Lebenswerte der Kunst

„Die Kunst geht nach Brot“.

„Nicht die Kunst, der Künstler geht nach Brot.“

Von der Kunst wird oft als von einem reinen Luxuswerte gesprochen. Vielen, die hart an die Galeerenbänke des Erwerbslebens geschmiedet sind, gilt sie als eine Sache, die ebensogut auch nicht zu sein brauchte; als ein reizender Überfluß, eine unnütze Dekoration, vergleichbar etwa den reinen Genußmitteln im Gegensätze zur Nahrung, zum täglichen Brot.

Eine moderne Geschichtsauffassung, die sich selbst die materialistische nennt, ist nur geeignet, diese Auffassung der Kunst als eines reizvollen Spielzeugs zu unterstützen: Hunger und Liebe seien die alleinigen Triebfedern alles menschlichen Tuns; alles Ringen um ideale Werte nur eine illusionistische Verhüllung des ewigen Kampfes um Macht und Erwerb.

An dem Problem der künstlerischen Psychologie aber erweist die materialistische Geschichtshypothese ihre Unzulänglichkeit. Denn aus der Legende von der Alleinherrschaft des Erwerbs- und Machttriebes lassen sich wohl innerhalb der Kunst manche Erscheinungen erklären, die Kunst selbst aber niemals.

Betrachtet man den ewigen Kampf, den die Kunst in jedem Künstler, selbst im „Kitschier“, gegen die materiellen Mächte des Lebens zu führen hat, so kann nur eines erstaunen: daß es heute wie in den dunkelsten Anfangszeiten der Völker immer noch, immer wieder Menschen gibt, die eine Tätigkeit treiben, welche allein von fast allen menschlichen Verrichtungen sich unter immaterielle Normen und Bestimmungsgründe gestellt hat. So sehr, daß man das Erwerbsstreben, das für alle andern Berufe ohne weiteres selbstverständlich ist, für die Kunst in einem eigenen Sprichwort festzustellen für nötig hielt: „Die Kunst geht nach Brot“. Ja, das tut sie, aber nur mittelbar; ein erwünschter Begleitumstand ihres auf Erzielung unabhängiger, außermaterieller Werte gerichteten Strebens, das ist für die Kunst der Erwerb. Im Grunde genommen, ist das Sprichwort falsch: Nicht die Kunst, der Künstler geht nach Brot.

Das Erwerbsstreben erscheint eine Zeitlang als Selbstzweck, vorab beim kleinen Bürger. Wo aber Besitz und Machtmittel sich häufen, wird automatisch Raum für die Frage: Wozu das alles? Und siehe da, die Antwort auf dieses letzte Wozu des ewigen Ringens muß in einigen Fällen die Religion, in den meisten aber die Kunst geben. Leben, die hart begannen, sehen wir oft endigen unter dem Liniensingen edler Bildwerke. Schätze, die anfangs in bitterem Ringen, später in immer volleren Strömen in die Tresors der Begünstigten flössen, sehen wir oft am Ende in einer Art Rausch sich wieder austauschen gegen die Werte der Kunst, die sinnvollen, die lebenenträtselnden. Als spürte der tote Besitz seine Nichtigkeit, als wandle ihn böses Gewissen an, als erschrecke er durch die Häufung vor sich selbst und suche sich zu rechtfertigen, indem er sich in dauerbarere Werte verwandelt, indem er wieder zu Leben wird. Spät, aber doch in fast allen F ällen wird so der Kunst selbst im Leben des Erwerbsfrohesten ihr Recht. Gewiß trifft es zu, was der vom materiellen Leben angefeindete Künstler aus seinem Leiden heraus spricht:

Sie nennen unsre Qual mit argen Namen
Und feiern unsre Jubelfeste nicht.
Wir sind wie Pilger, welche fernher kamen,
Fremd wie ein Feind, der ihren Frieden bricht.

Aber gerade so sicher und gesetzmäßig kommt auch die Erfüllung der stolzen Zuversicht:

Doch nicht umsonst gesungen und geschrieben
Liegt unsre Sehnsucht in verstaubten Schränken.
Wenn sie erkennen, wie sie arm geblieben,
Dann wird man unsres Reichtums gern gedenken.

