Masken

Verzeichnis der Abbildungen unten.

Kunst sagt Privates menschlicher Formen aus. Wenn von hoher Warte aus gefordert, wird der Reichtum der Erscheinungen ein bedeutender sein. Der Kollektivismus mag in letzter Präzision nichts anderes als die Einsicht einer eminenten Summation von Sondertypen geben, die in der Interpretation des Einzelfalles anschwellen zu einem Komplex tausenderlei Vorstellungen und kultureller Lebenskräfte. Im großen Zusammenhänge arbeitet die Einzelseele an der Auffassung, an der Kombination von Grundelementen zu Grundkomplexen, zu Denkmälern universaler Gattungen. Die Differenz, die einstmals zwischen Kunst und Wissenschaft lag, im Sinne der Deutung vorhandener Zeichen, wird heute verkleinert, vielleicht sogar gänzlich vermindert. Ihr Verhältnis hinsichtlich der Arbeitsmethode, äußerlich scheinbar ohne jeden Vergleichswert, wächst an Intimität. Die Verwertung läuft bei beiden auf unmittelbare Zeugnisse innerer Anlagen aus. Herausarbeitung des Willens, Zwischenstadien und Umbildungen mit einbegriffen, erfährt lebhaftesten Akzent, ob er der Forschung, ob er Gefühlsaffekten dient. Auf dieser Basis erhebt sich die künstlerische Wissenschaftlichkeit, die wissenschaftliche Kunst-Fühlweise Nietzsches, die Möglichkeiten, Direktiven ausgiebigster Gedankenwelten erleben, formen läßt. Eine kulturphilosophische Position wird somit erreicht, ergreifend in der Erkenntnis, klar im wissenschaftlichen Exponenten, die die Struktur menschlicher Normen in glücklicher Renaissance uns klar und sinnlich erschauen läßt. Homogenität kommt wiederum in die Disharmonie, die bisher sich geradezu als heimliches Signal unter Künstlern und Wissenschaftsmenschen entfaltete. Das Gestaltungsphänomen baut auf privat-psychischem Untergrund, tritt aus den Stufen eines labilen Bewußtseins erst später in das Tatsachenarsenal ein. Der Prozeß endet schließlich in der Objektfindung, deren detaillierte Ausarbeitung dann mancherlei Beeinflussungen erfahren, die die einstmals einheitlichen Zonen verwischen kann. Das ursprüngliche Stadium als Sphäre psychischer Energien rechtfertigt die Begründung vom arbeitenden Entstehungsmonismus im Individuum, gleichgültig, ob fernerhin die motorische Abfuhr verschiedene Wege einschlägt. Die Differenzierung, die nun anhebt, und komplizierteste Verhältnisse ausgestaltet und scheinbar keinen genügenden Grund in der Kausalität und Genese künftig legitimiert, sei es Dichtung, Mathematik oder Skulptur, also Psychismen heterogensten Anscheins, wird über die Illusion hinwegtäuschen können und den ersten schwierigen Urantrieb zu überliefern imstande sein. Dies ist wichtig, um im Geflecht geistiger Buntheit die primäre innere Physiognomik wirken zu sehen.

Die stereotypen Erklärungen über Wissenschaft, über Kunst bleiben oberflächliche Annahmen einer undenkerischen Gesellschaftsordnung, die handwerksmäßig nach hübschen Systemen schielt, die „stilisiert“, die aber der schaffenden Phantasie der Natur nicht gerecht wird. In der Ontogenese zeigt sich beider Identität als intellektuell-psychischer Zustand.

Die Ausmerzung von Widerständen ist Sache der Forschung. Durchforschung setzt immer Subjektives, Privates voraus, bildet die Kristallisationsaxe, um die sich in der Weiterentwicklung die Morphologie gruppiert.

Mehr und mehr wächst die Ethnographie aus Einzelwissen, aus der Auseinandersetzung mit elementarer Umgebung zur Totalität, zu Magazinen psychologischer Standpunkte heran, zur Ethnologie. Primitiv gesichertes Material kommt auf die Plattform zusammenhängender Gedanken, Berichte, Überlieferungen, Glossen, Aufzeichnungen, empfängt in der Verlebendigung ideenreicher Männer ein Zaubermittel. War man bisher Zuschauer, heute tritt das Wissen, die Verkündigung aus dem Herkommen miterlebend hinzu. Die Ausbrüche einer alten Menschheitsgeschichte als Gesamtphänomen zeigen in letzter Linie eigenes seelisches Problem, durchleuchtend unser Gewissen. Was früher als grotesker Fall frappierte, trotz wissenschaftlicher Grundlage, verläßt die enggesteckte Spezialistendogmatik und wird zum Aufbau, zum Verstehen des eigenen Aufbaus.

Die Allwirksamkeit der Urphänomene bereichert unser Wissen. Sonderfälle in der Entdeckung wölben sich bei intensiver Betrachtung zu Allgemeinplätzen in der menschlichen Erfahrung empor. Die oftmals vielbelächelte naive Welterkenntnis (der Ausdruck ist nicht zu hoch gegriffen) der Primitiven, der uncivilized world, löst bei genügender Selbstkritik ein Gefühl der Achtung und des Nachdenkens aus. Die Welt Homers, die Stationen in den Büchern Moses, unterscheiden sich in nichts von den schlichten Überlegungen unserer heutigen Exoten.

Es ist nicht übertrieben, wenn man heute behauptet, die wissenschaftliche Ethnologie habe der Kulturgeschichte ein neues, breiteres Fundament verliehen. Der geistige Operationsboden, er wurde nicht nur erweitert im geographisch-historischen Sinne, er wurde vertieft in seiner Ausdehnung vor allem in vertikaler Richtung, die Staffelung menschheitsgeschichtlicher Prozesse erhielt präzisere exaktere Formen, die heutzutage merkwürdige Erscheinungen der Völkerpsyche verstehen lassen, die in unserem augenblicklichen kulturellen Niveau eingekeilt sind und über deren Bedingung als rätselhafter Zustand nichts Deutbares, Erklärbares ausgesagt werden konnte. Der Mechanismus der Gedanken- und Vorstellungsgänge der Gattung Mensch der ganzen Erdweite vollzieht sich in Bahnen primitiver Formation, mag sie ihre seelischen Spannungen in Mythen oder abstrakten Gesetzen widerspiegeln, man stößt immer wieder auf einen primären Erregungszustand, dessen tiefster überdeckter Kern von affektiven Triebkomponenten durchzogen wird. Unser modernes, relativ logisches Denken ist in Wahrheit bei weitem nicht so sehr isoliert, wie es ein allzu eifriger wissenschaftlicher Glauben hinnimmt, und die Einteilung in bloße Reflexe (bei Naturvölkern), sowie in Reflexion (bei den Kulturhohen), die Differenz von Reflexen und Willensakten, bzw. unwillkürlichen und willkürlichen Bewußtseinsvorgängen offenbart bei näherer psychologischer Betrachtung nur einen graduellen Abstand. Fühlbare Korrekturen wirken sich erst später in Amalgamierungen, in geheimnisvollen Konzentrationsunterschieden — gleichgültig ob hier biologische, energetische oder psychische Nebenbemerkungen gemacht werden — aus. Der Körpermensch ist auf den Erdteilen nicht nach verschiedenartigen Rezepten geformt, wenn ihm auch nicht die köstlichen Essenzen diverser Reaktionsweisen, kühner Entspannungen erspart blieben. Er wurde erlebbar ausgestattet, in beständiger Korrelation seines perzipierenden Apparates und schöpferisch ekstatischen Temperamentes. Wenn auf diesem Wege Sonderungen der Subjekte im Raume irdisch geboren werden, bisweilen zum Unglück, doch auch zur dringlichen Verfeinerung, es ändert nichts an der ursprünglichen Proportion der gemeinsamen Eingangspforte. Eine Unmenge ethnologischer Erfahrungen plädieren für die Gleichförmigkeit seelischer Regionen im Menschengeschlecht, das von Lebensgesetzen innerster Zusammengehörigkeit durchstrahlt wird. Mag auch im Laufe der Entwicklung (ein immerhin peinliches Wort, weil es eine Warte der Wertung postuliert, von deren relativer Haltung man doch wieder überzeugt ist) das Gefäß der Völker durch allerlei Ablenkung und Zertrümmerung gesprengt werden, bald Gliederung, Angleichung, Ausgleichung, Konvergenz andere Notwendigkeiten des Typus formen, der Spätling vom Erstling kaum mehr zu erraten sein, treibende Verästelung die Urerscheinungen üppig überwuchernd, die Priorität des Ausgangspunktes, die primäre Schicht tritt niemals gänzlich in Vergessenheit. Der kundige Bastian hat mit festem Mut auf das verlorene Unbewußtsein im menschlichen Gefühl hingewiesen und aus sporadischen Kulturähnlichkeiten und unlösbaren Analogien in der Völkersoziologie seine wissenschaftliche These des „ Elementargedankens“ entwickelt. Diese Auffassung, von Karl von den Steinen später am klarsten formuliert, spielt auf die psychische Einheit des Menschengeschlechts an. Ein verborgener Schatz instinktiver Urweisheit schlummert in den Kulturgütern des primitiven Menschenblocks; aus dieser Disposition geistiger Gleichartigkeit, die in ihrem Bilde natürlich plastisch zu denken ist und somit jederzeit über ein gewisses Evolutionspotential verfügt, kristallisieren sich nun die urtümlichen, weltenweiten, kulturellen Schwingungen, die in ihren Kernpunkten beinahe bei allen Rassen wiederkehren. Hierher gehören Äußerungen, wie Kultvorstellungen, Zeremonialgebrauche, Maskenwesen, Tanz, Mythen und soziale Organisationen.

