Mut zur Lebensfreude

Wer heute durch die verödeten Straßen zertrümmerter Städte wandert, wer erschüttert auf die Ruinen von Schlössern und Kirchen blickt, in denen sich das Lebensgefühl großer Zeiten offenbarte, wer in die Abgründe der Herzen schaut, die der Tod aufgerissen hat, dem mag es vermessen dünken, von der Lebensfreude als einer unüberwindlichen Kraft der menschlichen Seele zu sprechen. Vielleicht hat der Soldat das stärkste Recht dazu: Nicht nur um des Trostes willen, sondern vor allem aus dem lebendigen Gefühl einer Wirklichkeit, die sich aus der Lebensfreude allen Unwägbarkeiten und Düsternissen entgegenstellt, ja sie im tiefsten Grunde erst ertragbar macht. In den Wochen des werdenden Jahres klang sonst durch unsere schönen Städte das Treiben des Faschings, Straßen, durch die einst Festzüge rauschten, sind mit dem Schutt zerstörter Häuser übersät, und statt bunter Girlanden und festlichen Schmuckes ragen Ruinen über unseren Häuptern. Männer, die hier einst im Überschwang vom Becher des Lebens tranken, ruhen unter der Erde oder ringen in der Einsamkeit der Schlachten mit ihren grau und ernst gewordenen Gesichtern um den Bestand der europäischen Kultur. Frauen und Kinder haben sich in ferne Gehöfte und Dörfer geflüchtet. Wo bleibt ein Licht, ein Gedanke, der uns in die Bereiche der Lebensfreude führen könnte?

Vielleicht sprechen wir einmal davon, was die Lebensfreude eigentlich ist. Wer sie nur in ihrem äußerlichen Ausdruck sucht, wird ihr im Krieg kaum noch begegnen. Wer ihrem etwas liederlichen Bruder, dem Genuß, allein anhängt, wird, enttäuscht auf seine spärlichen Reste weisend, behaupten, daß es sich nicht mehr recht lohne zu leben oder gar dies Leben zu preisen oder zu lieben. Die tiefere Lebensfreude aber hängt nicht von Zeit und Schicksal, nicht von Nöten und Bitterkeiten ab. Sie ist eines jener stillen Wunder, mit denen Gott den seines Daseins bewußten Menschen beschenkt hat. Sie kann nicht von außen an uns herangetragen werden, sie wohnt als Teil unseres Wesens in uns. Der Mensch, der sie besitzt, ist reich, wenn er in Lumpen geht und in Erdhöhlen haust. Wer in Palästen wohnt und alle Zauberdinge des Lebens um sich häuft, ist ein armer Gast auf dieser Erde, wenn es ihm an solch echter Freude am Leben mangelt.

Sie beginnt mit dem einfachen Bewußtsein des Daseins. Es gibt Menschen, die nach einer wohldurchschlafenen Nacht mit dem neuen Tag hadern, weil er sie vor Arbeit und Aufgaben stellt. Andere erheben sich nach wenigen Stunden kargen Schlafes in einem kaum begreiflichen Wohlgefühl, froh über die Wirklichkeit ihres Lebens, vielleicht nur deshalb, weil es ihnen das Atmen, Schauen, Fühlen, Hören und Denken schenkt. Der Krieg hat uns in erstaunlicher Weise gelehrt, daß unsere Freude an den einfachen Schönheiten des Lebens viel tiefer und ergreifender sein kann als die einst so gepriesenen „großen“ Freuden.

