Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – INNENAUSSTATTUNG DER SCHLÖSSER DAS ORNAMENT DES BAROCK UND ROKOKO

Rokokodekoration in Nymphenburg
Decke aus dem Schloß in Würzburg
Zwischen der äußeren Architektur und der inneren Ausstattung der Gebäude des 18. Jahrhunderts bestehen, wie wiederholt angedeutet worden ist, erhebliche Unterschiede. Während im Außenbau die stilistische Entwicklung innerhalb der architektonischen Grenzen sich vollzieht, gestaltet sich die Innenausstattung nach freieren Gesetzen. Die Lebens-, Gesellschafts- und Wohnsitten der Zeit haben natürlich die innere Einrichtung der Fest- und Wohnräume bestimmend beeinflußt. Die Glieder der eigentlichen Architektur, die Pilaster und Säulen, die Gesimse und Gebälke der Fassaden werden nur in den großen Treppenhäusern, den Vestibülen und Sälen verwendet. Aber auch hier schon gibt das feine Stilgefühl des Jahrhunderts den Wänden und Decken durch die Stückarbeit und Malerei ein leichteres Gepräge, als sie es dem Äußeren gestattet.

In diesen Stuckdekorationen spiegelt sich in erster Linie die Geschichte der deutschen Ornamentik, der an dieser Stelle daher einige Worte gegönnt seien. Das wichtigste Ornament der Stuckdekoration und elfer Holzschnitzerei im älteren Barock ist eine krause, dichtgelegte Akanthusranke (vgl. die Stickerei Abb. 86). Sie findet sich sowohl in den Stuckdecken der italienischen Stukkatoren, die sich bis nach Norddeutschland verbreiten (z. B. in den Schlössern von Meiningen, Sondershausen und Berlin), wie in denen der Wessobrunner Stukkatoren im Süden Deutschlands (die Decke in Abb. 88). Die hauptsächlichste Quelle der Ornamentik des früheren Barock liegt in den Kupferstichvorlagen des Lebrun, des Le Pautre und anderer Meister des älteren Louis-Quatorze. Daneben ist aber das italienische Ornament, das im 17. Jahrhundert schon z. B. in den Residenzen von Salzburg und München und vor allem im Kirchenbau Fuß gefaßt hatte, auch um 1700 noch in Deutschland von Einfluß gewesen. Das stärkste Zeugnis dafür smd die unter Pietro da Cortonas Einwirkung stehenden Stuckdecken in den Schlüterzimmern des Berliner Schlosses, in der ehemaligen alten Post und der Loge Royal York in Berlin. Die schweren Kartuschen, die Gebälke, die zugespitzten Pilaster, die krausen Konsolen und die plastischen Atlanten, wie überhaupt gewisse bizarre Architektur-, Vasen-und Kandelaberformen, die sich bei Schlüter, aber auch bei Lukas von Hildebrand und bei Effner finden, verraten ihre Herkunft aus dem italienischen Barock. Am üppigsten gedeihen sie in den Festdekorationen und in den Bühnen- und Theaterausstattungen. Die Opernhäuser und Kulissen der Galli Bibiena haben sie bis ins Rokoko geführt: noch Knobelsdorffs Opernhaus ist davon berührt. Auch die grotesken Porzellanvasen für das japanische Palais und das barocke Kirchengerät in Silber und Porzellan hat aus dem italienischen Barockornament geschöpft. Auf diesem Gebiet, und eben am deutlichsten in der Stuckdekoration zeigt sich wiederum die in der großen Baukunst schon beobachtete Durchdringung des italienischen und französischen Barock auf deutschem Boden. Das merkwürdigste Beispiel bietet gerade die Gruppe der von Schlüter ausgestatteten Paradekammern des Berliner Schlosses. Gegenüber den Decken im Stile Cortonas gehen die Türumrahmungen, die Fensterleibungen und Kaminverzierungen auf den Ornamentkreis des Marot zurück. Noch größeren Raum hat die Marotornamentik in den fast gleichzeitigen, weit besser erhaltenen Zimmern im Erdgeschoß des Charlottenburger Schlosses gewonnen, die von Eosander für Sophie Charlotte eingerichtet wurden. Desgleichen ist für das im Jahre 1703 von Eosander entworfene Prunkbüfett im Rittersaal des Berliner Schlosses auf Marot hinzuweisen, und zwar nicht nur bezüglich des Gesamtentwurfs, sondern auch der silbernen Geschirre. Die tiefgehendste Wirkung auf die deutsche Barockornamentik, insbesondere auf die Decken- und Wandverzierungen der Stukkatoren erlangte seit rund 1710 der französische Ornamentzeichner Jean Berain. Er ist der Erfinder des Bandelwerks, jener verschlungenen, bald rund, bald eckig gelegten, mit Rosetten und Akanthusblättern, mit Vasen und Hermen durchsetzten Bänder, die das gebräuchlichste Ornament der Pariser Kunst zwischen 1710 und 1730, der sogenannten Regenceepoche, wurden. Diese Verzierungsweise findet sich in Deutschland fast allenthalben in den Scliloß-und Klosterbauten des späteren Barock. Als die markantesten Denkmäler können gelten die Werke Lukas von Hildebrands, das obere Belvedere im ursprünglichen Zustand und die Schlösser der Schönborn in Niederösterreich, deren Inneres die Stiche Kleiners wiedergeben, das Stift St. Florian bei Linz (Abb. 89), ferner das Treppenhaus in Pommersfelden, der Kaisersaal im Schloß in Fulda, ebendort der große Saal der Orangerie von Welsch, vorzüglich aber die Stuckverzierungen im Treppenhaus und im großen Saal in Schleißheim und im Palais Preysing nach Effners Zeichnung (Abb. 87), die Galerie und mehrere Säle im Ludwigsburger Schlosse. Das durchbrochene Steingeländer der Hauptstiege im Schloß Mirabell von Lukas von Hildebrand (1721—1727 eingebaut) veranschaulicht die Umsetzung des Bandelwerkes in die volle Plastik (Abb. 64). Ein Würzburger Kaselentwurf im echten Bandelwerkstil erscheint in Abb. 90.

