Kunstgewerbe-Schule zu Hamburg

Und ihre neuen Lehrer.

An die Nachahmer werden keine Bestellungen gegeben, jeder Auftraggeber wendet sich direkt an diejenigen, von denen die Originale stammen. Wir lieben indische, persische Teppiche, arabische, französische, englische, dänische, holländische, amerikanische, japanische und chinesische Kunst wegen ihrer nationalen Werte. Ergibt sich daraus nicht von selbst, daß, wenn auch wir auf dieselbe Achtung, die jene Völker durch ihre Kunsterzeugnisse uns abringen, Anspruch erheben wollen, wir für eine ebenso nationale deutsche Kunst und deutsches Kunstgewerbe sorgen müssen: Im Deutschtum liegen die Wurzeln unserer Kraft. Die Nachahmung widerspricht unserem Ansehen, unserem wirtschaftlichen Vorteil und zugleich dem Geiste unserer Kunst selbst!

Von der Schärfe abgesehen, mit der Handwerker und Gewerbetreibende auf der einen, und Kunstgewerbeschule auf der anderen Seite zuweilen gegeneinander stehen, und die mehr Ausfluß ist des Temperaments als Folgewirkung einer tatsächlich bestehenden Verschiedenheit der grundlegenden Anschauung, ist das Vorhandensein eines solchen Gegensatzes an sich menschlich durchaus verständlich. Schon weil Handwerk und Gewerbe aut eine Vergangenheit zurückblicken können, die der Schule fehlt. Und in welcher Lebensstellung immer es auch sei, wer wäre bereit, seine wohl erworbenen Rechte ohne weiteres preiszugeben?

Und dennoch, sobald sie über die natürliche Abneigung wider alles auf Um- und Neugestaltung Abzielende erst hinweg gekommen sind, können Kunstgewerbtreibende und Handwerker alles Frondieren wider die Kunstgewerbeschule unmöglich anders denn als einen Schnitt in das eigene Fleisch empfinden. Ist doch die Quelle aus der die kunstgewerbliche Fachschule ihre besten Kräfte schöpft die Summe der aus dem werktätigen Leben, den Arbeitssälen und Ausstellungen gezogenen Erfahrung. Wider die Schule sein, heißt also für Handwerk und Gewerbe wider das eigenste Lebensinteresse handeln.

Diese Erkenntnis hat denn auch in letzter Linie immer noch über alle Widerstände obgesiegt, wo solche vorhanden waren, während, wo es ohne solche abging, diese Erkenntnis dem kunstgewerblichen Unterrichts wesen die Wege in der segensvollsten Weise hat vorbereiten helfen — Hamburg befand sich, dank dem entgegenkommenden Eingehen seiner hierfür in Betracht kommenden Behörde auf alle berechtigten Wünsche , seit jeher in dieser letzteren erfreulichen Lage.

Die Hamburger Kunstgewerbeschule als selbständige Lehranstalt besteht seit 1896. Wie dem obersten Chef der betreffenden Verwaltungsbehörde , Herrn Senator Refarth, so war auch dem ehemaligen Leiter des gewerblichen Schulwesens Herrn Prof. Dr. A. Stuhlmann und dem früheren Direktor Herrn Prof. M. Wekwerth, deren Förderung stets Herzenssache gewesen, so daß, als im Winter 1905 die Notwendigkeit sich ergab, die Schule in einer dem mächtig anwachsenden Gemeinwesen Hamburgs gemäßen Form weiter auszubauen, die bereits vorhandene Organisation als wertvolle Unterlage auch für diesen Erweiterungsbau hat benutzt werden können.

Bei dem ausgesprochen konservativen Zuge des Hamburgers, der noch bis in die neuere Zeit herein in einer gewissen Abneigung gegen alles von »buten« (außen) kommende sich äußerte, kann der Entschluß der maßgebenden Behörde, zur Bildung dieser kunstgewerblichen Schul-Xeuform einen Buten-Minsehen zu berufen, nicht hoch genug in Anschlag gebracht werden.

Die Wahl fiel auf den Maler und Direktor Richard Meyer, der eine ähnliche Aufgabe an der Elberfelder Handwerker- und Kunstgewerbeschule bereits auf das erfolgreichste gelöst hatte. Nachdem der Genannte die Direktionsgeschäfte übernommen, wurde es ihm anheim gegeben, die zu seiner Unterstützung ihm geeignet scheinenden Künstler in Vorschlag zu bringen, von deren Mitarbeit er ein Erreichen des verdienten Zieles glaubte erhoffen zu dürfen.

