MICHAEL PACHER UND DIE SEINEN

Was sich von Michael Pachers Lebenslang berichten läßt, ist leider wenig genug – immerhin freilich noch sehr viel mehr, als von vielen anderen Künstlern überliefert ist. Bildet es doch überhaupt eine Ausnahme, wenn in Deutschland Künstler des Mittelalters auch nur dem Namen nach bekannt sind. Der Stolz auf die Werke der hohen Kunst und das zum Gemeingut der Nation gehörige Verständnis dafür, welches in Italien den Künstlern hohen gesellschaftlichen Rang sicherte und ihre Namen gleich denen der Fürsten der Nachwelt erhielt, war bei uns noch über das Ende des Mittelalters hinaus nur wenig entwickelt. Wenn man genau zusieht, so merkt man bald, daß es nodi bis auf den heutigen Lag arg daran fehlt. Nur wenige Namen sind wirklich allgemein bekannt, von den meisten weiß nur der Pachmann, und gänzlich unbekannt bleibt die Mehrzahl derer, die in grossen Ateliers, Baugeschäften und ähnlichen Anstalten durch ihre Kunst den Ruf der Inhaber befördern helfen.

Die Stadt Bruneck ist 1288 durch den Bischof Bruno von Brixen gegründet. Sie ist die freundliche Zierde der prachtvollen Stelle im Pustertale, wo die Berge des Tauferer Tales, das Oberwietenbacher Gebirge, der Reischacher und Stephansdorfer Berg und im Westen die Berge des unteren Rienztales sich zu einer herrlichen Runde vereinigen. Mitten drin liegt, umgeben von anmutigen Dörfern, die kleine Stadt, über der mit hochragendem Turme das alte Schloß, ehemals die Sommerresidenz der Fürstbischöfe von Brixen, Bruneck, thront. Die Burg stand schon da, als Michael Pacher hierselbst zur Welt kam. Wann dies gewesen, läßt sich nur vermuten. Einen Anhalt gibt eine Urkunde eines Jörg im Paumgarten aus Brunedc. Sie ist 1467 ausgestellt und in der Reihe der Zeugen wird auch »maister michel der maler, purger zu Brawnekh« genannt. An Michels Identität mit Michael Pacher zu zweifeln liegt kein Anlaß vor, weil, wofern es noch einen Maler Michel in dem kleinen Orte gegeben hätte, der daselbst sogar Meister war, die Zufügung seines Familiennamens nicht hätte unterbleiben können. War er nun 1467 bereits Meister, so muß er damals mindestens 30 bis 35 Jahre alt gewesen sein. Michael Pachers Geburtsdatum ist also um das Jahr 1435 anzunehmen. Bei wem er das Malen und Bildschnitzen erlernt hat, wissen wir nicht mit Sicherheit,- wahrscheinlich war seine Lehrstätte in Brixen. Doch hat auch fremde Kunst auf ihn gewirkt. Zweifellos ist er gewandert, aber manches, was später an italienische Art erinnert, kann er sehr wohl auch schon in der Heimat in sich aufgenommen haben. Gebot doch damals in einem Teile des Pustertales der 1500 gestorbene Graf Leonhard II. von Görz, der eine Prinzessin von Gonzaga zur Gemahlin hatte. Immerhin scheint sicher, daß Pacher gleich so vielen italienische Kunststätten aufgesucht hat. Auch in Venedig mag er gewesen sein, wofern die in dortigen Notariatsakten unter dem 27. August 1471 geschehene Erwähnung eines Michele da Brunico sich auf ihn beziehen sollte. Ungewiß bleibt, ob er auch am Oberrhein und in den Niederlanden gewesen ist. Vom Gange seiner künstlerischen Entwickelung wissen wir nichts Näheres. Wir erfahren, daß er 1465 ein Altarbild für das Schloß Ried bei Bozen geschaffen habe, welches durch seine eigene Namensinschrift beglaubigt war, aber das Bild scheint nicht mehr zu existieren. Wenn wir es hätten, so würde es uns die Fähigkeiten des bereits fertigen Künstlers vorführen, der damals wohl schon Meister gewesen ist. Von anderen Werken der Frühzeit wird weiterhin die Rede sein. Gewiß hat er sehr bald angefangen eine größere Werkstatt zu halten, da er sonst nicht in der Lage gewesen wäre, auch Aufgaben von großem Umfange zu übernehmen. So muß er schnell in den Ruf gelangt sein, größte Altarwerke, bestehend aus ornamentaler und figürlicher polychromierter Schnitzerei und hochkünstlerisch ausgeführten Gemälden liefern zu können. Den Beweis dafür erbringt in vollem Umfange zum ersten Male der Vertrag, den die Bürgerschaft von Gries bei Bozen am 27. Mai 1471 mit Pacher schloß. Wir bringen weiterhin die Urkunde im Worrlaute. Der Meister wurde hierbei wie überhaupt »Maler« genannt. Das Wort bedeutet nach damaligem Sprachgebrauch zugleih auch Bildschnitzer (wer steinerne Bildwerke schuf, hieß Steinmetz). Daß die Begriffe des Malens und Bildshnitzens damals mit einander vermengt wurden, erklärt sich daraus, daß das Schnitzwerk erst durch den Überzug von Farben und Gold die Vollendung erhielt. Die Schnitzereien waren also bestimmt, in wesentlich malerisch-dekorativem Sinne zu wirken. Unbemalte Holzschnitzwerke aus mittelalterlicher Zeit gehören zu den Seltenheiten. In unseren Museen stehen trotzdem viele solche,- diese hat man meist abgekratzt und abgewaschen. Infolge jener Bezeichnung »Maler« hat man noch bis in sehr neue Zeit Michael Pacher lediglich für einen solchen in unserem Sinne gehalten und seine Tätigkeit als Bildschnitzer geradhin bezweifelt.

