Mongolensturm

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Die Urheber der Kreuzzüge waren die germanischen, allerdings meist romanisierten Ritter des Westens. Sie besetzten 1099 Jerusalem. Ein Jahrhundert lang blieb es dabei. Nun geschah wieder ein großer Schlag. Die Ritter eroberten, von Venedig unterstützt, 1204 Konstantinopel. Den Nutzen von der Besetzung Syriens hatten französische Kaufleute und die geistlichen Orden, die Hospitaliter und Templer; den Nutzen von dem Falle des byzantinischen Reiches hatten Venezianer und Genuesen und einige südfranzösische Adelsfamilien. Jenes Reich wurde in Herzogtümer nach westlichem Muster aufgelöst, es gab einen Herzog oder Despoten von Sparta, von Athen, von Korinth.

Damit war die Neuverteilung des alten Imperiums vollendet. Ebenso hat die völlige Bezwingung Chinas durch die Mongolen, der die Eroberung Persiens und Vorderasiens zur Seite ging, das alte Asien zu Grabe geleitet.

Das ungeheure Mongolenreich, das gut und gern an dreißig Millionen Quadratkilometer umfaßte, und dessen Ausdehnung erst in der jüngsten Gegenwart von Weltbritannien wieder erreicht worden ist, war zugleich das letzte Wort des Universalismus. Nach seinem Zerfall hat der Nationalismus das Wort.

Die Mongolen rufen 1206 Dschingiskhan zu ihrem Oberherrscher aus. Sie überfluten 1221 Nordpersien und plündern die Hauptstadt Indiens, Delhi. Sie erscheinen in Osteuropa und dringen 1241 bis Liegnitz, wo sie auf ein deutsches Ritterheer stoßen, und dann durch Ungarn bis Dalmatien vor. Unter Kublaikhan bezwingen sie ganz China und fast ganz Vorderasien. Nach dem Tode Kublaikhans 1292 zerspaltet sich zwar das ungeheure Reich, aber die einzelnen Mongolenhorden fahren in der Laufbahn der Eroberung und Zerstörung noch weiter fort. Rußland bleibt zwei Jahrhunderte unter mongolischer Herrschaft. Durch die Mongolen wurde Tibet dem Weltverkehr erschlossen, durch die Araber der Sudan und Südostafrika. Am schlechtesten war es um die Kenntnisse der Erde im damaligen Europa bestellt. Merkwürdigerweise haben die Reisen von Russen hier gar nichts gewirkt. Gezwungen wanderten russische Herrscher wie Alexander Newski nach Karakorum, um vor dem Großkhan Kotau zu verrichten. Von den Erfahrungen Newskis und so mancher anderer Russen ist nichtsindieOffentlichkeit gedrungen. Der richtige Mann muß am richtigen Orte und zur richtigen Zleit da sein. Epoche machten erst die Reisen Marco Polos.

Im Jahre 1295 kamen drei Männer von wildem Aussehen, in abgetragener, grober Kleidung nach Venedig und verlangten Eintritt indasHaus, das dem Patriziergeschlechte der Polo gehörte. Sie behaupteten, daß sie selbst Marco, Maffio und Nicolo Polo hießen und daß sie vor 24 Jahren über Konstantinopel nach Asien gewandert seien. Ursprünglich glaubte man ihrer Erzählung nicht, zumal sie das Italienische mit fremdartiger Betonung und untermischt mit barbarischen Ausdrücken redeten. Aber sie wiesen die Berechtigung ihrer Aussagen auf eigentümliche Weise nach. Kurze Zeit nach ihrer Rückkehr veranstalteten sie ein Gastmahl, zu dem die zahlreichen Angehörigen der Familie Polo und viele Bekannte geladen waren. Als alle Gäste versammelt waren, erschienen die drei Männer in langen Gewändern von karmesinrotem Atlas, die sie noch vor Beginn der eigentlichen Mahlzeit abwarfen und unter die Dienerschaft verteilten, während sie selbst kostbare Gewänder von rotem Damast anlegten. Diesen Wechsel der Kleidung und das Verschenken kostbarer Gewänder sahen die staunenden Gäste noch mehrmals mit an — bis endlich Marco Polo in ein anstoßendes Zimmer ging, aus dem er mit den drei groben, abgetragenen Anzügen zurückkehrte, in denen sie nach Venedig gekommen waren. Nun wurde im Beisein der Gäste begonnen, die Säume mit Messern aufzutrennen und das Futter zu zerschneiden — und siehe da, es kamen eine Menge der kostbaren Edelsteine, Rubine, Saphire, Diamanten, Smaragde zutage, die mit solchem Geschick in die Kleidung eingenäht waren, daß man nicht ahnen konnte, welche Schätze sie enthielten.

