Negermärchen

Erzählungen der Wapare in Deutsch-Ostafrika.

Die Witwe und ihre zwei Söhne. Vor langer Zeit lebte eine Witwe, die hatte zwei Söhne. Sie war ganz arm, denn ihr Mann hatte ihr gar kein Vieh hinterlassen. Die beiden heiraten. Eines Tages traten sie zu der Mutter und sprachen: „Gib uns Rinder, dass wir uns eine Frau suchen können.“ (Die Morgengabe, die der Bräutigam zu zahlen hat, ist bei den verschiedenen Stämmen verschieden. Man zahlt gleich drei Rinder, oder nur erst eine Ziege und Honigbier, dann später, wenn die Frau ein Kind bekommen hat, wird eine Kuh nachbezahlt.)

Die Mutter antwortete ihren Söhnen: „Kinder, Ihr wisst, dass Euer Vater mir nichts hinterlassen hat.“ Nachdem sie diese Sache lange überlegt hatte, sagte sie eines Tages zu ihren Kindern: „Borgt mir irgendwo ein Schaf, dass wir es schlachten, denn ich fühle meinen Tod herannahen.“ Am anderen Morgen nahm sie eine grosse Kürbisflasche, wie sie zum Wasserschöpfen gebraucht werden, hing sich das Fell eines Leoparden um und ging zum Fluss. Ihren Kindern sagte sie vorher: „Wenn ihr mein Hilfegeschrei hört, dann müsst Ihr eilends ankommen “

Als sie am Fluss zu der Stelle gekommen war, an der der Hirt seine Herde gewöhnlich zur Tränke führte, kauerte sie sich dort ins Gebüsch nieder. Bald kam auch der Ziegenhirt mit seiner Herde, um die Tiere zu tränken. Als die Ziegen das Leopardenfell aus dem Gebüsch hervorschimmern sahen, liefen sie erschreckt auseinander, denn sie meinten, dort lauere ein solch wildes Tier auf sie. Auch der Hirt glaubte, dort sei ein Leopard im Gebüsch. Er nahm seinen Bogen und schoss einen Giftpfeil nach jener Stelle, wo die Frau unter dem Leopardenfelle sass. Die Frau wurde getroffen und stiess einen lauten Hilferuf aus. Sofort kamen die Kinder herzugelaufen und fanden den erschreckten Hirten sowie ihre Mutter, die von einem Pfeile durchbohrt dalag. Nun verstanden sie, dass ihre Mutter sich das Leopardenfell umgehängt hatte, gerade zu dem Zwecke, dass der Hirt sie erschiessen sollte. (Wenn nämlich früher ein Paremann den andern erschlug oder sonstwie tötete, dann musste er den Angehörigen ein Sühnegeld von 10 Rindern bezahlen, wenn, er nicht auch getötet werden wollte; dieses Sühnegeld nun hatte die Mutter den Kindern verschaffen wollen.)

Die Kinder verstanden das Opfer ihrer Mutier, verklagten den Hirten, der ihre Mutter beim Wasserholen erschossen habe, beim Häuptling. Dieser verurteilte ihn zur Zahlung eines Sühnegeldes von 10 Rindern. So waren die Kinder durch den Tod ihrer Mutter reich geworden und konnten sich mit einem Teil der erhaltenen Rinder Frauen kaufen.