Jener Grieser Vertrag von 1471 ist auf lange Jahre hinaus die einzige Urkunde, die uns über Pachers künstlerische Tätigkeit erhalten geblieben ist. Auch sonst gibt es nur wenige Lebenszeichen von ihm aus jener Zeit. Wir treffen ihn in Urkunden von 1469, 1472, 1475, 1480, 1492 und 1496, ohne daraus für seine künstlerische Wirksamkeit etwas folgern zu können. Sie muß aber andauernd umfassend, ja in einer immer stärkeren Entwicklung begriffen gewesen sein, die ihn zwang, eine Menge von Hilfskräften, zumal für die Malerei heranzuziehen. Wir werden sehen, daß er dabei stets auf beste Leistungen hielt, keinen Schematismus einreißen ließ und jedem Mitarbeiter für die Entfaltung seines Könnens die erdenklichste Freiheit ließ. Er bietet das rühmliche Beispiel eines Kunsterziehers, der die Individualitäten zu achten, zu schonen, zu entwidceln bestrebt war. Er hilft die ohnehin keineswegs unbekannte Tatsache erhärten, daß das Individuum feine Rechte im so viel verschrieenen Mittelalter ebenso voll genoß und nutzen konnte, wie seit der Zeit der Renaissance, wo es angeblich überhaupt erst entdeckt worden sein soll. Michael Pachers künstlerischer Takt hat davor bewahrt, daß seine Schule jener Bedeutungslosigkeit fabrikmäßiger Produktion anheimfiel, wie sie bald darnach an den Leistungen der Werkstatt des alten Cranach zu beobachten ist. Freilich wissen wir nicht, was uns von den Arbeiten der Pacher’schen Künstlergruppe, zu der auch Friedrich Pacher gehörte, alles verloren gegangen, und wie es beschaffen gewesen ist. Schon die Barockzeit hat unter den gotischen Schnitzereien und Malereien auch im Lande Tirol allzu gründlich aufgeräumt.

Die Ausführung des Altars von Gries zog sich bis 1475 hin. Das darf nicht zu der Annahme verleben, als habe Pacher nur mit wenigen Gehilfen gearbeitet oder sei ein saumseliger Mann gewesen. Die Verzögerung kam sicher daher, daß er noch mit anderen Aufträgen überhäuft war, und daß neben den großen Werken für die reichen Kirchen und Klöster auch kleine für mittlere und bescheidene Ansprüche hergestellt werden mußten. Gerade diese hätten aber zu völliger Verflachung führen können. Daß sie nicht eintrat, daß vielmehr andauernd mit frischer, lebendiger Produktionskraft weiter geschaffen wurde, wobei der Meister Michel die Gesamtentwürfe lieferte, das beweist sein Hauptwerk, oder besser gesagt, jenes, das unter den Überbleibseln Pacher’scher Kunst als solches dasteht. Es ist der berühmte Hochaltar der Kirche von Sankt Wolfgang in Oberösterreich. Die Bestellung dieses Werkes erfolgte durch den Abt Benedikt Eggh von Mondsee zwei Jahre, nachdem der Grieser Altar fertig geworden war, also 1477, als der neue Chor der dortigen Kirche geweiht wurde. Es ist anzunehmen, daß Pacher sich sogleich über die Arbeit hermachte, da trotz der gewaltigen Dimensionen des Werkes doch die Malereien der Rückseite des Mittelschreines laut Inschrift schon 1479 vollendet waren. Die lateinische Hauptinschrift auf dem unteren Rahmen der Außenflügel des Altars aber bezeugt, daß die ganze Arbeit bis zu ihrem Absddusse noch zwei Jahre in Anspruch nahm.

