Moyssey Kogan

Du Menschenbild, das ich so innig liebe,
Ein Vermächtnis habe ich Dir zu lassen,
Das singt heut seligleise mir im Blut.

Mombert: Der Denker.

Bestünde nicht Hoffnung, daß die Schöpfungen Kogans selbst die Gabe der Rede besitzen und in dem musikalischen Rhythmus, der sanften Schönheit ihrer Linien sich unmittelbar jeder empfänglichen Seele mitteilen, — daß beide, der Einfache und der Vielfältig-Veranlagte, in ihnen ein Gemeinsames, Beglückendes finden werden, so erschienen alle begleitenden Worte unnütz Begeisterung und — Sachlichkeit sind beide gleich zwecklose Anwälte echter Kunst! Und doch bedürfte es zweier Erklärungsweisen, zweier Sprachen, um mitzuhelfen, daß auf die Werke Kogans endlich die Aufmerksamkeit gelenkt wird, die ihrer Bedeutung zukommt.

Unterhaltsam berichtend für die Vielen: Seht da ein homo novus, ein Begnadeter, der seit Jahren, von Wenigen erkannt, in Euren Mauern weilt und dort eine zweite Heimat fand. Ein Sonderling, dem die Kunst nicht die „melkende Kuh“ ist, ein Narr, der, als ihm Vorjahren zur Zeit der schwersten Entbehrung von erkennender Seite ein Auftrag zuteil wurde, der ihm die ungestörte Arbeit zweier Jahre ermöglichte, — weinte, weil seine Kunst um Brot ging. Ein ganz Unverbesserlicher mit staunenswerten Idealen, dem es nur um die Kunst selbst zu tun ist, ein Weltschmerzlicher, mit Heilandsgedanken für die Menschheit.

Mit keinem Schlager tritt er auf den Plan. Sondern mit kleinen Plaketten und Medaillen, an denen auch der offizielle Kunstverständige achtlos vorübergeht. Unvollendet stehen in schmerzlicher Schönheit seine Marmortorsi; dazwischen reiht sich Tafel an Tafel: ein Spiel edler Körper — Gedichte in Wachs — alle im Negativ geschnitten, Schöpfungen die darauf warten, in Gold und im Edelsten, was die Erde bietet, festgehalten zu werden.



Ein einziger, der berufen scheint, die Wiedergeburt der Gemme einzuleiten; man bedenke: „konkurrenzlos!“ Doch er hat keine Muße zur Ausführung, ihn interessiert nicht die kunstgewerbliche Anwendung und Verarbeitung, er ist immer ruhelos, „innerlich voll von Figur“, das sind ihm alles nur Übergänge zu Größerem, Bevorstehendem. Nur ein paar Medaillen in Stahl geschnitten, ein paar Versuche in Halbedelstein, dann weiter.

Seine Werke weisen eine wundersam stetige Entwicklung auf, die Bürgschaft großer Zukunft. Vereinzelt steht am Beginne seiner Laufbahn eine Plakette: ein Greisenkopf nach Dürer. Noch ganz Hochrelief, noch ganz „Ausdruck“, aber mit einer subtilen, die Formen gleichsam liebkosenden Kraft modelliert. Ein „Drama“ war unter den ersten Entwürfen, ein Grabmal, Gedanken zu einem Freiheitsdenkmal, Äußerungen einer leidenschaftlichen Seele, die an fremdem Gram teilnimmt. Dann tauchten Probleme auf, das Bewußtsein der Kraft und der Schöpfungsdrang, mehr zu geben als alle anderen.

Und mit Zeiten eiserner Schaffenskraft wechseln Perioden tiefster Schwermut und Einsamkeit. Die stolze Freude und die ewige Unbefriedigtheit des Großen an den eignen Geschöpfen, das geniale Fortschreiten zu immer neuen Gestaltungen, — das charakterisiert auch Kogans Künstlertum. Ein Marmor: „Schmerz“, ein klassischer Rückenakt, ein frühlinghafter Mädchen-Torso, entstanden neben Plaketten wie die „Vision“, jener wundersamen komplexen Einheit dreier Körper. Trotz ihrer traumhaften Konturen bieten diese Reliefs nicht „malerische“, sondern die echte Plastik der Wölbungen und Höhlungen mit strenger, innewohnender Architektur und neugeformten Raumbeziehungen.