Erinnerungen aus dieser primordialen Bewußtseinsschicht greifen herüber in unser eigenes Kulturleben, keimen in einem Schattendasein fort, qualitativ kaum zu bestimmen, bewußtlos, und nur im Ausnahmefalle gelingt es uns ihrer habhaft zu werden. Von anderen seelischen Strebungen meistenteils verdrängt, kommen sie nicht an die Oberfläche für unsereWahrnehmung, von anderen rezenten Kulturüberlagerungen verschluckt. Wieweit uns jene alte Geistesverfassung mit der Welt verknotet, wird daraus ersichtlich, daß in unserem gesellschaftlichen Gebaren (komplizierter liegen die Verhältnisse in der Kunst) Kräfte amWerke sind, für die offiziell unsere augenblickliche Lebensäußerung eigentlich keinen Platz übrig hat, die aber dennoch sich irgendwie Geltung verschaffen. Ein Rudiment solcher magischer Handlungen, äußerlich unvereinbar mit der ausgeebneten intellektualen Wachheit, ist das Maskenwesen, das einen langen Werdegang hinter sich hat, um endlich heute in Scherz, Spielerei, kindlichen Einfall und Mummenschanz lächerlich zu degenerieren. Ein Schauspiel, das in seiner Reinheit die Rechtfertigung primitiver Verknüpfungen aufzeigt und den unverkennbaren Mittelpunkt prälogischer Abläufe erschütternd aufhellt. Des Menschen Seele, völlig verankert in den „mythologischen Phantasien“ (nach dem Psychologen C. G. Jung), tritt in freier Affektivität wieder zutage, um im schönen Heidentum der „ participation mystique“ (um mit dem Franzosen Levy-Brühl zu sprechen) Erlösung, Befreiung und Zauberbotschaft zu erleben. Ich halte das Maskentum heutiger Zeit (der Sphäre nach das ganze Schauspielerische) für einen Komplex urzeitlicher Vorstellungen, dem, noch existierend, die Regenerationskraft abhanden gekommen ist, aber, sich noch erhebend, die letzte Projektion einer archaischen Periode der Menschenhistorie anschaulich demonstriert. Die Gefühlsbewegungen verschollener Phasen im Individuum sichtbar gemacht zu haben, ist das Verdienst der analytischen Tiefenpsychologie. Es wäre an der Zeit, diese fruchtbare Methode vom Einzeltypus auf die Morphologie menschlicher Kulturkreise zu übertragen. Ein Satz, wie folgender, der von exakt biologischer Seite ausgeht, scheint mir als sehr beachtenswert und sollte von der Ethnopsychologie zur Diskussion gestellt werden. Der Anthropologe E. Landau schreibt: „Es wäre hochinteressant, im Lichte rein biologischer und nicht tendenziöser Forschung eine vergleichende Psychoanalyse der primitiven Rassen einerseits und der modernen „ Kulturvölker “ andererseits anzustellen; …..“. Neben den materiellen survivals im SinneTylors beherbergen wir auch latente Kulturgebilde im Rahmen unserer ethischen, religiösen künstlerischen und sozialen Psyche, für deren richtige Einordnung und Einschätzung der nackte Materialismus einer rationalen Erklärung nicht mehr genügt.

Das Maskenwesen gehört zu den geistigen Kollektiväußerungen der Menschheit, wird zum Argument des Irrationalen, veranschaulicht in seiner phantastischen Form ein Weltbild bestimmtester Prägung. Diese Gleichzeitigkeit in der Fassung einer besonderen Kulturschicht, die geographisch sich nicht bindet, und deren Stil daher auf fast allen Kontinenten Varianten zeitigt, immer um den Kreis dämonischer Zauberkraft herum, rüttelt an der Menschen tiefster Grundform. Im Denken, im Hoffen, im Fühlen einer magischen Unabänderlichkeit. Urtümliche Dokumente eines untrainierten Bewußtseins fixieren sich bald in wundervoller Sachlichkeit, bald in leidenschaftlich fanatischer Ergriffenheit zu bildnerischem Widerschein.

Die Maske ist ein eindeutig realer Gegenstand, korrekt, starr, herrisch; die Maske trägt aber zugleich die unheimliche Anarchie des Inkommensurablen in sich. Sie ist transparent (mehr im Künstlerischen), sie ist mystizistisch, über- und unterweltlich, gespannt in feurigstes Intensitätsgefühl eines aufgeregten Menschentums. Einmal Abbild, einmal Symbol. Diese psychische Komplizierung wird zur Hauptquelle, zum Charakter ihrer ungeheuren Wichtigkeit in der Verbreitung, die an den Grenzpfählen der Rassen und äußeren Zivilisationen vorüberschreitet. Gegenwärtig und abseitig wird hier die Entzweiung kombiniert. Dies verhindert in manchenFällen die objektiveDeutung und führt in leeres Gerede.

Nicht zufälliges, spontanes Bedürfnis gebiert den Massenkult. Eine nicht plötzlich erwachte Lust läßt dieses seltsame aller Schauspiele entstehen (bei schärfster Herausarbeitung überhaupt das einzige Schauspiel schlechtweg!), sondern ist das entscheidendeResultat schöpferischer Anschauung, primitiver Ur-philosophie, die im Mittelpunkt aller psychisch-strukturellen Gemeinsamkeiten das Leben selbst meistert. Das Unvergängliche im Menschen gestaltet hier plastisch einen romantischen, frommen Gesang von Blut und Sehnsucht. Das „Paideuma“, diese erhabene Entfaltung mächtiger Potenzen, wie Leo Frobenius diese absolute Welt gestaltender Empfindung nennt, kocht hier in stärkster Inbrunst.

Die Zwittrigkeit im Inhaltlichen, also der Ambivalenzcharakter kann im echten, alten Maskentum nicht von der Hand gewiesen werden. Der nüchterne, einfache Vorgang, ich binde mir eine Maske vor das Gesicht und ich bin somit ein anderes, neues Individuum geworden, für das neue, erklärbare Beziehungen geschaffen werden, neue Beurteilungen in der Einstellung gefordert werden, fällt unter eine restlos dämonische Tatsache. Die Geschlossenheit der realen Welt ist durchbrochen, die Kausalreihe zertrümmert, denn, mag der Primitive uns noch so infantil dünken, in seinem Vorstellungsablauf, der maskierte Wechsel im Geschehen bedeutet für ihn ein offensichtliches Wunder. Ein anderer Komplex ist angeschlagen, eine fremde Melodie überrascht sein ahnungsvolles Dasein. Diese Feststellung kann nicht hoch genug bewertet werden. Denn nicht einfältige Maskerade, Harlekinade steht auf dem Spiel, es geht um den Dämon, um den Magier in der Maske. Der Maskierte praktiziert als völlig verändertes Wesen. Er ist für seine Stammesgenossen, für seine Clansmitglieder ein Fremder und Unbekannter geworden, zeitlich, logisch, räumlich, praktisch. Man sieht: in der Alltäglichkeit des kulturärmeren Menschen tobt eine erstaunlich motorische Ideoplastizität. Eigenschaften wie in unseren Volkssagen und alten Mythen und Märchen, wie im Künstler oder in den hingebenden, großen religiösen Typen. Schließlich wie, dies verdient sorgsamste Beachtung, im Traum. Aus ihm strömt uralte Weisheit, plagt und erfreut den hilflosen Menschen. Nach der jeweiligen Veranlagung der Persönlichkeit blüht aus der Traumwahrnehmung eine Welt brennender Erlebnisse auf, die als Eingebungen, übermenschliche Signale, Suggestionen weitestgehende Macht gewinnen und als Gedächtnisbesitz dauernd, nicht nur ein loses Nachempfinden, doch bestimmende Ursache für das intensive affektgespannte Dasein abgeben.

