Männer, Völker und Zeiten – Anfänge

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Weltgeschichte wächst immer nach zwei Seiten zugleich.

Einmal nach der Zukunft zu, denn jedes Jahrzehnt bringt neue Kämpfe, bringt Königsmorde, bringt Revolutionen, Polar- und Tibetfahrten, sowie Röntgenstrahlen- und Radiumentdeckungen, bringt Luftschiff versuche und Balkanwirren — der Stoff geht nie aus. Zweitens aber ist auch eine Ausdehnung in der Vergangenheit vorhanden. Seit einem halben Jahrhunderte hat sich unsere Kunde von der Entwickelung des alten Orients ins Unermeßliche gesteigert. Noch in den jüngsten Jahren haben wir Unmengen von Keilschrifttäfelchen aus dem stets ergiebigen Boden Mesopotamiens erschürft und haben im alten Kreta eine ungeahnte Welt erschlossen. Und ebenfalls erst die jüngste Zeit hat uns die überraschendsten Funde aus der Frühzeit des Menschengeschlechtes, aus der Dämmerung vorgeschichtlicher Eisperioden geschenkt. Also, der Stoff der Weltgeschichte ist immer im Wachsen. Aber auch ihre Auffassung ist beständigem Wechsel unterworfen. Die Zeitgenossen Herders schreiben humanistisch. Als Rückschlag gegen den Universalismus eines Napoleon entfaltet sich ein eifriger Nationalismus in der Geschichtsschreibung; das Zeitalter des Partikularismus und der Bureaukratie ist dem Urkundenstöbern eines Waitz günstig; die Taten Bismarcks geben den Anlaß zur diplomatischen Auffassung eines Sybel. Das Zeitalter der Weltpolitik erzeugte eine erdumspannende Forschung. So muß in jedem Menschengeschlechte Weltgeschichte neu geschrieben werden. Denn nur so kann sie dem Strome und Stile der Zeit entsprechen, kann die Sehnsucht der jeweiligen Gegenwart erfüllen.

Das Alter des Menschengeschlechtes wird verschieden geschätzt. Von 25000 bis zu 3 Millionen Jahren. Die ersten greifbaren Spuren einer richtigen Kultur gehen jedoch nicht allzuweit zurück. Sie fallen in den Zeitraum von 250000 bis 15000 vor Christi. In Südfrankreich, besonders in derDordogne, und in Nordspanien, besonders in der Grotte von Altamira, hat man Zeichnungen und verschiedene Werkzeuge aufgedeckt, die der paläolithischen Epoche angehören, die also vor die letzte Vergletscherung Europas fallen. Die Zeichnungen sind von einer verblüffenden Naturwahrheit; man könnte sie impressionistisch nennen. Ausschließlich Tiere werden von ihnen dargestellt: Bisonbüffel, Hirsche und Schweine. Man glaubt den Kampfstier vor sich zu sehen, wie er heutzutage wutschnaubend und den Schweif hebend, in die Arena zu Madrid oder Sevilla stürzt. D i e ältesten Zeugnisse menschlicher Kultur gehören demnach dem äußersten Westen an.

Was für Rassen bewohnten damals Europa?

Es waren das gewalttätige Kannibalen, die in ihrer Leibesart den heutigen Australnegern glichen. Als besondere Kennzeichen hatten sie eine niedrige, zurüdefliehende Stirn und auffallend starke Kinnbacken. Nach den Fundorten, wo man auf Knochenreste dieser Urbewohner Europas gestossen ist, nennt man jene Frührassen die Menschen von Heidelberg, von Spy, von Krapina in Kroatien und von Neandertal bei Düsseldorf. Es ist eine große Streitfrage, ob die Nachfahren des Neandertalmenschen und seiner Verwandten noch heute unter uns weilen. Viel spricht dafür, daß dies allerdings der Fall ist.

Eine weitere Frage von großer Wichtigkeit ist die, ob von den Höhlenkulturen Spaniens und Frankreichs eine Brücke nach den späteren Zivilisationen geschlagen werden kann, die wir in den ersten vorchristlichen Jahrtausenden im Mittelmeer und im Sudan beobachten. So überrascht eine nordspanische Zeichnung von 15000 v. Chr. — die Geologen schwören, daß man sie keinesfalls später ansetzen könne — mit dem Glockenrock, der später zur Zeit des Minos auf Kreta bei Hofe üblich war und der heute noch in Nordalbanien getragen wird.