Als unmittelbare Folge des großartigen Gelingens dieses Werkes ist ein Auftrag anzusclien, den Michael Pacher am 14. November 1481 erhielt. Es handelte sich um einen Altar, der in der Bozen er Pfarrkirche zu Ehren des heiligen Michael aufgestcllt werden sollte. Zahlungen dafür sind nach urkundlicher Beglaubigung von 1482 bis 1484 erfolgt. Wir hören auch von einer Geldstiftung, im Betrage von 27 Mark 3 Pfund, die eine alte Frau, die »Ganzncrin«, für die Herstellung des Altars gemacht hatte. Dieses Geld wurde in Raten eingezahlt. Audi andere Personen werden als Spender genannt. Die letzte derartige Erwähnung ist vom 28. März 1484. Das Werk ist längst verschollen. In neuerer Zeit ist aus Bozen ein Relief in das Museum Ferdinandeum zu Innsbruck gekommen, darstellend vier Engel, die nur in Halbfigur zu sehen sind und miteinander einen Teppich hochhalten. Wir werden auf das schöne Stück noch zu sprechen kommen. In diesem möchte man wohl den letzten Rest jenes Altars zu erblicken haben. Vielleicht finden wir auch noch den heiligen Michael dazu. Im Jahre 1484 wurden zwischen dem 19. August und 18. November Verhandlungen über einen Hochaltar für die jetzige Franziskanerkirchc, damals Frauenkirche zu Salzburg, gepflogen. Die Ausführung des Werkes, das von der Salzburger Bürgerschaft alsbald ins Auge gefaßt wurde, nachdem der Chor der Pfarrkirche neuerbaut dastand, war zuerst dem Passauer Maler Rueland Frueauf zugedacht, aber schon bald ließ man ihn fallen, und zwei angesehene Bürger von Salzburg, Virgili Hover und Hans Elsenheimer, empfahlen statt seiner Michael Pacher. Hover muß zu diesem ein besonders starkes Vertrauen gehabt haben, da er sich erbot, zu dem Altarwerke aus e;genen Mitteln 1000 Gulden zuzuschießen. Die Bürgerschaft nahm das gern an und bestimmte Hover, damit die Arbeit sogleich anfangen könne, seinen Beitrag zuerst zu zahlen, späterhin würde dann sie selbst eintreten. Nun erfolgte die nähere Abrede mit Michael Pacher zunächst brieflich,- er wurde ersucht, eine Zeichnung des künftigen Altares zu entwerfen und diese auf dem Sankt Gilgen markte zu Bozen einem gewissen Hans Puchler oder einem anderen Salzburger Bürger auszuhändigen. Deswegen braucht Pacher damals (Ende August 1484) nicht in Bozen gewohnt zu haben, vielmehr bot der Sankt Gilgenmarkt nur eine Gelegenheit für vorübergehenden Aufenthalt, Anknüpfung von Geschäftsbeziehungen und dergleichen. Gibt es doch noch bis auf den heutigen Tag in Deutschland derartige Messen, den Kieler Umschlag und andere, ¦ am bekanntesten und bedeutendsten die seit Mittelalterszeiten berühmte Leipziger Messe. In demselben erwähnten Schreiben erhielt Pacher die Zusicherung, daß seinem Wunsche gemäß der Altar frei von Steuer und Wacht nach Salzburg geschickt werden könne. Da der Meister späterhin aber im Interesse der Fertigstellung des Werkes in Salzburg wohnte, so können nur einzelne wichtigste Teile von Bruneck dorthin geschidct worden sein, während das übrige in Salzburg gefertigt und dann alles zusammengesetzt wurde. Es ging also ähnlich damit wie mit der Herstellung des Altares von Sankt Wolfgang, von der wir noch zu sprechen haben. Anfang September 1484 waren bereits die Verhandlungen so weit