Mecklenburg – Mittelalter und Renaissance

Mittelalter und Renaissance

Mit der deutschen Wiederbesiedlung unter Heinrich dem Löwen beginnt Mecklenburg im Laufe des 12. und 13. Jahrhunderts seinen geschichtlichen Entwicklungsgang innerhalb des deutschen Raumes als Grenzland, und diese Tatsache drückt den ersten Jahrhunderten seiner Geschichte den beherrschenden Stempel auf. Die Menschen eines Grenzlandes sind stets Kämpfer und Siedler zugleich. In der Härte und dem schwerblütigen Emst ihres Daseinskampfes verkörpern sie wohl die Pioniere jeder Kultur, aber deren tiefere Ausbildung und geistige Durchdringung müssen sie zumeist einem späteren Geschlecht überlassen, das über mehr Ruhe und Muße verfügen kann.

Schon der Emst ihres Kampfes macht diese Menschen schweigsam, mehr noch aber die in sich ruhende Stille der norddeutschen Landschaft, in der sich ihr Schicksal erfüllt. Mag nun an Sommertagen die Sonne über ährenschweren blaßgelben Kornfeldern, fernen bläulichgrünen Wäldern und lustig rotem Mohn am Rain der staubigen Feldwege glänzen oder an trüben Herbstabenden die herbe Schwermut der norddeutschen Tiefebene ihre Schleier über die regen-zerwaschenen Fluren senken — immer atmet dieses Land eine große feiertägliche Ruhe. Und diese innere Gelassenheit teilt sich auch den Menschen mit, die es bebauen. Es liegt ihnen nicht, viel Wesen von sich selbst zu machen. Das Blendwerk marktschreierischen Eigenlobes ist ihnen fremd und verächtlich und der eigenen Leistung zu gedenken, erscheint ihnen leicht nicht nur überflüssig, sondern auch fast imehrenhaft, so stark empfinden sie die Selbstverständlichkeit ihres Schaffens. Diese Bescheidenheit jedoch birgt eine große Gefahr, im lauten Getriebe der Welt vergessen und übergangen zu werden. Obwohl Mecklenburgs Leistung vor der Geschichte wahrlich nicht gering zu veranschlagen ist, gehört es auch heute infolge dieser Eigenart im Grunde noch zu den Stiefkindern des deutschen Raumes, da es niemals von seiner Arbeit sprach. Eine immer rastloser und oberflächlicher werdende Zeit aber glaubte in dem Fehlen des Eigenlobes zugleich das Fehlen eigener Schöpfungen zu sehen. So wurde Mecklenburg, noch krankend an den Nachwehen des Feudalismus und der Leibeigenschaft, im Zeitalter des Liberalismus zu einer Terra incognita, zum schlafenden Land, wo die Zeit stillzustehen schien. Einer seiner besten Söhne, John Brinckman, klagte selbst in grimmigem Spott:

„Und wenn der Zeitsturm grell vorüberfuhr

Dann schnarchtest du ein wenig lauter nur . .

Bismarck schreibt man — wohl zu Unrecht — das Wort zu,

wenn die Welt einmal unter gehen sollte, so würde er nach Mecklenburg gehen, denn dort ginge sie erst fünfundzwanzig Jahre später unter.

Doch selbst die zweihundert Jahre der Feudalherrschaft mit ihren verheerenden Folgen, auf welche dieser Spott gemünzt war, waren nicht Jahrhunderte des Stillstandes, sondern des tiefsten Leides und eines steten und verzweifelten Ringens um die innere Genesung und das geistige Wiedererwachen. Steigt man tiefer in die Geschichte hinab, so zeigt sich sehr bald, daß Mecklenburg einstmals seine kulturtragende Rolle im Ostseeraum wohl versehen hat, und diese Erkenntnis weist wie von selbst den Weg zu der neuen Sendung, welche Mecklenburg als Mittlerin in wirtschaftspolitischer wie kultureller Hinsicht nach der Neuordnung der Verhältnisse im Ostsee- und im skandinavischen Raum zufallen wird. Zugleich aber enthüllt die Kenntnis der geschichtlichen Entwicklung des Landes vollkommen eindeutig die Tatsache, daß Mecklenburg seinen Weg als echtes Bauernland begann. Und es ist sicherlich kein zufälliges Zusammentreffen, daß seine erste Kulturblüte verwelkte, als die Ritterschaft daran ging, eine feudale Lebensordnung aufzurichten und den Bauern unter das Joch der Leibeigenschaft zu beugen.

Schon vor der Abwanderung der germanischen Stämme zur Zeit der Völkerwanderung war Mecklenburg ein Bauernland; wie die zahlreichen Fundstätten lehren, ohne Zweifel dicht besiedelt, und nach den kunstgewerblichen Erzeugnissen wie dem berühmten Kesselwagen von Peckatel oder dem Horn von Wismar zu urteilen, von einer beträchtlichen Kulturhöhe. Doch mit der Völkerwanderung bricht diese Entwicklung jäh ab. Das Land wird menschenleer, und im Laufe des 6. Jahrhunderts dringen slawische Stämme in den verödeten Raum vor, deren kulturelles Leben noch auf recht irrtümlicher Stufe stand. Erst die deutsche Kolonisation knüpft mit der Verdrängung des Slawentums wieder an die alte Überlieferung an. Im 13. Jahrhundert, dem heroischen Jahrhundert der mecklenburgischen Geschichte, wie man es wohl genannt hat, schafft der deutsche Bauer das deutsche Land Mecklenburg neu. Nicht die Kirche ermöglicht die Kolonisation, sondern die bäuerliche Siedlung schafft im Gegenteil erst die Grundlage für das Wirken der Geistlichkeit.

Von Anbeginn an wirkte sich dabei die kulturelle Überlegenheit der deutschen Siedler entscheidend aus. An die Stelle des primitiven hölzernen Hakenpfluges der slawischen Stämme trat der Eisenpflug, der auch die Bearbeitung schwererer Böden ermöglichte, überall wird das Ackerland neu vermessen, nach deutscher Art in Hufen gelegt und an Stelle der wilden Feldgraswirtschaft der Slawen die altgermanische Dreifelderwirtschaft wieder eingeführt, d. h. der Wechsel zwischen Winterung, Sommerung und Brache. Mutig wagte sich der deutsche Siedler jetzt auch an die Rodung der Buchenwälder auf den schweren Moränenböden, die zahlreichen mecklenburgischen Hagendörfer entstanden.

Wirtschaftlich und rechtlich galten im neuen Grenzland für die nächsten Jahrhunderte jene Verhältnisse, welche die Siedler aus ihrer zumeist niederdeutschen Heimat mitbrachten. Die Siedlung selbst vollzog sich im allgemeinen in der Form, daß der Landesherr als Eigentümer des Grund und Bodens erfahrene Mittelsmänner, die sogenannten Lokatoren — in der Mehrzahl deutsche Ritter —, mit Grund und Boden belehnte und ihnen damit gleichzeitig die Aufgabe übertrug, auf diesem Boden die Siedler anzusetzen. Damit blieben diese wohl wirtschaftlich an den Grundherrn gebunden, persönlich jedoch frei. Der mecklenburgische Bauer des Mittelalters saß entweder als Erbpächter oder als Erbzeitpächter auf seiner Hufe. Im ersteren Falle war der Hof unkündbar, im zweiten bestand das Erbrecht nur als Gewohnheitsrecht. Gebäude und Hofwehr waren in jedem Falle Eigentum des Bauern. Er genoß das Vorrecht des freien Mannes, Waffen zu tragen und vermochte als Schöffe selbst an den Gerichtstagen das Recht zu finden, ja nicht selten treffen wir ihn sogar als Schiedsrichter bei Rechtsstreitigkeiten zwischen Rittern. Die Abgaben, welche er an den Landes- und den Grundherrn wie die Geistlichkeit zu zahlen hatte, waren im allgemeinen anfangs gering und stellten keine übermäßige Belastung dar. Der Ritter als Grundherr war seinem Besitz nach fast allerorts nicht mehr als ein größerer Bauer. Sein Eigenbesitz an Hufen lag verstreut unter den bäuerlichen Hufen, er selbst wohnte vielfach mitten im Dorfe, ja des öfteren sind sogar mehrere Rittersitze in ein und demselben Dorfe bezeugt, was nicht für eine übermäßige Größe derselben noch für prunkvolle Bauten spricht. Aus all dem ergibt sich leicht die Tatsache, daß der mecklenburgische Bauer bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts hinein weit besser als seine Schicksalsgenossen in Mittel- und Süddeutschland gestellt war. Während Frankreich schon im 14. Jahrhundert das Grauen der Jacquerie erlebt, während sich in Mittel- und Süddeutschland zu Beginn des 16. Jahrhunderts allerorts die gequälten und verelendeten Bauemmassen gegen ihre adeligen und geistlichen Bedrücker erheben, kennt Mecklenburg bezeichnenderweise damals solche Erscheinungen überhaupt nicht. Erst spät wird es im 18. Jahrhundert seinen Bauernkrieg unter ganz anderen Bedingungen erleben.

