Orient und Weltpolitik – Die Irrtümer der deutschen Politik

Bei andern Völkern laufen auswärtige Unruhen auf einen Gebietserwerb hinaus, bei uns in — neue Militärvorlagen. Es handelt sich jetzt um eine runde Milliarde einmaliger, eine Viertelmilliarde dauernder Ausgaben. Die Opferwilligkeit des Volkes ist da; ja, man kann es ruhig aussprechen, daß die Regierung, die ziemlich eingeschlafen war, erst von der Volksstimmung gedrängt wurde, der Verfassung zu entsprechen. Ein Gesetz der Verfassung verlangt nämlich, daß 1 % der Bevölkerung zu den Waffen gerufen werden soll. Das war nicht entfernt erreicht (nur 0,81 %), während die Franzosen sich schon bis auf 1,40 % aufgeschwungen haben. Für den Krieg hätten die Franzosen 2,7 Millionen, wir nur 2,3 Millionen zur Verfügung gehabt. Aber wie gesagt, an militärischer Kraft gebricht es uns nicht. Was fehlt und was aller Voraussicht nach wiederum fehlen wird, das ist die richtige politische Verwertung dieser Kraft. Höchstwahrscheinlich werden wir uns durch eine Abrüstung Rußlands bewegen lassen, unsrerseits den Frieden zu wahren; dann kann Rußland die Mongolei einstecken und gegebenenfalls die widerstrebenden Chinesen niederwerfen. Ist dies geschehen, ist der Gewinn im fernen Osten eingesteckt, so können die Herren Russen mit umso größerer Zuversicht das Spiel der Mobilisation im Westen wieder beginnen.

Unsre Haltung während und vor dem Balkankriege war eine lange Kette von Fehlern. Wir beruhigten die Türkei: es gäbe keinen Krieg mit Italien. Da kam Tripolis. Wir beruhigten sie wiederum: kein Krieg auf dem Balkan. Es erfolgte der Zusammenbruch. Dann die Zusammenkünfte in London. Unwidersprochen blieb, daß auch die deutsche Diplomatie die Pforte zum Entschluß, Frieden zu machen, gedrängt habe. Es war das umso beschämender, je deutlicher es bereits geworden war, daß es sich hier nicht mehr nur um vorübergehende Balkankatzbalgereien, nicht nur um den Vormarsch der Serben nach der Adria, nicht nur um die Frage handelte, ob ein Fetzen Landes hier, ein Fetzen Landes dort den Bulgaren oder den Griechen oder den Serben oder den Montenegrinern zufallen solle, sondern vielmehr darum, ob die 78 Millionen Deutschen der alten Welt von den 156 Millionen Slaven erdrückt werden sollen, kurz, um die Aufrechterhaltung der deutschen Art in Österreich und um die Weltstellung des Deutschen Reiches. Das war durch die Bestrebungen und Stimmungen, die zum Balkankriege trieben, und durch die langwierigen Verhandlungen, die dem Waffenstillstände vor einigen Wochen folgten, vollkommen klar geworden. Und trotzdem hat man weder in Berlin noch in Wien einen genügenden Anlaß gesehen, unser Schwert in die Wagschale zu werfen oder zum mindesten mit dem ganzen Gewicht unseres Wortes einzugreifen. Beide Regierungen, die österreichische wie die reichsdeutsche, hatten im Gegenteil der Hohen Pforte den Rat gegeben, sich den Vorstellungen der Westmächte zu fügen und Adrianopel preiszugeben. Wir haben demgemäß selbst an dem Stricke zu flechten geholfen, mit dem die andern uns erdrosseln wollen. Alles das nur ein Vierteljahr, nachdem das berühmte europäische Konzert mit dem Brustton überzeugter Machtvollkommenheit erklärt hatte, es werde keine Änderungen des Status quo zulassen. Es gibt einen bitteren Spruch:

„Nur die allergrößten Kälber wählen ihren Metzger selber!“

In diese klägliche Situation einer wenig beneidenswerten Wahl haben wir Deutschen uns nun glücklich hineindiplomatisiert. Vor wenigen Monaten noch prophezeiten kluge Kenner in Berlin eine langandauernde Periode tiefen Friedens. Ich hörte einen besonders begabten Politiker in Berlin, der von einem „intensiven“ Frieden sprach, whatever that may be. Man sieht von neuem, wie sich die (angeblich) klügsten Leute irren können, sah nebenbei auch, wie sich die erhabene Börse wieder einmal geirrt hat. Man pflegt gern von dem untrüglichen Scharfsinn, von dem unbeirrbaren Witterungsvermögen der Börse zu sprechen; tatsächlich ist, wenigstens in Mitteleuropa, seit mehreren Jahren dieser helle Spürsinn zum Mythos geworden. Tatsächlich hat sich die Börse so ziemlich bei jeder großen politischen Katastrophe grimmig geirrt. Ich erinnere nur an Port Arthur im Februar 1905. Die Berliner Börse glaubte mit inbrünstiger Zuversicht an den Frieden und wurde jäh durch die Kanonen aus ihrem Schlafe erweckt, so daß die Papiere um anderthalb Milliarden Mark sanken. Dabei tut es nicht das mindeste zur Sache, daß in einigen Monaten der Sturz nicht nur wieder gutgemacht, sondern daß der frühere Kursstand bei den meisten Werten .sogar überholt worden ist. Wie ist diese betrübende Ahnungslosigkeit der Börse zu erklären? Durch nichts anderes als durch ihren engen Zusammenhang mit der Diplomatie, durch ihr hohes Vertrauen zu den Vertretern der Regierung. Wo die Diplomaten weitblickend und hellhörig sind wie in London und Paris, da übertragen sie ihre richtigen Ahnungen auch auf die führenden Finanzmänner; wo die Staatskunst im Argen liegt wie bei uns, da wird durch den Mangel an Voraussicht auch die Börse und jeder Inhaber ihrer Papiere empfindlich betroffen.

Der Basler Friede sicherte den Preußen Friedrich Wilhelms II. auf elf Jahre den Frieden. Preußen wollte nicht fechten. Aber es wurde schließlich dazu gezwungen. Genau so hat sich das neue Deutsche Reich vor einem ernsthaften Waffengange gescheut; schließlich aber zwingt es dazu die Not. Vielleicht wird es dann besser. Denn obwohl wir keineswegs alle notwendigen militärischen Anforderungen erfüllt haben, obwohl wir nicht entfernt den Vorteil unserer Zeppeline ausnutzten und unglücklicherweise nicht so viele Luftschiffe bauten, wie nur irgend angängig war — hundert Zeppeline hätten in einem einzigen Jahre hergestellt werden können —, sind wir heute doch unvergleichlich viel besser gerüstet als vor Jena.

Auf die Preisgabe der Buren folgte Samoa; nach den Brüskierungen Waldersees kam der englisch-japanische Vertrag; die Demütigungen, die wir bei Venezuela durch die Vereinigten Staaten erlitten, machte der Zusammenbruch unserer Kolonialpoliti vergessen; wir bauten auf Rußland, da ereignete sich Liaoyang und Tsuschima; auf Tanger folgte Algeciras, auf Casablanca folgten die Novembertage 1908. Der Sturz unseres Freundes Abdul Hamid wurde durch Akaba, wo wir den Sultan im Stiche ließen, eingeleitet und durch die Preisgabe Abdul Azids, dem wir die Unversehrbarkeit seines Reiches gewährleistet hatten, fortgesetzt. Wir zogen uns aus Persien und aus Unter-Mesopotamien zurück, gerade die wichtigste Strecke der Bagdadbahn, das Endglied bis zum Meere, aufgebend. Auf das japanisch-russische Bündnis kam die russisch-österreichische Spannung und unsere Erklärung, daß wir in einem serbischrussischen Falle Österreich nicht beistehen würden. Auf den Balkankrieg folgte die Botschafterzusammenkunft in London, bei der wir ausgeschaltet wurden. Unter den herbsten Einbußen sind wir noch immer still gewesen. Aber schließlich kommt die Zeit, da wir unbedingt Farbe bekennen müssen, schließlich kommt die Entscheidung in — Anatolien.

Text aus dem Buch: Orient und Weltpolitik, Verfasser: Albrecht Wirth.

Siehe auch:
Der deutsche Gedanke in der Welt
Kultur-Europa bei den andern Völkern
Orient und Weltpolitik – die Weltlage
Der Nationalismus in Asien
Orient und Weltpolitik – Der Aufstieg des Balkans
Orient und Weltpolitik – Die Balkanvölker im einzelnen
Die Fragen der asiatischen Türkei
China und der Dreibund
„Timeo Danaos“ oder Englands Schwenkung zu Deutschland