Die drei waren länger als zwei Jahrzehnte im Reiche des Mongolenkaisers in Ostasien gewesen. Für die gefahrvolle Rückkehr nach Europa hatten sie all ihr Besitztum aus Vorsicht in Edelsteine umgewechselt und diese listig den Augen aller Begegnenden verborgen. Natürlich bildeten die drei Polos das interessanteste Gespräch in Venedig und ganz Italien, und als der jüngste von ihnen, Marco Polo, in einem Kriege zwischen Venedig und Genua von den Genuesen gefangen genommen worden war und im Gefängnis sitzen mußte, da wurde er auch hier aufgefordert, von seinen Fahrten durch die fernen und unbekannten Länder Asiens zu erzählen. Bald entschloß er sich sogar, seine Erlebnisse niederzuschreiben.

Diese Aufzeichnungen Marco Polos über seine Reisen in der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts gehören zu dem Interessantesten, was die Weltliteratur aufzuweisen hat. In einem getreuen Gedächtnis hatte er eine Menge der wichtigsten Tatsachen aufbewahrt, die ihm über das unermeßliche Reich des Mongolenkhans bekannt geworden waren.

Der Mongolenkhan Temudschin, der 1206 unter dem Namen Dschingiskhan die Oberherrschaft über alle Mongolenstämme erwarb, hatte sterbend seinen Söhnen die Eroberung der Welt befohlen. Diese hatten die Mahnung beherzigt. So erstreckte sich das große Mongolenreich in der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts östlich vom Chinesischen Meer bis westlich an die Grenzen Polens, südlich vom Himalaja bis nördlich in die Niederungen Sibiriens.

Kublaikhan, der 1259 Großkhan wurde, verlegte 1280 seinen Herrschersitz nach China, nahm die Bildung der Chinesen an und suchte sie auch bei seinem durch die fortwährenden Kriege verwilderten Volke einzuführen. Er stellte gelehrte und erfahrene Männer an die Spitze der verschiedenen Verwaltungszweige, förderte Künste und Gewerbe nach chinesischem Muster und bekümmerte sich um alle Vorgänge, die ihm aus den einzelnen Teilen seines Reiches und aus der Fremde berichtet wurden. So gab er auch den Befehl, sobald er von dem Herannahen europäischer Reisender hörte, diese gut aufzunehmen und sicher zu geleiten; und nachdem die drei Polos an seinen Hof gekommen waren, suchte er sie bald in seine Dienste zu ziehen. Ja, als sie nach mehr als zwanzig Jahren den Wunsch äußerten, in ihre Heimat zurückzukehren, war er darüber äußerst ungehalten.

Aber Kublaikhan hielt das Christentum in Ehren und forderte die drei Venezianer, als sie erst ganz kurze Zeit im Lande waren und vorübergehend nach Europa zurückkehren wollten, geradezu auf, ihm vom Papst einige Mönche zu verschaffen, die ihn im Christentum unterweisen könnten. Bei den Streitigkeiten zwischen Christentum, Muhammedanismus und Buddhismus, die er zu schlichten hatte, nahm er sich des Christentums mit größter Hochachtung an. Aus dem übrigen Asien weiß Marco Polo vielfach von christlichen Kirchen und Gemeinden zu erzählen, die erst in den nächsten Jahrhunderten wieder vollständig zugrunde gegangen sind.

Nach Marko Polo ist noch eine ganze Reihe anderer Europäer nach Mittel- und Ostasien gegangen: der Mönch Ascelini, der Franziskaner Carpini, der vlämische Minorit Rubruquis und Monte Corvino. Hiernach, 1406, besuchte der spanische Gesandte Teixera den mongolischen Hof in Persien. Gleichzeitig erlebt der Münchner Schiltperger Abenteuer in Sibirien.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter

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