Erst zwischen 1550 und 1560 setzt auch in Mecklenburg allmählich die Entwicklung zum adeligen Großbesitz und zur Entrechtung der Bauern ein. Infolge der zunehmenden Entwertung des Geldes durch den Einstrom von Silber aus den spanischen Besitzungen in Südamerika sah sich der Ritter zu einer Steigerung seiner Einnahmequellen gezwungen. Dazu kam die wirtschaftliche Konjunktur dieser Jahrzehnte als weitere mächtige Antriebskraft; England, Holland und Spanien benötigten damals in zunehmendem Umfang Getreide, wodurch sich auch für die mecklenburgische Landwirtschaft imgeahnte neue Absatzmöglichkeiten ergaben. Die steigenden Getreidepreise aber wurden für den Grundherrn ein ständig stärker werdender Anreiz zur Erweiterung seiner Betriebsfläche, um höhere Erträge zu erzielen. Anfangs warf sich der Ritter wohl, dem Beispiel Herzog Magnus II. (1477—1503) folgend, der auf eigene Rechnung Getreide nach England, Frankreich, Spanien und Portugal ausgeführt hatte, selbst auf den Getreidehandel, indem er das Getreide seiner Bauern aufkaufte, ein Vorgang, mit dem sich zugleich der Eintritt der mecklenburgischen Ritterschaft in das Wirtschaftsleben vollzog. Einzelne ihrer Vertreter müssen es dabei schon damals zu bedeutenden Kapitalien gebracht haben, denn von Kuno Hahn auf Basedow (1540—90) wissen wir, daß er mehrfach dem Kaiser beträchtliche Summen geliehen hat.

Bald überwog indes bei den Grundherrn naturgemäß der Wunsch nach Eigenerzeugung dieses händlerische Vorgehen. Die Voraussetzung für seine Verwirklichung aber bildete eine Vermehrung des Hoflandes. Infolge der beständigen Finanznöte des Landesherrn war längst für gutes Geld überall im Lande die Gerichtsbarkeit auf den Grundherrn übergegangen. Damit war diesem das wichtigste Rechtsmittel überantwortet. Und als nun durch die großen Rostocker Rechtsgelehrten der Renaissancezeit, Friedrich Husanus und Ernst Cothmann, in zunehmendem Maße die Lehren des Römischen Rechtes Geltung erlangten, erhielt der Grundherr alle notwendigen Rechtsunterlagen, um den Bauern seines Bodens zu berauben und diesen dem eigenen Besitz hinzuzufügen. Mit dem Eindringen römischen Rechtsdenkens entwickelte sich ein neues Besitzverhältnis. An die Stelle des Lehngutes trat jetzt vielfach das Allodialgut, das freie Eigentum eines Privatmannes, die Voraussetzung für die Bildung jeglichen Latifundienbesitzes wie jeglichen Güterschachers, und mit ihm wandelte sich auch der Besitzer nunmehr aus dem Lehnsmann und Krieger des Mittelalters zum Gutsherrn und Landwirt der beginnenden Neuzeit. Friedrich Husanus (1566—1592), der Sohn eines herzoglichen Kanzlers, der selbst umfangreiche Güter besaß, stellte 1590 in einem eigenen Werke über die Leibeigenschaft die These auf, daß kein Staat in Wahrheit ohne Sklaverei auszukommen vermöchte und suchte aus der angeblichen Tatsache der Unterjochung der wendischen Bauern durch die sächsischen Herren das Sklaventum aller mecklenburgischen Bauern abzuleiten, die somit stets als Leibeigene Frondienste geleistet hätten.

Die ungeheuerliche Verzerrung und Verdrehung der Geschichte, welche aus dieser Behauptung spricht, liegt für uns heute klar auf der Hand, allein damals fügte sie sich allzugut in den Geist der Zeit und entsprach allzusehr dem wirtschaftlichen Vorteil der Herrenschicht, als daß sie nicht mit Begeisterung wie ein Evangelium begrüßt wurde. Freilich gab es zunächst noch außer dem Bauernland die durch die Reformation freigewordenen Ländereien der Klöster und genug ödes oder wieder wüst gewordenes Land, das der Grundherr für seine Zwecke in Anspruch nehmen konnte, aber der grundlegende Schritt für die Entwicklung der Grundherrschaft mit ihrem aus dem Mittelalter überkommenen Streubesitz zum geschlossenen Gutsbesitz der Neuzeit war mit der Einführung des neuen Rechtes doch getan.

Die Vergrößerung der Eigenwirtschaft des Ritters hatte zwangsläufig eine Verminderung der Zahl der abgabe- und dienstpflichtigen Bauern zur Folge, so daß die Abgaben und Dienste für die Verbleibenden sich in gleichem Maße erhöhten. So zog ein Schritt mit unheimlicher Folgerichtigkeit den anderen auf dem Wege zum Verderben nach sich. Der Bauer, der zumeist über keinerlei schriftliche Eigentumstitel für seine Hufe verfügte, sondern nur das altgermanische Gewohnheitsrecht des Besitzes von altersher geltend machen konnte und zudem ohne Gemeinschaftsverband war, befand sich dabei von vornherein im Nachteil. Seine endgültige Niederlage war unvermeidlich. Der Landesherr, der einzige, der ihm schon aus ureigenem Interesse heraus Schutz gewähren konnte, vermochte dies längst nicht mehr, da er infolge seiner Verschuldung zum Spielball in der Hand der landgierigen Stände geworden war. Seit 1523 hatten sich diese zwecks Wahrung ihrer Rechte zu einer Union gegen den Landesherm zusammengeschlossen, in der Ritterschaft, Geistlichkeit und Städte brüderlich Seite an Seite standen. Vom Jahre 1561 ab flössen nicht einmal mehr die Steuergelder in die herzogliche Renteikasse, sondern in den vom Schuldentilgungsausschuß der Stände betreuten sogenannten „freiwilligen Hilfskasten“, der als späterer Landkasten bis 1918 die eigentliche Landessteuerkasse Mecklenburgs darstellte. Trotzdem aber setzte sich der Bauer, wo er irgend konnte, mit verzweifeltem Mute zur Wehr, um sich seinen Besitz zu erhalten. Das Land sah mehr als eine Michael-Kohlhaas-Tragödie. Zahlreiche Prozesse, in denen mecklenburgische Bauern bis zum Reichskammergericht gingen, legen Zeugnis sowohl für deren Unabhängigkeitssinn wie für ihre wirtschaftliche Kraft ab, und diesem zähen Widerstand ist es zu danken, daß Mecklenburgs Charakter als Bauernland bis zum Dreißigjährigen Krieg im großen ganzen gewahrt blieb.

