Michael Pacher – EINFÜHRUNG

Die geographische Lage Tirols, die Notwendigkeit für Zahllose, welche von Deutschland nach Italien oder von da gen Norden zogen, die Straße über den Brenner dahin zu fahren, hat von alter Zeit her auch eine nicht abzuschützende Anzahl von deutschen Künstlern in das Bcrglnnd geführt und rege Wechselbeziehungen mit den übrigen dcutsdicn Gegenden veranlaßt. So läßt sich unter anderem ein derartiger Austausch zwischen Tirol und den sächsisdi thüringischen Bezirken schon seit dem 12. Jahrhundert beobaditen. Aber näher als jene nordischen Gebiete lag für Tirol Bayern und Schwaben, und cs ist besonders die spätere Zeit des 15. Jahrhunderts, wo von dorr Maler, Bilds hauer, Ardutekten, Kunstgewerbler in Menge herbeiströmten. Am besten bekannt von diesen ist uns Hans Multscher von Ulm. Die bayerische und süclwestdeutsche Kunst hat wcscntlidi ihren Einfluß in Nordtirol geltend gcmadit, während sie sich im Süden mit soldien Elementen begegnete, die vom nahen italienischen Boden eingewandert waren. Für die Kunst war in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Tirol gute Zeit. Das Land war durch den Aufschwung des Silberbaus reich geworden, und der am Hofe des Erzherzogs Sigismund herrschende Luxus vcrhalf nicht nur seiner Residenz Innsbruck zu Glanz und höherer Bedeutung, sondern beeinflußte die gesamten Verhältnisse Tirols. Neue weltliche und vor allem kirchliche Bauwerke erstanden und bedurften malerischer und bildhauerischcr Ausschmüdcung. In den herrlichen Gebilden der großen Altäre feierten alle Künste gemeinsame Triumphe.

Hätte die tiroler Kunst nur von den Brodten leben sollen, die ihr von den Ländern nördlich und südlich jenseits der Berge zufielen, so wäre sie sicher nicht fähig gewesen, zu höherer Bedeutung zu gelangen. Das Beste, was wir an ihr bewundern, ist doch ihre starke selbständige Art, die von fremden Kunstrichtungen wohl annahm, was ihr gut und förderlich schien, aber dabei niemals ihr tirolisches Wesen verleugnete und besonders die welschen Einflüsse allmählich immer mehr zurückzudrängen verstand. Zu Pachers Zeit war sie schon größtenteils frei davon, während die oberdeutschen Einwirkungen deutlicher hervortreten.