Verwirklichung des Idealgedankens, deutscher Kunst und deutschem Kunstgewerbe die Heimat und die Fremde zu erobern, beitragen können. Es ist in dieser hier im dürftigsten Umriß wiedergegebenen Planskizze wohl schon zur Genüge klar gelegt, daß in der Werkstattarbeit der Schule keine Konkurrenz-Objekte geschaffen weiden sollen, daß das hier Entstehende lediglich die Aufgabe hat, der Wertung des Kunstwerkes zur Unterlage zu dienen. Ich halte diesen von Herrn Direktor Meyer eingeschlagenen Weg, um den zwischen Maschinen- und Arbeit der Hand bestehenden Unterschied auch schon der in unseren allgemein bildenden Anstalten heranwachsenden Jugend klar zu machen, für ganz außerordentlich glücklich.

Die von Direktor Meyer als erforderlich bezeihneten neuen Lehrstellen (im ganzen elf) wurden ohne Einschränkung bewilligt. Sie wurden zum 1. April 1907 besetzt mit den Herren Bildhauer Fr. Adler aus München, Maler Prof. Wilhelm von Beckerath aus München, Graphiker und Bildhauer J. Bossard aus Friedenau, Innenarchitekt H. Heller aus Darmstadt, Maler R. Klaus aus Warnsdorf, Bildhauer R. Luk sch aus Wien, Architekt R. Schmidt aus Mainz, Kunstbuchbinder Fr. Weiße aus Elberfeld, Alex. Schönauer, Senats-Goldschmied aus Hamburg.

Hierzu gesellte sich mit 1. Oktober Maler Czeschka aus Wien, und Maler M. Salzmann aus Leipzig, so daß der aus fest und kontraklich angestellten oder auch in nebenamtlicher Beschäftigung tätigen Lehrkräften zusammengesetzte Lehrkörper sich in der Zahl wesentlich erhöhte. Diese Vergrößerung des Lehrkollegiums kann je nach Umständen, d. h. je nach Beteiligung viel und wenig sein. Für die zur Zeit bestehenden Verhältnisse scheint es gerade zu genügen. Es ist indes kaum anzunehmen, daß diese Verhältnisse wie sie jetzt vorliegen, das Höchstmaß des hier überhaupt Erreichbaren bedeuten. Man dürfte vielmehr mit der Annahme, daß das lokale Kunstgewerbe eben erst am Anbeginne der ihm in Hamburg naturgemäß zukömmlichen Bedeutung steht, sich kaum von der Wahrheit entfernen.

Wenn von einem Vorherrschen einer bestimmten Art Industrie, wie sie z. B. Solingen in seinem Metall, Krefeld in seiner Seiden- und Textilindustrie besitzt, in Hamburg auch nicht gut gesprochen werden kann, so stehen hier einerseits durch das stark zunehmende Schiffbau wesen und andererseits durch die großartigen baulichen Umgestaltungsprozesse, die sich gerade jetzt im Kern der inneren Stadt, unserer City, und an deren äußeren Umfassungslinie vollziehen, dem Kunstgewerbe in Hamburg Betätigungsgebiete offen, die allein schon für das Fehlen einer eigentlichen Eigenindustrie völlig ausgleichend aufzukommen vermögen.

Nun sind aber mit den von Schiffbauern und Hausarchitekten erhobenen, keineswegs auch schon die an die Hamburger Kunstgewerbetreibenden überhaupt gestellten Anforderungen auf Mitarbeit erschöpft. Es kann vielmehr getrost ausgesprochen werden, daß, wenn Hamburg erst die seiner Vorzugslage als erstem und wichtigsten Ausfalls – beziehungsweise Eingangstor für den Seeverkehr zustehenden Vorteile zu nutzen, wenn es seine weitverzweigten überseeischen Verbindungen erst einigermaßen auch zu Zwecken der Anempfehlung des ortsansässigen Kunstgewerbes auszubeuten gelernt haben wird, sich für seine Kunstgewerbetreibenden die erfreulichsten Perspektiven erschließen müssen.

Wie es ja nicht selten vorkommt, daß der mit einem gesunden Blick begabte Neuling ein schärferer und richtigerer Beurteiler gegebener Verhältnisse ist, als der durch Gewöhnung abgestumpfte Eingeborene, so hat auch der aus Elberfeld nach hier verpflanzte »Butenminsch« Direktor Meyer die in der Seehandelsstellung Hamburgs gelegene besondere Eignung für die Entwicklung seiner künstlerischen Verhältnisse sogleich herausgefunden und er gab diesem Erkennen Ausdruck in einer Eingabe an seine Vorgesetzte Behörde in der er u. a. sagte: Hamburg, mitten im Weltverkehr gelegen, schickt Waren in die entlegensten Weltteile und erhält täglich Bewohner aller Länder zu Gaste. Den Vorteil seiner geographischen Lage hat Hamburg im Handel auszunutzen verstanden und hohes Ansehen dadurch gewonnen.