Diese Erörterung ist nicht ohne Absicht an den Beginn dieser Untersuchung gestellt worden. Kulturgeschichte ist zugleich und in erster Linie Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Keine Kultur gedeiht im luftleeren Raum als etwas Abstraktes, sondern ist durch tausendfältige Bande verknüpft mit den rassischen und bödenmäßigen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingtheiten des Raumes, aus dem sie erwächst. So sind auch die ersten Mittelpunkte des sich mit der Vollendung der deutschen Wiederbesiedlung mm in Mecklenburg entfaltenden künstlerischen und geistigen Lebens, die Klöster und die Städte, fest gebunden an die bäuerliche Struktur dieses Siedlungsgebietes.

Gerade die Städte, die im 12. und 13. Jahrhundert zumeist in Anlehnung an einstige wendische Burg- oder Marktplätze entstehen — Schwerin 1160, Rostock 1218, Wismar 1226 (?), Güstrow 1228 —, stellen eine der bedeutsamsten Leistungen der deutschen Kolonisation dar. Als Kultur- und Handelszentren gewinnen sie schnell an Macht und Ausdehnung. Neben Lübeck werden Rostock und Wismar, die mecklenburgischen Seestädte, durch den Rostocker Bund von 1283 zu einer der Keimzellen der Hanse. Vor allem in Oslo in Norwegen gewannen die Rostocker Kaufleute eine beherrschende Stellung. Die Bergen- und Schonenfahrt, der Handel mit den baltischen Ländern und dem russischen Stapelplatz Nowgorod, Frachten nach England und Südfrankreich machen alsbald ihre Kaufmannsgeschlechter reich. Der aufstrebende bürgerliche Erwerbssinn wie der Einfluß der damals noch allmächtigen Kirche werden hier zu den Triebkräften der ersten Äußerungen heimischen .Kulturwillens und künstlerischen Schaffens, wie sie sich in den gewaltigen Backsteinkirchen offenbaren. 1171 ist das Gründungsjahr des Schweriner Doms, und im gleichen Jahrhundert noch wird der Grundstein zu St. Petri in Rostock gelegt. Im 13. Jahrhundert folgen dann die drei anderen großen Pfarrkirchen Rostocks, St. Marien, St. Jakobi und St. Nikolai, die Kirchen von Wismar, an der Spitze St. Marien und St. Jürgen, der altehrwürdige Dom zu Güstrow, die herrliche Kirche der Cistercienserabtei zu Doberan. Alle diese ragenden Bauten sind dem Geiste der Zeit entsprechend echte Gemeinschaftsleistungen, kaum daß uns einmal wie bei der Doberaner Kirche die Namen einzelner Werkmeister überliefert sind. Nur in Rostock wird uns verhältnismäßig spät ein berühmter Kirchenbaumeister genannt, Johann Rumeschotel, der hier an der Marienkirche baute und 1408 nach Riga berufen ward, wo er die Petrikirche erbaute.

Sonst tritt das Ich, die Einzelleistung irgendeines Individuums, wie in der Frühzeit jeder echten Kultur bei dieser Fülle stolzester Backsteinbauten, in der Mecklenburg alle Länder des Nordens übertrifft, völlig in den Hintergrund. In vollendeter Weise prägt sich in ihnen der Geist jener heroischen Zeiten aus. Mit ihren wuchtigen Massen, ihren klotzigen ungefügen Türmen, die sich trotzig über das flache norddeutsche Land recken, ihren gewaltigen Strebebögen, welche oftmals die Höhenwirkung des Gesamtbaus ins Riesenhafte steigern, sind sie Ausdruck einer stolzen Frömmigkeit sowohl wie wehrhafter Kraft. Aus ihnen spricht die gleiche Urkraft und Bodenverbundenheit niederdeutschen Stammes, die aus den stolzen Stadttoren von Rostock, Ribnitz, Teterow, Malchin, Friedland und Neubrandenburg redet. Diese Baukunst gehört ihrer inneren Haltung nach Menschen an, bei denen die Willenskraft im Vordergrund ihres Handelns und Denkens steht. Alles Spielerisch© und Selbstgefällige ist ihr fremd. Zugleich aber ist sie zutiefst der heimischen Landschaft verbunden. In ihr wahrt sich Mecklenburg in stolzer Eigenart die geistige Selbständigkeit seiner Landschaft wie seiner Menschen.

Trotz der schwerfälligen Wucht der Massen, mit denen sie arbeitet, wirkt diese Kirnst dennoch niemals roh. Die verschollenen Werkmeister dieser alten mecklenburgischen Bauhütten wußten vielmehr sehr wohl in strengem Formensinn die gewaltigen Mauerflächen durch Strebepfeiler zu gliedern und aufzuteilen und mit Glasurziegeln von sattem Dunkelgrün oder tiefem Rot oder Gesimsen und Friesen in breiten Horizontalstreifen zu beleben.

Der künstlerische Sinn, von dem diese Schöpfungen zeugen, verrät sich auch im Kircheninneren in der reichen Pfeilerbildung, in dem Schmuck der Altäre, in Schnitzwerk und Bildnissen. Wie alle geistigen Regungen zunächst mit der Kirche als dem Hort der damaligen Bildung verknüpft bleiben, so beginnt auch Mecklenburgs Kunst als Kirchenkunst. Die Dobefaner Altarkunst wird mit dem 14. Jahrhundert führend für die gesamte weitere Entwicklung. Schon früh verraten einzelne Schöpfungen wie die Bronzefünte der Rostocker Marienkirche und die Wismarer Taufe des Gießers „Apengeter ut Sassenland“ eine beachtliche Höhe des heimischen Kunstschaffens. Auch die echt deutsche Kunst der Holzschnitzerei beginnt in Schöpfungen wie dem Triumphkreuz von St. Marien zu Wismar und der Statue der Heiligen Klara aus der Ribnitzer Klosterkirche ihre ersten Triumphe auf mecklenburgischem Boden zu feiern.

Von Doberan nimmt auch die Tafelmalerei ihren Ausgang. Die Grabower Kirche birgt in dem Altar des Meisters Bertram, der auch die Rückseite der Flügel des Hauptaltars im Güstrower Dom gemalt hat, eine der ältesten Inkunabeln deutscher Tafelmalerei aus dem Jahre 1379, eine Arbeit, deren Schöpfer zwar ein gebürtiger Hamburger war und deren Herkunft nach Lübeck weist, die aber nichtsdestotrotz doch dem niederdeutschen Raum angehört. Anders verhält es sich bei dem Altar der Kirche der einstigen Antoniterpräzeptorei Tempzin. Hier haben wir die Arbeit eines Wismarer Meisters aus dem Jahre 1411 vor uns, offensichtlich des gleichen Mannes, der in seiner Vaterstadt den Passionsaltar von St. Jürgen schuf. Mit seinen zahllosen Einzelbildern, bei denen der Künstler seiner reichen Einbildungskraft freien Lauf läßt und seinen prachtvollen starken Farben, leuchtendem Zinnober, kostbarem Ultramarin und reifem Gold, stellt er ein Werk von außerordentlicher künstlerischer Wirkung dar, einen der ersten Höhepunkte heimischen Kunstschaffens. Und daß er durchaus keine Einzelleistung war, lehrt die Tatsache, daß Rostock im gleichen Jahrhundert für eine Weile im gesamten Ostseeraum von Lübeck bis Stralsund die Führung auf dem Gebiete der Tafelmalerei übernimmt. Der Dreikönigsaltar aus dem einstigen Johanniskloster zu Rostock bildet die Vollendung niederdeutscher Tafelmalerei.

Auch die Altarkunst erlebt im gleichen Jahrhundert, dem Zeitalter der Spätgotik, ihre höchste Entfaltung. Der Altar der Bartscherer und Wundärzte der Rostocker Marienkirche, der große Schrein des Hauptaltars im Güstrower Dom, der Thomasaltar und der Hauptaltar zu St. Jürgen in Wismar sind Perlen niederdeutschen mecklenburgischen Kunstschaffens, welche hinter den gleichzeitigen süddeutschen Altarschöpfungen keineswegs zurückzustehen brauchen.