Im Verlaufe der dreißiger Jahre kommt von Paris her das Rocailleornament, dessen Erfinder Oppenord und namentlich der Goldschmied Meissonier sind. Die Übermittler sind vornehmlich die jungen Architekten, die bei Blondei d.J. studiert hatten. Der wichtigste ist Francois Cuvillies, Seine Hauptschöpfungen, die Reichen Zimmer in der Münchner Residenz und das Innere der Amalienburg, sind die frühesten Zeugnisse (Abb. 91, 92).

Durch ihn wird das Rokoko in die Schlösser des Clemens August am Rhein eingeführt. Die Münchner Arbeiten bezeugen eine selbständige Umbildung der französischen Anregungen. Bezeichnend ist die Durchsetzung der Schnörkel mit Pflanzen und Tiermotiven und überhaupt eine Umformung ins Breite und Schwellende. Sowohl das Cuvilliessche wie das am Ende der dreißiger Jahre beginnende Knobelsdorffsche Rokoko, z. B. in Rheinsberg und Charlottenburg, nehmen eine Reihe von Zügen aus dem heimischen Spätbaropk auf. Und das ist ein durchgehendes Merkmal fast für das gesamte Kunsthandwerk Deutschlands in dieser Übergangszeit, handgreiflich z. B. in der Stickerei (Abb. 90) und der Eisenschmiedekunst. Akanthusblätter und Bandelwerk verwachsen mit den Aufrollungen und Muschelformen, mit Blumenranken, mit Früchten, mit Felsbildungen und Vögeln zu einem Ganzen, das von lebendiger Bewegung durchströmt ist. Namentlich in den mit Malereien wechselnden Verzierungen der Decken entwickelt sich die überreiche, von barok-ken Elementen erfüllte Zierlust des deutschen Rokoko. Undenkbar sind in Frankreich die üppigen Decken der Amalienburg, von Brühl und Würzburg usw. Im einzelnen machen sich mannigfaltige Unterschiede im Stil der Innendekoration geltend. Den breiten, ungehindert über die Wandflächen und die Decken fortgehenden Wellenspielen der meist von Diettrich geschnitzten Ornamente in Cuvillies Raumschöpfungen steht die maßvolle, Rahmen und Füllung einhaltende und geistvoll sprühende Zeichnung des friderizianischen Rokoko von Nahls und Hoppenhaupts Meisterhand gegenüber (Abb. 93). Beide verstehen es meisterlich, den langen Zug der Rahmlinien durch plastisch herausspringende Umrollungen zu unterbrechen. An diesen Stellen werden phantastische und natürliche Motive eingeflochten: zerlöcherte Muscheln, bald sprudelnden Wasserstürzen, bald bemoosten Felsstücken gleichend, Weintrauben, Kürbisse und andere Früchte, Gärtner-, Winzer-, Schäfer- und Musikergerät, Schilf und Rosenranken, Reiher, Papageien, Chinesen- und Satyrabzeichen. Neben diesen schönsten und phantasiereichsten Schöpfungen des deutschen Rokoko um 1740 in München, Würzburg und Potsdam geht eine Gruppe von Stuckdekorationen im strengeren abstrakteren Stil her; so in Brühl und später in Mannheim. Das Wiener Rokoko hat auf die reiche Verwendung von Naturmotiven zugunsten eines eleganten, gedehnten, aber auch oft ermüdenden Linienzuges verzichtet, was die umfangreichen Ausstattungen für Maria Theresia in der Wiener Hofburg und in Schönbrunn dartun.

