Kunstmuseum Hamburg Posts

Saskia van Uylenburgh


Als Fünfundzwanzigjähriger war Rembrandt 1631 von Leyden nach Amsterdam gezogen und 1634 heiratete er seine Saskia. Sie starb schon 1642, im Jahre der „Nachtwache“. Damit schliesst seine erste Amsterdamer Periode ab. — Von Saskias ziemlich zahlreichen Bildnissen ist dieses das glänzendste. Auf anderen erscheint sie anmutiger, manchmal mit Zügen von Liebreiz oder wenigstens Freundlichkeit, die hier fehlen, wo offenbar mehr der Eindruck einer gewissen stolzen Pracht gegeben werden sollte. Stoffe, Pelz und Federn hat Rembrandt niemals mit grösserer Liebe gemalt, Goldschmuck und Perlen kaum wieder so wirksam und nachdrücklich angewandt, als Hauptsache behandelt, wie hier. Seine Freude, die Geliebte mit allen diesen köstlichen Sachen zu umhängen, war noch so neu. Saskia ist als Braut aufgefasst, als Mädchen, mit dem Rosmarinzweiglein in der Hand. Dass sie so ganz scharf ins Profil gestellt ist, gereicht gerade ihrem Gesicht am wenigsten zum Vorteil. Es ist das Wagnis eines Künstlers, der weiss, was er durchführen kann; es gibt der Erscheinung etwas ganz Besonderes, wozu auch die zusammengenommene. Haltung mit den übereinander gelegten Händen stimmt. Unbekümmert um den Betrachtenden, spröde, mit dem Anstand einer Fürstin, steht sie da vor einem einfachen dunklen Hintergründe. Kein Detail sollte hier das Auge anziehen, ablenken von der ausgeführten Pracht dieser Figur in ihren leuchtenden und erwärmenden Farben. So stolz er auf sie war, so herrlich sollte sie auch im Bilde sein« — Das lebensgrosse Bildnis, unbezeichnet, wie manches, was Rembrandt für seinen eigenen Besitz gemalt hat, gehörte zu dem Kabinett der Frau van Reuver in Delft, das der Stifter der Kasseler Galerie, Landgraf Wilhelm VIII., in seinem ganzen Bestände erwarb.

Nicolaus Bruyningh

Wer bist du, Neidenswerter,
Deß Angesicht ein traumhaft Lächeln, Ein seliges und doch so rätselhaft vieldeutiges Umspielt, das ich nicht losen kann?
Bist du beglückt im Leben, oder nur im Träumt Siehst du die Menschen klein und dürftig, Armselig schattenhaft vorüberziehn,
Zufrieden, wenn sie hungern nicht und frieren?
Oder siehst in rosigem Lichte du
Fern glanzen einer goldnen Zeit Gesichte,
In der du schon im Geiste lebst?
Bist du ein Kind aus Eden, oder bist Ein Hamlet du, deß Wesen Er selber nimmer deuten kann?
Gleichviel, du scheinst mir glücklich,
So wie ich lächeln seh‘ dein schönes Angesicht, Von ihm, dem großen Seelenkündiger,
Gebannt ins Bildnis, das wir staunend alle Den „Ni das Bruyningh“ nennen.

