Lincoln und das deutsche Element

Abraham Lincoln.
Geboren am 12. Februar 1809. — Gestorben am 14. April 1865

Von Otto Lohr.

Weniger seine geschichtliche Bedeutung als das menschlich Eigenartige an seiner Gestalt und an seinem Werdegang sowie das Tragische an seinem Tod sind es, die Abraham Lincoln zum Lieblingshelden des amerikanischen Volkes gemacht haben. Es ist der Sohn des Volkes, als welcher er es zu den höchsten Ehren gebracht hat, der — weit über den eigentlichen Inhalt seines Lebens hinaus — im Andenken der Nachwelt als Vertreter alles Guten und Grossen im amerikanischen Nationalcharakter weiterlebt. „Was er sagte und tat war der Volksgedanke, in der Volkssprache gesprochen unu in der Volksweise ausgeführt,“ so charakterisiert ihn Carl Schurz, und kürzer und besser lasst sich der Ewigkeitswert des Märtyrerpräsidenten nicht zusammenfassen. Und in solchem Sinne wirkt er in dem, was er gewollt und gesagt und geschaffen, heute noch als Führer und Vorbild fort.

Das wahrhaft Demokratische auch in seinem Persönlichkeitseinschlag, dem nichts Menschliches fremd war, das in seinem Weil überragende Gerechtigkeitsgefühl, das ihn über die sprichwörtlich „gerechten Männer“ der antiken Welt weit hinaushebt, und die gesunde Mischung von altamerikanischkonservativen Zügen des Nachkommen östlicher Pioniere und neuamerikanisch-fortschrittlichen Regungen des westlichen Hinterwäldlers brachten und bringen ihn den Herzen der Fremdgeborenen besonders nahe. Vor allen waren es die Deutschen, deren Eigenart und Bedeutung für die Entwicklung neuweltlichen Wesens der Illinoiser in seiner Umgebung kennen und schätzen gelernt hatte, die frühzeitig sich um sein Banner scharten und in guten und in bösen Tagen treu zu ihm hielten.

Als der vierschrötige ehemalige „Riegelspalter“ aus dem Kentuckywald sich in den nationalen Vordergrund schob, da wehte ein neuer Wind aus taufrischem Prärieland über den in unfruchtbarem Zwiespalt stagnierenden Kontinent weg. Und es dauerte nicht lange, da lauschte man in Ost und Süd und im weiten Westen, wie bisher in Mittelwest und Nordwest, dersich leicht überschlagenden Stimme des ungeschlachten Riesen von Saugamon County und hörte alte Wahrheiten in wohldurchdachter, ungeschminkter Auslegung, oder neue Menschheitsaxiome, zu denen kein neuweltlicher Politiker bisher den Mut gefunden hatte. Und die am gespanntesten lauschten und am lautesten zu jubelten, das waren die Eingewanderten, allen voran und immer wieder die Deutschen, nie Alteingesessenen sowohl wie die Achtundvierziger.

Das war auch etwas Unerhörtes, dieses gelassene, logisch deduzierte Betonen der bürgerlichen Gleichberechtigung der Eingewanderten, wie Lincoln sie in seinen Debatten mit seinem Gegner Douglas als ganz selbstverständlich und naturgegeben vortrug. Und man tut gut, diese in ihrer Schlichtheit und Geradheit tönenden Sätze von Zeit zu Zeit denjenigen der Mitbürger vor die Augen zu halten, die mit dem Munde wohl Lincoln Lobeshymnen singen, deren Herzen aber der engherzig-exklusive „Amerikanismus“ von Leuten wie jener Sklavereiverteidiger Douglas einer war, weit näher steht.