Auf dem Gebiete der Holzschnitzerei ist die große Triumphkreuzgruppe der Malchiner Stadtkirche von geradezu erschütternder Realistik. Den Höhepunkt der mecklenburgischen Kunst des ausgehenden Mittelalters aber bilden unstreitig die 12 herrlichen holzgeschnitzten Apostelfiguren des Güstrower Domes, die um 1530 von einem Schüler des Lübecker Meisters Claus Berg geschaffen worden sind. Hier hat ein ganz gottbegnadeter Künstler gearbeitet, ein Mann ebenbürtig einem Veit Stoß, und zwar imzweifelhaft ein Mecklenburger, denn in diesen Gestalten mit ihrer ungeheuren, fast barocken Bewegtheit und Ausdruckskraft schauen uns weniger die Apostel an, als echte blut- und lebensvolle Landsknechtsnaturen der Zeit, strotzend von gesunder bäurischer Kraft und niederdeutscher Urwüchsigkeit.

Gleichzeitig ist nun im Laufe des 15. Jahrhunderts in später, doch dafür um so schönerer Blüte das geistige Lehen zur Entfaltung gelangt. Abgesehen von dem frühesten Zeugnis mecklenburgischen Geisteslebens, bezeichnenderweise einem Geschichtswerk, wie es der kaum vergangenen Epoche der Wiederbesiedlung mit ihrem kämpferischen Emst entsprach, der Reimchronik des Ernst von Kirchberg, liegen auch hier die ersten Anfänge auf geistlichem Gebiet. Aus dem 13. Jahrhundert ist uns das Passionsspiel des Heiligen Ludolf überliefert. Aus dem geistigen Umkreis der Dobe-raner Cisterciensermönche stammt das berühmte Redentiner Osterspiel, das um 1464 möglicherweise von jenem Peter Kalff verfaßt wurde, der damals Hofmeister des Klosterhofes zu Redentin bei Wismar war. Die Sprache, in der es abgefaßt ist, ist niederdeutsch, und über der geistlichen Verbrämung enthüllen sich doch seine handelnden Personen als echte mecklenburgische Menschen, ein Zeichen, wie lebendig und stark die niederdeutsche Wesensart trotz aller römischen Überfremdung geblieben war. Ähnliches lehrt auch das Rostocker Liederbuch von 1478, das uns als einziges Werk die Kenntnis des niederdeutschen Volksliedes im 15. Jahrhundert vermittelt. Die weltlichen Lieder überwiegen hier bei weitem die geistlichen.

Die Kirche wachte auch als Patron über der Gründung der Rostocker Universität im Jahre 1419. Diejenigen, von denen in diesem Falle freilich die Anregung dazu ausging, waren die Landesherren, die mecklenburgischen Herzoge Johann III. und Albrecht V., welche die Errichtung einer eigenen Universität im Norden längst als ein dringendes Bedürfnis erkannt hatten. Als dritte im Bunde spielte die Stadt Rostock dabei die Hauptrolle, indem sie das nötige ‚Geld zur Verfügung stellte. Mit ihren zahlreichen Klöstern und ihrer großen Anzahl von Geistlichen und Mönchen wie ihrem großen Reichtum als eine der ersten Hansestädte und ihrem Ansehen als Messestadt im Norden, das ihr der seit 1390 bestehende Pfingstmarkt, eine der ältesten deutschen Handelsmessen, lieh, schien sie wie geschaffen dazu, den Resonanzboden für eine Hochschule abzugeben. Freilich mißtraute zunächst der Papst in Rom dem ketzerischen Geist der Norddeutschen und verweigerte der neuen Universität die theologische Fakultät, die sie erst 1432 zugebilligt erhielt. Trotzdem aber ist das Jahr 1419 von der größten Bedeutung für die kulturelle Entwicklung Mecklenburgs. Für mehr denn ein Vierteljahrtausend wird Rostock als älteste Universität des Nordens nun zum geistigen Mittelpunkt des gesamten Ostseeraumes. Norweger haben selbst mehr als einmal die überragende Rolle Rostocks in der Geschichte des norwegischen Geisteslebens betont. In Schweden galt Rostock für die nächsten zweihundert Jahre trotz der im Jahre 1477 erfolgten Gründung der Universität Upsala als vornehmste Hochschule. Von Dänemark, dessen geistiges Leben entscheidend von Rostocker Gelehrten beeinflußt und geformt wird, ganz zu schweigen. Selbst bis in die baltischen Länder reicht der Einfluß der neuen „Leuchte des Nordens“.

Die Gründung der Universität fiel in eine entscheidende Stunde der Geschichte des abendländischen Geisteslebens, in der sich an den hohen Schulen die Welten des Glaubens und des Wissens, der Religion und der Philosophie zu scheiden beginnen. In Rostock bewegte sich freilich der Lehrbetrieb während des ersten Jahrhunderts der Hochschule noch ganz in den engen herkömmlichen Bahnen der Scholastik, zumal die meisten Lehrer wie der erste Rektor Petrus Stenbeke selbst Kleriker waren. In fast klösterlicher Abgeschlossenheit bildeten Lehrer und Lernende eine enge Gemeinschaft, wie es an allen mittelalterlichen Universitäten Brauch war. Die Forschung beschränkte sich auf die Auslegung und Erläuterung der Schriften der Alten von Aristoteles und Galen bis zu Avicenna und Thomas von Aquino. Aber obwohl während des 15. Jahrhunderts Bürgerkriege und Seuchen die Universität zweimal zu einem Auszug nötigten, erst nach Greifswald, wo 1456 eine Tochteruniversität entstand, dann nach Wismar und Lübeck, gewann diese doch rasch an Ansehen und Zulauf. Mit 16 000 Studierenden in den ersten 100 Jahren nimmt sie eine der ersten Stellen unter den damaligen deutschen Universitäten ein.

Sehr bald fehlt es ihr auch nicht an bedeutenden Gelehrten, die Rostocks Ruhm weit über seine Mauern hinaus verbreiten. Von 1463 bis 1468 studierte der Geschichtsschreiber und Theologe Albert Krantz, ein gebürtiger Hamburger, in Rostock, wo er alsdann Professor und Rektor Magnificus wurde. Seine historischen Schriften sind auch heute noch nicht ohne Quellenwert. 1509 weilt Ulrich v. Hutten, einer der Bannerträger des Humanismus, vorübergehend an der Universität. Nikolaus Marschalk (ca. 1465—1525), ein gebürtiger Thüringer und einer der ersten Polyhistoren des beginnenden Humanismus, verfaßt eine Reimchronik der Mecklenburgischen Fürsten, schreibt eine Naturgeschichte der Wassertiere und gibt die Anatomie des Italieners Mondino da Luzzi für die Rostocker Universität heraus, der als erster wieder die Sektion von Leichen empfohlen hatte. Von 1492 bis 1494 und von 1499 bis 1506 lehrt der Humanist und Dichter Hinrich Boger in Rostock, von 1501 bis 1511 der Philologe Tileman Hever-ling, der sich dadurch einen Namen erwirkt, daß er die Klassiker in niederdeutscher Sprache erläutert, und weiter finden sich unter den Gelehrten dieser Jahre Namen wie Konrad Celtes und Hermann v. d. Bussche, beides Künder der neuen humanistischen Wissenschaft. Unter den Ärzten ragt um 1514 Reimpertus Gilzheim hervor, der um diese Zeit bereits Leichen sezierte; später um 1525 Janus Cor-narius (1500—1558), ein Schüler des Erasmus von Rotterdam, der Wiedererwecker der Hippokratischen Medizin, der unter Ausschaltung der arabischen Mittler seine Schüler wieder zum Studium der klassischen medizinischen Schriften hinleitet.