gediehen, daß Hover dem Meister ein Draufgeld von 100 Gulden gab, nachdem Pacher unmittelbar zuvor in Salzburg gewesen war und dort mit Meister Leonhard, dem Zimmermann und Ulrich, dem Tischler über das Holz gesprochen hatte, das geschlagen werden mußte. Seine Anordnungen sind sogleich befolgt worden. Darauf trat ein kurzer Stillstand ein, bis am 18. November 1484 die Bürgerschaft an Pacher schrieb, er müsse nun alsbald mit der Zeichnung nach Salzburg kommen, weil man nicht wüßte, was man ohne ihn mit dem geschlagenen Holze anfangen solle,- auch könne Meister Wolfhart Fawst, der Goldschmied (ein damals in Salzburg wohlbekannter Künstler, der 1492 gestorben ist) ohne Zeichnungen nicht ans Werk gehen. Schon daß von dem Holz, also von Schnitzarbeit, die Rede ist, zeigt, welchen weiteren Kreis als heute damals das Goldschmiedehandwerk umfaßte. Gleichzeitig gewährt dieser Vorfall einen Einblick darin, wie Pacher arbeitete. Er lieferte die Zeichnungen, die Ausführung fiel anderen anheim. Auf diesen sehr wichtigen Punkt werden wir noch ausführlich zurückkommen. Wie die Dinge sich weiter gestaltet haben, ist nicht genügend klar. Vom 7. April 1486 gibt es einen Brief der Salzburger Bürgerschaft an Ulrich, den Erzpriester und Probst zu Berchtesgaden, worin dieser ersucht wird, seinen Beistand zu leisten, daß für den Altar, den man sich »aufzurichten furgenommen« »etlichs Zewgs«, an dem es noch mangele, besorgt werde. Was für «Zewgs« gemeint ist, wird nicht gesagt, vermutlich blieb die nähere Erklärung dem Überbringer des Briefes, dem Ratsherrn Christoph Werder überlassen. Unter dem Zeugs sind jedenfalls Materialien zu verstehen. Darnach hören wir erst wieder 1495 von der Arbeit, wo Pacher in Salzburg wohnte, und gegen einen von der Bürgerschaft gezahlten Zins von jährlich elf Pfund seine Werkstatt beim Seidenater Gabriel eingerichtet hatte. Wir können seine Anwesenheit in Salzburg dann noch bis in das Jahr 1498 verfolgen. Von dem gewiß schönen Werke ist nichts auf unsere Tage gekommen als die sitzende Figur einer Madonna, die dem Kinde eine Traube reicht. — Während Pacher mit diesem Altarwerke beschäftigt war, 1495 und 1496 Zahlungen dafür in Empfang nahm, und Hover im letzteren Jahre starb, war auch ein anderer, gleichfalls für Salzburg bestimmter Altar in Arbeit, der in die Sankt Michaelskapelle am Aschhofe kam. Leider ist von diesem Werke nichts mehr nachzuweisen. Dafür aber besitzen wir noch einen Altar mit den Bildern der vier Kirchenväter (innen) und mit Szenen aus der Legende des heiligen Wolfgang (außen). Ihn hatte einige Zeit zuvor der Brixener Domprobst Wolfgang Neundlinger für die Allerheiligenkapelle des Domes von Brixen gestiftet, und zwar testamentarisch. Erlebt hat er, der 1486 starb, die Erfüllung seines Wunsches nicht/ denn erst in den Jahren 1489 und 1490 ist das Werk ausgeführt worden. Die Teile des Altares werden heute in der Münchener Königlichen Alten Pinakothek aufhewahrt. Weiter unten ist auf diesen sogenannten Kirdienvütcraltar genauer cinzugehen. — Inzwischen war der Altar von Sankt Wolfgang immer noch nicht völlig bezahlt. Wir erfahren von Tilgungen dieser Schuld dreimal während des Jahres 1497, darauf am 7. Juli 1498.

