Kunstverständnis-Möglichkeiten Einst und Jetzt

Kunst ist mit dem gesamten Wissen und Wollen verbunden. Im Zusammenhang der Leistungen, die zu dauernden Formen sich verfestigt haben, gebührt ihr der erste Platz.

Fr. v. Schiller.

Keine Frage, daß heute und schon seit geraumer Zeit die Kunst in unserem öffentlichen, wie privaten Leben einen Raum einnimmt, wie wohl nie zuvor. Man blicke nur um sich! Wohin man schaut, umgeben uns Dinge, die, wenn sie nicht Kunstwerke an sich sind, doch in irgend einer Weise, sei es durch die Ausbildung ihrer Grundformen oder durch die Zutaten ihrer Ornamentik über die Einfachheit und Nüchternheit ihrer rein praktischen Gestaltung hinausgehoben sind und damit sich bei uns an jene Gefühle wenden, die die Träger des allgemeinen Kunstempfindens zu sein pflegen.

Wir können uns heute in der Tat kaum einen Gegenstand vorstellen, er diene denn ganz nüchternen Zwecken oder verlöre durch künstlerische Zutat an Brauchbarkeit, der nicht durch die Kunst in irgend einer Weise seine höhere Weihe empfangen zu haben scheint. Wir können uns keinen Saal, kein Zimmer, ja kaum den ärmlichsten Haushalt mehr denken, in denen nicht Werke der bildenden, wie der zeichnerischen Künste, und seien sie auch noch so gering an Wert, die Augen auf sich lenken, indem sie ihnen durch ihre Anwesenheit zu gleich eine höhere Vollkommenheit zu geben scheinen.

Dazu kamen dann noch bis vor kurzem die vielen Ausstellungen, die großen wie die kleinen und an vielen Orten zugleich, an denen die Kunst Jahr für Jahr zu Markte getragen wurde, kommen noch die vielen Kunsthandlungen und Luxusgeschäfte in allen größeren Städten, aus denen beständig Kunst in unser privates Leben strömt.

Es ist eine Quantität an Kunst, die unsere Zeit erzeugt, die einzig dasteht, die fast beängstigend wirken muß, bedenkt man, wie leicht der Übersättigung der Ekel folgen und damit ein Zeitalter heraufführen kann, das ganz anderen Idealen zustreben wird, als das unsrige.

Und so müßte unsere Zeit eigentlich, wenn Quantität Qualität bedeutete, ein goldenes Zeitalter der Kunst sein, wie es bisher ein solches kaum gegeben; ein Zeitalter, in dem die Kunst wirklich ein Teil des Lebensinhalts des Menschen geworden ist, wie kaum je zuvor. Daß beides leider in keiner Weise der Fall ist, das wird wohl niemand leugnen können, der unsere Zeitverhältnisse wirklich kennt und fähig ist zugleich, sie mit vergangenen zu vergleichen, das wird aber auch der Kunstentfremdetste heute wohl empfinden.

Zu allgemein herrscht heute doch bei allen das Gefühl vor, daß trotz unserer heutigen Kunst an allen Ecken und Enden, trotz unserer nicht wegzuleugnenden Achtung und selbst Ehrfurcht vor ihr, wir noch in keiner Weise ein Kunstzeitalter darstellen, das sich mit den berühmten der Vergangenheit in irgend einer Weise zu messen vermag. Ja, derjenige, der heute schon wieder wirkliches Kunstgefühl besitzt, und auch die ganze bisherige Entwicklung der Kunst zu überblicken vermag, wird wohl mit Trauer hinzufügen müssen, daß es kaum je eine Zeit gegeben, in der so viel und doch so wenig gute Kunst geschaffen worden ist, in der das Verhältnis zwischen Kunst im allgemeinen und wirklich guter Kunst ein so erschreckend ungünstiges ist, in der mithin so viel geringwertige Kunst geschaffen wird und worden ist, wie in der unsrigen.

Denn Bilder, Statuen und verzierte Dinge an sich machen noch keine Kunst aus: sie müssen auch wirklich gute Kunstwerke sein.

Die Schuld an diesen beklagenswerten Zuständen trifft heute die Kunst selber nur noch zum kleinen Teil: wir haben genug Künstler auf allen Gebieten, die heute schon wirklich Brauchbares und Gutes wollen und auch schon können. In dieser Beziehung hat sich gar viel in den letzten Jahrzehnten geändert. Daneben ist auch die Zahl derjenigen, die heute schon wirklich wieder etwas von Kunst verstehen und demgemäß sich auch ihr gegenüber verhalten, in den letzten Zeiten beträchtlich gewachsen. Auch hier ist ein Fortschritt zum Heile unserer Kunstentwicklung ganz unverkennbar: doch die große Masse des kunstkonsumierenden Publikums und leider keineswegs diejenigen allein, auf die die Kunst, die gekauft sein will, an letzter Stelle rechnet, sie steht heute so ziemlich noch ganz auf jener Stelle, auf der sich noch vor nicht allzu langer Zeit die Kunstausführenden zum großen Teil selber befanden, zu jener Zeit, da diese das Ziel ihres Kunstschaffens nicht allzu hoch zu stecken pflegten, weil die Kaufenden es nirgends von ihnen verlangten.