„Wir haben — neben diesen Männern, die aus dem Blut unserer Vorfahren stammen — unter uns solche, vielleicht die Hälfte unseres Volkes, die keine Nachkommen jener Männer sind. Es sind die Leute, die aus Europa gekommen sind — Deutsche, Irlän-der, Franzosen und Skandinavier — Leute, die selbst aus Europa gekommen sind, oder deren Vorfahren von dort gekommen sind und sich hier niedergelassen haben, wo sie in allen Dingen sich in gleicher Reihe mit uns fanden. Wenn sie in der Geschichte zurückblicken, um, soweit das Blut in Frage kommt, eine Verbindung mit jenen Tagen auszuspüren, so finden sie raus, dass diese nicht vorhanden ist. Sie können sich nicht in jene glorreiche Epoche zurückversetzen und das Gefühl hervorrufen, als wären sie ein Teil von uns.

Aber wenn sie in jene alte Unabhängigkeitserklärung hineinsehen, so finden sie, dass jene alten Männer sagen:

„Wir halten diese Wahrheiten für keines Beweises bedürftig, dass alle Menschen gleich geschaffen sind,“ und dann fühlen sie, dass die in jenen Tagen ausgesprochene sittliche Empfindung ihre Beziehung zu jenen Männern kundtut, dass sie der Vater aller sittlichen Grundsätze in ihrem Innern ist, und dass sie einen Rechtsanspruch darauf haben, als wären sie Blut und Fleisch von dem Fleisch der Männer, die die Erklärung geschrieben haben. Und solches sind sie auch. Das ist “das elektrische Band in jener Erklärung, das die Herzen patriotischer und freiheitsliebender Menschen eint, und dass diese Patriotenherzen so lange eines sind, als die Liebe zur Freiheit in den Köpfen der Menschen über die ganze Welt hin besteht.“

Oder noch ausgesprochener und mehr auf die Deutschen zugespitzt, in einer Ansprache an die deutschen Arbeiter von Cincinnati: „Was die Deutschen und Ausländer anbelangt, so halte ich sie für nicht besser als andere Leute, noch für irgendwie schlechter. Es ist nicht meine Art, wenn ich ein Volk von der Last seiner Ketten — der Bedrückung durch Tyrannei — zu Boden gedrückt sehe, sein Leben noch mehr zu verbittern, indem ich ihm grössere Bürden auflade. Viel eher würde ich alles tun, was in meiner Macht steht, um das Joch zu entfernen, als etwas hinzuzufügen, das dazu dient, es zu zermalmen. In Anbetracht dessen, dass unser Land ausgedehnt und neu ist, und die Länder Europas dicht bevölkert sind, kann ich es nicht übers Herz bringen, ihnen etwas in den Weg zu legen, um ihr Kommen nach den Vereinigten Staaten zu verhindern, falls solche dort sind, die unser Land zu ihrem Adoptivvaterlande zu machen wünschen.“

Als der Staat Massachusetts durch Verfassungsänderung die Rechte naturalisierter Bürger einschränken will, wendet sich Lincoln in einem Brief an einen Deutsch-Amerikaner gegen solche Massnahmen. „Nach meiner Auffassung bezweckt der Geist unserer Einrichtungen die Erhebung der Menschen, und so bin ich ein Gegner alles dessen, was sie zu erniedrigen bestrebt ist. Ich bin nicht wenig berüchtigt, weil ich mit dem unterdrückten Neger Mitleid habe, und es wäre eine seltsame Ungereimtheit von mir, wenn ich irgend ein Vorhaben begünstigte, das die bestehenden Rechte von Weissen verkürzen will, selbst wenn letztere in anderen Ländern geboren sind und andere Sprachen sprechen als ich selbst.“

Und so liesse sich noch vielerlei aus Lincolns Reden und Briefen und Jahresbotschaften in diesem Zusammenhänge anführen, über die Dunkelmänner vom Nichtswissertum, über das Providentielle der amerikanischen Einwanderung u. dgl. m.