Friesartig beginnen dann die Plaketten sich zu dehnen. Ein Symphonisches klingt in ihnen, ein Hervorquellen und Versinken in ewig lebendiger Eurhythmie. Ein Vergleich der „Vergangenheit“ mit Daumiers „Les Fugitifs“ belehre über die Weiterführung dieses Problems innerhalb der Plastik. — In fortschreitender Entwicklung beschränkt er, unter scheinbarer Opferung anatomischer Muskelkenntnisse, die Modellierung der Körper auf das Äußerste. Eine Primitivität der Reife spricht aus seinen heutigen Werken, eine enorme Konzentration des Lebens und des Ausdrucks in die Eläche, die dennoch von der geheimnisvollen Atmosphäre endloser Raumtiefe umspielt ist.

Wunderbar lebendige Intensität vibriert in diesen Gestalten, in denen der Geist ganz Körper und der Körper ganz zu Seele entmaterialisiert ward. Von Kogan gilt das Wort, er könnte seine Akte mit dem Fingernagel auf eine Schuhsohle ritzen und es würden dennoch Menschen daraus. — „Primavera“, „Die Werbung“, „Das goldene Zeitalter“ sind Schöpfungen der letzten Zeit.

Wie bei Marées sind auch diese Gestalten nicht zusammen „komponiert “, sondern selbständige Individuen, gebunden durch eine latente Einheit „im inneren Geist“. Echte Synthese liegt in dieser Verinnerlichung und Bannung aller äußern Dramatik in den umgrenzten Raum und die beseelte Kontur, deren Rhythmus sich in klassische Gesten von der Schönheit attischer Grabmäler verdichtet. Und  begibt sich, daß die Plastik dieses Weltfremden plötzlich diejenige wird, die unseren „Bedürfnissen“ entgegenkommt. Plastik, die Beziehungen zum Raum hat, die einen „Zweck erfüllt“… Wo aber ist der Künstler, der diesen Kostbarkeiten die würdige Fassung, den rechten Rahmen zu geben verstünde? –

Und dann: die Plaketten (es sind nur wenige Bildnisse darunter) enthalten nichts aktuelles und nichts geläufiges, sie sind nichts für Sammler „berühmter Persönlichkeiten“ und billiger Bibelots, sie geben nur Schönheit, und Schönheit ist heute kein gangbarer Marktartikel . . .

Man müßte vielleicht ferner von dem Künstler selbst plaudern, daß das Kind schon aus der weißen Kreide des heimatlichen Bodens, — in Südrußland, — Köpfe schnitzte, daß seine Mutter ein Steppenkind und schön war und süß melancholische Lieder sang. Von seinem wechselnden Werdegang berichten, dem entscheidenden Findruck in der Elfenbeinsammlung des National-Museums und dem Entstehen der ersten Meisterplakette. Wie er den offenen Armen der Akademie schnöde entwich; von seiner bisher unerfüllten Sehnsucht nach Rom, daß er, von Rodin erkannt, Mitglied der Jury des Herbstsalons in Paris wurde, und nun im Folkwang-Museum im stillen Hagen schaffend, Gelegenheit hat, als Lehrer von seiner reichen Fülle in empfängliche Herzen zu säen…

Und dann müßte man vor einem kleinen Kreise Williger und Andächtiger weiter sprechen: Lust ist tief, sie erscheint wohl dem Kranken als Grund der Welt; tiefer aber noch ist der ewige Schmerz, der keine Rückkehrzu sich selbst ersehnt. Der Urschmerz der Nacht, die von Ewigkeit her das Licht gebärt, der Drang des Tierisch-Trüben, der schmerzlichen Sinnesliebe nach Läuterung, nach Reinheit. SehthiereinenKünstler! DasMysteriumeiner Seele, die unter der Last eigener und fremder Qual leidend, stets ihrer „obern Melodie“ lauschend, unbesiegt den Prüfungspfad zur Klarheit durchschreitet.