Infolge des reichen geistigen Lebens, das jetzt am Ostseestrand sich entfaltete, gehörte Rostock auch zu den ersten deutschen Städten, welche sich die neue Erfindung der Buchdruckerkunst zu eigen machten. Bereits im Jahre 1475 gründeten die Brüder vom Gemeinsamen Leben in Rostock eine Druckerei. Bald folgte Nikolaus Marschalk diesem Beispiel mit einer Druckerwerkstatt, in der er seine eigenen Werke herausgab, und neben ihm vor allem Ludwig Dietz, einer der bedeutendsten Buchdrucker des ganzen Nordens, dessen Erzeugnisse, etwa das berühmte „Narrenschiff“ des Sebastian Brant (Dat nye schip van Narragonien) und der Reinke de Vos, rasch die weiteste Verbreitung erlangten. Eine drucktechnische Rarität allerersten Ranges birgt infolge dieser frühen Blüte auch das Rostocker Ratsarchiv in dem ältesten erhaltenen deutschen Theaterzettel aus dem Jahre 1520, auf dem ein geistliches Schauspiel angekündigt wird, das bei gutem Wetter auf dem Mittelmarkt zu Rostock aufgeführt werden soll. Und mit der Weitläufigkeit und dem Unternehmungsgeist der damaligen Rostocker mag es auch Zusammenhängen, wenn ein Rostocker Kaufmann, Eier Lange, im Jahre 1519 die erste Lotterie Deutschlands in Rostock veranstaltet.

Dieses überreich sprudelnde Leben erfuhr freilich bald darauf durch die Stürme der Reformation eine jähe Unterbrechung. Der Übergang von der geistlichen zur weltlichen Hochschule, wie ihn Luthers gewaltige geistige Revolution allerorten bedingte, vollzog sich in Rostock nicht ohne schwere Kämpfe, die fast den Bestand der Universität an sich in Frage stellten. Bürgerschaft und Studenten bekannten sich wohl früh zu der neuen Lehre, die in Rostock in Slüter ihren Verkünder fand. Desto zäher aber hielt die Mehrzahl der Professoren am alten Glauben fest, so daß die Universität infolge dieses Zwiespaltes zunächst verödete. Erst der bedeutendste aller mecklenburgischen Fürsten, Johann Albrechtl. (1552—1576) erlöste sie aus dieser Krise und verhalf ihr zu neuem Leben. Unter ihm gelangte die Reformation in ganz Mecklenburg zur Durchführung. In der Formula concordiae von 1563 einigten sich Landesherr und Stadt über die infolge der Reformation freigewordenen kirchlichen Befugnisse über die Universität, der Landesherr übernahm an Stelle der Kirche das Patronat, während die Stadt Mitpatron wurde und der Hochschule weiterhin die Gebäude zur Verfügung stellte. Fortan teilte sich das Kollegium nun iu zwei Gruppen, fürstliche und Tätliche Professoren, die indes ein gemeinsames Konzil bildeten.

Mit Johann Albrecht I. beginnt für Mecklenburg das Zeitalter der Renaissance. Nicht umsonst trägt der Baustil dieser Jahrzehnte seinen Namen. Und nicht umsonst stand er im Briefwechsel mit italienischen Renaissancefürsten, wie Cosimo von Medici und den Herzögen Ercole und Alfonso von Ferrara. In den baulichen Schöpfungen seiner Epoche kreuzen sich jetzt italienische und niederländische Einflüsse. Der Machtwille des Fürsten offenbart sich in prächtigen Terrakotta- und Putzbauten. Doch da der Backstein nach wie vor das Material bildet und auch die fremden Baumeister an den heimischen Werkstoff wie an einheimische Handwerker gebunden bleiben, so verleugnen die neuen Schloßbauten, die nun nach dem Willen des Fürstengeschlechtes entstehen, doch niemals ihre heimische Eigenart. Das innere Gesetz der niederdeutschen Landschaft und des niederdeutschen Menschen beugt auch den fremden Einfluß, so daß die Eigenständigkeit der mecklenburgischen Kunst durchaus gewahrt bleibt.

Der Fürstenhof zu Wismar, ein wenig an einen italienischen Palazzo gemahnend, den Johann Albrecht I. 1553 durch seinen Baumeister Erhärt Altdorfer, einen Bruder des bekannten Regensburger Malers, errichten ließ, macht den Anfang dieser Bauten. Ihre Krönung bildet das stolze Schloß zu Güstrow, dessen Bau nach französischen Vorbildern 1558 von Franciscus Parr begonnen wurde. Diese Schloßbauten werden zu Vorbildern für den ganzen Norden. In Dargun erbaut sich Herzog Ulrich von Mecklenburg, ein Bruder Johann Albrechts I., ein Renaissanceschloß, 1571 errichtet Herzog Christoph das Schloß zu Gadebusch. Auch das Schweriner Schloß wird damals im Renaissancestil ausgebaut, ebenso das Schloß zu Bützow. Hie und da folgt auch der Adel, soweit er geldkräftig genug ist, dem Beispiel des Landesherm. 1562 erbauen sich die Maltzahns in Ulrichshusen eine Burg, deren noch vorhandener Teil — das älteste erhaltene mecklenburgische Herrenhaus — an Renaissancevorbilder gemahnt. Um 1570 errichten die Holsteins in Ankershagen ein Renaissanceschloß. Auch die untergegangene Burg der Flotows in Stuer ist offensichtlich ein Renaissancebau gewesen. 1597 lassen die Hahns in Bristow die prachtvolle reichgeschmückte Renaissancekirche erstehen. Ein Schüler des Utrechter Meisters Philipp Brandin, Claus Mi-dow, schafft für die Basedower Hahns die Epitaphien und den Altaraufsatz in der Schloßkirche. Und noch spät erbaut Levin Ludwig Hahn (1668—1728) das berühmte, unlängst leider völlig niedergebrannte Renaissanceschloß in Remplin, einen der prunkvollsten mecklenburgischen Adelssitze.

Johann Albrechts I. Hof wird jetzt zum Spiegelbild des neuen geistigen Lebens. Er selbst muß unter die bedeutendsten deutschen Fürsten der Zeit gerechnet werden. Sein engster Berater, Andreas Mylius (1528—1594), ein gebürtiger Sachse, verfaßt zahlreiche Gedichte, deren Sprache wohl die der Antike ist, deren Inhalt und Empfinden jedoch durchaus modern anmuten und von einer starken Liebe zu seiner mecklenburgischen Wahlheimat und deren ländlichem Leben zeugen. Verse wie:

„Hier wo der Warnow Wellen zart beginnen,

Der Warnow, die zu Rostocks stolzen Zinnen

Hin lenkt den Lauf . . .“

atmen die ganze stille Poesie des Warnowtales und lehren, daß ihr Schöpfer den Ehrennamen eines „Dichters der Wamow“ nicht zu Unrecht trug. Neben ihm weilten fast ständig der berühmte Rostocker Humanist Johannes Case-lius, der Mathematiker und Astronom Tileman Stella, der Schöpfer einer Karte von Mecklenburg und vermutlich schon damals der Leibarzt Angelus Sala, von Geburt ein Italiener, am Hof. Letzterer erwarb sich als Anhänger der Lehren des Paracelsus von dem Werte der Chemie für die Medizin und als Erfinder zahlreicher neuer Arzneimittel einen nicht unbedeutenden Ruf. Dazü gesellte sich eine Schar von Künstlern, voran der Hofmaler Erhärt Gaulrap, ein Schüler des jüngeren Lukas Cranaeh, der flandrische Maler Peter Bökel aus Antwerpen, der holländische Baumeister und Bildhauer Philipp Brandin und die ursprünglich aus Italien stammende Künstlerfamilie der Parr.