Die deutschen Stukkatoren in Süddeutschland, deren Hauptgeschäft ja die Auszierung der Kirchen war, haben die Rocaille alsbald ins Gekräuselte und Gezackte umgebildet. Das um 1750 ausgereifte süddeutsche Muschelwerk ist durch Meister wie Johann Zimmermann und Feichtmeyer in die Säle der Schlösser eingeführt worden. Der große Saal in Nymphenburg (Abb. 95) von dem ersteren und das Treppenhaus in Bruchsal von dem letzteren sind schöne Beispiele. In der Zerfran-sung der Rocailleschnörkel wetteifern mit den Stukkatoren die Augsburger Kupferstecher um die Jahrhundertmitte, wie Habermann und Nilson. Als Vorlagen in den Werkstätten der Eisenschmiede, der Silberschmiede, der Tischler, Schnitzer und Dekorationsmaler haben ihre Kupferstiche eine ausgedehnte Wirkung erlangt. Die zerflatternden Schnörkel haben das Wort von dem „schlechten Augsburger Geschmack“, dem „Grillen- und Muschelwerk“ gezeugt, das die sächsischen Akademiker und Winckelmann so häufig im Munde führen.

An und für sich darf das deutsche Ornament dieser Zeit nicht beanspruchen, mit dem französischen auf eine Stufe gestellt zu werden. Erst im Zusammenhang mit dem Bau oder dem plastischen Kunstgegenstand gewinnt es einen Wert und steigert den Ausdruck der im großen Ganzen wirkenden organischen Kräfte. Als Begleiterin der Architektur und der Kunsthandwerke durchläuft es alle Stufen vom Gebundenen und Schweren des Frühbarock, zum Gedrängten des reifen Barock über die Lockerung im späten Barock bis in das freiströmende Rokoko hinein. Aus diesem Grunde ist es hier in Verbindung mit der Innenausstattung besprochen worden.

Die Art der Wandbekleidungen der Wohngemächer in den Schlössern erfährt mit dem Barock mannigfaltige Bereicherung. Die gebräuchlichste Gattung scheint in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die farbig bedruckte und goldgepreßte Ledertapete gewesen zu sein. Auch Sessel und Stühle wurden damit bezogen. Die Mehrzahl derartiger höchst selten erhaltener Tapeten kamen aus den Niederlanden, namentlich aus Mecheln. Die großgezeichneten Muster lehnen sich hauptsächlich an die Vorlagen Ma-rots an. In den vornehmeren Gesellschafts- und Wohngemächern waren daneben gewebte Samte von dunkler, meist roter Farbe beliebt, gemustert oder ungemustert. Genua und Lyon waren die Mittelpunkte der Samtweberei. Der reife Barock garnierte die Stoffe aufs üppigste mit Silberlitzen, Borten und Fransen. In reicheren Fällen wurde die Reliefstickerei, die Aufnäharbeit und sogar die kostbare Netz- oder Petitpointstickerei — die besonders in Paris blühte — hinzugezogen. Die letztere diente auch zu Möbelbezügen. In solcher Weise ausgeschlagene Säle und Gemächer bildeten den rechten Hintergrund für die schweren seidenen und samtenen, blumenbestickten Herren- und Damengewänder, für die mit Litzen, Tressen und Quasten besetzten bunten Uniformen der Offiziere und Kammerdiener, der Trabanten und Garden. Die ins Einzelne gehende Beschreibung der Kleider bei den festlichen Aufzügen und Gesellschaften, die den gedruckten Berichten eigentümlich ist, beweist den stark ausgeprägten Geschmack des Barock für möglichst glänzende Prunkentfaltung in der Textilkunst. Die vornehmste textile Wandbekleidung, der gewirkte Bildteppich, wurde von den deutschen Fürsten und Vornehmen eifrig begehrt. Pariser Gobelins, Beauvais- und Aubussonteppiche, in erster Linie aber Brüsseler Teppiche finden sich in den meisten deutschen Schlössern der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in die Wände eingelassen (Abb. 88). In Berlin, in München, in Würzburg, in Dresden, in Heidelberg, in Kassel und Erlangen wurden von Franzosen — meist von Hugenotten’—unter dem Schutze der Fürsten Teppichmanufakturen ins Leben gerufen, von denen aber nur einige einen längeren Bestand hatten. Eine der berühmtesten Groteskenfolgen nach Berains Zeichnungen, in Beauvais gewirkt, wurde in Berlin von Barraband 1714 nachgewirkt; Berainbandelwerk schmückt auch einen von de Cazeaux in Erlangen gewirkten Teppich. Italienische Komödienfiguren in Anlehnung an Lancrets Kompositionen werden von de la Vigne für das Schloß in Charlottenburg und von Pi-rot für das Schloß in Würzburg gewirkt. Welche ungemeine Bedeutung demnach der französischen Bildteppichkunst für den Stil der figürlichen und ornamentalen Kunst in Deutschland zukommt, läßt sich aus solchen Tatsachen ermessen.