Nur ungemein schwerfällig rollt heute in dieser Beziehung die Menge weiter, so schwerfällig, daß mancher, verzagt, in dieser Beziehung kaum einen Fortschritt zu ersehen vermeint und darum auch an der Zukunft verzweifelt. Sie kauft noch immer die Kunst mit wahrhaft rührender Unbefangenheit, setzt Künstler und Kunstindustrien in Nahrung, die zu erhalten dem wirklich Kunstverständigen als wahre Sünde erscheint und hindert so den Aufschwung des wahrhaft Künstlerischen, der unsere Zeit allein zu einem wirklichen Kunstzeitalter zu erheben vermag.



Man ist, wie man weiß, schon seit langem gewohnt, aus dieser beklagenswerten, unsere ganze Kunstentwicklung so sehr hemmenden Sachlage dem Publikum eine schwere Anklage zu machen und es hierbei oft mit mehr oder weniger schmeichelhaften Beiworten zu belegen, die ein Einzelner sicherlich als Beleidigung empfinden würde. Und sicherlich nicht ganz mit Unrecht: unser heutiges kunstkonsumierendes Publikum erfreut sich auf diesem Gebiet noch immer einer Anmaßung, die in gar-keinem Verhältnis zu einer Berechtigung dazu steht, in keiner Weise auf wirklichem Wissen und Verstehen beruht und darum auch in keiner Weise die Hoffnung auf baldige Besserung gewährt. Wer nicht lernen will, wird auch nicht lernen, und doch hat man zu allen Zeiten, wenn man Kunst verstehen, d. h. in richtiger Weise genießen lernen wollte, dies erst erlernen müssen: es mußte das Auge, das Organ des Kunstempfindens, erst gewöhnt werden, Kunst wirklich zu sehen, d. h. Linien und Farben als solche zu empfinden, deren Harmonien in sich aufzunehmen; man mußte schließlich auch wirklich gute Kunst gesehen haben, um an die Kunstschöpfungen der Zeit den jedesmaligen Qualitätsmaßstab zu deren Einschätzung anlegen zu können. Es ist immer eine gewisse Kunst gewesen, Kunst zu verstehen. Nur daß der Erwerb dieser Kunst früheren Zeiten doch unendlich viel leichter gemacht worden ist, als der unsrigen!

Man überlege einmal, in welcher Weise früher den Menschen die Kunst umgab! Es herrschte in keiner Weise, wie heutzutage, das Gefühl, daß sie an allen Ecken und Enden anzubringen wäre, daß, wo sie fehlte, es für das Auge eine Lücke gäbe, die schleunigst auf irgend eine Weise ausgefüllt werden müßte. Nicht jedes Bauwerk hatte früher seine Verzierungen, nicht jedes Zimmerseinen Bilderschmuck, nicht jedes Gerät seine ornamentalen Zutaten. Nur was wirklich kostbar, wirklich bedeutend war, das Ungewöhnliche fand damals seine Ausschmük-kung. Das Alltägliche, sich immerWiederholende blieb schlicht und einfach, wie es das werktägige Leben damals überhaupt war.

Schmuck empfing damals nur die Kirche, das Schloß, das Rathaus, das Haus des reichen Bürgers, von Geräten nur, was kostbar und darum nicht beständig gebraucht wurde. So war die Kunst früher keine allgemeine, alles überfließende Kunst, vielmehr eine Summe von Einzelkunstwerken: die Folge, daß diese Einzelkunstwerke, weil eben seltener, viel eindringlicher wirkten, darum auch mehr beachtet und betrachtet wurden. Sie wurde so auch viel mehr Gegenstand der Ehrfurcht und des Staunens, indes sie heute von allen Seiten und zu allen Zeiten, dank der Leichtigkeit ihrer Gewinnung, uns anschreiend, ja oft fast betäubend, meist garnicht mehr im einzelnen genügend beachtet und gewürdigt wird, in keiner Weise, dank ihrer Fülle, uns Lust und Muse lassend, daß wir uns eingehender mit ihr und ihren Einzelwerken beschäftigen.

