Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE STELLUNG DER BAUKUNST IM 18. JAHRHUNDERT

Ein Hauptkennzeichen des deutschen Barock ist die überragende Stellung der Architektur innerhalb der bildenden Künste. Darin offenbart sich, daß das Barockzeitalter für uns den Beginn einer neuen Epoche darstellt, ähnlich wie es für das Mittelalter die Zeit des romanischen Stils gewesen ist; die Architektur wird wiederum eine Mutter der Künste. Ja, sie ordnet jetzt in noch höherem Grade den ganzen Kreis des Wirkens, der die Bewohnung, die Fruchtbar- und Nutzbarmachung, die Verbesserung und Verschönerung der Erde umfaßt. Die Grundgedanken der Baukunst durchdringen auch die übrigen Künste. Das Zier- und Stückwerk der deutschen Spätrenaissance wird nicht mehr geduldet. Durchgreifend“ Pläne werden die gebieterische Forderung der Zeit. Die deutschen Städte ehielten bis über den Dreißigjährigen Krieg die gedrängte winklige Bauart bei. Eingezwängt in die hohen Mauern und Türme, um ihre Kirchen gedrängt, erscheinen sie noch auf Merians schönen Kupferstichen. Nur enge Tore gewähren Ein- und Auslaß. Nur gewundene Hohlwege und schmale Zugbrücken bilden den Zugang. Mit dem Barock entstehen regelmäßige Vorstädte mit geraden Straßen, mit rechteckigen Plätzen und breitgelagerten Häusern, namentlich dort, wo die Hugenotten zuziehen, so in Berlin, in Schwedt, in Kassel, in Ansbach und Erlangen. Residenzstädte nach genauer Planung entstehen zugleich mit den Schlössern, wie in Mannheim, in Karlsruhe, in Ludwigsburg, in Ludwigslust und Saarbrücken. Der Wille der Fürsten bestimmt nicht nur das Netzder Straßen, sondern gebietet auch strenge die gleichmäßige Höhe und Farbe der Häuser. Die neuen Formen der Befestigungskunst, die strahlenförmigen flachen Bastionen, die geraden Glacis und Gräben, die regelmäßigen Tore und überhaupt die Militärbauten, die Wachtgebäude, Kasernen, Soldatenwohnungen und Arsenale haben die Regelmäßigkeit im Städtebau befördert. Die großen französischen und holländischen Lehrmeister im Festungsbau, Vauban, der die Festung Neubreisach angelegt hat, und Coehoorn wirkten umgestaltend auch auf den Städtebau. Neben den Kupferwerken, unter denen Belidors Ingenieurkunst den ersten Rang einnimmt, verbreiteten holländische, französische und italienische Ingenieure die neuen Gedanken in Deutschland. Die Planung und Befestigung Berlins von Memhard, die Befestigung von Wesel durch de Bodt, die Festungswerke von Rastatt, Philippsburg, Küstrin, Magdeburg und Stettin sind wichtige Denkmäler der Art. Das Ingenieur- und Artilleriekorps stellte denn auch zahlreiche Meister für den Hochbau.