Als diese zündenden Worte, diese politischen Heilsbotschaften des Mannes von Springfield in der deutsch – amerikanischen Presse und bei den führenden Amerikanern deutschen Blutes stetig sich steigernden Widerhall fanden, als die grosse Mehrheit der deutschen Massen in der republikanischen Partei mit patriotischen Mitbürgern angelsächsischen Blutes zur praktischen Lösung der Frage der Erhaltung der Union und der Befreiung der Negersklaven sich zusammenschloss, da kam neues Leben in die alteingesessenen Deutsch-Amerikaner, ging ein frischerer Zug durch die Reihen der Achtundvierziger, denen diese Aufgaben den ersten Antrieb zu positiver Arbeit und zu erspriesslichem Mittun in der neuen Heimat gaben. Deutsch-Amerika hat damals vielleicht seine goldene Zeit erlebt, als es — in dem Jahrzehnt zwischen der Tremont-Kampagne von 1856 und dem Ende des Bürgerkriegs, 1865—in hervorragendem Masse politisch und militärisch in die Geschicke des Landes eingriff und in seinen Bravourleistungen dem amerikanischen Gesamtvolk beständig vor Augen stand: im grosszügigen Patriotismus seiner Sachwalter, in den Mehrheiten, die es am Stimmkasten für den Retter der Union abgab, und in den Hunderttausenden, in denen es dem Rute Vater Abrahams zu den Fahnen folgte, um mit seinem Blut für das Sternenbanner einzustehen.

Da war Gustav Koerner, der wohl eher als andere in dem „ehrlichen Abe“ das Zeug zum Präsidenten entdeckt und andere immer wieder darauf hingewiesen hat. Und nach ihm und neben ihm Carl Schurz. Keiner arbeitete schwerer für Lincolns Wahl als er (schreibt Ida Tarbell in ihrer Lincoln-Biographie). „Und keiner sprach dem Volke mehr zu Herzen, als er.“ „Seine Beweisführungen schienen mir bei weitem die besten des ganzen Wahlfeldzuges zu sein, die am weitesten ausholenden, die tiefstgreifenden und die überzeugendsten,“ schreibt Andrew D. White in seiner Autobiographie. Und als Bismarck den genannten Diplomaten einmal nach der Ursache des grossen Erfolges von Schurz fragte, antwortete dieser: Schurz habe die Sklavereifrage von einem neuen, von dem philosophischen Gesichtspunkt aus behandelt, indem er nicht nur deren Unvereinbarkeit mit dem amerikanischen Freiheitsgedanken, sondern vor allem den Schaden aufzeigte, den sie dem Land im grossen Ganzen, vor allem den Sklavenstaaten selbst, zufüge.

Die Idee von den Beziehungen zwischen nationaler Freiheit und Einheit hatte ihren grössten und beredtesten Herold in dem schon in den zwanziger Jahren eingewanderten Rechtslehrer und Publizisten Franz Lieber. „Kein Mann hat je in unserem Lande gelebt, der eine tiefere Kenntnis von unseren Einrichtungen oder eine grössere Liebe zu ihnen gehabt hätte.“ (A. D. White.) Er war der Berater der Regierung in völkerrechtlichen und kriegsrechtlichen Fragen, und als Präsident der Loyal Publication Society in kritischer Zeit der eindringlichste Mahner zum Durchhalten. Expräsident Tyler beschwerte sich Lieber gegenüber über Lincolns grammatikalische Schnitzer. Lieber antwortete: „Wir müssen jetzt ganz andere Dinge ins Auge fassen ,als die Grammatik …. Lasst die Grammatik Grammatik sein in diesen Tagen der Schmach und eher fragen, ob die Leute nach den ersten und einfachsten Geboten der Moral und Ehre handeln.“ Einer der Hauptkampagneredner Lincolns war Reinhold Folger, den Friedrich Kapp den glänzendsten der Achtundvierziger nennt, der aber heute zu den Vergessenen gehört.