Ein Überwindender, der die Geste der qualvollen Mundwinkel, der mit der Hand schmerzlich gekrampften Brüste zu leisem Lächeln löst, der seine von jeder dunklen Leidenschaft befreiten Gestalten in lichte Hüllen kleidet, einen seligen Reigen von Menschen in Zwiesprach der Seelen erschafft, Schatten eines Geschlechtes, das wir erst erträumen.

Neben Minnes Asketen-lnbrunst, neben Maillols Freude und Bourdelles Kühnheit gibt Kogan leidgeborene Schönheit. Nicht gotisch, nicht ägyptisch, noch griechisch sind seine Geschöpfe, sondern Wesen unseres Blutes, aber zeitlos geworden, jener edlen Einfalt und stillen Größe genähert, Geschöpfe, die beglücken, die „lächelnd und erhobenen Hauptes besehen werden können“.

Es ist heute, da nur die Oberfläche an sich aktuell ist, wohl verfrüht, von einer Kunst zu reden, die, wie jene Raffaels, im tiefsten Sinne „organisch“, von der durchgeistigten Oberfläche aus die Perspektive in ein unbegrenztes Ideal gestattet. Und doch besteht Hoffnung, daß wir einer solchen Kunst entgegengehen, die ein allen gemeinsames Beglückendes birgt, — daß wir mit neuen Augen solche Gesichte eines „Goldenen Zeitalters“ sehen werden. Ich erinnere an die Worte Rodins: „Wir sind heute zu gequält, aber wir werden zu dieser Kunst starker Gesundheit zurückkehren und das wird der Stil zukünftiger Jahrhunderte werden“.

H. Lang-Danoli.

Bildverzeichnis:
Moyssey Kogan-Bronze-Plakette-Primavera
Moyssey Kogan-Das Goldene Zeitalter-Plaketten
Moyssey Kogan-Das Goldene Zeitalter-Plaketten-II
Moyssey Kogan-Die Werbung
Moyssey Kogan-Medaillien
Moyssey Kogan-Plaketten
Moyssey Kogan-Plaketten-II
Moyssey Kogan-Schmerz-Marmor
Moyssey Kogan-Siegel
Moyssey Kogan-Vergangenheit-Relief
Moyssey Kogan-Vision-Plakette

Siehe auch:
Die Kunst vor Gericht
George Minne
Wirtschaft und Kunst
Eindrücke von der Brüsseler Welt-Ausstellung
Bernhard Hoetger-Bildhauer
Georg Kolbe-Bildhauer
Eine Deutsche Welt-Ausstellung?
Erste Ausstellung der „Künstler-Vereinigung Dresden“
Wettbewerb für das Bismarck-National-Denkmal
Sascha Schneider auf der Dresdner Kunstausstellung
Otto Greiner
Modelle zum Völkerschlacht-Denkmal
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Ein Kriegerdenkmal
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male
Krieger-Denkmäler
Constantin Meunier-Denkmal der Arbeit
Die Anfänge einer neuen Architektur-Plastik
Neue Brunnen und Denkmäler von Franz Metzner
Monumentale Kunst
Franz Metzner-Steinmetz und Bildhauer
Bildhauer Georg Kolbe
Zum Denkmals-Problem
Sascha Schneider-Bildhauer und Maler
Die Wiener Plastik und Malerei
Vom Vorstellen und Gestalten des Kunstwerks
Anton Hanak-Bildhauer
Hermann Geibel-Bildhauer
Ausstellung Richard Teschner-Wien 1920
Gaston Béguin
Max Klinger-Dem Grossen Toten
Etwas über Kunstbesitz