Einen beträchtlichen Aufschwung nahm in dem Barockzeitalter auch der Wasser-, der Kanal- und Hafen-, der Schleusen- und Mühlenbau. Hier stand wieder Brandenburg-Preußen an der Spitze, wo sich durch die Holländer eine tüchtige Schule in diesen Fächern bildete. Seit den Tagen des Großen Kurfürsten und seiner Gemahlin Luise Henriette von Oranien, der Gründerin Oranienburgs, ist von den Hohenzollern Bewundernswertes darin geschaffen worden. Hand in Hand mit diesen Arbeiten ging die Trockenlegung der Brüche, die Befestigung der Flugsandstrecken und die Anlage von Kolonistendörfern. Auch diese Aufgaben wurden von den Fürsten in die Hände der ersten Architekten des Landes gelegt, und nur so erklärt sich das Gepräge; der Ordnung und der Regelmäßigkeit, der Solidität der Arbeit, das den Dorfgründungen anhaftet. Aus der Zeit Friedrich Wilhelms I. ist die Entwässerung des Fehrbelliner Luchs und großer Strecken in Ostpreußen, aus der des großen Königs die des Netze- und Wartebruchs, des Maduesees in Pommern hervorzuheben. Daneben entwickelte sich in dieser Epoche zukunftsfroh der Salinenbau — für den z. B. der Hamburger Sonnin gearbeitet hat — der Bau von Bade- und Brunnenhäusern, von Windmühlen, Hebekrähnen. Eisenhütten und endlich der Bergbau. Balthasar Neumann war ein Meister in dem technischen Bauwesen. Außer den preußischen Herrschern haben sich die meisten anderen deutschen Landesherrn, besonders Kaiser Karl VI., die Braunschweiger, die Herzoge von Württemberg und Hessen-Kassel, die Kurfürsten von Sachsen und die Fürstbischöfe von Würzburg und Speier usw. unbestreitbare Verdienste um die Entwicklung des Fabrikwesens erworben. Unter den Zeichnungen der meisten großen Baumeister des deutschen Barock und der Folgezeit finden sich Entwürfe zu technischen Gebäuden und Anlagen. Es wäre eine schöne und zeitgemäße Aufgabe, dieses Material bekanntzumachen. Gerade darin enthüllt sich die gesunde und selbstverständliche künstlerische Arbeitsweise des 18. Jahrhunderts, und es erschließen sich willkommene Ausblicke auch in die abseits der reichen Prunkarchitektur liegenden Leistungen der Zeit. Auffallend vernachlässigt wurde dagegen der Bau der Landstraßen. Der Zustand derselben war fast mittelalterlich. Alle Reisebeschreibungen der Zeit wimmeln von Berichten über Stürze der Postwagen und Kutschen. Gründe der Landesverteidigung und der Handelserschwerung durch das Merkantil- und Zollsystem haben diesen Zustand begünstigt. Denn wie meisterhaft die Zeit den Straßenbau verstand, beweisen die herrlichen breiten und schnurgeraden Alleen, die von den Landschlössern ins Land strahlen. Beispiele sind die Alleen aus Max Emanuels Zeit um Schleißheim, die Friedrich Wilhelms I. um Potsdam, die zwischen Bonn und Poppelsdorf. Und die vom Schlosse Schwedt ausgehenden, darunter die berühmte mit vier Baumreihen besetzte Mittelallee nach Mon-Plaisir. Hierher rechnen auch die sternartig angelegten meilenlangen Schneisen, mit denen die für die Parforcejagd bestimmten Wälder durchzogen wurden (z. B. der Wald bei Moritzburg). Beiläufig ging mit der hohen Jagdkultur des 18. Jahrhunderts eine musterhafte Forstpflege zusammen. Noch heute genießt Deutschland vor allen anderen Ländern die Segnungen der Waldpflege und des Jagdschutzes seiner Fürsten. In Wald und Flur betätigte sich auch eine zur höchsten Kunst gediehene Landesvermessung.

