Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – GOLD UND SILBER

Die Gold- und Silberschmiede des Barock haben mit den Eisenschmieden die feste Verbindung nach rückwärts, nach der Blütezeit in der Renaissance gemein. Unter allen Handwerkern genossen sie das höchste Ansehen. Durch das ganze 17. Jahrhundert hindurch hatte dieses Handwerk in Augsburg und Nürnberg und anderen Reichsstädten fortgelebt. Infolge der Beziehung zu den Ornamentstechern waren die Goldschmiede die wichtigsten Träger der Ornamententwicklung gewesen. Mit dem Eintritt des Barock behaupteten sie ihre Stellung. Ja, auch die Städte des Nordens und Ostens, wie Berlin, Danzig und Breslau, treten als Sitze fruchtbarer Goldschmiedswerkstätten neben die süddeutschen altehrwürdigen Mittelpunkte in den Strom der Entwicklung ein.

Das Arbeitsfeld der Goldschmiede erweitert sich durch den Barock in bezeichnender Weise. Die Kirchengeräte sind an Umfang bedeutend gewachsen: riesige, mit Wolken und Strahlen besetzte Monstranzen, Prachtkelche und Ziborien, grobe Standleuchter, Meßkannen, breite Beschläge der Missalien, lebensgroße Heiligenbüsten, Kruzifixe und Engelstatuetten, selbst ganze Altarbekleidungen, reliefgeschmückte Vorsätze und Heiligenschreine setzen das Silberschmiedehandwerk in Bewegung. Die Domschätze in Breslau und Bamberg sind reich mit barockem Kirchensilber versehen. In Bamberg sieht man heute noch die schimmernden Silberheiligen, -engel und -kreuze in den Prozessionen über den Köpfen der Menge den Domberg hinaufstreben. Auch die protestantischen Kirchen haben wenigstens in der Bestellung von Altarleuchtern, Tauf- und Abendmahlsgerät der barocken Leidenschaft für den Glanz ihren Tribut gezollt. Schier ans Märchenhafte grenzt, was uns von dem Silberprunk der Höfe von Dresden, München und Berlin berichtet wird. Silberbüfetts, wie das im Rittersaal des Berliner Schlosses, goldenes und silbernes Tafelgeschirr, silberbeschlagene Möbel und Zimmerausstattungen mußten den Glanz der Festgemächer in den Schlössern erhöhen.

Selbst Friedrich Wilhelm I,, der haushälterische Monarch, der viele Prachtdekorationen seines Vaters überweißen ließ, hat der Leidenschaft für Silberarbeit gefrönt. Ganze Zimmer der Paradekammern im Schloß sind mit silberbeschlagenen Möbeln ausgestattet gewesen; im Rittersaal ließ er einen mit Figuren und Trophäen überreich beladenen Musikerchor in Silber von Lieberkühn anbringen. Nach der Rückkehr vom Hofe Augusts des Starken soll der König haben zeigen wollen, daß er diesen an Silberprunk noch überbieten könnte — so berichtet seine Tochter Wilhelmine von Bayreuth. Allerdings sprach der Umstand mit, daß die Silberschätze Investierungen des Staatsschatzes für Kriegs- und Notzeiten waren. So hat Friedrich der Große den Silberchor in den Schlesischen Kriegen einschmelzen lassen, und ungezählte Silberarbeiten des Barock und Rokoko sind in den Napoleonischen Kriegen in allen deutschen Landen zur Münze gewandert. Die silberbeschlagcnen Möbel und das Schlafzimmer mit silberner Barriere im Potsdamer Stadtschloß zeugen noch von dem Geschmack Friedrichs des Großen für kunstvolle Silberarbeit. Die Zunahme der Silbergewinnung im deutschen Bergbau wie die amerikanische Silbereinfuhr haben zur Ausdehnung dieser Kunstindustrie am Ende des 17. Jahrhunderts beigetragen. Das Kennzeichen der Silberarbeiten des 18. Jahrhunderts gegenüber denen der Spätrenaissance ist die Bevorzugung der Treibarbeit und des unvergoldeten weißen Silbers.