Denkbar wäre selbst, hier die halb verklungene Erinnerung an die Atlantis heranzuziehen, die uns Platon überliefert hat. Der griechische Philosoph erzählt, 9000 Jahre vor seinerZeit sei eine gewaltige Insel fern im Westen gewesen, und dort sei eine hohe Bildung erblüht. Vielleicht haben die Siedler an der afrikanischen Westküste Kenntnis von Amerika gehabt. Ein Aquatorialstrom führt mühelos von Senegambien hinüber nach Brasilien und dre-selbe Strom bringt Hölzer und gegebenenfalls verschlagene Boote mit Menschen von der neuen nach der alten Welt. Eine andere wahrscheinlichere Erklärung wäre jedoch die, daß der Name der Atlantis auf die afrikanischen Gestade des atlantischen Ozeans, auf den Sudan ginge. In Zeiten geringer geographischer Kenntnisse werden sehr leicht ferne Länder zu Inseln. So hat man noch im 16. Jahrhundert Niederkalifornien und Korea als Eilande abgebildet.

An und für sich ist eine Nachwirkung der südwesteuropäischen Grottenkultur im Abendlande äußerst wahrscheinlich. Vorläufig läßt sie sich jedoch noch nicht erweisen. Wir müssen auf spätere, aufklärende und bestätigende Funde hoffen. Die nächsten greifbaren Spuren ältester Bildung finden wir an der Grenze zwischen Persien und Turkestan, bei Anau, in der Nähe von dem heutigen Aschabad. Dort hat der Amerikaner Raphael Pumpelly Menschenschädel und Werkzeuge aufgedeckt, die er dem neunten Jahrtausend vor Christi zuschreibt. Wenig später setzt der Engländer Petrie die frühesten Erscheinungen der ägyptischen Zivilisation an. Dagegen ist es ausgeschlossen, das Alter der mesopotamischen Funde über 5000 heraufzuschrauben. Demgemäß ist eine allererste Wanderung der Urkultur von Westen nach Osten anzunehmen.

In den Tälern des Nil und des Tigris stieß die Mittelmeerrasse auf andere Völker, namentlich auf die Semiten. Durch dieReibung der feindlichen Rassen entstand Wärme, entstand reifere Bildung, entstand Maß und Schrift. Mit der Erfindung der Schrift fängt eigentlich erst die Weltgeschichte an. Denn jetzt erst wird eine feste Überlieferung möglich; durch die Schrift erst erhalten die bisher noch unbestimmten und verschwommenen Kulturbestrebungen einen richtigen Kern und eine bestimmte Form. Durch das Maß aber kommt zweierlei in die Welt. Handel und Wandel wird geregelt, indem das Maß eine Grundlage für den Kauf und Verkauf der Waren liefert. Zweitens aber können nunmehr die Menschen Tage und Monate messen und können, stets die Sterne beobachtend, einen Kalender aufstellen, der einen richtigen Betrieb der Landwirtschaft und — das Eintreiben von Zins und Zinseszins gewährleistet. Nicht minder ist das Maß für das Errichten großer Bauwerke unbedingt erforderlich. Staunenswert ist, zu welcher Vollkommenheit es gerade auf diesem Gebiete schon sehr früh die Ägypter gebracht haben: Bei der Berechnung der großen Pyramiden, für die ein hoher Grad von mathematischer Erfahrung notwendig ist, haben sich die Baukünstler der Pharaonen nur um 1/15000 geirrt

Gleichzeitig mit diesen ersten Grundlagen hoher Zivilisation, entwickelten sich die Anfänge des Staates. Nicht aus der friedlichen, fächermäßigen Ausbreitung der Familien, sondern aus der Gewalt ist der Staat hervorgegangen. Bünde junger Männer tyrannisierten das eigne Dort und die Nachbarsiedlungen. Die Männer der Nachbardörfer wurden entweder getötet oder in die Sklaverei weggeschleppt, die jungen Frauen und Mädchen mußten den Kriegern folgen, während die Kinder und einige alte Weiber zum Dienste des Haushaltes herübergezogen wurden. So ist seit seinen ersten Anfängen der Staat immer zwiespältig gewesen. Er hat sich ausnahmslos auf mindestens zwei verschiedenen Rassen aufgebaut. Es hat in ihm stets Sieger und Besiegte geben.