Zum Verständnis dieser umfassenden Wirksamkeit der Baumeister muß man sich vergegenwärtigen, daß die Architektur des Barock auf den strengsten mathematischen Grundlagen beruhte. Die Ausbildung der Architekten ging zusammen mit der der Ingenieure. Nicht nur in den Grundrissen und Aufrissen, sondern selbst in den schmückenden Säulenordnungen und Gliedern wurde die strengste Gesetzmäßigkeit gefordert. Daher gehörte die Entwicklung der fünf Säulenordnungen nach Moduln unter Zugrundelegung de§ Vignola zu dem ABC der Architekten des 18. Jahrhunderts. Aber nicht nur das rein Architektonische, die Festigkeit und Statik der Gebäude: alle Glieder sind der mathematischen Herrschaft untertan. So erklärt die deutsche Vorrede zur Übersetzung des Belidor: Keineswegs seien die Zieraten bloß ungefähre Einfälle, sondern auch sie erhielten erst von den mathematischen Regeln ihre wesentliche Schönheit. Selbst für einen scheinbar so unbekümmert schaffenden Meister wie Balthasar Neumann, den Erbauer des Würzburger Schlosses, ist die mathematische Grundlage seiner Pläne nachgewiesen worden (Rotunde von Fünfkirchen). In dieser mathematischen Regelung der Grundrisse und der Verhältnisse beruht der unleugbare Vorrang der französischen Architekten des Barock. Eine geradezu geniale, anschaulich gewordene mathematische Veranlagung tritt uns in den Gebäuden und Gärten der französischen Baumeister Ludwigs XIV. und seiner Nachfolger entgegen. Genau so stark wie Racine, Corneille und Moliere auf die poetischen Gemüter Deutschlands, wie Descartes auf die philosophischen Geister: so mußten die Kupferwerke der französischen Architekten auf alle baukünstlerisch empfindenden Leute in Deutschland wirken. Die vorzüglich zum Ausdruck architektonischer Dinge befähigte französische Sprache verlieh den Lehren des neuen Geschmacks doppelten Nachdruck. Daher wurden de Cotte und seine Genossen die Lehrmeister der jungen deutschen Fürsten und ihrer Baumeister.

Die Architektur wurde wie am französischen Hofe so auch an den deutschen Fürstenhöfen ein Teil der Erziehung der Prinzen. Als Balthasar Neumann nach Paris reiste, berichtet er seinem Herrn, dem Würzburger Fürstbischof, wie der Bischof von Speier und der Bischof von Straßburg, Rohan, in dem vorgelegten Würzburger Schloßplan mit dem Zirkel die Höhen und Weiten der Zimmer abmessen. Die Bautätigkeit des Fürsten galt gewissermaßen als Gradmesser seiner politischen Macht. Sie gehört zum Thema der Gesandtenberichte, der fürstlichen Briefe und der Konversation. Keiner unter den deutschen Fürsten hat die Baukunst mit feinerem Geiste und liebevoller umfaßt als Friedrich der Große. Selbst aus dem ersten Schlesischen Feldzug bittet er Knobelsdorff dringlich um genaue Beschreibungen und Zeichnungen seiner Neubauten am Charlottenburger Schlosse und zwar um jedes Kapitell mit allen Einzelheiten.

Angesichts der hier gekennzeichneten umfassenden Stellung der Baukunst in der Kultur des 18. Jahrhunderts wird die hohe Bedeutung verständlich, die den großen fürstlichen Baumeistern zukam. Sie leiteten nicht nur das Bau-und Gartenwesen in seinem ganzen Umfang, sondern, wie schon dargetan, die großen Freuden- und Trauerfeste, die Feuerwerke und selbst die Opern. Durch Verleihung höherer Militärchargen wurden sie den adeligen Ständen gleichgesetzt. Umgekehrt ist die Betätigung von Adeligen, wde des Ritter von Grünstein in Mainz, des Knobelsdorff und Gontard in der Architektur ein Beleg für die hohe Achtung, deren sich diese erfreute. Neben diesen Männern sind die Generale von Welsch in Mainz, Neumann in Würzburg und Schlaun in Münster sowie der Münchner Oberbaudirektor Effner und der nassau-saarbrückensche Oberbaudirektor Stengel aus der Reihe der vielseitigen Bauintendanten hervorzuheben.

Zu diesen Verhältnissen kommen noch einige Umstände hinzu, die man sich gegenwärtig halten muß, wenn man die Grundzüge der deutschen Barockarchitektur voll und ganz erkennen will.

Aus dem Buch: Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland (1922), Author: Schmitz, Hermann.

Siehe auch:
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – Einleitung
ÜBERBLICK ÜBER DIE KUNST DES JAHRHUNDERTS DIE STILEPOCHEN: BAROCK, ROKOKO U. FRÜHKLASSIZISMUS
POLITISCHER UND SOZIALER ZUSTAND DEUTSCHLANDS IM ZEITALTER DES BAROCK
DIE GEISTESBILDUNG IM DEUTSCHEN BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GROSSEN FESTE

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