Odilon Redon

Vergleichende Betrachtung der bildenen Künste

Band I

Drittes BUCH

II. DIE KOMPOSITION

DIE HEIMLICHE ROMANTIK

Odilon Redon

Redons Auftreten fällt ungefähr mit dem Carrière  zusammen, obwohl er fast zehn Jahre mehr zählt; er ist aus 1840. Sonst haben sie nichts miteinander gemein, nicht mal die soziale Stellung. Die Begeisterung, die in dem Schatten des Dunkelmalers schwelgt, findet an dem anderen wenig oder nichts für ihre Laune. Ihr behagt die Mystik nur so lange, als sie ihr leicht gemacht wird.

Auch Redon locken die Geheimnisse des Schattens und er sah greifbare Dinge darin, die harmlosen Menschen zuweilen die Haare sträuben machen. Die Natürlichkeit, mit der die Japaner mit ihren angenehmen Geistererscheinungen verfahren, fand in Redon ein verwandtes Milieu, das sich aus allen möglichen Spukgeschichten zusammensetzte. Mehr Spukfragmente als Geschichten. Wenn er den großen Künstlern seiner Generation nie ohne den Beigeschmack eines Dilettanten erschien, mindestens sah er Bilder, Erscheinungen; das Phantastische daran bot sich dem Auge, nicht dem Gedanken.

Im Grunde erscheint diese ganze Mystik höchst nebensächlich, für Redon nicht mehr oder weniger bezeichnend als für Daumier das Aktuelle seiner Karikaturen, das uns heute schon entgeht. Sie wurde in Frankreich so wenig verstanden, daß er nicht mal einen Verleger für die ersten Serien seiner Lithographien „Edgar Poé“, „Le Reve“ u. s. w. fand und genötigt war, sie auf eigene Kosten drucken zu lassen. Dagegen erregte das unbegreiflich Synthetische seiner Zeichnung gleich im Anfang das Interesse der Künstler. 1881 erscheint zum erstenmal sein Name in den Pariser Ausstellungen. Als er im folgenden Frühjahr im Depeschensaal des Gaulois eine vollständige Sammlung seiner Zeichnungen ausstellte, war er am Abend des Eröffnungstages so bekannt, wie er überhaupt je werden konnte. Dem Publikum ist er seitdem nicht näher gekommen.

Der Kult, den der Mystizismus mit Redon trieb, seine Beziehungen zu Huys-mans, der ihn in den „Certains“ verewigte, machten ihn dem Ausland interessant. E. Deman in Brüssel verlegte eine Menge der Lithographien, zum Teil als Titelbilder für die Bücher von Verhaeren und Gilkin, und gab den ersten Katalog der Lithographien heraus 1. Der Einfluß des Künstlers auf Fernand Khnopff und andere Belgier ist zu entscheidend, um die Folgen interessant zu machen. Dagegen hat er den Holländern 2, Toorop u. a., die wertvollsten Anregungen gegeben. Zuletzt ist er nach Deutschland gedrungen, wo er sich mit Goya und Munch in die Suggestionen unserer jüngsten Zeichner teilt.

Schon der erste Kritiker, der sich mit der Ausstellung im Gaulois befaßte, der inzwischen verstorbene E. Hennequin 3, wies auf die Vollkommenheit der Zeichnung Redons hin und sah in ihm nicht nur den Phantasten, sondern den Künstler, der die Materie in wundervoller Weise zu beleben verstand. Gerade dadurch unterscheidet er sich von Gustave Moreau, der mit aller Seelenleserei nie das Seelische der Kunst, das Leben des Stoffs, zu gestalten vermochte. Moreau war ein Naturalist, der nie in die Natur ging. Er machte Stillleben schlimmster Sorte, die nur dadurch Beifall fanden, daß er sich statt wohl konservierter Fische und Früchte, ebenso gut erhaltener Geistererscheinungen bediente. Die groteske Überschätzung, die ihm Huysmans — auf Kosten Puvis — angedeihen ließ, ändert daran nichts. In einem Bruchstück Odilon Redons steckt mehr Pracht als in den schönsten Juwelen Moreaus. Man braucht in seinen phantastischsten Blättern nur der Verteilung von Schwarz und Weiß zu folgen, um hinter das künstlerische Geheimnis seiner Erfindung zu kommen: er hat Flecken, die an Delacroix erinnern. Aus dem wilden Taumel entstehen starre Monumente, wie in dem herrlichen Blatt mit dem geflügelten Roß, das den höchsten Moment einer Delacroixschen Inspiration zu verewigen scheint. Wenn Delacroix mit dem Leben wirkt, scheint Redon durch das Schweigen seiner Gestalten zu bezwingen. „Gespenster schweigen, — das macht sie so imposant“, sagt Jan Veth in seiner Studie 4. Mir sind seine einfachsten Sachen die liebsten. Keiner der Nachfolger Ingres beherrscht die Linie mit gleicher Gewalt. Janmot, der Mystiker unter den Schülern Ingres, wurde dadurch zur Teilnahme an dem Geschick des Anfängers bewogen. — Seine Frauenprofile sind von einer Zartheit — man kann an Leonardo denken —, daß man begreift, warum eine solche Kunst Fragment bleiben muß. Der Beatricenkopf, eine der vollkommensten Zeichnungen, im Besitz des Herrn Fabre in Paris, die hier in Holzschnitt wiedergegeben ist, scheint das Spiegelbild eines göttlichen Marmors. Hier ist er ganz Grieche mit einer nur in Nuancen bewegten Linie, die auf die Denis und Maillol fruchtbar gewirkt hat. In anderen scheint er barbarischen Formen nachzusinnen. Ich besitze ein aus ein paar starken Linien zusammengeschmiedetes Männergesicht von ihm, das an frühgotische Holzschnitzereien denken läßt, ein barbarischer Christ oder dergleichen. Solche Zeichnungen haben Gauguin angeregt.

