Kunstpolitische Fragen

Kunst und Künstler standen in früheren Jahrhunderten fast durchwegs außerhalb der sozialen und volkswirtschaftlichen Verhältnisse. Sie waren Blüte der Kultur. Sie waren auch früher abhängig von materiellen Werten; ihre Blütezeiten wurden nur ermöglicht durch reiche Gönner. Diese Gönner waren weltliche und kirchliche Fürsten und allenfalls reiche Patrizier. Wie die Kunst selber war das Mäzenatentum eine Kulturblüte.

Heute sind die Künstler zahlreicher geworden, aus wenigen Köpfen Zehntausende. Auch die Künstler sind ein sozialer Stand geworden. Und die Kunstwerke sind Marktware geworden. Außerdem ist die Kunst als ein volksbildnerischerFaktor erstanden, der in seiner ideellen und materiellen Seite ökonomisch zu verwalten ist.

Nach langfristigem Notstand in Zeiten, da für die Kunst wegen anderer Weltsorgen wenig Interesse vorhanden war; in Zeiten, da die Verwaltung der Länder und Städte von Fürsten und Oligarchen überging an demokratische Vertreter, war die Kunst und waren die Künstler so ziemlich vogelfrei und auftragfrei. Mit dem neuen Wohlstand und mit der neuen Geistesregung auf allen Gebieten wuchs die Kunst in ungeheuere Dimensionen. Es fehlte nicht mehr an Aufträgen; aber hinzu kam die Konkurrenz. Der Künstlerstand ist ein sozial bedrängter Stand, ein volkswirtschaftlich schlechter Stand geworden. Wir haben heute bereits ein reichliches Künstlerproletariat.

Während andere Stände, Arbeiter, Lehrer, Beamte, sich beizeiten um Verbesserung ihrer Verhältnisse kümmerten, ist die Künstlerwelt heute noch fast sorglos ihren Sorgen gegenüber. Sie sind zum Teil organisiert, nicht nur aus künstlerischen Rücksichten nach Schulen und Richtungen, sondern auch schon aus volkswirtschaftlicher Fürsorge, in Hinsicht auf geschäftlichen Umsatz, auf Hilfe für Altersschwache, Witwen und Waisen. Doch entsprechen diese Organisationen weder der Bedeutung der Künstlerwelt, noch geben sie genügend Gewähr gegen die Verelendung des Standes.

Es gibt wohl kaum einen zweiten Beruf, der so viel vergebliche Arbeit leistet und so große vergebliche Opfer bringt. Wenn zu einer großen Kunstausstellung zehntausend Bilder eingesandt werden, wandern mindestens dreiviertel, oft mehr, zurück, und Leinwand, Farben, Rahmen, Transportkosten dieser Überzähligen sind, ganz abgesehen von der Mühewaltung, vergeblicher Aufwand gewesen. Der Handwerker kann überschüssige Waren absetzen, die Fabrik, der Verlag kann Restbestände verramschen; die abgelehnten Künstler drehen die Bilder gegen die Wand, und nur ein geringer Teil findet noch irgendwie Verwendung.

So kommen wir zu kunstpolitischen Fragen. Haben dieKunststädte ihrem Rufe entsprechende fürsorgliche Einrichtungen, die Ausbildung, Vorwärtskommen, Absatz einigermaßen garantieren? Sind Akademien und Schulen, Ausstellungen und Kunsthandlungen, Vereine und Organisationen ausreichend — oder verlangen die Verhältnisse der Künstlerwelt weitere Maßnahmen?

Die Organisationen wollen sich vorläufig nicht um die Massenproduktion, um die volkswirtschaftlichen Fragen des ganzen Standes kümmern. Aber der Staat und die Städte müssen wieder, wie einst Fürsten und Patrizier Mäzene waren aus freiwilliger Leistung, nun aus kulturpolitischem Pflichtbewußtsein die Fürsorge für den Künstlerstand übernehmen helfen. Die volksbildnerische und kulturelle Sendung der Kunst ist dafür ausschlaggebend. Der in den geschaffenen Werken niedergelegte Reichtum menschlicher Kultur muß systematisch in die tieferen Schichten getragen werden, damit er dort verarbeitet werden kann und seinerseits neue Kulturarbeit leistet.

Dazu müssen die Einrichtungen der Städte und Provinzen als Hilfsmittel dienen. Auch die Volksbildungsvereine sollten mit den Künstlern Zusammengehen und nicht bloß Reproduktionen, sondern Originalwerke in die Provinz tragen. Und die Künstler selber sollten genossenschaftlich vereint ihre Verkaufsfilialen bis in die Provinz verschieben. Doch wird die Arbeit an der Verbesserung der Lage der Künstler so lange vergeblich sein, als die Kunst selber nicht den gebührenden Platz im gesamten Kulturzustand des Volkes besitzt. Wir müssen dem Künstler allenthalben Einfluß auf das Kulturbild der Städte einräumen und Einfluß auf das Kulturbild des Staates. Und müssen dem Künstler die Achtung gebietende Stellung als Berater und Mitschaffer geben, die er verdient. Erst wenn die Persönlichkeiten und ihre Geschmackswerte, wenn so die Kulturwerte der Kunst zur offensichtlichen Wirkung kommen und einen ganz selbstverständlichen Einfluß gewinnen werden, dann wird ein Aufschwung des Kunstmarktes und der gesamten sozialen Verhältnisse des Standes eintreten.

G Muschner.

Siehe auch:
Münchener Kunstausstellung-Glaspalast 1927
Die Kunst und die Gegenwart
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Modernes Sammlertum
Zur Neuaufstellung des Völkerkunde-Museums in München
Friedrich Stahl
Ein Kriegerdenkmal
Was ist Expressionismus?
Linie und Form in der Plastik
Der Tastsinn in der Kunst
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Silhouetten
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male
Kunstverständnis-Möglichkeiten Einst und Jetzt
Lebenswerte der Kunst
Constantin Meunier-Denkmal der Arbeit
Die Anfänge einer neuen Architektur-Plastik
III. Deutsche Kunstgewerbe-Ausstellung
Neue Brunnen und Denkmäler von Franz Metzner
Monumentale Kunst
Franz Metzner-Steinmetz und Bildhauer
Charles Tooby-Tiermaler und Landschaftsmaler