Die übrigen Wandbekleidungen können nur kurz aufgezählt werden. Zur höchsten Vollkommenheit war schon im früheren 17. Jahrhundert die Dekoration mit farbigem Stuckmarmor in Süddeutschland gediehen, wofür als Hauptbeispiele zeugen die Zimmer aus der Zeit Maximilians I. und Ferdinand Marias in der Münchner Residenz sowie das untere Belvedere des Prinzen Eugen, das von seinen Einbauten glücklicherweise bei der Ausgestaltung zu einem Wiener Barockmuseum befreit werden soll. In Landschlössern und Gartensälen Niederdeutschlands — vereinzelt auch in Oberdeutschland — werden öfters Verkleidungen in Delfter und einheimischer blauer Fliesenmalerei verwendet. Die Freude an schimmernder Pracht kann sich nicht genugtun in der Besetzung der Wände mit goldgerahmten Spiegeln.

Ja, ganze Kabinette werden mit Spiegeln ausgestattet, die mit reichen Schnitzereien und mit Lack- und Unterglasmalereien ausgestattet sind. In keinem vornehmen Schloß darf ein chinesisches Lackkabinett mit farbenbunten gemalten Vertäfelungen in Koromandellack fehlen. Der größte Stolz waren Porzellankabinette, wie sie das Schloß von Charlottenburg und das in Dresden noch besitzen. Andere waren in Monbijou, in Oranienburg und Oranienbaum. Man begnügt sich auch mit chinesischen gemalten Papiertapeten. Wo man keine Originale erwerben konnte, mußten heimische Nachahmungen sie ersetzen. In den Lust-und Gartenhäusern war das eigentliche Feld der Chinesenkunst. Vom Frühbarock an bis ins Ende des 18. Jahrhunderts hat sie in der Verstellung der Künstler und der Gesellschaft mannigfaltige Wandlungen durchgemacht. Immer aber ist es eine erträumte heitere Chinesenwelt, in die sich das Jahrhundert flüchtet. Die wichtigste Wandbekleidung wurde mit dem reifen Barock das Holz, sei es in der braunen Naturfarbe oder weiß gestrichen. Die Gliederung durch Pilaster und Füllungen war zurückhaltend, während an Türen und Supraporten und Deckengesimsen reichere Schnitzerei Platz griff. Die Hauptwand des Zimmers ist im allgemeinen durch den Kamin ausgezeichnet, der meist aus Marmor und niedrig ist und einen stuckierten Aufsatz, einen Spiegel oder ein Gemälde erhält. Die Decken sind häufig mit Grotesken im Berainstil bemalt, so in ganz köstlicher Weise in den kleinen Kabinetten Sophie Charlottens im linken Flügel des Charlottenburger Schlosses. Weit mehr als dies bekannt ist, birgt Deutschland an gut erhaltenen Zimmerausstattungen des Barock, allerdings in den seltensten Fällen mit der ursprünglichen Möbeleinrichtung. Der Vorrang gebührt den Gemächern der Sophie Charlotte im Charlottenburger Schlosse, vor allem der Flucht im Erdgeschoß nach dem Garten, wahrscheinlich von Eosander ausgestattet. Die viel reicheren Paradekammern Friedrichs I. im Berliner Schlosse von Schlüter haben bis auf das rote Samtzimmer ihre alten Wandbekleidungen eingebüßt und zahlreiche beklagenswerte Umänderungen erfahren. Die Wohnung, die sich Friedrich bereits als Kurfürst im Spreeflügel einrichtete, die Gemächer der Markgräfin Susanna in der Favorite, die Wohnung Augusts des Starken und die Ausstattung des Grünen Gewölbes im Dresdener Schlosse, der holzvertäfelte Saal Friedrich Wilhelms I. im Jagdschloß Stern, einige Überreste der Wohnung Sophie Charlottens in Monbijou, die für Max Emanuel erbaute Badenburg und Pagodenburg seien als Belege für das Gesagte genannt. Übrigens finden sich auffallend verwandte Ausstattungen in den schwedischen und dänischen Königsschlössern (Drottningholm, Rosenborg). Kopfschüttelnd steht der moderne Mensch in diesen überreich ausgestatteten Wohngemächern, in dem prunkenden Schlafzimmer Susannas von Baden und Friedrichs I. Es ist eben auch die Zimmereinrichtung der Schlösser des Barock nur im Zusammenhang mit der Etikette dieser Epoche zu verstehen. Wie Ludwig XIV. so bildeten die deutschen Fürsten ihre Lebensführung, selbst das Aus- und Ankleiden mit Hilfe von Zofen und Pagen zu feierlichen Zeremonien aus. Das Schlafzimmer diente auch zu Empfängen. Das Bett wurde durch eine Balustrade abgegrenzt. Noch im Rokoko wurde daran festgehalten, wie das köstliche mit Silberlitzen und silberner Balustrade ausgezeichnete Schlafzimmer Friedrichs des Großen im Potsdamer Stadtschloß dartut. Es ist aber bezeichnend, daß der große König hier eine Feldbettstelle, in der er schlief, in dem Alkoven hinter einem Bücherschrank aufgehängt hatte.

