Landschaft, Mensch und Bauwerk im niederdeutschen Raum


Die weite niederdeutsche Landschaft mit ausgedehnten Wäldern, Mooren, Heiden und Ackerflächen, die von den Wogen des Meeres umsäumt wird, mußte im Laufe von Jahrhunderten ein anderes Volkstum hervorbringen als die heitere und beweglichere Landschaft Süd- und Mitteldeutschlands. Das Brausen des Meeres und seine Gefahren, der sturmgepeitschte Wolkenhimmel und das gespenstische Raunen von Heide, Wald und Moor redeten packend zu den Menschen und erzogen sie zu Zähigkeit, Kampfgeist und Trotz, zu Schweigsamkeit, Ernst und Verschlossenheit. Diese Landschaft mit ihrem unbegrenzten Himmel und ihrer nebelverhangencn, endlosen Ferne weckten einen Hang zum Metaphysischen.

Das Wesen eines Volkes und seiner Kultur ist aber nicht nur durch die Landschaft, sondern auch blutmäßig bedingt. Wie der Einzelmensch durch seine Erbanlagen und seine Umgebung bestimmt ist, liegen auch der Wesensart eines Volkes außer den landschaftlichen und klimatischen Einflüssen seine rassischen Anlagen zugrunde. Der nordische und der fälische Mensch sind rassisch gesehen die beherrschenden Bestandteile im Kemgebiet des niederdeutschen Raumes. Der erste, schlank, unternehmungsfreudig, stolz und wagemutig, gab im Mittelalter als Seefahrer, Kaufmann und Ratsherr der mächtigen Hanse ihr bedeutsames Gepräge. Der andere, gedrungen, dickköpfig, mißtrauisch, schwerfällig und zuverlässig, ergab den bodenständigen Bauern Westeibiens und den Kolonisator des Ostens.

Die Gebiete Nordwestdeutschlands, aber auch der Osten, sind in hohem Grade mitbesiedelt worden von dem westlichsten Stamme des niederdeutschen Raumes, von den Niederfranken, die das heutige Holland, das nördliche Belgien und das Land am deutschen Niederrhein ausfüllen. Sie waren in künstlerischer Hinsicht zu allen Zeiten von höchster Begabung und haben weithin befruchtend gewirkt. In ihren Landen finden wir die älteste und dichteste, im Osten die jüngste und weniger dichte Kultur. Sie sind nach Sprache und Wesen niederdeutsch.

Die alten Bauwerke Flanderns stammen aus einer Zeit, in der dieses Land deutsch war. Erst im Jahre 1648 ist es aus dem Rahmen des deutschen Reiches gelöst worden. Die Flamen haben zu wiederholten Malen in andern Teilen des Gesamtraumes Aufnahme gefunden. Im 12. Jahrhundert besiedelten sie einen großen Teil Westdeutschlands. Sie wurden vom Erzbischof von Bremen gerufen, um das Moorland der Unterweser zu kultivieren. Sie waren es, die mit einem förmlichen Vertrage in den Händen zuerst das Lied sangen:

„Naer Oostland willen wy ryden,

Daer isser en betere stee.“

Ihre Wanderung ging bald weiter in das Marschgebiet der Niederelbe und Westholsteins. Die östlichen Gebiete des niederdeutschen Raumes wurden in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts und später mit deutschen Siedlern ausgefüllt. In stärkstem Maße waren daran Westfalen und Niedersachsen beteiligt. In den neuen Wohngebieten wurden nicht nur Dörfer, sondern auch Städte angelegt, die es im Osten bisher noch nicht gab. In Deutschland waren sie um die Mitte des 12. Jahrhunderts zuerst entstanden. Die auswandernden Bürger wurden die Begründer der östlichen Städte mit ihren geraden, sich rechtwinklig schneidenden Straßenzeilcn. Das Gotteshaus und die Tore, meistens waren es vier, hatten erstrangige Bedeutung. Sie wurden in Backstein, die übrigen Häuser in Holz gebaut. Riga wurde schon vor Rostock, Königsberg und Berlin unter dem Schutze deutscher Ritter und des niederdeutschen Bischofs Albert von Appeldeem gegründet. Aus den Handelsniederlassungen der Lübecker Kaufleute entwickelte sich der Kranz der Ostseestädte. Die Angehörigen angesehener Lübecker Kaufmannsfamilien spielten auch im Rat all dieser Städte eine führende Rolle. Schon im Jahre 1160 nahmen Lübecker Kaufleute die ersten Verbindungen mit dem Baltikum auf und verdrängten durch ihre Überlegenheit die schwedischen. Eine große Anzahl von deutschen Städten entwickelte sich ferner aus den Burgen des Deutschen Ritterordens in Ostpreußen und darüber hinaus. Deutsche Bauern und Bürger wurden auch von den Polenherzögen gerufen. Daraufhin wurden wenigstens die nördlichen Gebiete ihres Landes auch mit Niederdeutschen besiedelt. Alle Städtegründungen in Polen im 13. und 14. Jahrhundert gehen auf deutsche Bürger zurück, auch der Kern Warschaus, der altstädtische Markt. In Polen zählte man im Jahre 1370 255 Dorfgründungen und 77 Stadtgründungen nach deutschem Recht, die zum größten Teil von gerufenen Deutschen aufgebaut waren. Das Baltikum ist mit großen Strömen niederdeutscher Menschen ausgefüllt worden und immer eine Pflegestätte ihrer Kultur gewesen. Und selbst wenn das deutsche Bauerntum dort auf die Dauer nicht stark genug war, so haben wir unbedingt ein Recht, dieses Land als einen Teil des niederdeutschen Raumes anzusehen, dessen Stämme es mit ihrem Geist und ihrem Blut erfüllten. Und da die im Mittelalter immerhin sehr dünne slawische Bevölkerung des Ostens von der viel größeren Zahl der westlichen Kolonisten eingeschmolzen wurde, können wir das ganze Volkstum des niederdeutschen Raumes als eine Einheit ansehen. Einheitlich ist auch sein ganzes Landschaftsgebiet, sein Klima, seine Vegetation, seine Sprache und seine Kultur. Aber diese Einheitlichkeit bedeutet keine Gleichförmigkeit. Auf jeder seiner Wesensseiten begegnen wir einer erfreulichen Vielgestalt. Ihr auf einem begrenzten Gebiete der Baukunst nachzuspüren, ist auf den vorliegenden Blättern versucht worden. Der genannte Raum umfaßt die Küstenländer von der Schelde bis an den Finnischen Meerbusen. Im Süden kann man seine Grenze mit der niederdeutschen Sprachgrenze Zusammenlegen, die von Dünkirchen über Brüssel, Aachen, Düsseldorf, Göttingen, Magdeburg, Frankfurt (Oder) und Posen verläuft.

Die gemeinsamen Charakterzüge der Stammesgruppen, die das niederdeutsche Wesen ausmachen, sind auch heute noch, besonders auf dem Lande, sehr verschieden von denen der oberdeutschen Bevölkerung. Wenn auch dort zwischen einzelnen Stämmen die rassenmäRigen und seelischen Unterschiede ganz erheblich sind, so darf doch behauptet werden, daR im ganzen gesehen der Süddeutsche mit einer heitcrenLebensauffassung und mit reicheren künstlerischen Gaben gesegnet ist. Das niederdeutsche Volk mit seiner sachlichen und verstan-desmäBigen Flinstellung ist von jeher mehr das Volk der Denker und Tatmenschen, der Philosophen und Politiker, der Strategen und Wirtschaftler gewesen als das der Künstler.

