Löwenjagd: Eine Erzählung aus Deutsch-Ostafrika


Es war um die Jahrhundertwende. Am Stammtisch des prächtigen Hotels in Daressalam drehte sich die Unterhaltung der Kolonisten in den letzten Tagen hauptsächlich um das Thema: „Löwenjagden.“ Kein Wunder, verging doch seit einer Woche kaum ein Tag, an welchem nicht die Nachricht aus der Neeervorstadt herüberkam, dass schon wieder ein Löwe einen Schwarzen aus dessen Behausung herausgeholt hätte und mit seiner Beute im nahen Kokoswald verschwunden sei. Und mit seltener Kühnheit und Zähigkeit gingen diesmal die Löwen, angeblich fünf an der Zahl, vor. Im Anfang hatten sie schwarze Weiber, die an einem vor der Stadt befindlichen Brunnen Wasser schöpften, angefallen, und dann, als sich niemand von den Schwarzen abends mehr dorthin getraute, kamen die Löwen bis in die Strassen des Negerviertels, sprangen durch die mit Palm blättern nur leicht gedeckten Dächer in die Hütten, ergriffen die nächste menschliche Beute und waren ebenso schnell wieder verschwunden. Wenn in der Dämmerung das donnerähnliche Brüllen der Löwen ertönte, dann befiel die gesamte schwarze Bevölkerung Furcht und Grausen, und jedermann fragte sich zitternd, wer wird heute den Raubtieren zum Opfer fallen.

Bwana Abedi, der Fundi, der geschickte Handwerker, hatte den ganzen Tag über bei sich zu Hause gearbeitet, einen schweren Balken als Schutz vor der Türe angebracht und dann das leichte Dach seines Hauses durch Querstangen verstärkt und mit einer Unterlage von Brettern verseilen. Und als er gegen Abend fertig war mit Hämmern und Sägen und Nageln, da fühlte er sich zum erstenmal wieder sicher in seinem Heim. Müde und durstig selzte er sich auf die kitanda, sein primitives Bett, und ruhte aus von der vielen Arbeit. Sarira, sein Weib, hantierte im Nebenraum, in dem sich die Küche befand. Sarira war gerade mit der Vorbereitung des abendlichen Essens beschäftigt, als ihr Mann um einen Trunk Milch bat. Sarira hatte leider vergessen, gegen Abend die Ziege, die sich draussen in dem kleinen, geschützten Gärtchen befand, zu melken, und die geschäftige Hausfrau ging daher rasch hinaus, da es noch einigermassen hell war, das Versäumte nachzuholen.

„Gleich bekommst du deine Milch, mein guter Mann, gedulde dich einen Augenblick nur“, rief sie ihrem Gatten noch zu, ehe sie die zum Gärtchen führende Hintertür öffnete. Plötzlich fiel dem Fundi ein, dass er morgen frühzeitig Weggehen müsse, da ihn der Chef der grossen europäischen Handelsniederlassung zu sprechen wünsche. Er begab sich nach dem Gärtchen, um seiner Frau dies zu sagen, fand sic aber nicht vor, ebenso war die Ziege verschwunden. Bald war ihm zu seinem grössten Entsetzen klar, dass sein armes Weib das Opfer eines Löwen geworden war. Die Löwenspuren in der Gartenerde waren die einzigen Zeugen des grausigen Ueberfalles. — Wehklagend eilte der arme Fundi hinaus auf die Strasse, rief seine Nachbarn herbei und erzählte denselben von dem traurigen Schicksal seines armen Weibes. — An diesem Abend wurden zum erstenmal grosse Feuer als Schutz vor den Hütten gebrannt. Und dieses Mittel erwies sich als gut; kein Löwe Hess sich in dieser Nacht im Negerviertel sehen.

Um elf Uhr nachts begab sich der Chef der deutschen Handelsniederlassung vom Stammtisch des Hotels nach Hause. Ein Bekannter begleitete ihn bis zur nächsten Strassenkreuzung, dann war sein schönes, grosses Steinhaus nicht mehr weit entfernt. Der Mond schien klar und beleuchtete die Strasse mit Tageshelle. „Ich glaube, ich könnte bei dieser tadellosen Beleuchtung lesen“, sprach er zu sich selbst, zog eine Zeitung aus der Tasche und überzeugte sich, dass das Licht hinreichend genug war. Ganz vertieft in die Lektüre der Zeitung, bemerkte der ahnungslos Dahinschreitende nicht, dass in geringer Entfernung ein Löwe über die sonst menschenleere Strasse wechselte und in einem Garten verschwand. Jetzt kam der Leser vor seinem Haus an, stieg die wenigen Stufen der steinernen Treppe hinauf und war sehr erstaunt, als sich leise die Tür öffnete und Ali, sein getreuer Oberboy, ganz verstörten Antlitzes heraussekaute. „Bwana mkubwa“ redete Ali seinen Herrn an, „es ist gut, dass du nach Hause kommst. Es ist nicht geheuer auf der Strasse. Simba, der Löwe, der Herr mit dem dicken Kopf, geht draussen um.“ „Na“, meinte Alis Herr, „drüben im Eingeborenen-Viertel mag Ja die Furcht berechtigt sein, aber hier kannst du getrost über die Strasse gehen; hierher getraut sich kein Löwe.“ „0, sage das nicht, bwana mkubwa“, liess sich Ali wieder vernehmen, „Mohmadi, dein Gewehrboy, steht am Fenster deines Schlafzimmers und beobachtet die Gärten in der Nachbarschaft. Er behauptet steif und fest, einen Löwen in einem der nächsten Gärten gesehen zu haben.“ „Na, das wäre ja die grösste Frechheit von dem Löwen, sich hierher in unser Viertel zu wagen. Dem wollte ich tüchtig auf den ,Pelz‘ kommen.“ Mit diesen Worten ging Alis Herr zum Gewehrschrank, suchte sich eine geeignete Waffe aus und lud dieselbe. Kaum war er fertig, als Mohmadi eilig herbeikam. „Bwana mkubwa, gut, dass du da bist, drüben im Garten ist der Löwe. Vom Schlafzimmer aus kannst du ihn erlegen.“ „Von dort ist es zu weit, denn ich möchte den Löwen auch sicher schiessen. Gehe du wieder ans Fenster und beobachte; ich werde in den Hof gehen.“ Sprachs und ging die kleine Treppe zur Hintertür hinab. Als Ali den Riegel der Tür zurückschob, hörten beide Mohmadi im Zimmer oben laut schreien. „Schnell, die Tür auf“, kommandierte Alis Chef. Im nächsten Augenblick war er draussen und — stand vor einem Löwen. Nur wenige Meter Entfernung trennte die beiden. Das Gewehr hochreissen und feuern, war eins. Krachend tönte der Schuss in die Stille der Nacht, dann fühlte sich der mutige Schütze von Ali zurückgerissen; die Tür flog zu, und hinter derselben geborgen, lauschten die beiden dem Todeskampf des mächtigen Löwen, der nach kurzer Zeit verendete. —

Heute bildet das Fell des aus so gefährlicher Nähe erlegten Löwen eine Hauptzierde des Arbeitszimmers des sicheren Schützen. Ali, der Treue, streichelt oft im Vorbeigehen den rachtvollen, ausgestopften Kopf der riesigen atze und spricht leise zu ihm: „Beinahe hättest du meinen guten bwana mkubwa erwischt, aber ich habe ihn vor dir geschützt.“