Um die ersten sicheren Ereignisse der Weltgeschichte zeitlich zu bestimmen, dazu haben wir zwei Mittel: Astronomische und geologische. Deutsche Gelehrte wollen herausgebracht haben, daß in der Sternkunde des Nillandes das Jahr 4241 eine bedeutsame Rolle spielt. Die Behauptung ist jedoch nicht ohne Widerspruch geblieben. Geologisch kann man in der Art Vorgehen, daß man gewisse Schichten, in denen Tonscherben, Lanzenspitzen, Schmuckgegenstände aufgedeckt wurden, dem Werdegang der Erde chronologisch einordnet. Man kann ferner Alluvialbeobachtungen verwerten. Alle Flüsse der Erde haben nämlich, die einen mehr, die anderen weniger, die Neigung, durch angeschwemmtes Land (Alluvialboden) ihre Mündungen weiter in das Meer hinaus vorzuschieben. Bei den Strömen Nordsibiriens und dem Euphrat und Tigris hat die Anschwemmung eine besonders hohe Stärke erreicht, dergestalt, daß in einem einzigen Jahrhundert das Flußdelta um 5 km weit verlängert wird. In der Urzeit flössen Euphrat und Tigris noch getrennt in den persischen Golf. Nach und nach jedoch haben sie so viel Land dem Meere abgerungen, daß seit den Tagen Abrahams Mesopotamien um 200 km angewachsen ist, und haben zugleich auf diesem Neuland sich zu einem einzigen Strom im Schatt-el-Arab vereinigt. Nun besitzen wir aber eine Überlieferung, daß die älteste mesopotamische Kultur von der See nach Sippara gekommen sei. Die Träger einer solchen Kultur konnten aber nicht eher nach Sippara kommen, als bis der Grund, auf dem sich diese Stadt erhob, dem Boden des Meeres entstiegen war. Das geschah ungefähr um das Jahr 5000. Folglich werden wir die frühesten Staatswesen im Zweistromlande nicht vor 5000 ansetzen.

Zunächst waren, sowohl am Tigris und Euphrat als auch am Nil, die Staatswesen klein und unbedeutend. Von dem Turm des einen Städtchens konnte man den Turm des anderen sehen. Stadt und Staat war aber gleichbedeutend, ganz ähnlich, wie es noch heute bei Hamburg, Bremen und Lübeck, oder bei den kleineren Orten Monako und Andorra der Fall ist. Im Laufe der Jahrhunderte schlossen sich dann mehrere Stadtstaaten zusammen, und bildeten einen Gaustaat. Eine weitere Ausdehnung erfolgte, zumeist wohl durch Krieg, gelegentlich wohl auch durch friedliches Bündnis, und der Ring der Gaustaaten erwuchs zum zentralisierten Großkönigtum. —

Wer waren die ersten Kulturträger?

Wir sprachen oben vom Neandertalmenschen. Er war hoch von Gestalt. Die Bewohner der südwesteuropäischen Grotten und der Mittelmeerküste waren dagegen wohl klein. Zu den ältesten Völkern gehören die Zwerge. Im Märchen leben sie noch heute als kluge, hilfreiche Wichtelmännchen fort. Reste von ihnen leben noch in ganz Mittel- und Südafrika sowie an den Hängen des Himalaja und in den verschiedensten Ecken und Winkeln Asiens bis zu den Liukiu. Die Zwerge darf man als die Urheber einer urtümlichen Kultur ansprechen. Wahrscheinlich waren sie es, die das erste Tier zähmten, nämlich den Hund. Es gibt nur einen Stamm auf Erden, den einfachsten von allen, der den Hund nicht kennt, nämlich die Kubu auf Sumatra. Ob die Zwerge auch den Ackerbau erfunden haben, und ob sie ferner Gottesvorstellung besaßen und besitzen, muß füglich dahingestellt bleiben. Nach den kleinen Wichten kam die Negerrasse in die Höhe. Einst erfüllte sie ganz Südasien und Afrika. Jetzt ist sie in der Hauptsache auf Afrika südlich vom zehnten Grad N. beschränkt; außerdem leben noch immer 10 Millionen Schwarze in der Himalajahalbinsel und weiters einige Hundertausende auf den melanesischen Inseln und in Australien. Von den reinen Negern heben sich bereits zwei etwas höherstehende dunkle Rassen ab: Die Papua im Osten und die Bantu im Westen. Noch höher als beide, jedoch mit ihnen vermischt, stehen die Nuba am mittleren Nil, und die Dravida, die sich einst von dem Euphrat bis zum Indus hinzogen, um sich dann ganz nach Indien zu ergießen. Wahrscheinlich sind anfangs Zwerge und Schwarze ebensowohl am Euphrat wie am Nil gewesen. In der Folge wurden in Ägypten Nubastämme mächtig, in Mesopotamien Dravidavölker, die von uns nach ihrer Stadt Sumir heute Sumerier genannt werden. In beiden Reichen, im Zweistromlande so gut wie im Staate der Pharaonen, kamen Semiten dazu. Die Gelehrten neigen sich jetzt der Ansicht zu, daß die Urheimat der Semiten in Ostafrika, etwa in Abessinien und Somaliland gewesen sei. Sehr bald überwucherte der semitische Herrscherstamm die älteren Völker und zwang ihnen semitische Sprachen auf. Jetzt gilt als ausgemacht, daß auch das Altägyptische den semitischen Sprachen zuzuzählen sei. Die Schrift übernahmen offenbar die Semiten von den verdrängten älteren Völkern.