Im künstlerischen Schaffen hat es aber noch nicht die Bedeutung erlangt, die ihm zukommt. Sollte Hamburg mit seinem Reichtum, seinem hoch strebenden Gemein sinn nicht die Stätte einer künstlerischen Erziehung und Produktion werden können: Die Bedingungen hierzu sind vorhanden und Namen wie Hulbe, Schönauer, Rauch, Durkopp, Engelbrecht. Iven, die weit über die Grenzen Hamburgs hinaus einen guten Klang haben, bürgen dafiir, daß die Künste hier Wurzel fassen können. Männer wie Brinkmann und Lichtwark haben den Boden bereitet, der Kunst die Pflegestätte gegeben, und von keiner Stadt wird der Kampf um die künstlerische Erziehung der Jugend leidenschaftlicher geführt, als von Hamburg.

Der Ring, der diese Vorkämpfer verbindet, wird geschlossen, wenn die Kunstgewerbeschule sich würdig erweist, in diesen Kreis zu treten. — Jedes Wort ein Hammerschlag auf den Kopf des Nagels. Unsere stolzen Dampfer, Triumphe modernster Schiffs- und Maschinentechnik, durchfurchen die Meere, aber von dem, was in ihnen Kunst, ist oder war doch bis vor ganz kurzer Zeit (jetzt hat sich einiges darin gebessert) das meiste erborgte Königspracht eines Louis XIV., eines Louis XVL. Sie fahren in fremde Länder als Sinnbilder deutscher Kraft und deutscher Intelligenz, verkünden aber in Wahrheit auf dem Gebiete der angewandten Kunst nur unsere Geschicklichkeit in der Nachahmung des Fremden. Welche wirtschaftlichen Vorteile müßten sie Deutschland bringen, wenn sie deutsch von unten bis oben, deutsch von außen und innen, deutsch in Technik und Kunst wären.

An die Nachahmer werden keine Bestellungen gegeben, jeder Auftraggeber wendet sich direkt an diejenigen, von denen die Originale stammen. Wir lieben indische, persische Teppiche, arabische, französische, englische, dänische, holländische, amerikanische, japanische und chinesische Kunst wegen ihrer nationalen Werte. Ergibt sich daraus nicht von selbst, daß, wenn auch wir auf dieselbe Achtung, die jene Völker durch ihre Kunsterzeugnisse uns abringen, Anspruch erheben wollen, wir für eine ebenso nationale deutsche Kunst und deutsches Kunstgewerbe sorgen müssen: Im Deutschtum liegen die Wurzeln unserer Kraft. Die Nachahmung widerspricht unserem Ansehen, unserem wirtschaftlichen Vorteil und zugleich dem Geiste unserer Kunst selbst!

Hier soll und will die Kunstgewerbeschule in Hamburg einsetzen oder richtiger, sie hat bereits hier eingesetzt. Indem der Lehrer-Architekt die Aufgaben stellt, in die alle anderen Abteilungen mitarbeitend sich teilen, wird der aus der Praxis hervorgegangene Schüler darauf eingeleitet, Architektur, Malerei und Plastik nicht so wie bisher als einen gesonderten Dreiklang der Künste zu betrachten, sondern er lernt sie durch gegenseitige Ein- und Unterordnung als eine Einheit erkennen und werten.

Erst so weit ist es dem Einzelnen sowohl durch die ihm gebotene Möglichkeit, das Erlernte in echtem Materiale auszuführen, als auch durch das bereits angebahnte Zusammenarbeiten mit hiesigen Firmen, das in der Weise erfolgt, daß diesen die auf der Schule entstandenen Entwürfe zur Ausführung überlassen werden, anheim gegeben, was er in der Schule an Kunst erlernt. durch schaffende Arbeit im Berufsleben weiter zu verbreiten.