Die Besessenheit von einem Glauben treibt zum Gebaren in der Maske. Bei den Primitiven sind es meist kultliche Riten mit mimischer Darstellung vereint, die im maskierten Zustande zauberische Macht erflehen. Fruchtbarkeit, im vegetativen wie im animalischen Sinne, wird herbeigewünscht, Dämonen werden verscheucht, die Ahnen um Gunst oder Schutz erfleht, Krankheiten (magische Erscheinungen für die Eingeborenen) vertrieben, oder derWeg des Gestorbenen ins Totenland wird durch die Maske vor bösen Widerwärtigkeiten bewahrt. Die Motive dieses Treibens sind somit mannigfacher Art, bald gibt ein Erntefest dazu Veranlassung, bald die Jagd, bald Krieg und Kampf, bald der Ahnendienst, bald die Institution eines Geheimbundes. Und es erscheint begreiflich, wenn die vergleichende Ethnologie einen einheitlichen Ursprung des Maskenkults in Frage stellt. Immerhin, auffallend tritt eines in den Gesichtskreis, hinter all den eben zitierten Dingen ruht, trotz des mystischen Antriebes für den Primitiven, eine Art wirkungsvolle rationale Zweckmäßigkeit. Eine aufbegehrende Wunscherfüllung von deutlicher Tatsachen – Absichtlichkeit maskiert sich in der dämonisch gedachten Handlungsweise. Objektive Realitäten, das ist nicht abzustreiten, verlangen nach einem gestaltungsfähigen (oftmals bei größtem Kunstmittel) Bann oder Loslösung. Das Ich des Primitiven wächst in der Bildform der Masken überindividuell empor, erhält zauberkräftige Fähigkeiten in der Verhüllung des eigenen Organismus, besser gesagt, in der „Ent“-hüllung eines magischen Subjekts. Der Mensch selbst geht in den automatischen repräsentativen Ausdruck des Kultgeistes über. Er ist nicht Membran oder Durchgangspunkt eines göttlichen Fluidums, sondern er selbst ist Besitzer zauberischer Kräfte. In der Verwandlung erscheint er als Mond, Sonne, Regen, Wolke, Kulturhero, Spender, Dämon oder Tiergeist, als höchste formierende Macht, in der die Fäden der Erden- und Himmelsschicksale zusammenlaufen. Dieser Zeremonialkomplex muß als der unverfälschte Nährboden der archaischen Maskenkultur gelten. In Nordwestamerika, im tropischen Südamerika, in Westafrika, in Melanesien oder in Indonesien, in der Kabylie bei den Berbern, vielleicht auch im shintoistischen Japan und im alten Tibet treten die Wesensverbindungen, die Mensch — Geist — Identifikationen hinter der Larve in typische Erscheinung.

Der gleiche Assoziationszwang, der aus dem Zeremonialkomplex resultiert, mit all seinen phantastischen Derivaten, findet sich gleichfalls bei gewissen alten europäischen Bräuchen, die heute im Schwinden begriffen und fast der Vergessenheit anheimgefallen sind. Was heute als toller Faschingsscherz weiterlebt, und sich als mondäner Mummenschanz über Straßen, Plätze und Festsäle hinwegwälzt, war in früherer Zeit in eine handgreifliche Wundersphäre eingetaucht. Von urbaner Frivolität hinweg stößt man auf uralte Reste magisch schwärmender Bedingtheiten. So im Lötschental des Kantons Wallis in der Schweiz, im österreichischen und bayerischen Alpengebiet. Eine eindringliche Sprache reden diese Lötschentaler Masken. Aus Holz geschnitzt, von groteskem, monströsem Aussehen, deren romantische Phantasie oftmals durch intensive Bemalung noch „wilder“ gesteigert wird. Seltsame Gesichter bisweilen von einem derben Haar- und Bartwulst umrahmt, mit markanten roh herausgearbeiteten Nasen, Hörnern und klaffenden Zahnreihen. Ein schiefgezogener Mund läßt in der mutwilligen Ausdruckbejahung geradezu an irokesische Parallelen denken. Auch sonst könnte man formanalytisch in unsinnig exotische Vergleiche taumeln. Ein Hinweis auf Außereuropäisches drängt sich begreiflicherweise sofort auf, doch von einer Begründung jener Dinge kann nicht gesprochen werden. Trotz aller irdischen Anklänge haben diese Artefakte ihre eigene künstlerische Besonderheit. Im Dunkeln aber lebt der Rausch ihrer Bestimmung. Ein Gehänge aus Ziegenfell vervollständigt die Maske. Ein schwarzes oder weißes Schaffell bildet den übrigen Anzug, ein Kuhglocke am Gürtel kommt dazu. Diese maskierten „ Roitscheggeten “ erscheinen am Montag und Dienstag vor Aschermittwoch unter Gebrüll, dringen in die Häuser der Bauern ein, wo man ihnen Speisen vorsetzt, bzw. bemächtigt man sich ihrer durch Raub. Eine besondere Bewandtnis scheinen diese Kobolde für Frauen und Mädchen zu haben, sie werden von jenen mit einer Flüssigkeit, aufgeschwemmtem Kaminruß, Jauche oder Blut bespritzt, ein Vorkommnis, das von anderen Völkern her wohlbekannt ist, und auf eine körperliche Bereicherung, Begnadung hindeutet, in unserem Falle also eine Fruchtbarkeitszeremonie symbolisiert. Frühling, Fruchtbarkeit, Wachstum, Naturdienst, Reifen der Erde und befruchtetes Weib, Anschauungen, die in tausenderlei Modifikationen alle Rassen immer widerspiegeln; in Mexico, China, Ägypten, Griechenland, Indien, bei den Naturvölkern heutiger Zeit; im mittelalterlichen Frankreich, in Schweden wird den Generationsvorgängen, dem zeugenden Naturprinzip bald in verdeckter, bald in offener Form im Ritus Tribut gezollt,—bis zur Anrufung eines Heiligen durch den frommen Katholiken. Auch dieses Geheimnis umfängt den Lötschentaler Brauch. Diese lärmenden „Tüfel“, vor denen Weiber und Kinder erschreckt davonlaufen, wie in Westafrika, Amerika oder Melanesien, sind von grauenerregendem Gebaren, Phantome, die in die mystischen Reservationen dämonischer Wunder hineinschwingen, einmal schadenstiftende Elemente verscheuchen sollen, zum anderen, echt „heidnisch“, der Erde gute Wohltaten herbeiwünschen, eine gute Ernte befördern sollen, und so den Taktschlag aller vorhandenen Maskenumzüge unzweideutig verraten. Rütimeyer hat sich um die Fixierung dieser noch ziemlich rezenten Bräuche in unserem Kontinent das größte Verdienst erworben. Ein unveränderter Exotismus spiegelt sich hier in europäischen Eingeweiden von wundersamer Seligkeit um das unbewußte Wissen frommer Überlieferung. Der obengenannte Autor kommt zu dem folgenreichen und konsequentenSchluß: „Es sind dies alles, um ein geologisches Bild zu gebrauchen, im mitteleuropäischen Alpenlande stehengebliebene isolierte Fetzen einer früher weithin verbreiteten Kulturschicht, die nun infolge der erodierenden Wirkung neuer, nivellierender Anschauungen, Sitten und Gebräuche größtenteils verschwunden ist, einer Kulturschicht, deren ethnographische Leitfossilien eben die Masken sind.“ Ohne bis in die Südsee, oder ins tropische Afrika hinabzusteigen, Frobenius, dem wir in kulturellen Dingen so unendlich viel verdanken, hat zur Frühlingszeit maskierte Berberknaben abgebildet, die im äußeren Habitus frappant an die schweizerischen Masken erinnern. In zottiger Verhüllung werden dort Saat- und Erntefeste gefeiert, unter Beteiligung der jungen männlichen Sippenglieder, die in ihrer Kultushandlung ohne weiteres auf schweizerische Verhältnisse projiziert werden könnten. Bemerkenswert ist ferner der Umstand im Lötschental, daß die Maskierten, die „Schurtendiebe“, die „Räuberbande“, lediglich jungen unverheirateten Männern entstammen, also in einem inneren Verhältnis untereinander zu stehen scheinen, so daß neben Freundschaftsgefühl wohl noch andere Formen zeremonialer Natur eine Rolle spielen werden. Konstellationen, die auf den problemträchtigen „Männerbund“, bzw. auf „Altersklassen“ der Naturvölker hinführen, und wir wissen nun, daß bei diesen mannigfach gruppierten Bünden die „Diebereien“ in die gute Ordnung genannter Organisationen rituell hineingehören, und so durchklingt in diesen absolut legitimen Handlungen wiederum primitiv gedachter Geschichtsrest.

Loslösung vom Leben, Züchtung eines besonderen Gemeinsamkeitssubjektivismus, ein Herauswachsen über die Einsichten kalt nüchterner Banalitäten senkt sich in der Maske auf menschliche Individualitäten. Das letzte inhaltliche Motiv in Klarheit zu geben, Strich für Strich zu enträtseln, das Kabinett subtilster Entdeckungen zu lüften, alles namhaft, begrifflich zu machen, damit kein Zucken vor dem Unbekannten, vor der Laterna magica mehr übrig bliebe, gelänge unversehens dieser Zug der Dialektik, wohin sollte dann in diesem pedantischen Zerkleinerungswahn die Welt der Maske flüchten? Die Ahnung um die Maske wäre dahin. Ihr Schicksal, ihre Weissagung, ihre visionäre Hingenommenheit im Unfaßbaren krampfhaft personifiziert, wäre zerpreßt, mißbraucht, erlebnisunfähig zersplittert. Während doch die irreale Formel Wesenszug, betäubende Unterströmung, bejahendes Pendeln zwischen paradoxen Alternativen stempelt. Es wird immer verdienstlich sein, über die Religiosität der Maske nachzusinnen, aber sie rational bis in das äußerste Atom auszubeuten…..es wäre verderblich, und das Depositum, das man gerade menschlich sucht, die Konzeption des maskierten Verschleierns wäre als seelischer Einfall überflüssig. Und jede verwirrende Ursache würde den Gewissensdingen abgestreift.

