Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – SCHMIEDEKUNST UND WAFFEN

In der Betrachtung des deutschen Kunsthandwerks des Barock und Rokoko verdient die Eisenschmiedekunst voranzugehen, da in ihr die nach dem Dreißigjährigen Kriege noch vorhandenen bodenständigen künstlerischen Kräfte Deutschlands am deutlichsten zutage treten. Die Eisenschmiedekunst der zweiten Hälfe des 17. Jahrhunderts ist nichts als eine unmittelbare Fortentwicklung der in der Spätrenaissance aufgekommenen Kunstweise. Die Gitter der Marktbrunnen, der Kirchenportale, der Chorschranken und Vorhallen des Kircheninnern, die Oberlichter der Türen und der Fenster werden bis in die Spätzeit des 17. Jahrhunderts und selbst bis in den Anfang des 18. in der überlieferten Art geschmiedet. Sie bestehen aus gleichmäßig dünnen Stäben von rundem Querschnitt, die durcheinander gesteckt sind. Die netzartigen Verflechtungen der Stäbe, ihre Aufrollungen zu Voluten mit angesetzten flachen Blättern bilden dichte, in einer Fläche entwickelte Linienspiele. (Schöner Brunnen in Neisse , Floriansbrimnen in Salzburg 1687. Die Umbildung dieser Spätrenaissanceformen in dem Barock veranschaulicht ein Oberlichtgitter mit der Devise Friedrichs I. aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts; hier haben sich krause Blätter an die dünnen, volutenartig gebogenen Stäbe angesetzt (Abb. 139). Das barocke Bildungsprinzip äußert sich innerhalb der überlieferten Technik in der jetzt beliebt werdenden Gewohnheit, Chorgitter und Gartentore mit perspektivischen Mustern zu verzieren (Chorgitter von Maria Einsiedeln 1675 und von St. Ulrich in Augsburg 1712). Selbst die Eisenschmiede folgen also einem charakteristischen Zuge der Zeit, indem sie dem Auge eine Verkürzung vortäuschen und eine Raumerweiterung innerhalb der Fläche erstreben.

Der entwickelte Barock der ersten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts setzte an die Stelle der gleichmäßigen Rundstäbe und flachen Blätter einen lebhaften Wechsel zwischen einem Gerüst von starken Vierkantstäben mit eingefüllten dünneren Rechtecksstäben, die an den Endungen und Biegungen in ausgeschnittene Akanthusblätter aus dünnem Eisenblech eingesetzt sind. In der gedrängten Verflechtung dieser an- und abschwellenden Figuren wie in dem Heraustreten der plastischen Teile prägt sich der Barock aus. Es ist kein Zufall, daß die Bau- und Gartenschöpfungen Fischer von Erlachs und Lukas von Hildebrands in Wien die glänzendsten Stätten der Schmiedekunst des reifen Barock sind (Abb. 140). Am üppigsten entfaltet sie sich in den Gartentoren, in denen des Belvedere und des Schlosses Schloßhof. In immer krauseren Schwingungen und stärkeren Ausladungen schießen die Linien nach oben hin zusammen zu einem dichten Geäst. Ihre Wirkung wurde durch Färbung und Vergoldung gegen die Steinpfeiler und das Laubwerk gehoben (ein teilweise noch vergoldetes Abschlußgitter des Courdhonneur von Charlottenburg um 1710).

Das Laub- und Bandelwerk der deutschen Schmiedearbeiten dieser Zeit ist natürlich stark von den Ornamenten Berains angeregt worden. Eine Reihe von Vorlagenbüchern, so einige bei Weigel in Nürnberg erschienene Schlosserbücher, die Entwürfe Paul Deckers, ferner von Schlossermeistern selbst, wie von Schmittner in Wien herausgegebene Musterbücher haben die französischen Ornamentformen des Marot und Berain für den heimischen Gebrauch zurechtgemacht.

In der Rokokozeit treten die süddeutschen Eisenschmiede in den Vordergrund. Ihre Vororte sind Augsburg und Würzburg (Abb. 141). Der glänzendste Meister ist Johann Georg Oegg in Würzburg (1703—1780), der vom Fürstbischof Friedrich Karl von Schönborn aus der Wiener Hofschlosserei berufen wurde.

Der Zusamenhang mit Wien wird auch dadurch beleuchtet, daß Lukas von Hildebrand den Entwurf zu dem nicht mehr erhaltenen Abschlußgitter des Cour d’honneur vor dem Würzburger Schlosse geliefert hat. In der Tat sind die reichen, um die Mitte des Jahrhunderts von Oegg geschaffenen Gartentore des Würzburger Schloßgartens eine Fortbildung der genannten Wiener Schöpfungen aus dem späten Barock.