Dank Johann Albrecht I. erlebte jetzt auch die Rostocker Universität ihre schönste Blütezeit. Studenten aus allen Teilen des Reiches wie aus Flandern und Brabant, dem skandinavischen Norden und den baltischen Ländern strömten nach Rostock. Jahrzehntelang besaßen die Norweger ihre eigene Burse in der Nähe des Hopfenmarktes. Die Zahl der niederländischen Studenten hatte schon im vergangenen Jahrhundert sich auf vierhundert belaufen. Zahlreiche Fürsten, die zumeist später ehrenhalber jeweils das Rektorat übernahmen, erwarben sich hier ihre Bildung, so ein Graf von Oldenburg, zwei mecklenburgische Herzoge, dänische Prinzen und brandenbürgische Markgrafen, zwei Herzoge von Braunschweig-Lüneburg, einer von Schleswig-Holstein, einer von Pommern und der Herzog Wilhelm von Kurland und Semgallen. Auch hohe schwedische Adelige wie der Graf Rosen führen zuweilen das Rektorat. Schwedens großer Reichskanzler Axel Oxenstiema legte hier den Grund zu seiner Bildung. Für fast ein Jahrhundert wurden nun das beim Bau des Blücherdenkmals abgerissene Auditorium maximum mit seinem schönen Backsteingiebel auf dem Hopfenmarkt, das „Weiße Kolleg“ an der Stelle des heutigen Universitätsgebäudes und die Bursen, in denen Lehrer und Lernende in enger Gemeinschaft nach strengen, fast klösterlichen Regeln lebten, die Regentie zum Einhorn, zum Roten Löwen, zum Adler, St. Olavii oder wie sie sonst heißen mochten, um den Hopfenmarkt zum Mittelpunkt des geistigen Lebens in ganz Nordeuropa.

Fast symbolisch eröffnet ein Flame, der Antwerpener Kaufmannssohn Jacob Bording (1511—1560) die Reihe der großen Rostocker Gelehrten, so aufs neue die alten Beziehungen Mecklenburgs zu Flandern und Brabant, den Ursprungsländern so mancher seiner Besiedler, bekräftigend, gleichsam ein Beweis für die Einheit des niederdeutschen Raumes auch in geistiger Hinsicht. Nachdem Bording in Italien und Frankreich die Arzneikunde studiert hatte, wirkte er von 1550 ab für drei Jahre als Anatom in Rostock und verhalf dem anatomischen Studium an der Universität zu neuem Leben. Fast noch größeren Ruhm aber erwarb er sich durch seine Mitwirkung bei der Berufung des berühmten Humanisten David Chyträus (1530—1600) nach Rostock, des Reorganisators der Universitätsstudien. Geboren als Sohn eines schwäbischen Predigers namens Kochhafe, hatte dieser unter anderem auch bei Melanchthon in Wittenberg studiert. Von ungeheurer Arbeitskraft und nie erlahmendem Wissensdrang war er gleich bedeutend als Theologe wie als Geschichtsschreiber und Philologe. 1568 berief ihn der Kaiser zur Ordnung des Religionswesens nach Niederösterreich, ein Zeichen, wie weit sein Ruf schon gedrungen war und zugleich ein Beweis, daß er den Namen eines Rostocker Melanchthon nicht zu Unrecht trug.

Ihm zur Seite reihen sich würdig der Humanist und Philologe Johannes Caselius (1533—1613) aus einer adeligen geldernschen Familie, dessen Ruhm weit über die Grenzen des Reiches bis nach Italien reichte, und der Jurist Johann Oldendorp (1480—1567), ein Neffe des Albert Krantz und Verwandter des Nikolaus Marschalk, der erste deutsche Rechtsphilosoph und einer der größten deutschen Rechtsgelehrten aller Zeiten überhaupt. Und weiter folgen in bunter Zahl Theologen wie Johannes Draconites, Juristen wie Ernst Cothmann und Johann Georg Godelmann (1559—1611), der als einer der ersten mit für seine Zeit beispielhaftem Mut sich gegen den Hexenwahn wandte, — sowie hundert andere. Jeden von ihnen zu würdigen, würde den Rahmen dieser Arbeit weit übersteigen. Nur auf einige berühmte Ärzte sei noch hingewiesen. Da ist als erster vor allem Heinrich Brueäus (1530 —1593) zu nennen, gleich Bording von Geburt ein Flame, der sich um die Anatomie hoch verdient gemacht hat, in Rostock nach dem Vorbilde des genialen Anatomen Andreas Vesalius die ersten regelrechten Sektionen durchgeführt und eine vortreffliche Arbeit über den Scharbock (Skorbut) verfaßt hat, der unter der seefahrenden Bevölkerung der Ostseeküsten damals eine besondere Rolle spielte. Zu seinen Schülern gehörte kein Geringerer als der berühmte Astronom Tycho de Brahe, der von 1566 bis 1568 in Rostock studierte. Als zweiter folgt Levinus Battus (gest. 1591), gleichfalls ein Flame aus Gent, der in Rostock nicht immer ohne schädliche Übertreibung die Lehren des Paracelsus von der Anwendung der Chemie in der Medizin vertrat. Den Beschluß macht ein heute völlig Vergessener: Franz Joel Primus (1508—1579), ein gebürtiger Deutsch-Ungar, der Sohn eines Schmieds, der sich bis zum Hofapotheker in Güstrow und schließlich bis zum Professor der Medizin in Greifswald hinaufarbeitete. Wenn er selbst auch nicht unmittelbar mit der Rostocker Universität verbunden war, so ging doch sein Hauptwerk, das sechsbändige, in Rostock erschienene Handbuch der gesamten Medizin, aus deren geistigem Umkreis hervor und verbreitete zudem als allgemein anerkanntes Lehrbuch für mehr als hundert Jahre Rostocks Ruhm an allen Universitäten. Vor allem in botanischer Hinsicht brachte es wertvolle Neuerkenntnisse, sein Verfasser erweist sich als ein genauer Kenner aller mecklenburgischen Heilpflanzen und fordert für alle Medizinstudierenden botanischen Anschauungsunterricht mit regelmäßigen Exkursionen. Für dieses ganz modern anmutende naturwissenschaftliche Denken erteilte ihm die Medizinische Fakultät der Universität Rostock ein besonderes Lob, und dieses wundert uns um so weniger, wenn wir hören, daß Rostock als erste von allen deutschen Universitäten bereits im Jahre 1568 über einen Botanischen Garten verfügte!

In Verbindung mit dem Aufschwung des geistigen Lebens an der Universität regen sich auch sonst überall im Lande neue Kräfte. In diesem Jahrhundert entstehen als Horte der Jugenderziehung die altehrwürdigen Lateinschulen, voran die Schweriner Fürstenschule, die Wismarer Stadtschule von 1541, deren reizender gotischer Bau noch heute von dem Reichtum der damaligen Hansestadt zeugt, die Domschule zu Güstrow (1552) und die Große Stadtschule in Rostock (1580), deren erster Rektor Nathan Chyträus wird, ein Bruder des großen Humanisten.

Auch die Schauspielkunst wird jetzt in zunehmendem Maße gepflegt. Hatte schon der Rostocker Theaterzettel von 1520 auf ungewöhnlich frühe schauspielerische Darbietungen hingewiesen, so bot weiterhin seit alters der berühmte Pfingstmarkt Gelegenheit genug zur Aufführung von Burlesken und Fastnachtsschwänken. Um die Mitte des Jahrhunderts nimmt der großen Zahl von Studenten entsprechend die studentische Schulkomödie einen großen Aufschwung. 1558 und 1574 sind uns studentische Theateraufführungen von Tragödien bezeugt. 1578 läßt der Güst-rower Schulmeister Omichius in Rostock eine Komödie „Dionys von Syracus“ im Druck erscheinen. Im Jahre 1600 führen Studenten auf dem Hopfenmarkt die Komödie „Cornelius relegatus“ des Hamburgers Albert Wichgrewe auf, der in Rostock studiert hatte und in seinem nach plauti-nischer Art verfaßten Lustspiel die Unsitten des damaligen studentischen Lebens geißelte. 1605 wird zu wiederholten Malen unter großem Beifall eine Komödie des Magisters Schlee „Susanna“ in der heute nicht mein: vorhandenen Johanniskirche am Steintor aufgeführt, im folgenden Jahre gastiert auch eine Truppe englischer Berufsschauspieler in Rostock, und zur gleichen Zeit setzt der Bergenfahrer Joachim Schlue mit seiner Barockkomödie „Isaak“ der plattdeutschen Sprache ein schönes Denkmal. Auch die Musik findet jetzt in Rostock eine Pflegestätte. 1614 erscheint das Sertum musicale primum des Rostocker Kantors Daniel Friderici, dessen anmutige geistliche und weltliche Kompositionen in ganz Deutschland, der Schweiz und den baltischen Ländern Verbreitung erlangten.