Der Triumph über das Leben reckt sich kühn in der Maske, verstärkt den Menschen gegen allerlei Anfechtungen physischer und psychischer Leiden. Mit der bewußten Scheidung geht er in das Elysium ein, bringt sich im Mysterienkult selbst zum Opfer. Er wird reiner, größer, entrückter, der höchstenTeilnahme würdig. Nur eine Elite kann diesenWeg betreten. Geprüfte, Eingeweihte bewahren das Geheimnis. Ein intimer Verband sichert die Innenschau vor Profanation. Eine geheime Genossenschaft, sozial fest umgrenzt, hütet sorgsam die Weihe, lenkt die Geister über die große Masse, die wie ein Damoklesschwert dräuend über dem gepeitschten Volk lagern. Dieser Glaube macht bei der Phantasie die unheimlichsten Anleihen, er wählt den faszinierenden Schrecken in einer unerhörten Form, schnitzt grauenhafte Unholde, die an den Grenzen aller irdischen Maßstäbe herumgeistern, ungeheuerliche Formperversionen von artistischer Ausdruckskraft, trotzige Sieger in ihrer unzerstörbaren Wildheit, parzenhafte Schatten eines nie endenwollenden Zuges. Der ewige Vagant im Menschen spricht unentrinnbar von den Abenteuern seiner unausmeßbaren Seele und seiner verwegenen Sinne. Dieses Rätsel des Andersseins, das vielleicht gerade das Innengesicht der Kreatur ungemischter überlegen bannte, schlummert seit Anbeginn in unserem Herzen. Und die Frage könnte ergreifende, gequälte Bezirke aufwerfen, wo der aufreibende Falschspieler stehe, hinter der Larve, oder im offenen außenstehenden Angesicht? Der scheue Mensch, er protestiert. Restlose Hingabe an das Verborgene wird zur Nacktheit. Die Maske hat neben kultlichen Qualitäten eine psychologische Existenzberechtigung. Das ist nicht Europäisierung, das ist monumentale Beschaulichkeit alles Irdischen. Nicht auszurotten ist dieses Wollen, sich irgendwie zu manifestieren. Mag es Miniaturwerk bleiben, es bleibt moralisch bestehen…..Wir sind noch weit davon entfernt, einwandfreie Erklärungen von den maskenhaften Einkerkerungen abgeben zu können, meist sind es Vermutungen, die wir unseren Betrachtungen unterschieben, aber warum sie vermissen, wenn die strenge Sammlerarbeit versagt? Mit Inbrunst greift der Grieche, derjapaner, der Siamese zurMaske, mexicanischeGötter setzen sie vor das Antlitz inmitten einerWelt unvereinbarer, unvermeidbarer Realitäten, oder man ersinnt die Wunder religiöser Erfüllung, wenn man auf der Gazellenhalbinsel (Neupommern), wie im alten Mexico den Menschenschädel selbst zum ahnenkultlichen Maskenidol erhebt, ein Erscheinungskapitel, das bei der Pompa funebris im altenRom,bei der ehrwürdigenCollocatio in den Imagines undWachs-nachbildungen des Totenantlitzes sich wiederum als begründeter Charakterzug auf drängt, all diese Dinge, durch ein geheimnisvolles Band seelischerT otalität ver-schwistert, im richtigen Lichte aufzuzeigen, es wäre verlockend, wenn nicht der gefährlicheWeg einerVerallgemeinerung so unsagbar kritischen, skeptischenTri-but fordern würde. Von den Kultobjekten Tibets bis zu den Reliquiarien der gläubigenChristenheit schichten Phänomene Zusammenhang im Lebensstoff der Völker. EineNotwendigkeit arbeitet hier,die menschengeschaf feneBegegnungen im Bilde ihrer Gefühlsformen vielfältig begnadet. Und wenn, so profan es dünken mag, die Maske in der venezianischen Republik heiße Herzenswünsche geschickt bei allen Ereignissen des Lebens überdunkelt, so wird ein inniges Geschehen über Zeiten und Kontinente hinweg auch dort eine erschreckende Kraft unerkannten Lebenskonfliktes vollenden. Man halte das nicht für Verirrung vom Thema, für unglückliche Spekulationen, wo vielmehr an Grundgefühle, an überreiche Normen des Bewußtseins appelliert wird. In den Paradoxen scheinbarer Dissonanzen drückt sich das Zusammenfallen, die Amalgamierung des Lebens aus, so wird auch dieser völlig berechtigte Schritt nur das Dokument der Maske als Bewegtheit unsäglich geläuterter Entladung definieren. Kundige Autoren ethnographischen Ziels geben den verschlossenen Ausblick in jene Verhältnisse ohne Vorbehalt offen zu. Feststellungen regionaler Natur genügen nicht mehr. Will man in die Konstitution der Dinge vofstoßen, so wird man Konzessionen anderer Sphären anerkennen müssen. Für Karl von den Steinen noch waren zentralbrasilianische Masken ein müßiges Spiel; wie hochwertig indessen solche Gepflogenheiten steigen, zeigte Koch-Grünberg, der nicht müde wird in langer südamerikanischer Forschungsarbeit die mythischen Impulse jener wahrhaft ungebrochenen Naivität zu enträtseln, nachdem Spix, Martius, Marcoy, Bates, Ehrenreich, in neuerer Zeit Fritz Krause und Preuß ihre Folgerungen aus den Weisheitslehren des Vorgefundenen Stoffes gezogen haben. Wie groß bisweilen der Zweifel solchen Erscheinungen gegenüber sein kann, illustriert ein Fall der ausgezeichneten universellen Gelehrten Paul und Fritz Sarasin, denen auf Celebes eine ziemlich roh gearbeitete Holzmaske (die der Abbildung zufolge dem absoluten Gestaltungsbereich Löt-schentaler Formen zuzuordnen wäre! kein Abstand in der Menschheitskunst!) gezeigt wurde, „ mit einem Stiel zum Festhalten, einem Band zum Umbinden und zwei kleinen Löchern zum Hindurchsehen. Haare, Bart, Augenbrauen und ein Band über die Nase waren aus Beuteltierfell hergestellt, die Augen und Zähne aus Porzellanscherben“. Die beiden Sarasin glaubten ein Spielzeug vor sich zu haben, bis dann ein genau gleich behandeltes Stück ihnen gebracht wurde, „woraus sich ergibt, daß es sich dabei um etwas Traditionelles und Typisches handelt, dessen Bedeutung noch zu erforschen bleibt“. Die Autoren denken an Totenmasken, die den Schädeln, ähnlich wie bei anderen Celebes-Stämmen beim Totenfest vorgebunden werden.

Nach diesem Exkurs kehren wir zu den mythischen Bräuchen im Alpengebiet zurück und finden im Perchtentanz und Perchtenlauf im Salzburgischen Lande Äußerungen desselben Geistes. Grundzug auch hier Beschwörung, phantasievolles Eindringen in die Natur, bei gleichzeitiger Introversion, also Abwendung von der regulär empirischen Außenseite, um hinter einer bevorzugten Kunstform, in Dämonenköpfen und, im Gegensatz zu Lötschental, in Tiergesichtern Hemmungsgefühle wie Wunschtriebe in zauberischer Bildform zu materialisieren. Wenn heute noch die Züricher Bevölkerung den Winter in Gestalt einer großen Puppe auf hohem Mast verbrennt, so muß dies Verfahren als der Kampf der Frühlingsgeister mit den Winterdämonen aus alter Zeit aufgefaßt werden. Eine ähnliche Bestimmung ruht in den lustigen und tollen Gesellen, die Frau Holle oder Perchta, die Wunderschöne und Furchtbare, die Gattin der germanischen Erntegottheit Wodan, auf ihrem Umzug in der Christ- oder Neujahrsnacht oder am heiligen Dreikönigsabend bis zum Faschingdienstag polternd mit Trommeln, Kuhhorn, Peitsche und Glocken begleiten. Ganz nach „primitivem“ Vorbild bringt man in den Ostalpen der Percht Speiseopfer, um sie günstig zu stimmen, denn in ihr wohnt eine wohltätige Kraft, Acker und Felder, Tiere und Menschen fruchtbar zu beeinflussen. Bei den Umzügen der „schönen“ und „schiachen“ (häßlichen, scheuchen) Perchten kommen Masken zum Gebrauch, die gute und böse Mächte veranschaulichen, die verehrt bzw. bekämpft werden sollen, damit das kommende Jahr seinen Segen über das Land ausbreite. Der eigenartige Kopfaufsatz der „ schönen Perchten “, der oft aus einem reichverzierten Rahmenwerk von 1—3 m Höhe oder aus einer amerikanisch anmutenden Federkrone besteht, soll hier übergangen werden; typischer Maskencharakter kommt den „schiachen“ zu, die in schwarzes Schaffell gekleidet und holzgeschnitzte Larven in vielerlei Variationen tragen und so auf die Spezialisierung für bestimmte Dämonen hindeuten mögen. DieWahrscheinlichkeit mit dem Naturvorbild bleibt bedeutsam, das typisch „ Europäische “ ein unverkennbarer Zug im ästhetisch Gegebenen, Männergesichter, wenn auch noch so fratzenhaft betont, die dem Daseinskreis im letzten Blick nicht trotzen können, da das wesentlichste Merkmal über einen gewissen wuchernden Naturalismus nicht hinausstrebt und an einfache Formen gebunden ist. Kühner scheinen mir die Tiermasken zu sein; man sieht Schnabel-, Drachenkopfmasken mit beweglichem Unterkiefer, Rüssel-, Pferde-, Schweine-, Hirsch- und Kalbmasken neben anderen, auch Doppelmasken mit zwei Gesichtern (wie in Afrika und in der Südsee). Typisch ist die sogenannte Teufelsmaske. Die hier in der Abbildung wieder-gegebeneTeufelsmaske (Holz, mit Lederohren) aus dem Museum zu Salzburg, ist in Mittersill im Pinzgau verfertigt und verrät in ihrem Wirklichkeitsgefühl eine beträchtliche Intensität des Ausdrucks, die in der roten Umrandung der Augen, Lippen und Nasenlöcher und stellenweisen Vergoldung, samt den Hörnern tibetische Formen nicht vergessen läßt.