Die Wirkung namentlich der anschwellenden, mit Wappen und Bischofskrone besetzten Bekrönungen ist durch die stärkeren Biegungen der Gestäbe und die zerfranste Akanthus- und Rocailleornamentik in getriebenem Eisenblech stark belebt. Die Umbildung der Rocaillen und ihre Durchsetzung mit schwereren Frucht- und Blumenkränzen kommt in den Augsburger Vorlagen für eisernes Gitterwerk noch mehr zum Ausdruck (vgl. Johann Samuel Birkenfelds bei Engelbrecht und Hertel erschienene Vorlagen, auch die Blätter von Baumann und Habermann). Das teilweise vergoldete Gitter der Barfüßerkirche in Augsburg von Johann Balthasar Birkenfeld, dem Vater des Stechers (1760), sei als Beispiel für die mit den reichen Ausstattungen im Rokokostil entstandenen Vorhallen- und Chortrennungen in den südschwäbischen Kirchen erwähnt. Ein engerer Anschluß an die elegante Schmiedekunst der Franzosen ist nebenher gegangen. Diesen erstreben die um 1742 erschienenen Vorlagen für Schlosser von Francois Cuvillies in München, die den feinen Linienzügen der Gitterentwürfe in Blondels Jardins de Plaisance nacheifern. Die wenigen Überreste der Knobelsdorffschen Epoche in Potsdam und Berlin folgen gleichfalls mehr dem leichten Zug der französischen Vorbilder. Ihre Glanzleistung vollbrachte um 1740 die französische Schmiedekunst des Louis-Quinze in den Gitterabschlüssen der Place Concorde in Nancy, gefertigt von Lamour unter Heres Oberleitung für König Stanislaus Leszcynsky, die natürlich von den nach Paris reisenden deutschen Künstlern bewundert wurden.

Im Zusammenhang mit den Eisenschmieden sind die Eisenschneider und die Waffenschmiede zu nennen. Unter den Eisenschneidern sind die Nürnberger Bartholomeus Hoppert und Gottfried Leygebe hervorzuheben. Von Leygebe sind außer den genannten Eisenstatuetten eine Reihe kleinerer Eisenschnittarbeiten, Büsten, Kapseln und Degengriffe erhalten. Seit 1668 war er in Berlin als Münzeisenschneider angestellt. Das Hauptfeld der Eisenschneidekunst war im Barock und Rokoko das Gewehrschloß. Diese Zeit sah die höchste Kunstentfaltung in der Herstellung der Gewehre, d. h, vorzüglich der fürstlichen und adeligen Jagdgewehre, die in den Händen der Büchsenmacher lag (Abb. 143). Die Büchsenmacher hatten die Oberleitung, die Erzeugung teilte sich in den Lauf, in das Schloß und in den hölzernen Schaft, der den eigentlichen Büchsenschaftern Vorbehalten blieb. Die letzteren verzierten die Schäfte mit Schnitzereien und Hirschhorneinlagen, meist Jagddarstellungen in Rankenwerk. Wahre Künstler in derartiger Verzierung waren die Büchsenschäfter Johann Michael und Christoph Maucher in Schwäbisch-Gmünd um 1700, deren Elfenbeinschnitzereien schon Erwähnung fanden. Treffliche Gewehrschäfte ihrer Hand birgt das Bayerische Nationalmuseum. Von den Büchsenmachern verdient vom künstlerischen Standpunkt Erwähnung Armand Bongarde, auch Eisenschneider, am Hofe Jan Wilhelms in Düsseldorf um 1700. Zum Schluß sei der Prachtgeschütze in Bronzeguß gedacht, unter denen die des Stückgießers Johann Jacobi in Berlin, des Gießers von Schlüters Großem Kurfürsten und Prinzen von Homburg, hervorragen.

Aus dem Buch: Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland (1922), Author: Schmitz, Hermann.

Siehe auch:
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – Einleitung
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – ÜBERBLICK ÜBER DIE KUNST DES JAHRHUNDERTS DIE STILEPOCHEN: BAROCK, ROKOKO U. FRÜHKLASSIZISMUS
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – POLITISCHER UND SOZIALER ZUSTAND DEUTSCHLANDS IM ZEITALTER DES BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GEISTESBILDUNG IM DEUTSCHEN BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GROSSEN FESTE
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Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE BAUMEISTER, DIE BAUHERREN UND DER BAUBETRIEB. STADTBAUKUNST
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Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER KATHOLISCHE KIRCHENBAU DES ROKOKO
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Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER PROTESTANTISCHE KIRCHENBAU
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE WELTLICHE ARCHITEKTUR DES BAROCK DIE SCHLÖSSER, ABTEIEN, BÜRGERHÄUSER USW.
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE SCHLOSS- UND HAUSARCHITEKTUR IM ROKOKOZEITALTER
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