ln keinem anderen Kunstzweige hat eine so geschlossene Überlieferung von der Blütezeit vor dem Dreißigjährigen Kriege bis in das späteste 17. Jahrhundert fortbestanden. Die Erblichkeit des Handwerks in den Augsburger und Nürnberger Goldschmiedefamilien hat eine ununterbrochene Werkstatttradition begünstigt. Die Erzeugnisse folgen bis in das neue Jahrhundert in manchen Städten den Renaissanceformen, z. B. ein Teil der Arbeiten des Augsburgers Thelott. Auffallend eng ist die teilweise Verknüpfung des Juwelierhandwerks mit der Vergangenheit. Die mit Juwelen, edlen Steinen, Emaillen und Kostbarkeiten aller Art für August den Starken von seinem Hofjuwelier Dinglinger gefertigten Tafelaufsätze und Prunkstücke setzen die Zierkunst der Spätrenaissance fort, die in den Tischfontänen und Prachtwerken Christoph Jamnitzers, Matthäus Wallbaums und des Dresdener Goldschmieds Kellerdahler im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts so Meisterliches geschaffen hat. Für die barocke Phantastik sind vor allem bezeichnend die Werke Melchior Dinglingers im Grünen Gewölbe. Köstlich ist der Tafelaufsatz mit dem Hofhalt zu Delhi von 1707. Dem Großmogul Aurang-Zeb, der im Hintergründe unter Palasthallen thront, ziehen von allen Seiten die Großen des Reiches unter Baldachinen, mit Gefolge und Dienern, zu, Elefanten, Kamele, Affen und andere Tiere, edles Geschirr und Juwelen dem Fürsten zum Geburtstag darbringend. Die vordersten haben sich auf den Stufen zum Throne des Herrschers niedergeworfen. Das Gewimmel der vergoldeten und bunt emaillierten Figürchen, der in Juwelen und Steinen schimmernden Schabracken und Geräte ist entzückend — eine Abbildung würde den Eindruck falsch wiedergeben; es weht uns ein Zauber von den Karnevalsfesten des Dresdener Hofes entgegen. Man denkt auch der Maskeraden in fremdländischen Gewändern, die diese Epoche mit so vielem Ernst betrieben hat; an den Traum Jan Wilhelms vom abessinischen Kaiserthron und ähnlichen politischen Blödsinn der deutschen Fürsten des Barock. Die Prachtkostüme, die Pferdegeschirre, die Degengriffe und die einander an Glanz überbietenden Ordensketten boten dem Juwelierhandwerk und der Emailleur-kunst reiche Beschäftigung. Im Rokoko hat sie das Beste in goldenen Dosen und in der Goldfassung steinerner Dosen geleistet. Hierfür hatte Friedrich der Große eine leidenschaftliche Neigung. Die von Berliner Goldschmieden gefertigten Dosen des Königs im Hohenzollernmuseum zeugen davon.

Das Silbergeschirr hat mit dem Aufschwung des Barock seit dem letzten Viertel des 17. Jahrhunderts die zierlichen Spätrenaissanceformen und Ornamente verlassen. Laubranken und Blumenkränze werden auf den ovalen Schüsseln, den breiten Tellern und auf den Bechern in kräftig bewegtem Relief getrieben, die Becher zuweilen mit plumpen Profilköpfen römischer und deutscher Kaiser verziert. Wir begegnen wieder dem schweren Blumen-und Rankendekor unter Le Pautres und des älteren Marot Einwirkung. Wie eng auch die reicheren Gefäßformen diesem älteren Louisquatorze-geschirr folgen, offenbaren die üppigen Becken, Kannen und Schüsseln von den Augsburgern Biller, die um 1700 für Friedrich I. geschaffen wurden und den Hauptbestand des einige Jahre später aufgestellten Eosanderschen Büfetts im Schlüterschen Rittersaale darstellen (Abb. 146). In den Schlüterschen Stuckdekorationen der Paradekammern, so z. B. im Friese des Rittersaales, kehren die gleichen wuchtig profilierten Becken und ebenso die in krause Akanthusblätter auslaufenden Adlerköpfe der schwunghaften Kannenhenkel wieder. Die Einwirkung des plastischen Spätstils Schlüters prägt sich in den beiden großen geradwandigen Terrinen des Silberbüfetts aus, die bereits der Frühzeit Friedrich Wilhelms I. um 1714 angehören (Abb. 145). Die posaunenblasenden Genien, die Adler und die Krone des Deckels gehen zu eng mit den gleichen Motiven an den westlichen Teilen des Schlosses zusammen, als daß man nicht an einen Modelleur des gleichen Kreises denken sollte. Es besteht eine Beziehung auch in den Kartuschen und Henkeln zu den beiden spätesten Arbeiten Schlüters, den Sarkophagen Friedrichs I. und der Sophie Charlotte in der Berliner Domgruft.