Ein wichtiges Moment ist die suggestive Konzentriertheit des Zauberkleides, die zum Gemeinsamkeitserlebnis für die Masse psychosenhaft emporschwillt. Die Umformung des Lebens erhofft nicht nur der Europäer, jedermann weiß, daß jene moralischen Illusionen zum Paktieren der gesamten Menschheit erstarken. Was für Tirol oder für die Schweiz Gültigkeit beansprucht, hat als psychischer Apparat anderorts seinen Funktionskreis. Ein weiter Schritt, als Seitenstück Tibet. Die Neujahrsfeste mit all ihren Nebenumständen, die dort in farbig asiatischer Maskerade prunkvoll erklingen, kennzeichnen eine Denkgewohnheit, für die wir hier bei uns schon Verständnis erzwangen. Man erfährt deutlich, Rassengemische führen keine abgeschlossene seelische Existenz. Der Kollektivbegriff: Abwehr der feindlichen Dämonen, Verjagung böser Elemente, auch dort drüben ein theologischer Gedanke. Verkleidete Lamas geben ein menschliches, tierisches, göttliches Schauspiel dem Volk. Alle Ausgeburten einer phantastischen Chaotik musizieren in toller Ahnenreihe durch die Maske. Beiläufig gesagt, es handelt sich um eine irdische Gesichtswanderung, von den ungeheuerlichen Verzerrungen einer fanatischen Gottesgelahrtheit gesäugt, die den Radikalismus des Heiligen undVerworfenen, des Logischen und der Gestikulation menschlich ersinnbarer Anblicke outriert beherrscht. Was in den Ateliers der lamaistischen Klöster anläßlich der Aufführung religiös-mythologischer Spiele geleistet wird, um die barbarische Versuchung guter, gläubiger Menschen zu veranschaulichen, um die Schäden einer gefährlichen Witterung oder um Krankheiten zu bekämpfen, muß in der Überlegenheit dieser wagemütigen asiatischen Plastik als paradoxale Aufhebung gelten. Feine verschmitzt gutmütige Mönchsgesichter, verfettet erregte Visagen mit allen raffinierten Tributen des Erreichbaren, Tierdämonen von einer Travestie der Empfindung, schreckhafte Teufelsfratzen, tanzen in den grellen chinesischen Seidengewändern herum; anarchistische entmenschte Sensationen, die Drag-gscheds (=furchtbare Henker) aus dem vorbuddhistischen, givaitischen Pantheon übernommen, beunruhigen die Exzesse einer infernalischen Prozession. In früheren Zeiten forderten die Skelettmasken desTsam-Tanzes Menschenblut (gleich der Hamatsa-Zeremonie der Kwakiutl-Indianer Nordwestamerikas), heute begnügen sich die Magier mit einer Menschenfigur aus Brot. Neben den Höllenqualen einer barocken Priesterhierarchie mögen lichtere Seiten, so eine fromme Legende aus dem Wanderleben des Mönches Milaraspa (nach Grünwedel und Tafel), im angenehmen ballettmäßigen Tanzbild allzu Krasses überbrücken. Um die traditionelle Unbeirrtheit in der Maske zu betonen, sei es erlaubt, in diesem Zusammenhang eine Sage vom großen Reformator des tibetischen Lamaismus, dem Begründer der „Gelben Sekte“ (Gelugpa-Sekte) Tsongkhapa (geb. 1378) zu zitieren.—

„Während eines späteren Aufenthaltes in Lhasa machte Tsongkhapa eine gehörnte Maske und probierte sie an; sein SchülerTschotschgja bat Tsongkhapa, sie ihm zum Anprobieren zu leihen. Tsongkhapa verweigerte es und stritt ihm die Berechtigung der Bitte ab. Dann baute Tsongkhapa einen Thron und setzte sich mit der Maske auf ihn. Tschotschgja wollte das gleiche tun. Tsöngkhapa erlaubte es ihm und übergab ihm die Maske. Tschotschgja setzte sich in der gehörnten Maske auf den Thron. Tsongkhapa blies, und Tschotschgja blieb in dieser Gestalt in Ewigkeit auf dem Thron sitzen. Sein unverweslicher Körper, so erzählt man sich, steht noch jetzt in Lhasa mit geradegezogenen Füßen und Hörnern auf dem Kopfe“ (Potanin, Filchner).

Den konsequentesten Fatalismus in der Konzeption des Sinnlichen bejaht ceylonisches Maskentum. Der Fall der Bewertung liegt anders als in Tibet. Lamaistische Weltklugheit und dogmatisch bezwingende Moralität sind hier verworfen. Eine Arena der Therapie, eine Wehr für Gesundung — nicht zu nehmen im bürgerlich medizinischen Interesse. Das evolutionistische Geschehen noch dunkel. Sicher, der Entschluß, durch die Dämonenmaske das gestrandete Leben zu korrigieren. Lebenerhaltend steht die Maske, der Teufeltänzer da. Die Fähigkeit liegt in der Regeneration, im Regulativen, im Exorzistischen. Wie ein Christus Dämonen austrieb, so entthront sie der sinhalesische Teufelbanner, der kattadiya, in der riesigen Hauptmaske, die ein ganzes Pandaemonium mit Zentralteufel und subalternen Nebenteufeln umschlingt, oder in der buntbemalten Einzelmaske. Rankende Kobraschlangen, tolle zauberische Gesichter von heftigen unheilvollen Farben durchwühlt, sachlich wahre Gespenster der Gegenständlichkeit, über Filmeinfall und Weltzauber grinsend. Robuste, gleisnerische Physiognomien, ruhig und aufschreiend, deren Blick durch den blanken Lacküberzug noch angstvoller ergreift. Hinter gestielten Augen, verzogenem Mund, scharfen Hauern, schiefen Nasen, hat traumhaft Ungestaltbares Gestaltung erzwungen. Diese Teufel, von denen der Teufelbanner besessen ist, um in langer Zeremonie seinen Pflegling zu heilen, überschütten die Menschen mit Schwären auf den Gliedern, Anfällen von Wahnwitz, Beben der Glieder, Poltern im Kopf, Taubheit, Erbrechen, Aufschießen von Blattern, harmvollem Blick, mit unheilvollen Worte-sprechen, Abplatzen der Haut auf dem Gesicht, mit Lähmung, Cholera und Pest. Für jeden Yaksaya, scheußlichen Dämon, wird eine besondere Maske angelegt, die nicht etwa hierdurch das gefürchtete Unwesen abschrecken soll, sondern die Maske selbst wird als der Träger des bösen Dämons gedacht.