Durch die stetige Verbindung von Theorie und Praxis hofft die Schulleitung einen Stab künstlerisch empfindender Arbeiter heranzuziehen, die nach und nach als Vorarbeiter, Instrukteure, Direktoren etc. in heimatliche industrielle und gewerbliche Etablissements eintreten und so zur Verwirklichung des Idealgedankens, deutscher Kunst und deutschem Kunstgewerbe die Heimat und die Fremde zu erobern, beitragen können. Es ist in dieser hier im dürftigsten Umriß wiedergegebenen Planskizze wohl schon zur Genüge klar gelegt, daß in der Werkstattarbeit der Schule keine Konkurrenz-Objekte geschaffen weiden sollen, daß das hier Entstehende lediglich die Aufgabe hat, der Wertung des Kunstwerkes zur Unterlage zu dienen. Ich halte diesen von Herrn Direktor Meyer eingeschlagenen Weg, um den zwischen Maschinen- und Arbeit der Hand bestehenden Unterschied auch schon der in unseren allgemein bildenden Anstalten heranwachsenden Jugend klar zu machen, für ganz außerordentlich glücklich.

Die von Direktor Prof. Meyer gehegte Absicht, das Können seiner Mitarbeiter, namentlich der durch ihn von auswärts hierher berufenen Künstler in einer Ausstellung ihrer Werke zur Kenntnis des Hamburger Publikums zu bringen, hat, infolge Mangels einer geeigneten Lokalität, vorläufig keine Aussicht auf Verwirklichung, was sehr zu bedauern ist. Denn es befinden sich, wie dies die im vorliegenden Hefte gegebenen Abbildungen eines Teiles ihrer Arbeiten erkennen lassen, einige sehr bestimmt ausgeprägte Persönlichkeiten unter diesen künstlerischen, in den handwerklichen Techniken wohl bewanderten Lehrern, die durchaus geeignet wären, mittelt ihrer Arbeiten die beste Meinung von ihrem Können zu erwecken, womit naturgemäß zugleich auch die über Wert und Wesen der Kunstgewerbeschule in den weiteren Kreisen der Bevölkerung zur Zeit noch bestehende Meinung eine Aufbesserung erführe, die ihr bei unserem in Frage der angewandten Kunst noch ziemlich unselbständigen Publikum sehr zu statten käme.

Hoffentlich wird das für die Kunstgewerbeschule in Aussicht genommene neue Heim, das freilich erst erbaut werden muß, auch darin Wandel schaffen. Wenn eine in sich gesunde Sache wie die Hamburgische Kunstgewerbeschule auch unabhängig von Raum und Ort die Bedingungen des Gedeihens in sich selber trägt, so ist es doch naheliegend, daß bei einer günstigeren Lage jener auch die diesem förderlichen Bedingungen eine ganz erhebliche Erhöhung erfahren. Die Räume in denen die Kunstgewerbeschule jetzt untergebracht sind, können gerade nur für die Zeit des Überganges in Betracht kommen. Der Entwicklung einer intensiven Arbeitstätigkeit genügen sie nicht. An den Wunsch, daß diese Erkenntnis auch recht bald an der hiefür in Betracht kommenden behördlichen Stelle Eingang finden und unserer Kunstgewerbeschule zu einem recht baldigen Einzüge in ihre eigenen Mauern verhelfen möge, knüpfe ich die feste Überzeugung, daß ebenso wie sie selbst es sich zur Aufgabe gemacht, den Wandlungen der Menschen mit wachem Auge zu folgen, um ihnen stets den richtigen künstlerischen Ausdruck zu verleihen, durch alle diese Wandlungen hindurch auch die Kunstgewerbeschule in Hamburg sich bleibend als eine Segen ausstreuende Pflanzstätte der deutschen Kunst bewähren und behaupten wird.

H. E. WALLSEE.

Bildverzeichnis:
C.O.Czeschka-Katzenstudie
C.O.Czeschka-Studie
C.O.Czeschka-Studie-II
C.O.Czeschka-Studie-III
C.O.Czeschka-Studie-IV
C.O.Czeschka-Studie-V
C.O.Czeschka-Zeichnung-Zinkätzung
C.O.Czeschka-Zeichnung-Zinkätzung-II
C.O.Czeschka-Zeichnung-Zinkätzung-III
Kunstgewerbeschule-Hamburg-Wappen
Wappen-Hamburg

Siehe auch:
Die Kunst und die Gegenwart
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Ein Kriegerdenkmal
Was ist Expressionismus?
Linie und Form in der Plastik
Der Tastsinn in der Kunst
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Silhouetten
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male
Lebenswerte der Kunst
Constantin Meunier-Denkmal der Arbeit
Die Anfänge einer neuen Architektur-Plastik
Neue Brunnen und Denkmäler von Franz Metzner
Monumentale Kunst
Franz Metzner-Steinmetz und Bildhauer
Bildhauer Georg Kolbe
Zum Denkmals-Problem
Die Grosse Berliner Kunst-Ausstellung
Quellen des Behagens
Sascha Schneider-Bildhauer und Maler