Ein Wunder scheint es, wie auf einmal die Schrift in die Welt gekommen. Genau aber wie die Sprache, die auch nicht urplötzlich auf einmal da war, sondern vielmehr eine lange Kette von Entwicklungen durchmachen mußte, so ist auch die Schrift durchaus nicht gleich auf der Höhe gewesen, sondern hat sich erst langsam von mühseligen Anfängen zu der Vollkommenheit hinauf getastet, auf der wir sie bereits um 3000 bewundernd sehen. Alle Schrift war zu allererst eine Bilderschrift. Wir können das uns so vorstellen, wie es noch in der Gegenwart von den Apothekern gemacht wird. Bei Flaschen, die Gift enthalten, setzen sie auf die Etikette einen Totenkopf: Das bedeutet die Warnung „Gift!“ Oder sie verfertigen Wärmemesser, auf denen Zahlen stehen. Man kann eine bestimmte Zahl Thirty oderTrenta oder Tridizjet, oder (chinesich und japanisch) san shu lesen, es ist ganz einerlei, auch ohne Laute sagt das Bild der Ziffer einem jedem, wieviel Wärme oder Kälte da sei. Nicht minder genügt dem Mathematiker, um seine Absichten deutlich zu verkünden. In genau derselben Weise müssen wir uns die Entstehung der verschiedenen Urschriften in Vorderasien, China und Mexiko denken. In dem Systeme der chinesischen Hieroglyphen z. B. wird eine Frau durch zwei runde, sich kreuzende Linien dargestellt; zwei Frauen sind Gespräch; drei Frauen sind Neid und Zank. Vielleicht hilft zur Verdeutlichung auch ein System, das noch heutzutage im Schwange ist, nämlich die gutdurchdachten und ebenfalls durch Überlieferung schon befestigten Zeichen, wodurch Landstreicher und Verbrecher sich verständigen. Ich gebe hier Abbildungen von derartigen Zeichen, wie sie bei den Vagabunden Frankreichs heute üblich sind.

Zeichen der Vagabunden.

1. Die Leute sind gastfrei. 2. Gefahr droht; wir haben hier was ausgefressen. 3. Obacht vorm Gefängnis! 4. Bitten unnütz, hier ist nichts zu machen. 5. Hier gibts zu essen. 6. Drohen hilft. 7. Hier wohnt einer von der Behörde. 8. Durch Frechheit einschüchtern 9. Hier gibts Schlafstelle. 10. Obacht! Beißender Hund. 11. Der Herr ist grob. 12. Hier gibts Geld. 13. Vorsichtig! Hier sind Hunde und Menschen scharf. 14. Die Frau ist allein mit den Dienstboten. 15. Hier wohnen mitleidige Frauen, rührende Geschichte erzählen. 16. Hier gibts Almosen für Kranke und Gebrechliche. 17. Ohne Furcht auf Almosen bestehen. 18. Fromm tun, um zu rühren.

Geradeso wie die gekreuzten Stäbe von Nr. 7 die Vertreter der Behörden darstellen, so gibt es auch auf den Keilschriften ein Bilderabzeichen, das Gott, und ein andres, das den König bedeutet. Vor jedem Gottes- oder Königsnamen steht keilschriftlich das sogenannte Gottes- oder Königsdeterminativ. Gerade kraft dieser Hieroglyphe hat unser Grotefend eine Entzifferung der rätselhaften Keilschriften anbahnen können. Allerdings war neben der betreffenden Keilinschrift eine Übersetzung in griechischer Sprache. Nun bemerkte Grotefend, daß ein gewisses Zeichen sich fortwährend wiederhole. Er vermutete, daß dieses auf den Königsnamen ziele. Das bestätigte sich. Hiervon ausgehend, gelang es dem großen Gelehrten, in die ganze Art und den Aufbau der Keilschrift einzudringen.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht

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