Darin liegt denn schließlich die glänzende Rechtfertigung der Kunst, ihr unschätzbarer Lebenswert, daß sie jedem das Leben enträtselt, das Dasein faßbar macht, seine Summe zieht. Kunst lebt vom Leben, das heißt sie lebt von jener Kraft, die im innersten Herzen der Schöpfung wirkt, die schuld ist am Sein, die die Welt verhinderte, Chaos zu bleiben. Wir wissen, daß den Alten diese künstlerische Faß-barmachung des Daseins so wichtig schien, daß Homer das dunkle, furchtbare Wort aussprechen konnte: Es spannen aber die Götter den Menschen Verderben zu, damit auch die künftigen Geschlechter Stoff zum Gesänge hätten. Ein Wort, nur von starken Zeiten zu erfinden und zu ertragen. — Selbst wer zu dieser religiösen und tödlich ernsten Auffassung der Kunst nicht neigt, selbst wer das Homerische Wort vermessen findet,dem magdoch mitten in seinemRingenum Machtoder Gutbange werden, wenner sieht, daß von ganzen Zeiten und Völkern nichts geblieben ist als ihre künstlerischen Dokumente. Babylon verging, Ninive sank in Staub, Ägypten ward zum leeren Namen. Was in diesen Reichen unzählbare Menschen und Kräfte lebten und errangen, ward ausgelöscht wie der Strich eines Schieferstiftes auf einer Schreibtafel. Die Kunst aber vermochte die Essenz all dieses ungeheuren Geschehens undEntfaltens zu bewahren, in einer einzigen Faust des Ramsesbildes, in einem heraldisch stilisierten Wadenmuskel vom Standbilde Asarrhaddons, in einem Kapitell vom Königspalaste zu Susa. Die Kunst fing es auf, sie hielt es fest, und erst mit der Erde selbst wird, dank der Kunst, das zu leben aufhören, was dem Buchstaben nach längst verging.

Gewiß, ich denke nicht daran, hier in extenso von der Bedeutung der Kunst überhaupt zu sprechen. Dazu gäbe nur eine neue, eigenschöpferische Weltbetrachtung das Recht. Aber es begegnet uns zu Zeiten, daß längst bekannte Dinge uns neu und jung werden und die Begeisterung eines erstmaligen Erlebnisses erwecken. So ist es auch hier. Nur wieder den Finger zu legen auf ihre Ebenbürtigkeit, ja auf ihre ungeheure Überlegenheit jenem materiellen Leben gegenüber, das täglich und stündlich über die Kunst zu triumphieren meint, das ist meine Absicht. So sehr ist die Kunst Leben und nichts als Leben, daß, selbst wenn ein Kunstwerk uns nicht „gefällt“, ihre lebenspendende Kraft nicht aufhört. Selbst solche ablehnende Stellung einem Kunstwerke gegenüber grenzt wenigstens noch ab, gibt uns unser Ich, unser Leben stärker zu fühlen, stärkt das Selbstbewußtsein, treibt uns kräftiger auf unserer Bahn vorwärts. Was aus Leben stammt, wird immer wieder dem Leben dienen müssen.

Soviele wir leben, sind wir alle Schuldner der Kunst. In unserem Leben, an unserem Leibe wirkt die künstlerische Arbeit längst vergangener Zeiten fort, fühlbar wie das Brot, das wir essen, notwendig wie die Luft, die wir atmen. Lebenswert ist die Kunst bis in ihre verachtetsten Erscheinungen hinein. Mag sie der Mensch zu Zeiten entbehren können, die Menschheit doch kann ihrer nie entraten. Denn die Menschheit, das Leben ist interessiert an der Form, die ewig nur die Kunst gegen die Bedrohungen des Chaos verteidigt.

W. Michel.

Verzeichnis der Abbildungen:
Josef Wackerle-Flötenbläser-Plastik
Josef Wackerle-Frühling-Relief
Josef Wackerle-Herbst-Relief
Josef Wackerle-Sommer-Relief
Josef Wackerle-Winter-Relief

Siehe auch:
Münchener Kunstausstellung-Glaspalast 1927
Die Kunst und die Gegenwart
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Modernes Sammlertum
Zur Neuaufstellung des Völkerkunde-Museums in München
Friedrich Stahl
Holzschnitte von Josef Weiss
Ein Kriegerdenkmal
Was ist Expressionismus?
Linie und Form in der Plastik
Der Tastsinn in der Kunst
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Waldemar Rösler
Franz Hoch
Silhouetten
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male
Kunstverständnis-Möglichkeiten Einst und Jetzt