All die reichen im Barock aufgekommenen Gattungen der Wandbekleidung werden in den Staatsgemächern des Rokoko beibehalten. Der höchste Prunk mit Spiegeln, Vergoldungen und Lackmalereien und Schnitzereien entfaltet sich noch z. B. in den um die Mitte des Jahrhunderts ausgestatteten Gemächern des Würzburger Schlosses. Doch hat sich mit dem Eintritt des Rokokostils der Geschmack helleren und leichteren Dekorationen zugewendet. Die Hauptrolle fällt seit dem Spätbarock der weiß oder in hellen Farben gestrichenen Holzvertäfelung zu. Sie hatte in Paris unter de Cotte und BofFrand eine vollendete Eleganz in der Einteilung, in der Zeichnung der Rahmen und in dem zarten Relief der geschnitzten Ornamentik erreicht. Wiederum ist München in der Übernahme der Holzvertäfelung im Pariser Stil vorangegangen. Eine Reihe von Zimmern des Schlosses Schleißheim, die in den zwanziger Jahren unter Effners Leitung dekoriert wurden —- darunter zwei mit hervorragenden gewirkten Kriegsbildern aus Brüssel —, stehen am Anfang; die Paneele und Leisten sind noch im Regencestil verziert, vergoldete Schnitzerei auf weißem Grund. In näherer Beziehung zu den Pariser Rokokovertäfelungen stehen die seit den dreißiger Jahren für Clemens August boisierten Gemächer in Brühl usw.: auch was um die Mitte des Jahrhunderts in Bruchsal unter dem Fürstbischof von Hutten, was späterhin von Pigage in Mannheim und Benrath, von de la Guepiere in der Soli-tüde an Vertäfelungen geschaffen, hält sich in den strengeren Formen der Franzosen, während das Cuvilliessche Rokoko in München und das frideri-zianische in Berlin und Potsdam auch in der Holzvertäfelung jenes oben gekennzeichnete abweichende Gepräge ausgebildet haben. Zahlreiche Zeugnisse wären aus deutschen Schlössern anzufügen. Allein die höchste Vollendung, die etwa Nahls Türen im Charlottenburger Ostflügel und Vertäfelungen im Potsdamer Stacltschloß darstcllen (Abb. 93), wird nur in den seltensten Fällen erreicht. Von Nahl selbst verdient die Ausstattung des Schlößchens Wilhelmstal bei Kassel aus den fünfziger bis sechziger Jahren rühmende Erwähnung. Die Schnitzereien in den Schlössern von Ansbach und Bayreuth können nur im Ganzen damit wetteifern „) Im einzelnen merkt man, daß hier die Mittel fehlten, um Künstler so hohen Ranges zu beschäftigen, wie dies Kurfürst Karl Albert und Friedrich der Große konnten. Gerade die jetzt der Öffentlichkeit zugänglich gemachten Schlösser von Stuttgart und Karlsruhe machen den weiten Abstand deutlich, der zwischen solchen durchschnittlichen Rokokoleistungen und denen ersten Ranges besteht, wie sie vor allem die öfters genannten Schöpfungen Diettrichs in München, Nahls und Hoppenhaupts in Potsdam bezeichnen. Doppelt notwendig ist eine kritische Betrachtung des Rokoko für Künstler, die die Schöpfungen der Zeit als Vorbilder benutzen wollen. — Mit rühmlicher Feinheit sind die farbigen Vertäfelungen behandelt. Feine Zusammenstellungen von goldenen und silbernen Leisten mit roten und blauen und grünen Füllungen finden sich in fast all den aufgeführten Schlössern. Öl- und Lackmalereien mit Schäfer-, Gesellschaftsund Chinesenfiguren, mit Blumenranken und Rocailleornamenten wurden in München, in Berlin und am Main und Rhein geübt. Das Watteau-Kabinett von Zick im Schloß in Bruchsal sei hervorgehoben, während als besonders schöne farbige Räume der goldene und blaue Saal in der Amalienburg wie das silberne und grüne Musikzimmer Friedrichs des Großen im Potsdamer Stadtschloß voranstehen (Abb. 93).