Die Imperative, die bisher im Maskentum zur Sprache kamen, lagen in der kultschaffenden Domäne — an ein paar Typen demonstriert. Java und Japan wären hiervon vielleicht abzutrennen, um aus dem Theatralischen ihre Impulse zu empfangen, wodurch eine neue Ebene der Betrachtung geschaffen werden mag, die aber eine selbständige Führung wohl kaum in aller Abgeschlossenheit beanspruchen darf. Denn ein Rückgreifen auf mythische Elemente, auf früheren Kultus macht sich auch hier fühlbar. So hat Japan neben natürlich schönen, mit großer Kunst behandelten Nö-Masken ein Arsenal von Dämonenmasken (wie auch China in den Drachenzeremonien) geboren, die auf archaisch religiöse Dienste hinzielen. Im klassischen Maskentum, das hier ja allein zur Diskussion steht, wird die strikte Scheidung Theater und Kult überhaupt nicht präzise zu akzeptieren sein. Und die exakte Sonderung in einzelne Spezies, die ältere Autoren vornehmen, ist heute bei der wachsenden Verständnismöglichkeit für das Problem mehr und mehr in Frage gestellt. Andree klassifizierte in seiner wertvollen Abhandlung über Masken (in Ethnographischen Parallelen und Vergleichen, Neue Folge) Kult-, Kriegs-, Leichen-, Justiz-, Schauspiel- und Tanzmasken. Stoll, der die Maskenaufsätze genetisch mit der kriegerischen Bestimmung des Helmes in Beziehung setzen möchte, charakterisiert die einzelnen Formenkreise als ritueller, mystischreligiöser, mimischer, kosmetischer (der „masquin“ des 18. Jahrhunderts, „ eine von den Damen zur Nachtzeit aufgelegte Gesichtsmaske, die nach den erhaltenen Rezepten aus Wachs und ähnlichen, mit Kampfer und anderen Dingen gemischten Substanzen, die man nach der Art eines Pflasters auf Leinwand strich, hergestellt wurde“) Natur und führt zuletzt die Larven des Mittelalters aus schwarzem Samt oder Seide an, die lediglich der Unkenntlichmachung und wirksamen Verkleidung bei harmlos weltlichen oder politischen Exkursionen dienten. Doch wird in den Maskendingen immer einVielfaches des Inhaltlichen aufgespeichert sein, so daß man auf den Reiz des Schablonisierens wird verzichten müssen, weil die Erfülltheit — heute wohl in einem Atemzug noch gar nicht mitteilbar — im sinnlichen und seelischen Bekenntnis sich mannigfach überstrahlt und überschneidet. Die alten griechischen oder japanischen Masken als rein mimisch-szenisch zu verallgemeinern, wäre sicherlich verfehlt, weil hinter dem Flitter des Schauspielerischen ein dämonologisches Antlitz sich aufdrängt, das mit der Zeit seine Schwere eingebüßt haben mag, um dann einem anschmiegenden Spiel äußerlich zu folgen. So in Attika, so bei den No-Spielen und freundlicheren Kyogen-Zwischenspielen in Japan. Aus der Heftigkeit des religiösen Lebens heraus kam es in Hellas und Japan zum maskierten Weihespiel. Dort Dionysos (Sabazios, Bakchos), hier der Shintoismus. Der rasende, orgiastische Dionysoskult mit seinen Mysterien und Mänaden, der Selbst Vernichtung und Aufpeitschung, der durchschauerten Ekstasis, bejahte die besondere Sphäre des Körperlichen, das starre Gesicht, die Maske als Emblem des göttlichen Mitspiels. An die Exklusivität ägyptischer Pharaonen und Priester in Masken und vogelköpfigen Menschengestalten tut sich „spielerisch“ doch auserwählt die gleiche Vermenschlichung göttlichen Systems auf. Gedanklich diese Exzesse, ihre seltsame Mittlerschaft in den übernatürlichen Spannweiten einwandfrei zu interpretieren bedeutet heute noch harte Arbeit, unaussprechlicher Abgründe voll. Die Fülle der Mimik in den Eleusinien, wo der Dualismus mythologisch – realer Mythologie szenische Durchsetzung erzwang, fortwachsend aus der Endlichkeit primitiven Volksglaubens in dramatischen Einzelpersonen, Demeter, Persephone und Dionysos entschied den Machtwillen des Menschen zum sichtbaren, sinnfälligen Gestalten. Die „Unnatur“ der Maske in der öffentlichen Szene bliebe unverständlich, käme sie nicht als geheiligtes Sakrament, als Abbild von göttlicher Leidenschaftlichkeit. Um die Stimme klangvoller wirken zu lassen, um Frauenrollen zu übernehmen oder um die Dimension des Theaters zu überbrücken zur Maske zu greifen, dieser Grund kann nachträglich materiell mitbestimmend Erklärbares enthalten, doch wird neben diesen technischen Forderungen die Übernahme der sakralen Maskierung aus dem Mysterium als entscheidendes Kriterium zu gelten haben. Kühnheit, verblüffende Physis, doch auch blutleere Einengung und Unfreiheit, mit einem Wort die vollendete Arbeit des antiken Maskenmachers, zeigt uns noch heute die bildende Kunst in den unzähligen Terrakottamasken, die wohl in der Hauptsache dekorativen Zwecken dienten (Beziehungen zum Totenkult stützen sich problematisch auf völkerkundliche Überzeugungen) und die die Typengegensätze scharf veranschaulichen. Bisweilen ist wohl die Empfindung berechtigt, ob „Nachbildungen von Schauspielermasken oder nur freie künstlerische Erfindungen in ihnen zu erkennen sind“ (Robert). Die Erörterung eines restlos irdischen ganz unmetaphysischen Naturalismus dominiert in dem maßvollen beschreibenden Gestaltungskomplex, lebendig im Denken der Nachbildung, aber zugleich deutet sich die Einseitigkeit des antiken Künstlers im Verklären, im Schaubaren an. Die Tragödie, das Satyrspiel (Ausklänge alter phallophorischer Ideen, zauberkräftiger Vegetationsgötter; Attika huldigte demselben Erdenkult wie heutiges und vergangenes Indianertum; Pueblo-Indianer, Käua und Kobeua Brasiliens), die alte Komödie, die jüngere Komödie mit ihren Greisen-, Liebhaber-, Trinker-, Bordellwirt-, Sklaven-, Schmeichler-, Parasiten-, Frauen-, Mädchen- und Hetärenmasken (siehe Maskenkatalog des Pollux) definiert die Typenserie des Fleisches, der Knochen und der „Seele“. Spontanes, dunkles Heidentum — Voraussetzung für die wunderbare, absolutistische Magie — Auffassung der „ Exoten “ — ist hier bereits theatermäßig kastriert, entthront. Degeneration. Die Maske wird im Zuschauen geschwätzig, vom Zynismus ergänzt, jenseits von Himmel und Hölle, der ursprünglichen kosmischen Identität bar. Das Pandämonium zerbricht in der Ausschließlichkeit des Außenwerks menschlich domestizierter Formulierungen. Die Doktrin der Typen gemahnt an Japan, wo ein heiter-ernstes Gemisch solide, präzisierte Schönheit erklügelt, voller Vertrauen für Leben und Leiden in Göttern, Fabelwesen, Männern und Frauen, von einer unsagbar kostbaren Laune, aus Komik, düsterer Stimmung und Glück erträumt. Innerliche Belebung entzückt diese verwunderten Maskengesichter, auch wenn sie als Typus für besondere Charakterbilder gedacht sind, die lebhafte, schmeichlerisch glitzernde Seele des extremen Orients, ihre graziöse Naturnähe; der Eigensinn der Eitelkeit, schalkhaft froh absorbiert unter der Rhythmik eines koloristischen Geschmacks, makellos die animistische Weltanschauung bei ihren festlichen Pantomimen und Tänzen und hat seit dem 15. Jahrhundert eine Maskenkunst, von begnadeten Familien gepflegt, geschaffen, die in ihrem plastischen Trachten größtmögliche Anerkennung heute noch erheischt. Die absichtsvoll groteske Bewegung in monströsen rotlackierten Löwenköpfen oder im langnasigen Kobold Tengu oder das Vorlaute eines spöttischen Mädchens, der lustigen Göttin Okame, immer deutete Oberschwang der Linie auf die originelle Glaubwürdigkeit eines unbezwinglichen Künstlers hin. Schwammig verfettetes Aussehen, hagere Pein, bäuerliche Ernüchterung, Feinheit in dem ironisch inneren Temperament beweisen Neugier, Gelächter, Mode einer Göttin. Und in der Häßlichkeit selbst feiert die Ästhetik des mandelförmigen Auges achtsame Triumphe. In der äußeren Struktur sind sicherlich die Ähnlichkeiten des griechischen und japanischenTheaters—ihre Lebenslage wird von mythischen Personen gespeist— bemerkenswert, jedoch scheint mir ein direkter Zusammenhang nicht erwiesen. In einer äußerst anregenden Arbeit „Zusammenhänge und Konvergenz“ vertritt von Luschan die Meinung, daß die japanischen Nö-Masken oder wenigstens ihre älteren Vorbilder auf die antiken Schauspielermasken zurückgehen mögen. Der Vollständigkeit halber und des großen Interesses wegen soll auch hier gleichzeitig die ebenfalls noch nicht erhärtete Ansicht des gleichen Autors notiert werden, wenn er für die Wahrscheinlichkeit, daß unsere Fastnachtsmasken mit denen des antiken Theaters Zusammenhängen, plädiert. Ich persönlich glaube an eine unabhängige Entstehung dieser Dinge an verschiedenen Orten und denke eher an den Elementargedanken, der zwar nicht mit Notwendigkeit die soziologische Gesamtheit der Lebenstriebe als gelöst hinstellt, aber doch mit gleichartigen psychischen Begebenheiten rechnen läßt. Die Kulturwellen des Mittelmeerkreises können selbstverständlich hier und dort zur Ausgestaltung und Anregung in der Entwicklung der Maskenvorkommnisse das ihrige beigetragen und dann zu einer Sondergestaltung geführt haben. Immerhin wird man sich des Eindrucks nicht verschließen können, daß man es an verschiedensten Zentren der Erde mit einer künstlerischen Maskentradition zu tun hat, und daß der autochthone Charakter, derbodenständige Ausdruck nach eingehender historischer Reflexion sich aufzwingt. Die Gesichtshelme mit blattförmigem Visier römischer Herkunft aus Bronze oder Silber, bzw. Eisen, sollen hier nicht näher betrachtet werden, die entweder dem Gesicht des Toten aufgelegt wurden, oder für Zier- und Paradezwecke irgendwelche Bedeutung erlangten, möglicherweise auch im festlichen Spiel und bei gladia-torischen Aufzügen. Gleichfalls noch unsicher bleibt die Deutung der von Schliemann in den Schachtgräbern von Mykenä aufgefundenen Goldmasken, der Goldmasken aus Ninive, wie der ägyptischen und der kleinen Bronzeplattenmasken aus Schweden. Ob der Schmuck der Mumie direkt auflag oder ob er dem Holzsarg aufgenagelt war, da manchmal die gepreßten dünnen Masken an den Ecken durchbohrt sind, kann heute noch nicht entschieden werden.