Michael Pacher ist es nicht beschieden gewesen, das Ende dieser Angelegenheit und auch die Vollendung seines Altars für die Salzburger Frauenkirche zu erleben, denn sdion die folgenden Zahlungen, von denen eine am 24. August 1498 für Sankt Wolfgang, eine am 17. November desselben Jahres für die Salzburger Frauenkirchc erfolgte laut Eintrag im Rechnungsbuche des Abtes Virgil Puchler in Salzburg und in der dortigen Kirchenprobst-Rechnung des Hans Gauschberger geschahen nicht mehr an ihn, sondern an seinen Schwiegersohn, Kaspar Neuhauser aus Klausen, der sic im Namen seiner Tochter, Midiael Pachers Enkelin, in Empfang nahm. Somit fällt der Tod des Künstlers zwischen den 7. Juli und den 24. August 1498. Etwas über vier Jahre später, am 10. Dezember 1502, quittierte Neuhauser cndgiltig über die abgeschlossenen Salzburger Zahlungen. Im Ganzen sind für jenen Altar 3300 Gulden rheinisch gezahlt worden.

Wie Michael Pachers Gattin geheißen hat, ist unbekannt. Wenn das schon erwähnte venezianische Notariatsprotokoll zu Michael Pacher überhaupt in Beziehung stehen sollte, so hieß sie Dorothee. Aus beider Ehe stammte eine Tochter, Margarethe, von der urkundlich fcststeht, daß sie mit jenem Kaspar Neuhauser aus Klausen verheiratet gewesen ist, dessen soeben gedacht wurde. Daß letzterer aus dem bedeutenden tiroler Adelsgeschlecht derer von Neuhaus auf Villanders gestammt habe, hat C. Fischnaler (in der Zeitschrift des Ferdinandeums 1893) wahrscheinlich gemacht. Neuhauser hat durch seine Frau das Haus Michael Pachers in Bruneck (Nummer 79 des Katasters) samt den zugehörigen Gütern und Gilten zu Stegen und Herschwang »und anderes mehr« geerbt, ein Beweis von Michael Pachers Wohlstand. Aus Neuhausers Ehe mit Pachers Tochter ging wieder eine Tochter hervor, die nach ihrer Mutter Margarethe hieß und zuerst mit einem gewissen Leobmeeckher, dann (1545) mit einem Kirchpuecher bei Sankt Veit in Kärnten verheiratet war. Die ererbten Grundstücke in Bruneck verkaufte ihr Vater Neuhauser zu Anfang des 16. Jahrhunderts an einen Andrä Söll.