Gerade auf dem Gebiete der Innendekoration enthüllt sich der ungemeine Reichtum im deutschen Schaffen des 18. Jahrhunderts. Das Fehlen der geschlossenen und strengen Schule der Pariser Innendekoration hat eine außerordentliche Mannigfaltigkeit ermöglicht. Freilich das unbedingte Maßhalten der französischen Künstler, das gerade in den geschnitzten Vertäfelungen sich offenbart (Hotel Soubise), darf man in den deutschen Rokokoschöpfungen nicht suchen wollen.

Aus dem Buch: Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland (1922), Author: Schmitz, Hermann.

Siehe auch:
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – Einleitung
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – ÜBERBLICK ÜBER DIE KUNST DES JAHRHUNDERTS DIE STILEPOCHEN: BAROCK, ROKOKO U. FRÜHKLASSIZISMUS
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – POLITISCHER UND SOZIALER ZUSTAND DEUTSCHLANDS IM ZEITALTER DES BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GEISTESBILDUNG IM DEUTSCHEN BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GROSSEN FESTE
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE STELLUNG DER BAUKUNST IM 18. JAHRHUNDERT
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE BAUMEISTER, DIE BAUHERREN UND DER BAUBETRIEB. STADTBAUKUNST
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DAS GEISTIGE WESEN DES KATHOLIZISMUS IM DEUTSCHEN BAROCK UND ROKOKO
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER KATHOLISCHE KIRCHENBAU DES BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER KATHOLISCHE KIRCHENBAU DES ROKOKO
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER PROTESTANTISMUS DES 18. JAHRHUNDERTS
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER PROTESTANTISCHE KIRCHENBAU
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE WELTLICHE ARCHITEKTUR DES BAROCK DIE SCHLÖSSER, ABTEIEN, BÜRGERHÄUSER USW.
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE SCHLOSS- UND HAUSARCHITEKTUR IM ROKOKOZEITALTER
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE DECKENMALEREI

Im Text gezeigte Abbildungen:
Seidenstickerei – deutsch um 1700
Stuckdekoration im ehemaligen Preysing-Palais in München
Zimmer mit Brüsseler Gobbelins im Schloß Bamberg
Stuckdekoration im Stift St. Florian um 1730
Kaselentwurf – Würzburg um 1730
Reiche Zimmer
Analienburg
Musikzimmer Friedrichs des Großen im Potsdamer Stadtschloß

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