Am nächsten läge der Gedanke, daß die Kunst des Pacherkreises mit der Kunst des Pustertales eng verwandt sein müßte, doch ist dies nicht der Fall. Dagegen besteht ein fester Zusammenhang der Pacher’schen Malerei mit der Brixener. Diese blühte seit dem 15. Jahrhundert in der Bischofsstadt und im nahe benachbarten Kloster Neustiff. Ob man von einer eigenen Neustifter Schule sprechen kann, ist ungewiß. Es ist keineswegs erwiesen, daß die für das Kloster damals eifrig tätigen Künstler aus den Reihen der Augustiner^ Chorherren selbst hervorgegangen und nicht einfach aus Brixen heran^ gezogen worden wären. Gehörten sie aber dennoch nach Neustift, so konnten sie gleichwohl von den bedeutenden Leistungen der Brixener Schule unmöglich unberührt bleiben. Begründer der selbständigen Richtung dort war ein Künstler, dessen Name unbekannt ist. Nach einem auf seinen Werken wiederholt vorkommenden Abzeichen hat ihn Semper den »Meister mit dem Skorpion« genannt. Seine Kunst lehnte sich an ältere und jüngere Vorbilder Während er in früherer Zeit mehr der byzantinischen Richtung zuneigte, gab er sich später bis zu einem gewissen Grade dem Einflüsse der flandrischen Kunst hin. Auch ist die Malerei des unfernen Verona nicht ohne Wirkung auf ihn geblieben, wie denn die Brixener Kunst sich damals überhaupt schon bestrebt zeigt, nach der Art jener den Gesetzen der Perspektive gerecht zu werden und ihre Figuren plastisch herauszuarbeiten, freilich einstweilen noch bei ziemlich mangelhaft entwickeltem Formensinn. Die Färbung aber hatte man an venezianischen Vorbildern studiert, und das zeigt sich auch beim Meister mit dem Skorpion. Dabei war dieser aber weit entfernt davon, jemandes Nachahmer zu sein. Er malte recht wie ein derber Sohn der Berge, mit einem höchlt ausgebildeten Naturalismus. Man wird nicht irren, wenn man annimmt, daß die schon im Mittelalter von den Bauern eifrig betriebenen Spiele der Passionsbühne einen bedeutenden Einfluß auf seine Darstellungsart geübt haben. Von dem Meister mit dem Skorpion besitzen wir sowohl Tafel als Wandgemälde. Letztere befinden sich im Brixener Domkreuzgange, jenem wegen seines alten, wundervoll erhalten gebliebenen malerischen Schmuckes hochberühmten tiroler Kunstdenkmale. Alle Flächen der Wände und der Gewölbe sind zu verschiedenen Zeiten des späteren Mittelalters mit Fresken bededct worden und bieten ein Material zur tiroler Kunstgeschichte, wie es sich vielleicht überhaupt dort nicht mehr fand, am wenigsten aber in heutiger Zeit mehr irgendwo existiert, nachdem fo unendlich vieles zu Grunde gegangen ist. Insbesondere ist es natürlich die Geschichte der Brixener Malerei, deren Entwicklung sich an den Fresken des Kreuzganges verfolgen läßt. So lernen wir dort noch einen Schüler des Skorpion Meisters kennen, diesen sogar mit seinem Namen, mit dem er eins seiner Bilder bezeichnet hat. Er hieß Jakob Sunter. Seine und seiner Schüler Tätigkeit liegt zwischen den Jahren 1446 und 1474. Charakteristisch für ihn war seine Vorliebe für Eigentümlichkeiten der deutsch-flandrischen Malerei, die vermutlich durch Vermittlung der oberdeutschen Kunst nach Brixen kam. Besonders aulfällig ist auch der Einfluß der Kupferstiche des Colmarer Meisters Martin Schongauer. Zu den Merkzeichen der so beeinflußten Kunst gehört unter anderm die eigentümliche starke Knitterung der Gewänder, ferner die zarte Behandlung der Frauenköpfe, während den Männern mehr die alte, derbe, naturalistische Art erhalten blieb. Von Flandern her übernahm die Brixener Malerei auch die Behandlung der landschaftlichen Hintergründe. Man sieht, wie das Naturgefühl erwacht ist, und wie es versucht, sich zum Ausdrucke zu bringen, mag fürs erste eine gewisse Befangenheit noch verhindern, daß echte Naturwahrheit erreicht wird. Wir beobachten ein Haschen nach grotesken Formen, mit Vorliebe die Darstellung von Fernsichten mit Bergen, die freilich mit denen, welche die Natur in Tirol zeigt, recht wenig, dafür aber desto mehr Ähnlichkeit mit jenen auf den flandrischen Bildern und Schongauer’schen Stichen haben. Auf diesen Bergen ragen Burgen empor, Flüsse und Seen sind mit Schiffen belebt, turmreiche Städte dehnen sich an den Ufern aus. Alles ist belebt von kleinen menschlichen Staffagefigürchen, die in sehr vielen Fällen mit der Handlung nichts zu tun haben. Auch an Versuchen, Luft- und Lichtstimmungen zu schildern, fehlt es nicht. Doch ist statt des Himmels häufig ein mit einem gepreßten Muster versehener Goldhintergrund gewählt. Während die Sunter’sche Richtung das germanische Element bevorzugte, pflanzte sich gleichzeitig in Brixen auch die eigentümliche schwere Art des Skorpionmeisters fort, stark durchsetzt mit Elementen, die der paduanischen Schule entnommen waren, fo daß man sich vor den Werken dieser Richtung gar oft an die Malereien des Squarcione (gestorben 1474) und Mantegna (gestorben 1605) erinnert fühlt, jener beiden Meister, von deren Kunst namentlich die Fresken in der Kirche der Eremitani in Padua zeugen. — In welcher Art die Malerei des Pacherkreises mit der der verschiedenen Richtungen der Brixen-Neustifter-Schulen zusammenhängt, sei späterer Betrachtung Vorbehalten. Es wird Zeit, daß wir die Bekanntschaft derjenigen Personen machen, mit denen wir hier vorzugsweise zu tun haben.

Text aus dem Buch: Michael Pacher und die Seinen; eine Tiroler Künstlergruppe am Ende des Mittelalters (1913), Author: Doering, Oskar.

Siehe auch:
Michael Pacher – Zum Geleite

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