1 Leider lieg Deman aiie Platten nur in sehr beschränkter Aufiage drucken. Der „Cataiogue Descriptif“ von Juies Destree, der 1891 im seiben Vertag erschien, ist längst vergriffen. Er zählt 75 Platten auf. Gegenwärtig arbeitet André Meiierio an einem das ganze lithographische Werk — 160 Platten — umfassenden, illustrierten Katalog.

2 Viele Zeichnungen Redons sind in Holland, u. a. bei dem Schwager van Goghs, Herrn Bonger. — In Deutschland besitzt Herr H. Prins bei Hamburg vier schöne Originale. In Parts sind die besten bei Herrn Fabre, Huysmans.

3 In der Revue Littéraire et Artlstique vom 4. Mal 1882, einer kleinen Zeitschrift, die während der wenigen Monate ihres Bestehens manchen wertvollen Beitrag von Huysmans u. a. brachte, Vorläuferin der Revue Indöpendante.

4 „Odiion Redons lithographische Serien“ in „Kunst und Künstler“ Dez. 1903 (Bruno Cassirer Beriin) mit schönen Abbildungen, von denen uns eine der besten freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurde.

Alles das ist mit Bleistift und Kohle gemacht, zum Steindruck geeignet. Erst später kam er zum Malen; er fing, übrigens, überhaupt erst in dem Alter zu produzieren an, in dem Chassériau starb. Die Malereien, kleine Landschaften, sind meist unbedeutende farblose Dinge. Erst als er hoch in den Fünfzigern war, entdeckte er auch als Kolorist sein eigenes Feld. Es ist vielleicht fünf Jahre her, daß er plötzlich mit merkwürdigen, dekorativen Bildern erschien, in denen man einen vollständig neuen Künstler begrüßte, der nur gerade den Namen mit dem früheren gemein hatte. Es waren Pastelle von einem Farbenzauber, der sich mit nichts Malerischem und noch weniger mit etwas aus der Natur vergleichen ließ. Als Komposition war jede Absicht von vorneherein ausgeschlossen, keine Linie, keine Fläche, ein Flimmer von Flecken, die als Blumen wirr über die Leinwand gestreut waren, von merkwürdig materiellen Farben, aus Gold, Silber, Edelsteinen und dem Schwarz seltener Schmetterlinge, gemischt; von der Pracht gewißer mit Perlmutter eingelegter Kästen der frühen japanischen Kunst. Als Durand-Ruel 1900 eine Ausstellung dieser Sachen veranstaltete, war der Erfolg einstimmig. Nun beteiligte sich auch das Publikum. Redon malte für ein Schloß in Dombey in der Bourgogne eine große Anzahl solcher Blumen-Bilder. In Paris ließ sich u. a. Mme. Chausson einen Erker von ihm dekorieren. In manchen Porträts, z. B. bei Herrn Fabre, vereinigte Redon mit der Reinheit seiner Linie den Zauber dieser farbigen Stillleben. Bei aller Anerkennung dieses großen Reizes kann man sich nicht vor der einigermaßen betrüblichen Tatsache verschließen, daß der eigentliche Redon, der für die Entwicklung der Kunst unserer Zeit unentbehrlich ist, aufgehört hat, als diese reizenden Spielereien anfingen, und man kann beklagen, daß es ihrer bedurfte, um dem Sechzigjährigen die Sorge um das tägliche Brot zu erleichtern.

Text aus dem Buch: Entwickelungsgeschichte der modernen Kunst : vergleichende Betrachtung der bildenen Künste, als Beitrag zu einer neuen Aesthetik, Author: Meier-Graefe, Julius.

Siehe auch:
_____ Ersteses Buch _____
Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst – Vorwort
Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst – Einleitung
Die Träger der Kunst Früher und Heute
Traditionen
Die Entstehung des Malerischen
Die Blüte der Malerei
Das Empire
Ingres
Die deutsche Kunst
Delacroix und Daumier
Honoré Daumier
Jean-François Millet und sein Kreis
Der Einfluss Jean-François Millet
Giovanni Segantini
Vincent van Gogh
_____ Zweites Buch _____

Constantin Meunier
Die vier Säulen der modernen Malerei
Edouard Manet
Edouard Manet und Whistler
Paul Cezanne
Vuillard-Bonnard-Roussel
Edga Degas
Edga Degas und sein Kreis – Die Nachfolger
Pierre-Auguste Renoir und sein Kreis

_____ Drittes Buch _____

Farbe und Komposition in Frankreich
Claude Monet
Georges Seurat
Paul Signac
Der Neo-Impressionismus als Kunstform
Der Neo-Impressionismus in Brüssel
Die Farbe in der Skulptur
Auguste Rodin
Medardo Rosso
Der Impressionismus in der Plastik
Die Tradition Jean-Auguste-Dominique Ingres
Théodore Chassériau
Pierre Puvis de Chavannes
Der Schatten Rembrandts
Adolphe Monticelli
Henri Fantin-Latour
Eugène Carrière

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