Präsident Lincoln hat die politische Gefolgschaft seiner Deutschen wohl zu würdigen gewusst und in Belleville, dem lateinischen Bauernsettlement, in seiner Naturburschenart mit einem “God bless the Dutch!” dafür quittiert. Und nicht weniger Lob hat er den deutschen Soldaten bei mehr als einer Gelegenheit gezollt.

Das war auch so ziemlich das einzige Lob, das von berufener Seite dem Deutschen in der blauen Uniform zuteil wurde. Sonst hörte er nichts als Hohn und Hass. Hohn von Seiten der nördlichen Brüder, wenn es im Felde einmal schief ging, dann war der “Dutchman” schuld. Hass aus dem Munde der südlichen Rebellen. Es gab keine Greueltat, die man auf dieser Seite den Deutschen nicht zur Last legte. „Verbrechen, Diebstähle und Schandtaten an den Frauen des Südens verübt bezeichnen stets den Pfad dieser stinkenden Truppenkörper von belebtem Sauerkraut . . . Wir haben mehr Achtung vor einem Aethiopier in den Reihen des nördlichen Heeres als vor einem stinkenden Dutchman, der kein denkbares Interesse in dieser Rebellion haben kann . . . Warum sollte nicht jeder gefangene Dutchman gehängt werden?“ So eine führende südliche Zeitung.

Es war derselbe Hass des Südens, der die todbringende Kugel auf den im Krieg siegreichen Präsidenten abfeuerte. Durch dieses Unheil wurden die Deutschen Amerikas schwerer betroffen, als ihre Mitbürger. Denn sie verloren nicht nur den nationalen Führer, sondern ihren besonderen Freund. Die Verehrung des Deutschtums für den letzten und grössten Blutzeugen des gewaltigen Kampfes um die volkliche Einheit gab sich in einer eigenartigen letzten Huldigung kund. Die Leiche Lincolns war im New Yorker Rathaus aufgebahrt. Das Volk strömte aus weiter Entfernung in Massen herbei, um einen letzten Blick auf den Toten zu werfen. Gegen Mitternacht war die Menge dichter gedrängt als je, und als von den Türmen die zwölfte Stunde schlug, da stiegen in geschulten Männerstimmen die feierlichen Worte des horazischen „Integer vitae“ zum Nacht Himmel empor. „Der packende Zauber dieses Liedes, das die Trauermenge so über raschte, erzielte eine unvergessliche Wirkung.“ „Lauteren Wandels und frei von Frevel“ — die Deutschen New Yorks sangen ihrem Lincoln das Abschiedslied.

Siehe auch:
Wir Deutsch-Amerikaner
Deutsch-Amerika
Die Deutsch-Amerikaner und das Kaiserreich
Wie das alte Österreich starb
Wie das alte Österreich starb II
Die Deutschen in Amerika
Die Deutschen in Amerika II
Eine Audienz bei Richard II. (Richard Strauss)
Die Lüge als Fundament
„Deutsch-Amerikas“ Mission
Schundromane auf dem Scheiterhaufen
Lincoln und das deutsche Element
Die Geschichte der Revolution
Der Aufbau Palästinas
Deutschland und der Weltfriede
Vaterland vor der Wiedergeburt
Das Schicksal der deutschen Kolonien
Der letzte Zar im Kreise seiner Familie
Krupp-Werk in Friedens-Arbeit
Die Wolkenburgen der neuen Welt
Deutschlands chemische Industrie in der Nachkriegszeit
Jerusalem die Heilige Stadt
Die Schwarzen Truppen in Deutschland
Schiffsmodelle als Zimmerschmuck
„Bismarck“-„Majestic“- der Meeresriese
Quer durch das neue Deutschland
Quer durch das neue Deutschland II
Quer durch das neue Deutschland III
Von Versailles bis Haag
Klein-Amerika in Ostpreussen
Die Hallo-Mädchen
Nach Palästina
Eine Hamburger Überseewoche
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    4. März 2018

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