Was war die Folge? Die früheren Zeiten kamen wie von selber dem Einzelkunstwerk gegenüber zur Vertiefung, zu jener Vertiefung, die stets die beste Lehrmeisterin für alles Lernen gewesen ist. Sie lernten ohne Mühe aus dem Wenigen viel, es drang tief in sie ein, indes wir heute aus dem Vielen, das uns umgibt, fast nichts zu erlernen vermögen, eben weil wir es kaum noch beachten und es darum auch kaum auf uns wirken kann. Das erzieherische Resultat unseres beständigen Kunstsehens ist darum in der Regel gering.

Doch weiter! Was früher die Menschen an Kunst umgab, und seltener, aber viel beredter auf ihn einsprach, das ist zum größten Teil wirkliche Kunst gewesen, wirklich verstandene, wirklich empfundene. Es war die Kunst, um derentwillen wir jetzt Reisen unternehmen, um derentwillen wir Museen gegründet haben, um derentwillen wir jetzt endlich auch Heimatschutzgesetze besitzen. Sie war eine wirklich gute Lehrmeisterin, die beste, die man sich überhaupt vorstellen kann, und sie lehrte (was nicht gering zu bewerten ist), ohne daß es der Lernende eigentlich merkte: wenn man durch die Gassen schlenderte, wenn man in der Kirche saß, so oft man Feste feierte usw., und man tat dies alles in den früheren, noch so behaglichen Zeiten mit jener Ruhe, jener Gelassenheit, die unserer aufgeregten, nervösen, eiligen Zeit heute so gänzlich fern liegt. Man sah auch — was wichtig war — immer wieder dieselben Sachen, da die Orte klein, Reisen noch selten waren. Da gab es sich wiederholende, gab es bleibende Kunsteindrücke. Und sie waren es wert, daß sie haften blieben. Denn es waren eben gesunde Eindrücke, Eindrücke von wirklich guter Kunst. So gewann man damals ohne viel Mühe, gleichsam auf peripatetischem Wege, die Kunst, Kunst zu sehen und zu verstehen.

Und heute? Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, wie heute die künstlerische Physiognomie einer Großstadt, ja fast jeder Stadt überhaupt, sich darbietet, was heute die Läden in ihr noch immer an Kunst vorführen und was man dann in den Wohnräumen der meisten unserer Mitmenschen an vermeintlichen Kunstwerken wieder findet und leider oft gerade derjenigen, die durch ihre Lebensstellung in erster Linie dazu berufen wären, wahre Kunst zu kaufen und zu sammeln. Und diese Großstadtkunst hat, wie man weiß, auch bereits das ganze Land verseucht. Das kleinste Dorf hat sie oft, der eigenen Tradition erstaunlich schnell vergessend, willkommen geheißen, der einfachste Bauer erfreut sich heute Erzeugnisse, die großstädtische Kultur geschaffen und dementsprechend ausgestaltet hat. Der Heimatsschutz ist, wie man weiß, überall viel zu spät gekommen.

Er kann nur noch das Letzte retten. Und diese Physiognomie unserer Umgebung wird uns wohl leider noch recht lange erhalten bleiben: was heute schon wirklich Gutes, Brauchbares, mithin wirklich Kunsterzieherisches geschaffen wird, das ist noch recht vereinzelt, verschwindet noch unter der Masse seines Gegenteils. Auf dem Gebiet der Baukunst findet es sich sogar meist an der Peripherie der Städte, da in ihrer Mitte ja längst schon alle Plätze reichlich besetzt sind. Und so kann alles dieses heute auf das Auge kaum schon wirklich einwirken: es ist in dieser Beziehung noch ein totes Kapital, das nur erst recht spärlich seine Zinsen trägt, und wird wohl noch recht lange nur ein solches bleiben. Das Auge hat für gewöhnlich keinen Gewinn davon. Es erblickt in der Regel fast nur die Kunst um sich, die heute nicht für eine erzieherische angesehen werden kann, vielmehr nur als ihr volles Gegenteil und dementsprechend auch wirken muß. —

Und dann noch eins! In früheren Zeiten entwickelte sich die Kunst langsam, mit Ruhe und mit Logik weiter. Ihr Fortschritt erfolgte nach den natürlichen psychologischen Gesetzen der Steigerung oder des Gegensatzes, nach erste-rem, wenn eine gewisse Höhe, ein gewisser Reichtum der Kunstäußerung noch nicht erfolgt war, nach letzterem, wenn diese in der Tat erreicht war und entweder keine Steigerung oder kein weiteres Sicherfreuen an ihr mehr möglich schien. Hierbei trat aber auch die gegensätzliche Kunst stets nur langsam und bescheiden, in Übergängen, auf. So war auch das Publikum mit seinen an der bereits vorhandenen Kunst geschulten Augen, das, rings umgeben von dieser Kunst, dasselbe psychologische Bedürfnis nach Fortschritt, nach Veränderung empfand, gar wohl im Stande, dieser langsamen, stetigen Entwicklung zu folgen. Es konnte mit den Künstlern Schritt halten, verstand die innere Notwendigkeit der Neuerung, empfand sie ebenso als eine Verbesserung, wie jene, die sie geschaffen.