Die bedeutsamsten Aufschlüsse bieten die Naturvölker, bei denen seit früher Zeit bis heute die Maske als lebendiges Phänomen Dauerzustand repräsentiert und alle Relationen der Lebensdynamik in großer Gemeinschaft ordnet. Die sakrale Idee, oder wenn dies zu abstrakt wissenschaftlich auf-treten sollte, die sakrale Dämonie entscheidet die Berechtigung in notwendiger Aktivität. Unterstützt von allerlei sozialen Anschauungen (wie Totemismus etwa), die aber immer wiederum Kultliches in anderer Form projizieren. Tun, Fühlen und Denken gruppiert sich um den Animismus, der den Kosmos durchflutet, und, wie das Frobenius für afrikanisches Gut zu erbringen versucht, in der Maske maximale Umsetzung erfährt. Diese anschauliche Begebenheit formt das Maskentanzschauspiel. Wohl sind Verwandlungen, Hemmungen möglich, wie man das aus den kritischen Betrachtungen von Karutz ersieht. Die maskentragende Welt existiert. Seelendienst, Ahnenverehrung, Initialzeremonien (die Pubertätsfeste der Knaben und Mädchen) und die Gewinnung des göttlichen Machtgeheimnisses spitzen sich in einem Maskendogma zu.

Aus der Fülle der Tatsachen seien hier die Kägaba-Indianer, Verwandte der alten Chibchas, der Sierra Nevada de Santa Marta (Colombia) genannt, über die uns K. Th. Preuß in ausgezeichneterWeise unterrichtet. Die imponierende Vorstellung der Maske reflektiert hier diktatorisch. „DerTanz ist die eigentliche religiöse Ausdrucksform für das, was der Kägaba erlangen will. Mag er Regen oder Sonnenschein haben wollen, Schutz gegen Krankheiten, Winde und Unwetter oder gegen Tiere, die die Saat fressen, gegen Fäulnis der Gewächse, Feuersbrunst, Erdbeben, Bergstürze und vieles andere; will erhaben, daß die Töpfe bei der Herstellung gut ausfallen, daß das Vieh sich vermehrt usw., immer tanzt er. Dabei ahmt er, wenn auch in unscheinbarer Weise, z. B. die betreffenden Tiere nach, oder der in Betracht kommende Dämon wird durch einen Maskenträger dargestellt. Beides steht einander psychisch nahe. Für die Herkunft der Masken hat der Kägaba eine sehr interessante mythische Erklärung, die sich an die psychische Motivierung anlehnt, daß Dämonen und Götter der menschlichen Einwirkung, sei es durch Gewalt und Zauberriten oder durch Bitten und Gaben um so zugänglicher sind, wenn man ihr Bildnis oder Teile ihres Körpers, z. B. des Felles, der Federn von Tierdämonen unmittelbar vor sich hat. Als die Urpriester nämlich die Dämonen zu Verträgen veranlaßten, wie man durch Tanz und Gesang auf sie einwirken solle, nahmen sie ihnen die Gesichter ab oder die Dämonen selbst taten das freiwillig, damit die Menschen beim Tanzen sie als Masken tragen. Der Maskenträger ist dann der Maskendämon, der zu seinem eigentlichen Namen den Zusatz uäkai = Maske erhält, und von dem auch in mythischer Beziehung zuweilen unter diesem Zusatz gesprochen wird, als ob er eine selbstständige Person ist.“ Bedeutet die Maske schon eine anatomische Deformierung des menschlichen Objekts, ein Aufeinanderstoßen zweier Formen, so kommt es im weiteren auf inhaltliche Neuformung, auf eine organische Deformierung desSubjekts an. „AlleMasken sindDämonen, alleDämonen sind Herren der Masken“, sagen die Kobeua. Koch-Grünberg, dem wir die eingehendste brasilianische Maskenforschung verdanken, schreibt anläßlich der Kobäua-Maskentänze beim Totenfest,

„alle Masken stellen Dämonen dar. Die Phantasie der Indianer bevölkert die ganze Natur mit bösen und guten Geistern, die auf Leben und Sterben einen großen Einfluß ausüben. Keine Krankheit, zumal keine innere, deren Wesen der Indianer sich nicht erklären kann, führt er auf natürliche Ursachen zurück, vielmehr schreibt er Krankheit und Tod, wie überhaupt alles Unheil und damit auch den Tod des Stammesgenossen, dem die Maskenfeier gilt, der Rache eines bösen Geistes oder eines mit dämonischer Macht ausgestatteten Feindes zu. Dieses Suchen nach der verkörperten Ursache aller Leiden und Freuden spricht sich auch in den Maskentänzen aus. Hier treten redend und handelnd alle Geister mit ihrem Gefolge von Tieren des Wassers, der Erde und der Luft, die aber wiederum Dämonen darstellen und die einzelnen Tierklassen repräsentieren, zum Teil mit vorzüglicher Mimik auf……Der Dämon der Maske geht auf den jeweiligen Tänzer über, der sich mit ihr bekleidet. Am frühen Morgen nach Ausgang des Totenfestes, wenn die Masken in den Flammen aufgegangen sind, verlassen die Dämonen ihren vorübergehenden Aufenthaltsort und begeben sich nachTäku, dem Maskenjenseits, oder in ihre auf einem anderen Gebirge oder in einer anderen Stromschnelle gelegene Wohnung.“

Eigenartige Topfhelmmasken mit symbolischer Bemalung tragen die Pueblo-Indianer, die Hopi und Zuni, bei ihren Kulthandlungen (z. B. der Katschinabund), die in einem Analogiezauber die Beeinflussung der Natur erwirken sollen. Die maskierten Kulttänze der „ Schlangengesellschaft “, wobei es sich um Regenzauber handelt, haben eine gewisse Berühmtheit erlangt. In der Verewigung seiner Mythologie schreitet der Nordwestamerikaner als Künstler an der Spitze. Als Maskenschnitzer steht er in der lebendigen Formensprache mit Ehrgeiz neben Japan. Er zaubert die Gesichter seiner Legenden weithinausgreifend in seine Clans. In dramatischen Episoden wird die Erlangung des Schutzgeistes, die Weltzeit einer romantisch ererbten Indianerkultur abenteuerlich in seinen Geheimbünden widergespiegelt, die Vergangenheit der Heroen stammhaft in das Heute sinnbildlich eingetaucht. Die schicksalshafte Bewegung der unerhört vollendeten hölzernen Klappmasken mit den fanatisch bohrenden Doppelgesichtern erzählt von den plastischen Einfällen dieser ungeheuerlich geistschweifenden Nordmenschen. Bis zu den Eskimos Alaskas hinein zieht sich die urdunkle Huldigung in der Maske, altgewohnte Erinnerungen einer ruhelosen schrankenlosen Weihe und Schönheit.

Die gleichen Linien vollendet das menschliche Gestirn in Afrika und in der Südsee, äußerlich wohl überschaubar, als spiritueller Niederschlag wandelbar, im Großen als abgeschlossener Prozeß dünkend. Aus verheißender Erinnerung schafft die Maske weiter. Krieg oder Jagd stellen als Trophäe wohl ihre Gestalten auf, doch die Frömmigkeit des Geschlechts kreist parabolisch umTiere und Ahnen, umTote und entschwundene Geister. DieErlebnisse aus den Geheimbünden umranken als nährende Pole unsichere zaghafte Skeptiker und kommen in der Sendung der Maske zu geheimnisvollem Ineinanderspielen. Bald ist der Maskengeist Richter, bald ist er ein von Ahnen Besessener, ob in Holz, ob in Stroh, ob im menschlichen Schädel, kunstvoll konstruktiv ausgebaut, bald ist er ein Unterweiser in allerhand nützlichen, sozialen und sakralen Dingen, wie das Zeremoniell der „Bundu“-Gesellschaft (Topfmasken) für junge Mädchen, die eine regelrechte Erziehungsinstruktion mit kultlichen, sexuellen und praktischen Anleitungen im Urwaldbusch der Sierra Leone durchlaufen, während der „Poro“ seine Pädagogik den Knaben angedeihen läßt; dagegen etwa der „Purrah“-Bund eine Justiz- und Fem-organisation für Schuldige und Lästerer darstellt, ähnlich in Joruba derEgun-gun- und Ogbonibund. Oder der Mukisch im südöstlichen Kongobecken zieht als Scheinteufel herum,vielleicht als fortlebenderAhne gedacht, um aus den Wäldern böse, schreckhafte Geister zu vertreiben. Die fröhliche, maskenhafte Erstarrung in voluminöse Tierköpfe, etwa bei denTschamba und Jukum, wo Büffel- oder Alligatorenmasken, totemistisch-manistisch in Tiefen mahnen, bei Ernte, Beschneidung und Leichenfest, ihre bunte Mystik demonstrieren, kontrastiert mit der aus Blut geborenen herben Strenge der Aufsatzmasken vom Cross-River, wo hartgeschnitzte Negerköpfe mit Antilopenhaut (vielleicht früher sogar mit Sklavenhaut) überzogen, den Kopf des Trägers überkrönen. Klobige Juju-Köpfe auf Tänzern mit langen Fasernmänteln behängt, von einer genügsamen einfachen Plastik geben fremdartigem Ahnendienst stilschaffende Nahrung.