Deutlicher als in den übrigen Künsten spiegelt sich im deutschen Silbergerät der Regencestil, jenes Zwischenstadium zwischen dem Barock und dem Rokoko. Das für diesen Stil bezeichnende Laub- und Bandelwerk, durch die Stiche Daniel Marots und namentlich Berains eingeführt, ist im süddeutschen Silber mit weit größerem Verständnis angewendet worden, als in den Stuckdekorationen der gleichzeitigen Hildebrandschen, Effnerschen und Dekerschen Bauten. Außer der Familie Biller ragen in Augsburg Johann Andreas Thelott und Pfeffenhauser als Vertreter des Regencestiles hervor; die Ränder der Taufbecken und der Schalen für Meßkännchen boten Gelegenheit zur Entfaltung der in feinbewegtem Relief getriebenen Ornamente.

Auch hier brachten die späten dreißiger Jahre den Umschwung zum Rokoko (Abb. 147). Die gebauchten Terrinen mit Schnörkelhenkeln und -füßen, runde Suppenschalen mit Deckeln und Untertellern, Pastetenbüchsen, Tischleuchter mit bewegten Schäften und Lichttüllen müssen das Feld teilen mit den schnelle Verbreitung findenden Geschirren für Tee, Kaffee und Schokolade. Die Pariser Silberschmiede Meissonier und Pierre Germain haben durch ihre Vorlagefolgen dem Rokokostil in Deutschland zur Verbreitung geholfen. Wiederum betätigt sich das deutsche Formempfinden in der Lockerung der Rocaillen. Augsburg bleibt wie in der Ornamentstecherei so in der Silbertreibarbeit nach wie vor der erste Platz. Noch bis in die siebziger und achtziger Jahre hinein erscheinen die Augsburger Silberarbeiten des Rokoko als Hauptartikel der deutschen Luxusindustrie auf den Messen. Den feinsten Geschmack entwickeln die Berliner Silberschmiede in der ersten Hälfte der Regierung Friedrichs des Großen. Die belebte Zeichnung der Rocaillen und ihre Durchsetzung mit lebensvollen Weinranken und Blättern an den Terrinen und Tabletts des jüngeren Lieberkühn erinnern an die in dem gleichen Jahrzehnt, von 1740 bis 1750, entstandenen geschnitzten und stuckierten Wandornamente des friderizianischen Rokoko. Ebenso ist in den Rocaillen und den Blumengehängen des von Lieberkühn für die Markgräfin von Schwedt, die Schwester Friedrichs, getriebenen silbernen Kaminschirms im Berliner Schloßmuseum der Zusammenhang mit diesen Dekorationen kaum zu verkennen (Abb. 148). Der Siebenjährige Krieg hat dem Berliner Silberhandwerk schwere Schädigung gebracht.

Dem silbernen Büfett- und Tafelschmuck waren im Beginn des 18. Jahrhunderts zwei bedeutsame Nebenbuhler erstanden, das Porzellan und die Fayence, zu deren Betrachtung wir nun übergehen.

Aus dem Buch: Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland (1922), Author: Schmitz, Hermann.

Siehe auch:
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – Einleitung
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – ÜBERBLICK ÜBER DIE KUNST DES JAHRHUNDERTS DIE STILEPOCHEN: BAROCK, ROKOKO U. FRÜHKLASSIZISMUS
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – POLITISCHER UND SOZIALER ZUSTAND DEUTSCHLANDS IM ZEITALTER DES BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GEISTESBILDUNG IM DEUTSCHEN BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GROSSEN FESTE
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE STELLUNG DER BAUKUNST IM 18. JAHRHUNDERT
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE BAUMEISTER, DIE BAUHERREN UND DER BAUBETRIEB. STADTBAUKUNST
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DAS GEISTIGE WESEN DES KATHOLIZISMUS IM DEUTSCHEN BAROCK UND ROKOKO
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER KATHOLISCHE KIRCHENBAU DES BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER KATHOLISCHE KIRCHENBAU DES ROKOKO
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER PROTESTANTISMUS DES 18. JAHRHUNDERTS
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER PROTESTANTISCHE KIRCHENBAU
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE WELTLICHE ARCHITEKTUR DES BAROCK DIE SCHLÖSSER, ABTEIEN, BÜRGERHÄUSER USW.
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE SCHLOSS- UND HAUSARCHITEKTUR IM ROKOKOZEITALTER
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE DECKENMALEREI
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – INNENAUSSTATTUNG DER SCHLÖSSER DAS ORNAMENT DES BAROCK UND ROKOKO
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE MÖBEL DES BAROCK UND ROKOKO
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE BILDHAUERKUNST DES BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE BILDHAUERKUNST DES ROKOKO
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE ÖLMALEREI
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – SCHMIEDEKUNST UND WAFFEN