Welch anderes Bild dagegen wieder in unserer Zeit! Im 19. Jahrhundert haben sich die verschiedenen Stilarten, wie man weiß, gejagt. Fast die gesamte bisherige europäische Kunstentwicklung mit ihren verschiedenartigsten Spielarten ist an uns vorübergezogen, in einer Zeit, in der sonst kaum eine einzelne Stilphase sich zu entwickeln pflegte. Die langsamen Entwicklungsübergänge zwischen ihnen aber fehlten gänzlich. Dazu kam noch Exotisches in mannigfachster Form.

Und endlich gar zum Schluß der kühne Sprung ins Dunkle der Moderne! Ein absichtliches Verneinen alles bisher Dagewesenen, alles bisher Gewohnten, ein Versuchen nach allen möglichen Richtungen hin, ein Zerflattern in lauter Individualitäten, Askese neben Zügellosigkeit, bis endlich manches wieder ins ruhigere, normale Fahrwasser gelangt ist und Allgemeingültigeres wieder geschaffen werden kann. Wie aber sollte da das kunstungeübte Publikum mitkommen, wie sollten da seine Augen reif werden für die jedesmaligen Veränderungen der Kunst, die oft mehr der Laune, der Mode, als der inneren Notwendigkeit der Zeit entsprachen?

Es war unmöglich, daß es zu dieser Kunstentwicklung in ein inneres Verhältnis kam, es mußte Zurückbleiben, mußte rückständig werden und damit war der Abstand zwischen den Kunstschaffenden und Kunstgenießenden bald da. Er ward zur Kluft, die sich nur immer mehr erweiterte und nun so überaus schwer zu überbrücken ist. Damit stellte sich das Kunstdilemma unserer Zeit ein. Das Publikum, weil die Umgebung guter Vorbilder fehlte, nicht mehr geschult, wie früher, künstlerisch zu sehen, vermag auch nicht mehr dem zu folgen, was ihm die Besten seiner Zeit Neues vor Augen führen. Es beharrt in der Regel beim Veralteten, Abgelebten und Trivialgewordenen und fühlt sich dabei, weil keine Kraft zur Selbsterkenntnis vorhanden, ersichtlich recht wohl. Die gute Kunst aber steht isoliert da, ohne Resonanzboden und Echo. Sie verliert darum auch ihrerseits immer mehr die Fühlung mit denen, für die sie eigentlich schafft. Sie wirkt schließlich nur um der Kunst selber willen, wird zügellos und allzu individuell und läuft Gefahr, den festen Grund unter den Füßen endlich ganz zu verlieren. —

Es ist gut, sich einmal, wenn in allem diesem Besserung eintreten soll, dieses Gegensatzes früherer und heutiger Kunstverständnismöglichkeiten bewußt zu werden. Es zeigt sich dann deutlich, daß wir Kunstverständnis heute nicht mehr, wie früher, wie von selber erwerben können. Es ist dazu ein bewußter Wille nötig, dann ein heißes Bemühen und recht viel Ausdauer, gepaart mit viel Bescheidenheit. Und es kann auch nicht mehr an denselben Stellen, wie einst erworben werden und auch nicht mehr durch dieselben Methoden. Man muß die gute Kunst heute aufsuchen. Sie kommt nicht mehr wie einst von selbst zu uns.

Prof. Dr. E. Z.

Verzeichnis der Abbildungen:
Albert Weisgerber-Am See
Albert Weisgerber-Amazonen
Albert Weisgerber-David
Albert Weisgerber-Der Heilige Sebastian
Albert Weisgerber-Frau in Berglandschaft
Albert Weisgerber-Heilige Sebastian
Albert Weisgerber-Kreuzigung
Albert Weisgerber-Liegende Frau
Albert Weisgerber-Regenbogen
Albert Weisgerber-Sebastian und Reiter
Albert Weisgerber-St.Sebastian

Siehe auch:
Münchener Kunstausstellung-Glaspalast 1927
Die Kunst und die Gegenwart
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Modernes Sammlertum
Zur Neuaufstellung des Völkerkunde-Museums in München
Friedrich Stahl
Holzschnitte von Josef Weiss
Ein Kriegerdenkmal
Was ist Expressionismus?
Linie und Form in der Plastik
Der Tastsinn in der Kunst
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Waldemar Rösler
Franz Hoch
Silhouetten
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male