Niederdeutsche Art gab niederdeutschen Bauwerken ihre eigene Physiognomie. Die groRe, einfache Linie und die Ruhe und Breite der Landschaft einerseits und der Mensch, der durch sie mitgestaltet wurde, anderseits fanden in dem niederdeutschen Kübbungshaus ihren treuesten Niederschlag. In den gotischen Backsteindomen, den alten Dorfkirchen, Rathäusern und Kaufmannshäusern finden wir gleiche Züge verkörpert, klingt die gleiche Seele, die gleiche Melodie in anderer Tonart wieder. Auch die Türme und Tore und nicht zuletzt die Turmhelme geben nordischer Kühnheit und fälischer Schwere sinnfälligen Ausdruck. Sic stehen in einem auffälligen Gegensatz zu der Baukunst Oberdeutschlands. Wie der Schweigsamkeit und der Bedachtsamkeit des niederdeutschen Menschen dort ein größerer Wortreichtum und eine leichtere Erregbarkeit des Gemütes gegenübersteht, ist auch die künstlerische Formensprache im Süden quirlender, fröhlicher, leichter und beweglicher. Wir beobachten im Norden eine schlichtere, sparsamere, nüchternere und zugeknöpftere Haltung. Und selbst in Zeiten, die auch hier das Aufgeben der ruhigen Form verlangten und Bewegung und Laune herausforderten, also im Barock, finden wir im künstlerischen Schaffen nicht die sorglose Heiterkeit des Südens, sondern eine Heiterkeit auf schwerblütiger und oft auch schwerfälliger Basis. Oder wir begegnen dann auch einem mehr nüchternen und klaren Klassizismus.

Der große Gegensatz wird uns bewußt, wenn wir aus gotischer Zeit die Türme des Stephans-domes in Wien und des Freiburger Münsters in ihrer Schmuckfreude und Fröhlichkeit mit denen der Marienkirche in Lübeck (VIII) vergleichen. Diese beschränken sich auf einfache, große Linien und betonen in einer knappen Sprache Kraft, Würde und Selbstbewußtsein. Vom Ausgang der Gotik an spüren wir in den Türmen Süddeutschlands einschließlich der Ostmark die Nähe und den Einfluß Italiens. Die hohen, stolzen Barockhclme, die uns von St. Peter in Riga (XXII), von St. Katharinen in Hamburg (IV) oder von St. Marien in Osnabrück (ITT) herabgrüßen, finden wir im Süden nicht. Dort ruhen auf hohen gemauerten Türmen niedrige Kuppeln und Hauben. Man denke an die bekannte Frauenkirche in München mit ihren beiden Ballonmützen. In hausteinarmen Gebieten Oberdeutschlands wurde das Mauerwerk im Gegensatz zur niederdeutschen Bauweise gern verputzt. Auch die große Zahl der doppcltürmigen Kirchen und Tore suchen wir im Süden vergeblich. Diese breite und schwere Bauart ist vielmehr der Ausdruck niederdeutscher Ruhe und Standhaftigkeit.

Die Volkstunisunterschiede sind in Obcrdeutsch-land aus stammcsgeschichtlichen und aus geographischen Gründen ausgeprägter als in Niederdeutschland. Die Formen des bayerischen Donaugebietes z. B. erreichen aus solchen Ursachen bei weitem nicht die Leichtigkeit und Heiterkeit des Frankcnlandes zwischen Main und Neckar. In Oberbayern bewahrten die Bajuwaren einen großen Teil ihrer Ursprünglichkeit. Derbheit, Ruhe und Kraft spricht aus ihren großartigen Bauernhäusern und aus vielen Bauwerken ihrer Städte.

Die Kultur und besonders die Baukunst Norddeutschlands war in den Zeitaltern, die uns hier interessieren, niemals fest abgeschlossen gegen die Mittel- und Süddeutschlands. Die Zuwanderung des Bauherrn sowohl wie die des Baukünstlers trug zum Ausgleich bei. Und wenn auch die Seßhaftigkeit im Mittelalter wohl größer war als in späteren Jahrhunderten, so reichten doch auch damals durch die Kirche und ihre Mission die architektonischen Einflüsse, die ja, in ihrer Hand lagen, weit. Man denke nur an die Zisterzienser, die in der Gegend Dijons ihren Mittelpunkt hatten und an der Siedelung in Mecklenburg und Pommern beteiligt waren, auch mit ihren strengen Baugrundsätzen. Dieser Orden war in geringerem Umfang auch in Westpreußen, ja sogar in Posen tätig. Seine Wirksamkeit hat aber nirgends den Ausdruckswillen des Stammcharakters der Siedler unterdrücken können. Die Bauhandwerker kamen aus ihren Reihen. Und oft standen schon fertige Kirchen da, ehe die Ordensleute erschienen. So sind auch dort, wo dieser Orden wirksam war, die Bauten aus Blut und Boden des niederdeutschen Menschen emporgewachsen.

Text aus dem Buch: Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum, Verfasser: Lohf, Paul.

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