Chor der Kirche in Baden-Baden. Adler und Engel stürzen sich auf die Türkenkrieger herunter. Man glaubt kriegerische Fanfaren und Paukenwirbel zu hören. Gerade die Siege über die Türken haben in den Festtriumphen und Grabmälern ihre Verherrlichung gefunden. Prinz Eugen wird von Permoser in einer rauschenden marmornen Apotheose im Belvedere gefeiert — der Held sucht dem Ruhmesgenius die Posaune zuzuhalten! —, ähnlich August der Starke im Dresdener Großen Garten.

In diesen Triumphen kommt die Freude des Barock am Lauttönenden zu Wort. Er liebt die schmetternden Posaunen, die Janitscharenmusik, Schalmeien, Trommeln, Pauken und Messingbecken, und das Dröhnen der Kanonen. So auch starke Lichteffekte, den strahlenden Blitz und dunkle Wolken. Immer und immer weisen die Festchronisten darauf hin. So heißt es von der Vermählungsfeier Friedrichs I. im Dom, die Eosander ausschmückte, die Illumination mit Wachslichtern hätte den Eindruck erweckt, als sei die ganze Kirche von der Sonne beleuchtet gewesen. Auf dem Triumphbogen beim Einzug Augusts des Starken in Danzig sieht man einen Donnerpfeil aus feuriger Wolke: einen sich auf schwingenden Adler; die Sonne über einer Landschaft strahlen; dann wieder die Sonne aufgehen und nachtvertreibend. Den Abschluß jedes großen Barockfestes bildet daher eine Riesenillumination, ein Luft- und Wasserfeuerwerk von Kanonenschlägen begleitet. „Berlin schimmerte nicht, sondern brannte gleichsam in allen Gassen von Lichtern, Lampen, Fackeln und Freudenfeuern“, berichtet der Chronist von der Illumination des Krönungsfestes und fühlt sich an den Brand Roms unter Nero erinnert. Unter einem Regen von Streitfeuern, Wasser- und Landschwärmern und Schlangen wird auf dem Wallgraben die Rückkehr der Flotte Jasons als allegorische Verherrlichung der Majestäten mit Beistimmung aller Seegötter aufgeführt. Unterdessen wird aus hundert Geschützen und Mörsern unter Leitung des Generalfeldzeugmeisters Prinz Philipp von Schwedt zwei Stunden lang kanoniert. „Die ganze Gegend geriet in Zittern und Beben, gleich als wenn Himmel und Hölle unter einander fallen.“ Zum Liboriusfest in Paderborn entwarf der Artillerieoffizier Schlaun ein Wasserfeuerwerk, dessen Zeichnung noch erhalten ist. Den Vogel schießt wiederum das Lustlager Augusts des Starken an der Elbe ab. Es wird beschlossen durch die Illumination eines prächtigen Schlosses mit einem heidnischen Göttertempel, als Allegorie in kunstvollster Perspektive von Italienern gemalt. Unter dem Donner von sechzig Kanonen, unter dem Pauken- und Trompetenschall der versammelten Armeemusiken leuchtet eine Inschrift auf „Sic fulta manebit“, während Streitfeuer, Lauffeuer, Lustkugeln und Raketen durcheinander zischen. Nun zieht die königliche Lustflotte vorüber, mit tausend Lämpchen beleuchtet, unter den Klängen der darauf stationierten königlichen Hofkapelle. Voran ein riesiger Walfisch, „Feuerfax“ genannt, von vier feuerspeienden Delphinen begleitet. An der Spitze der Fregatten, Brigadinen, Schaluppen und Gondeln der Buzentaurus, das Schiff der Kronprinzessin mit vergoldeter Schnitzarbeit bedeckt. Von ihm erklang im Vorüberziehen eine „Egloga dal Campo di Radewitz“, von einer italienischen Frauenstimme gesungen und von Virtuosen akkompagniert. Auch hier beschließt das Zusammenspiel sämtlicher Trompeten, Waldhörner, Pauken und übrigen Instrumente unter dem unaufhörlichen Krachen der Kanonen die Feier.

Architektur, Natur, rauschende Wasser, Beleuchtung und Musik kommen zu zarteren poetischen Stimmungen zusammen auf einem nächtlichen Gartenfest der Sophie Charlotte im Schloßpark von Oranienburg. Ein Sommersaal, durch den eben aus Frankreich zurückgekehrten Eosander von Laub- und Blumenwerk errichtet, dem Triumph der Liebe geweiht, öffnet sich plötzlich und die Festgesellschaft erblickt eine Springbrunnengrotte in magischer Beleuchtung. Peleus und Thetis und ein Chor von Flußgöttern, auf den Felsstufen lagernd, besingen die Götter, Menschen und Tiere bezwingende Macht Amors, von Oboen, Theorben, Flöten oder dem Orchester begleitet, „so bei der stillen Nacht und unter dem Geräusch der Kaskade die Luft nicht anders als mit einem angenehmen Widerschall erfüllen konnte.“

Aus dem Buch: Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland (1922), Author: Schmitz, Hermann.

Siehe auch:
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – Einleitung
ÜBERBLICK ÜBER DIE KUNST DES JAHRHUNDERTS DIE STILEPOCHEN: BAROCK, ROKOKO U. FRÜHKLASSIZISMUS
POLITISCHER UND SOZIALER ZUSTAND DEUTSCHLANDS IM ZEITALTER DES BAROCK
DIE GEISTESBILDUNG IM DEUTSCHEN BAROCK

Hier gezeigte Abbildungen:
Der große Kurfürst im Schlitten
Ein Damenfest unter August dem Starken
Einzug Josephs I. in Nürnberg 1704 – Ausschnitt
Gesamtansicht des Zwingers in Dresden
Vom Seitenflügel des Zwingers in Dresden
Südportal des Berliner Schlosses
Der Pavillion des Zwingers in Dresden
Pagodenburg im Park vin Nymphenburg
Galakutsche von der Kaiserkrönung in Frankfurt
Schlittenpferd Augusts des Starken
Metallsarkophag Friedrichs I.