Das Theater der Masken in der Südsee zu interpretieren, bedeutete eine ethnographische Sonderarbeit. Eine Analyse zu geben ist hier nicht der Ort. Von den Schildpattmasken der Torres-Straße über Neuguinea, über Melanesien, bis hinauf zu den Karolinen, bis hinab nach Polynesien schäumt die Kultur der Maske, wird überall zum kostbaren Ereignis seit Urväterzeit her. Sie ist der heilige Gehilfe nachwirkender Geisterhände, bleibt dies, auch wenn rohe politische Machtinteressen sich an ihr vergreifen wollen. Holzgestelle, Tapa, Rotang, der menschliche Schädel, bei bunter Bemalung, unter Verwendung von Einsatzstücken, all dies formt eine Plastik, ein Schnitzwerk von ungeheuerer Zauberkraft und harmonischem Gewirr. Für solche Dinge muß man ein besonderes Organ mitbringen, oder man erblickt sonst nur Flügelmasken, Raupenhelmmasken, geflochtene Rüsselmasken und anderes. Neben der typischen Tanzmaske (tatanua) steht der Träger der Ahnenverehrung, die Gedächtnismaske (kepong), die im Maskenhaus behütet werden. Der Schädel der erschlagenen Feinde oder der Angehörigen oder der Häuptlinge wird verehrt. Oder der Duk-Duk- Geheimbund mit seinen plumpen Blätterwerkmasken, in einen konischen Hut endend, gibt ein monatelanges Fest, oder er kommt mit dem Tubuan zu einer Totenzeremonie. Die Farbenschönheit der Sulkamasken sind jedem Museumsbesucher bekannt. Die hareiga der Baining (Gazellenhalbinsel), eines Papuavolkes, die groteskeste Maske der Erde wohl, von 10—30 m Höhe. Unerschöpflich das Arsenal, das hier in kaum ahnbarer Vorstellung zu mythischen Materialisationen verschmilzt. Bismarck-Archipel, French-Inseln, Salomo-Inseln, Banks-Inseln, Neuhebriden, Neukaledonien. Ein endloser Zug, der den Urwillen der Menschheit rhythmisiert auftanzen läßt, der eine Verschlingung von Mensch und Göttern kunstvoll verdichtet, um in der Maskenentlehnung ein irisierendes Gesicht seltsam tiefer Geschehnisse auszuleben.

Von den bemalten Riesen in der Velprozession der Tamilen auf Ceylon bis zum Karneval in Nizza reiht sich ein Chor maskierter Leiber…….. die Spannweite durch fremde Völker ist groß, doch in der psychischen Reaktion von den gleichen Triebkräften gezeugt und belebt.

Text und Bild aus dem Buch: Masken (1922), Author: Utzinger, Rudolf

Abbildungen aus dem Buch:













































Bildverzeichnis:

3. Angeblich Pergamon. Slg. Lecuyer. Inventar der Terrakotten 7810. Altes Museum, Berlin.

4.Griechenland. Inv. d. Terrakotten. 6623. Altes Museum, Berlin.

5.Tanagra. Inv. d. Terrakotten. 7589. Altes Museum, Berlin.

6. Selymbria. Thrakien. Inv. d. Terrakotten. 6623. Altes Museum, Berlin.

7. Pompeji. Weibliche Theatermasken. Museum Neapel. (Phot. Dr. F. Stoedtner, Berlin.)

8. Theben. Inv. d. Terrakotten. 8328. Altes Museum, Berlin.

9. Oberbayern (Partenkirchen). Männliche Maske mit Bart und Warzen. Aus Privatbesitz.

10. Oberbayern (Partenkirchen). Maske einer alten Frau. Aus Privatbesitz.

11. Lötschental, Kanton Wallis, Schweiz. Ethnographisches Museum, Bern.

12. Teufelsmaske aus Mittersill im Pinzgau. Museum Carolino-Augusteum, Salzburg.

13. Priestermaske. Tibet. Linden-Museum, Stuttgart.

14. Maske der Göttin Lha-mo, Gemahlin des Lha-ch’en = Mahädwa. Tibet. J D 8500. Museum für Völkerkunde, Berlin.

15. Maske des Hua-schang. (vergoldete Pappe). Tibet J D 24353a. Museum für Völkerkunde, Berlin.

16. Affenmaske für den Teufelstanz. Ceylon. I C 16963. Museum für Völkerkunde, Berlin.

17. Tigermaske. Ceylon. I C 14932. Museum für Völkerkunde, Berlin.

18. Teufel der Taubheit (links mit einer Kobra). Ceylon. 7301. Linden-Museum, Stuttgart.

19. Siam. Dämon. (Angebl. Soldat.) Theatermaske.

20. Theatermaske „Wilder“. Siam. I C 11267. Museum für Völkerkunde, Berlin.

21. Maske des Lodjuna. Java. I C 26906. Museum für Völkerkunde, Berlin.

22. Theatermaske. Java. I C 24931. Museum für Völkerkunde, Berlin.

23. Vogelmaske (Rhinozerosvogel, der mythischeVogel derVölker Indonesiens und Melanesiens, der die Seele ins Jenseits trägt) wird bei Hochzeit und Beschneidungsfest benutzt, Maske für die Topingspiele (ähnlich bei den Battak auf Sumatra). Borneo, Landak Dajak. Linden-Museum, Stuttgart.

24. Tanzmaske aus Holz. Sumatra, „tumput tumput“. 4175. Linden-Museum, Stuttgart.

25. Japan. Maske aus Holz. Privatbesitz.

26. Maske aus Holz. 50696. Japan. Linden-Museum, Stuttgart.

27. Törn-Maske. Japan. J D 4967. Museum für Völkerkunde, Berlin.

28. Chüjö-Maske. Japan. J D 4980. Museum für Völkerkunde, Berlin.

29. Uba = Greisin, Maske. Japan. J D 4966. Museum für Völkerkunde, Berlin.

30. Japan. J D 5024. Museum für Völkerkunde, Berlin.

31. Schamanen-Tanzmaske „Narogangoak“ vom Kaskoquimfluß, Alaska. Sammler Jacobsen. IV A 5146. Museum für Völkerkunde, Berlin.

32. Zeremonialtanzmaske (Adlerkopf) der Bilchula, Nordwestamerika. Geschlossen. Linden-Museum, Stuttgart.

33. Dieselbe Tanzmaske, in geöffnetem Zustande, vermutlich die Sonne darstellend. Linden-Museum, Stuttgart

34. Tanzmaske aus kalt gehämmertem Kupfer. Tlinkit, Nordwestamerika. Sehr selten! Linden-Museum, Stuttgart

35. 36. Holzmasken zum Austreiben böser Geister. Irokesen. Linden-Museum, Stuttgart.

37. Schädelmaske (Menschenschädel) mit blauem und rotem Mosaik belegt. Altmexico. IV C 7160. Museum für Völkerkunde, Berlin. Kostbare Verzierung der Vorderseite mit musivischer Arbeit. Vorderseite mit einer 1—5 mm dicken dunkelbraunen Harzschicht überzogen, hierin sind im allgemeinen 1 mm dicke geglättete Steinplättchen eingelegt. Türkisen, himmelblau bis blaßgrün. Der Rand um die Zähne mit roten Plättchen (Conchylienschale) ausgelegt. Diese seltenen Mosaikmasken waren bereits Albrecht Dürer bekannt Veröffentlichung aus dem Museum für Völkerkunde, Berlin. 1. Band. 1. Heft. 1889. W. Lehmann: Altmexicanische Mosaiken und die Geschenke König Motecuzomas an Cortez. Globus 1906. Band 90.

38. Tanzmaske der Kekchi-Indianer (Mayastamm). Guatemala. Linden-Museum, Stuttgart

39. Kongo. Bena Mpassa (Bassengestamm) nach Leo Frobenius. 43811. Linden-Museum, Stuttgart.

40. Balihochland. Kamerun. Linden-Museum, Stuttgart.

41. Ibibio. Zwischen Niger und Cross-River. Linden-Museum, Stuttgart

42. Tanzmaske aus leichtem Holz, mit Basthaar, Höhe 43 cm. Kongo. Urua. Lualaba-gegend. 58691. Linden-Museum, Stuttgart.

43. Sepikfluß. Neuguinea. Linden-Museum, Stuttgart

44. Astrolabe-Bay. Neuguinea. Linden-Museum, Stuttgart

45. Neupommem (Neubritannien). Linden-Museum, Stuttgart.

46. Baining. Gazellenhalbinsel (Neupommem). Linden-Museum, Stuttgart.

47. French Islands, nördlich von Neupommern. Linden-Museum, Stuttgart.

48. Tanzmaske aus Holz, Gesicht weiß gestrichen, 69 cm hoch, 42 cm breit, für Tapuanu, Brotfruchtkult Linden-Museum, Stuttgart.