Als Michael Pachers Bruder gilt, verbreiteter Ansicht gemäß, Friedrich Pacher. Doch sei hier vorweg betont, daß für die Annahme dieses Verwandschaftsverhältnisses kein ausreichender Beweis zu finden ist. Auch das ist nicht sicher, welcher von beiden der ältere war. In den Urkunden taucht Friedrich erst 1478 auf, also beträchtlich später als Michael, aber für sein Alter wäre hieraus, da es sich um einen Zufall handeln könnte, noch nichts Sicheres zu folgern. Wahrscheinlich aber wird, daß er der jüngere war, durch die Inschrift auf dem Bilde der Taufe Christi in Freising, wo er 1483 als Autor des Bildes genannt wird. Daraus kann man wohl mit Recht annehmen, daß er damals, also etwa 18 Jahre nach Michaels Anfängen, eine selbständige Werkstatt gehabt habe. Hat er doch auch in derselben Woche, wo das Taufbild aufgestellt wurde, einen kleinen Grundbesitz bei Bruneck erworben. Am 6. Juni 1485 finden wir Friedrich als »Maler zu Brauneckgen« erwähnt, wodurch seine damalige Selbständigkeit vollends erwiesen wird. In den Urkunden begegnet er uns dann noch bis ins Jahr 1508. Wir erfahren, daß er 1489 bis 1492 in Bruneck Kirchenpfleger gewesen ist. Im letzteren Jahre wird er zum ersten und einzigen Male in einer Urkunde mit Michael Pacher zugleich genannt. Friedrich Pacher besaß eigenes Haus mit Garten, auf das er 1490 und 1493 Hypotheken aufnahm. Seit 1501 wohnte er nicht mehr in Bruneck, sondern im nahen Uttenheim, während das Stadtgrundstück an den noch zu erwähnenden Hans Pacher übergegangen war. In welchem Verhältnis Friedrich Pacher bis zum Tode Michaels zu diesem stand, ist unklar. In früherer Zeit hat er, wie wir noch sehen werden, als sein Gehilfe gearbeitet. Ob er nach 1483 noch bei Michaels Lieferungen beteiligt war, sagt keine Urkunde, die Wahrscheinlichkeit ist dagegen. Am Salzburger Altar hat Friedrich sicher nicht mitgearbeitet, weil er in der Generalquittung der Erben von 1502 nicht mit genannt ist. Wer in Michaels Werkstatt an seine Stelle getreten ist, wissen wir nicht,- vielleicht der ältere Hans Pacher, von dem gleich die Rede sein wird. Aus Friedrichs Fehlen scheint sich auch die schier unglaubliche Verzögerung der Arbeit am Altar der Salzburger Frauenkirche zu erklären. Das würde freilich besagen, daß Friedrich für Michael Pacher.von großer Bedeutung gewesen ist, und daß, wenn nicht die Ausführung, so doch der Fortgang der Malerarbeiten von seiner Tatkraft abhängig gewesen sei. — Als zünftiger Meister mußte Friedrich verheiratet sein,- seine Frau hatte er sich aus Neustift geholt,- stand er doch zu diesem Orte wie zu Brixen in andauernden Beziehungen, hatte auch Einkünfte aus jener Gegend. Bruneck gehörte zum Brixener Sprengel, und Neustift hatte bis 1511 das Archidiakonat über das Pustertal gehabt. So erklärt sich der Verkehr Friedrichs daselbst, und die reichliche Beachtung, die man seiner Kunst in Neustift schenkte. Zur selben Zeit begegnet uns in den Urkunden auch die Namensform Lebenpacher, Stiassny hat die große Wahrscheinlichkeit nachgewiesen, daß damit Friedrich Pacher gemeint sei, um dessen Biographie er sich überhaupt grundlegende Verdienste erworben hat. Am 7. November 1501 wurde auf Empfehlung des Brixener Domprobstes Dr. Hans Greudner Friedrich Pacher nach Innsbruck berufen, um dort eine Arbeit zu begutachten, die für den Kaiser ausgeführt worden war. Er muß dessen Zufriedenheit in besonderem Maße errungen haben, weil er in Maximilians unter dem 19. April erteilten Aufträge sich nach dem Schlosse Runglstein bei Bozen begeben mußte, um den Zustand der dortigen Wandmalereien zu begutachten, die der Kaiser wieder hergestellt haben wollte. Seit 1503 bekleidete der angesehene und begüterte Mann das Amt eines Stadtrichters von Bruneck, wozu juristische Vorbildung nicht erforderlich war. Die Urkunden nennen ihn in dieser Stellung zum letzten Mal am 13. Oktober 1508. Am 9. Februar 1509 hatte ein anderer die Stelle inne, und da Friedrich Pacher fortan überhaupt nicht mehr erwähnt wird, so ist anzunehmen, daß er zwischen jenen zwei Daten gestorben ist.

Im Jahre 1487 wird auch ein »mayster Hansl mal er« genannt, der damals von einem Jacob Schreiner 12 Pfund Berner für die Ausschmückung eines Grabmals gezahlt erhielt. Da er am spätesten genannt wird, vermutet man, er sei der jüngste von den drei Pachers gewesen, die vielleicht, aber nicht nachweislich, Brüder waren. Ober seine Tätigkeit läßt sich nichts Bestimmtes sagen. Den Zeitpunkt seines Todes vermutet man gegen 1509. Da nun aber noch ein anderer Hans Pacher urkundlich zwischen 1514 und 1525 als Goldschmied und Bürger zu Bruneck vorkommt, der häufig Gemeindeämter bekleidet hat, so glaubt Stiassny in diesem den Sohn Friedrich Pachers und den Neffen Michaels sehen zu sollen. — Als spätere Mitglieder der Familie sind vielleicht ein 1526—42 vorkommender Vinzenz und ein Hayd Lebenpacher 1540 anzusehen.

Text aus dem Buch: Michael Pacher und die Seinen; eine Tiroler Künstlergruppe am Ende des Mittelalters (1913), Author: Doering, Oskar.

Im Text gezeigte Abbildungen:
Frühwerk Michael Pacher – Altarflügel
Malereien von Welsberger Bildstock

Siehe auch:
Michael Pacher – Zum Geleite
Michael Pacher – EINFÜHRUNG