Noch immer aber überstrahlt der Ruhm der Rostocker Universität in diesen Jahren alles andere. Während der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts galt sie für eine der besten Hochschulen des Reiches, zumal Rostock zunächst von den Wirren des über Deutschland hereinbrechenden Dreißigjährigen Krieges wenig zu spüren bekam. Kein Geringerer als Sven Hedin hat das Rostock der Jahre um 1600 einmal eine der bedeutendsten Bildungsstätten der damaligen Welt genannt. Gerade um diese Wende erlebt die Universität in Magnus Pegel einen ihrer genialsten Geister, den man nicht zu Unrecht als den Rostocker Leonardo da Vinci bezeichnen kann und der bisher in seiner einzigartigen Originalität und Geistesfülle viel zu wenig gewürdigt worden ist, wie er denn auch von seinen Zeitgenossen gerade wegen seiner epochemachenden Erfindungen vielfach verkannt und verlacht worden ist, da diese seiner Zeit allzusehr vorauseilten. Geboren 1547 in Rostock als Sohn des Professors der Theologie Konrad Pegel, der einer alten Wismarer Familie entstammte, ward er als ein wahres Wunderkind bereits mit 9 Jahren an der Universität immatrikuliert und machte als Student später die Bekanntschaft Tycho de Brahe’s. Von 1591 bis 1605 lehrte er dann als Professor der Medizin und Mathematik in Rostock, bis ihm der Neid seiner Kollegen und geldliche Schwierigkeiten den Aufenthalt in der Stadt verleideten und er als Mathematikus an den Hof des Kaisers Rudolf II. nach Prag ging. Allein das Glück war ihm auch dort nicht hold. Sein Ende ist in Dunkel gehüllt, für das Jahr 1615 meldet eine Nachricht, er habe fast hungernd wieder in Rostock gelebt, anderen Berichten zufolge ist er zwischen 1615 und 1618 am Hofe des Herzogs Philipp II. von Pommern in Stettin gestorben.

In seinen Schriften findet sich eine Fülle der bemerkenswertesten Erkenntnisse. Schon in seiner Promotionsarbeit über die Pest trifft er die Feststellung, diese sei wie die Schwindsucht kontagiös, wobei er für diese als erster auf die Gefahr der Tröpfcheninfektion durch Husten hinweist. In einer anderen Arbeit, der 1585 in Rostock erschienenen Mundi Diatyposis, einer Entwicklungsgeschichte des Weltalls, nimmt er Darwin voraus, indem er hier eine regelrechte Entwicklungsgeschichte der Tierwelt begründet. Am überraschendsten wirkt jedoch sein 1604 erschienener Thesaurus rerum selectarum, eine Encyclopädie des gesamten Wissens, bezeichnenderweise streng naturwissenschaftlich gehalten, denn die Theologie hat in ihm keinen Platz. Nicht nur, daß er hier eine Fülle technischer Erfindungen angibt, darunter ein Luftschiff, Unterwasserfahrzeuge, Tauchapparate, Schnellfeuergeschütze, Vorrichtungen zum Heben gesunkener Schiffe, Vervielfältigungsapparate, Hebelkraftmaschinen zur automatischen Fortbewegung von Fahrzeugen, Schiffbrücken, Automaten und tragbare Badeeinrichtungen, sondern er entwickelt hier auch unabhängig von dem Italiener Cardano als erster deutscher Arzt eine Methode der Blutübertragung von Mensch zu Mensch, empfiehlt ein Verfahren zur Kälteanaesthesie, gibt eine Methode zur endovenären Einspritzung von Arzneimitteln an und vertritt längst vor der englischen Arztfamilie Chamberlen wieder den Gedanken der Zangenextraktion des lebenden Kindes. Und wie sehr alle diese epochemachenden Gedanken, die teilweise ihrer Zeit weit vorauseilten, dem geistigen Umkreis der Rostocker Universität verhaftet waren, lehrt die Tatsache, daß sie verkümmerten und fruchtlos blieben, sobald Magnus Pegel Rostock verließ und sich nach Prag in die dumpfe, von Aberglauben und Bigotterie durchtränkte Atmosphäre des habsburgischen Hofes begab.

Ihm ebenbürtig, ja vielleicht noch bedeutsamer für die Geschichte des deutschen Geisteslebens ist Joachim Jun-gius (1587—1657), der zweite große Rostocker Gelehrte der Zeit. In Lübeck geboren, studierte er zwei Jahre hindurch in Rostock und lehrte hier von 1619 mit einer kurzen Unterbrechung bis 1629 als Professor der Mathematik und Medizin. Verkörpert Magnus Pegel für Rostock den Typus eines Leonardo da Vinci, so hat man Joachim Jungius wohl als den deutschen Bacon von Verulam bezeichnet. Alexander v. Humboldt zählte zu seinen Bewunderern, und kein Geringerer als Goethe beschrieb sein Leben und stellte seine überragende Bedeutung für die deutsche Geistesgeschichte fest. Als Botaniker unternimmt er die ersten Schritte zur Aufstellung einer wissenschaftlichen Morphologie der Pflanzenwelt und legt den Grund zu einer allgemeinen Nomenklatur aller Pflanzen, auf der noch Linne fußt. Sein Hauptverdienst liegt auf dem Gebiete der Logik. In seiner Logica Hamburgensis gibt er eine der ersten neuzeitlichen methodischen Wissenschaftslehren. Längst vor Descartes erkennt er die Bedeutung der Mathematik für die Philosophie. Neben dem Astronomen Kepler ist er ohne Zweifel vor Leibniz durch sein Eintreten für die exakte Naturbeobachtung und die induktive, d. h. von Erfahrungstatsachen ausgehende Forschungsmethode der größte und genialste Kopf auf dem Gebiete der exakten Wissenschaften. 1622 stiftet er in Rostock nach italienischen Vorbildern eine naturwissenschaftlich-philosophische Gesellschaft, die Societas ereune-tica sive zetetica, die der Erforschung der Wahrheit aus der Vernunft dienen soll, und begründet damit die erste Akademie der Wissenschaften in Deutschland und ganz Nordeuropa, die in Europa nur einen einzigen Vorläufer in der 1603 in Rom ins Leben gerufenen Academia dei Lynci hat. Freilich ist ihr infolge der unglücklichen Zeitläufte des Dreißigjährigen Krieges kein allzulanges Leben beschieden, aber das Vorbild für kommende Geschlechter war doch gegeben, und dieses Beispiel schenkte Rostock der deutschen Nation und der deutschen Wissenschaft.

Aber auch sonst ist die Universität damals an bedeutenden Köpfen nicht arm. Wilhelm v. Calcheim (1584—1640) erwirbt sich als Vorkämpfer der deutschen Muttersprache einen Namen. Jakob Fabricius (1576—1652), Arzt, Dichter und Astronom, der Tycho de Brahe bei seinen Untersuchungen hilft, behandelt Wallenstein erfolgreich in Güstrow, gewinnt seine Unterstützung für die Universität und steigt schließlich, obwohl einfacher Bäckersleute Kind, bis zum Leibarzt König Christians IV. von Dänemark auf. Dank der Lehrtätigkeit der Professoren Johannes Fabricius, Lindemann und Bohl ist Rostock damals in Deutschland führend im Studium der orientalischen Sprachen, Arabisch, Syrisch und Chaldäisch. Der Ratsbuchdrucker Richel vermag damals sogar in arabischen Typen zu setzen. Wie schon die Gelehrtenfamilie Pegel lehrt, heftet sich die gelehrte Begabung dabei zusehends an bestimmte, fast zunftmäßig eng begrenzte Sippen. Neben den Quistorp, welche mit dem großen Theologen beginnen, der durch seine Trostrede auf den in Rostock verstorbenen Völkerrechtslehrer Hugo Gro-tius berühmt geworden ist und den Bacmeister, welche durch ihre Stammütter wieder an den mit einer vornehmen Italienerin vermählten Anatomen Jacob Bording anknüpfen, sind es vor allem zwei Familien, welche der Universität in diesem Zeitalter eine Reihe ihrer besten Vertreter schenken, die Lauremberg und die Paulli.