Darin erweist sich aber auch die echte Bescheidenheit, darin zeigt sich aber auch die Fähigkeit eines starken Gefühls. Wer hätte einem Soldaten früher weismachen können, daß nichts weiter als ein sauber bezogenes Bett, ein freundlich gedeckter Tisch, ja eine Handvoll Schlaf, ein Glas Wein, ein schönes Bild oder eine anmutig vorüberschreitende Frau ihn schon mit einem Glücksgefühl erfüllen würde? Wenn wir daheim, ein wenig gelangweilt vor einem gefüllten Bücherschrank stehend, nach einem Buch für eine stille Stunde suchten, wer hätte uns erzählen können, daß wir einmal die Welt und uns selbst, die Mühsal des Krieges, Schmutz, Elend und selbst den Tod vergessen würden, weil uns ein glücklicher Zufall in einem verlassenen Haus im Osten ein halbzerfetztes Bändchen Eichendorff in die Hände spielt? Wer hätte uns einst glaubhaft machen können, daß wir in einem finsteren Bunker, von feuchter Külte und Ungeziefer geplagt, bei einem mühselig flackernden Licht einer Melodie aus Mozarts Zauberflöte lauschen würden, die uns gleich einem Traum von der ewigen Schönheit der Welt alle Schrecken vergessen ließ?

In solchen Augenblicken umflammte uns die Freude am Leben wie ein Blitzstrahl — oder wie das sanfte Leuchten eines sommerlichen Abendhimmels. Während wir einst in den erhellten Straßen einer nächtlichen Stadt nach Genüssen suchten, geschieht es zuweilen, daß wir atemholend in einen nächtlich strahlenden Sternenhimmel blicken, den das Silberlicht des Mondes gespenstig erleuchtet, und zu einem innigen Gefühl der Allverbundenheit erhoben werden. Niemand kann ein leidenschaftlicherer Künder der Lebensfreude sein als der einfache Soldat, der durch die Marter ewigen Trommelfeuers gejagt worden, der durch eine Mauer des Todes und des Grauens geschritten ist und plötzlich beinuhe fassungslos vor der Stille des Abends steht, in der ein Windhauch über die Felder streift. In solchem Augenblick fühlt er im Pochen seines hämmernden Herzens das herrliche, wiedergeschenkte wunderbare Leben. Eine Freude durchflutet ihn dann, der kein Glück dieser Erde gleicht. So sind wir also scheinbar genügsam geworden, nur scheinbar, weil solche Bescheidenheit doch zugleich der höchste Anspruch ist, den wir dem Leben gegenüber haben können.

Zur Stunde, da das Schicksal des Krieges in der Heimat und an den Fronten wieder schwer unsere Herzen prüft, scheint es ein hoffnungsloses Bemühen, von Lebensfreude zu sprechen. Zur Freude aber gehört nicht weniger Mut als zum Kampf und zum Tod. Ihn zu überwinden heißt jene gewinnen. Ohne sie wären unsere Soldaten längst unter der Last ihrer Mühsal zusammengebrochen. Ohne sie wären die Frauen daheim längst in das Dunkel einer ausweglosen Verzweiflung getrieben worden. Diese Lebensfreude steht als leuchtendes Trotzdem über unserem geprüften Volk, gegen sie sind Bomben und Phosphor machtlos. Ein Stück Kindsein lebt in ihr. Gefällige Prahlerei, blinde Lebensgier sind ihr fremd. Ihr zugesellt aber ist die Liebe zur Natur und zum Menschen, zum Tier und zur Blume, zur Musik und zum Vers, zum Bild und zum Kunstwerk in Stein und Erz. Sie lehrt uns im Verlust immer zuerst das noch Bewahrte zu schauen, sie erzieht uns dazu, in jeder Prüfung den Sinn zu erkennen.

Wer wollte das Glück leugnen, das der Frau und dem Manne die gemeinsamen Urlaubstage bringen? Wer vermöchte zu behaupten, er habe in der mit alltäglichen Freuden gesättigten Welt des Friedens je so tief die Liebe einer Frau, das Glück, Kinder zu besitzen, ein Stückchen Geborgenheit empfunden? Selbst wenn uns Liebstes vom Schicksal genommen ist, vermag noch die tatbereite Hilfe wieder in die Arme des Lebens zurückzuführen.

Siehe auch:
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