Wilhelm Lauremberg d. Ä., der Stammvater, macht sich als Professor der Medizin einen Namen. Von seinen drei Söhnen studiert Peter Lauremberg Astronomie, Medizin und Poesie, veröffentlicht Arbeiten über anatomische Fragen, wird Professor der Poesie in Rostock, nachdem er bereits an der französischen Universität Montauban den Lehrstuhl für Philosophie innegehabt hatte, und verfaßt ein Tagebuch, das durch seine Angaben über seine Gärten und botanischen Forschungen bemerkenswert ist. Sein Bruder Wilhelm Lauremberg d. J. erwirbt sich gleichfalls als Botaniker Ansehen. 1626 gibt er in Rostock die erste jemals in der Welt erschienene Abhandlung über das Sammeln von Pflanzen und die Anlegung eines Herbariums heraus, die sogenannte Botanotheca, ein Buch, dessen Einfluß weit über die Grenzen Deutschlands hinausreicht. Der höchste Ruhm aber gebührt dem dritten der Brüder, Johann Lauremberg (1590—1658). Nachdem er in Rostock Poesie, Medizin und Mathematik studiert hat, bekleidet er von 1618 bis 1623 die Professur für Dichtkunst in Rostock. Neben einer lateinischen Tragödie „Pompeius Magnus“ gibt er 1622 ein Reallexikon heraus. Schließlich beruft ihn der König Friedrich III. von Dänemark, dessen Lehrer er gewesen war, an die neubegründete Hochschule von Soroe auf Seeland, wo er als Professor der Mathematik sein Leben beschließt. Seine hervorx-agendste Leistung, die ihm in der Geschichte der deutschen Literatur den Platz des ersten Satirikers sichert, aber stellen seine niederdeutschen, 1651 erschienenen „Veer Schertzgedichte“ dar, in denen er mit köstlichem Humor, zuweilen auch mit derben Keulcn-schlägen den französischen Modetorheiten der Zeit zu Leibe geht. Das vierte Gedicht ist eine begeisterte Lobrede auf die niederdeutsche Sprache, die er als Erbe der Väter preist, und stellt sich ebenbürtig den Schöpfungen eines Fritz Reuter und John Brinckman an die Seite.

Die zweite Familie, die Paulli, stellen der Universität einen Theologen, Simon Paulli, einen Mediziner, Heinrich Paulli und in dessen Sohn Simon Paulli (1603—1680), einem Schüler des Joachim Jungius, ihren besten Anatomen während des 17. Jahrhunderts. Außer in Rostock studierte Simon Paulli d. J. auch in Paris, Leyden, Kopenhagen und Wittenberg und erwarb sich so eine äußerst vielseitige und tiefgründige Bildung. Rostock verdankte ihm ein regelrechtes anatomisches Theater. Später ging er an die Universität Kopenhagen und ward 1648 Leibarzt des Königs von Dänemark.

Fällt Simon Paulli d. J. Wirken schon in die Ausgangsperiode der Blütezeit, in der sich vor allem unter der Studentenschaft die entsittlichenden Wirkungen der langen Kriegsjahre bemerkbar machten, so gilt dies noch mehr von den drei letzten bedeutenden Geistern dieser Ära, dem Dichter AndreasTscherning (1611—1659), dem Polyhistor und Literaturhistoriker Georg Morhof (1639—1691) und dem Theologen Heinrich Müller (1631 —1675). Tscheming, gleich Martin Opitz gebürtiger Schlesier aus Bunzlau, studiert in Rostock Poesie bei Peter Lauremberg, „des Vaterlandes Zier, der Weisheit Aufenthalt“, wie er ihn ein wenig plump in Versen feiert, und bekleidet hier fünfzehn Jahre hindurch die Professur für Dichtkunst. Zahlreiche Gedichte, Übersetzungen aus dem Arabischen und Dramen entstammen seiner Feder und lassen ihn neben Opitz und Simon Dach als den bedeutendsten Renaissance-dichter der Zeit erscheinen. Sein Schüler ist der in Wismar geborene Georg Morhof, der mit 21 Jahren Professor der Poesie in Rostock wird und 1665 an die neubegründete Universität Kiel geht. Sein Hauptwerk „Unterricht von der teutschen Sprache und Poesie“ stellt den ersten wohlgelungenen Versuch einer Geschichte der deutschen wie der europäischen Dichtkunst dar und sein Verfasser erwirbt sich noch größeren Ruhm dadurch, daß er als erster den Namen Shakespeares in Deutschland bekannt macht. Heinrich Müller endlich, der Sohn eines angesehenen Rostocker Kaufherrn, verfaßt als Professor der Theologie in Rostock den „Herzensspiegel“, die „Geistlichen Erquickstunden“ und andere Erbauungsschriften, die bis ins 19. Jahrhundert hinein zahllose Auflagen erleben und in ihrem geistigen Gehalt hinüberleiten zu Spener und Arndt.

Der Reichtum dieses geistigen Lebens spiegelt sich indes auch noch in anderen Tatsachen. 1614 wird in Rostock eine regelrechte Universitätsbibliothek gegründet. Gleichzeitig ist Rostock damals neben Leipzig, Frankfurt, Köln und Wittenberg die größte deutsche Verlagsstadt. Nach den Meßkatalogen bringt der Rostocker Verleger Johann Hallervord zwischen 1613 und 1645 nicht weniger als 943 Neuerscheinungen heraus. Auch die Spuren einer Zeitung finden sich schon früh, um 1620, in Rostock, nachdem 1609 in Augsburg die erste deutsche Zeitung erschienen war. 1628 erhält der Buchdrucker Moritz Sachs ein Ratsprivileg, „Avisen“ zu drucken, 1640 gibt der aus Dänemark zugewanderte Universitätsbuckdrucker Kil eine „Ordinari wöchentliche Postzeitung“ heraus. Und dieses Bild einer hohen Kulturblüte und einer starken geistigen Kraft erhält einen charakteristischen Abschluß durch die Tatsache, daß in Rostock in diesen Jahren unmittelbar vor der großen Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges auch in politischer Hinsicht noch ein starkes Wollen lebt. Bei der letzten großen diplomatischen Unternehmung der Hanse, dem Bündnis mit den aufstrebenden Niederlanden, ist Rostock die treibende Kraft und der Rostocker Ratssyndikus Domann führt als Syndikus der Hanse die Verhandlungen im Haag. Freilich verdunkeln bereits die schweren Schatten des heraufziehenden Krieges dieses Bild, und dieser Krieg, der nun dreißig Jahre lang die deutschen Gaue verwüstete, verhinderte auch das Inkrafttreten dieses Bündnisses. Aber der Glanz des kulturellen Lebens am Ostseestrand bot doch einen ebenso ungewöhnlichen wie reizvollen Anblick in diesen für das Deutsche Reich so trüben Jahren, und sein Einfluß wirkte vor allem in Skandinavien noch lange fort.

Text aus dem Buch: Des Reiches unbekanntes Land Mecklenburg, Author: Goerlitz, Walter.

Siehe auch:
Mecklenburg – Mittelalter und Renaissance
Mecklenburg – Feudalismus und Leibeigenschaft
Mecklenburg – Das 19. Jahrhundert und die neuere Zeit
Mecklenburg – Universität und geistiges Leben
Mecklenburg – Schiffahrt und Industrie

Siehe auch:
Deutsche Burgen und feste Schlösser aus allen Ländern deutscher Zunge
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter
Die deutsche Buchmalerei
Die deutsche Graphik
Deutsches Leben im 14. und 15. Jahrhundert
Deutsche Mythologie

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  1. […] auch: Mecklenburg – Mittelalter und Renaissance Mecklenburg – Feudalismus und Leibeigenschaft Mecklenburg – Das 19. Jahrhundert und die […]

    22. November 2015

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