Der Architekt


Der sogenannte Architekt, in kindlicheren, aber auch phantasievolleren Zeiten als die unsere, „Archimedes“ genannt, gehört zu denjenigenWerken Rembrandts, angesichts deren man sich fragen muß, ob er ein Porträt oder einen Typus habe schaffen wollen. Zwar erhebt er sich in allen seinen mikrokosmischen Darstellungen über das Durchschnittsniveau landläufiger Bildnisse, indem er neben der Grundbedingung eines solchen, daß es, wie der Laie sagt, „gut getroffen“ sei, stets auch noch ein besonderes malerisches Problem zu lösen sucht, aber in der Darstellung dieses alten Mannes mit den versonnenen Augen, die über alles nächstliegende Körperliche hinweg sich in das Dunkel einer rätselhaften Zukunft vertiefen, hat er eine so überzeugende Verkörperung eines seelischen Prinzips geschaffen, daß wir an eine eng begrenzte Individualität nicht mehr denken können. Mit anderen Worten, wir haben vor diesem Meisterwerk das Gefühl, der Dargestellte sei Rembrandt nicht gesessen, um sich porträtieren zu lassen, sondern der geniale Künstler habe umgekehrt seine Erscheinung benutzt, um daraus ein typisches Bild der Erhabenheit durchgeistigten, tief ernsten Alters zu schaffen. Hätte dieser Greis das Winkelmaß nicht in der Hand, glaubte man einen der großen Propheten des alten Testa-ments vor sich zu haben, der im Begriff steht, seine erhabenen Zukunftsgesichte aufzuzeichnen, da er Papier und Schreibzeug gleichfalls zur Hand hat. Neben dieser seelischen Tiefe des Bildes fesselt uns in gleichem Maße auch die Hülle, die diesen Geist in die irdische Erscheinung treten läßt. Die edel gebaute, leuchtende Stirne, mit dem darüber gelagerten dichten grauen Haar, die schön geschwungene, charaktervolle Nase, der fragende, in die Ferne gerichtete Blick der dunkeln Augen, die in ernstem Schweigen geschlossenen, im dichten Bart fast versteckten Lippen, die fein organisierten Hände mit den im Alter hervorquellenden Adern, diese geistig bedeutendsten und deshalb unver* hüllten Teile des Menschen, vom verklärenden Pinsel des Meisters wundervoll festgehalten, sind in das leuchtende Rotbraun und goldige Blond eines pelzverbrämten Hausgewandes gekleidet und geben vereint einen ebenso mannigfaltigen als harmonischen Zusammenklang wohltuendster Farbenwerte.

Aus dem Buch “Album der Casseler Galerie” von 1907.

Rembrandt 1606-1669

 

 

Die singenden Knaben

 


Frans Hals hat sein ungebunden heiteres Temperament schon als Porträtmaler in manchen Fällen nicht verheimlicht, um wieviel weniger in seinen sittenbildlich gefaßten Einzelfiguren von Volkstypen oder Gruppenbildern von Kindern. Das kam ihnen aber sehr zu statten. Denn wenn neben wenigen anderen nur er es wagen konnte, seine Bildnisse lachen zu lassen, ohne grimassierend zu wirken, so konnte er sich ungeniert seiner Laune im Genrebild hingeben, wo der vorübergehende Ausdruck augenblicklicher innerer Angeregtheit nicht nur erlaubt, sondern eigentlich gefordert ist. Bedauerlicherweise hat er Werke dieser Art nicht so viele geschaffen, als es seinem ausgesprochen dafür veranlagten Talent entsprochen hätte. An Bildnissen mit ans Genrehafte streifender Auffassung besitzt die Kasseler Galerie den bekannten» vielfach reproduzierten jungen Mann mit dem Schlapphut, eine köstlich lebenslustige, zum Mitlachen zwingende Erscheinung. An eigentlichen Sittenbildern sind zwei vorhanden, der lustige Zecher, der seinen leergetrunkenen Krug zeigt, und die hier wiedergegebenen singenden Knaben. Sie, die ausgesprochenen Lieblinge der zahlreichen Besucher der Galerie, sind In aller Mund und Gedächtnis und ununterbrochen drängt sich vor ihrem Platze die Reihe der Maler, die der Nachfrage des Publikums nach Kopien zu genügen suchen. Und mit Recht. Entspricht doch dieses lebensvolle» von jugendlicher Frische erfüllte Werk in gleich hohem Maße dem nach einem lustigen Thema verlangenden Geschmack des Durchschnittsbeobachters, wie dem verwöhnten Auge des Kenners und Kunstfreundes, der das Hauptgewicht bei seiner Beurteilung auf geniale künstlerische Konzeption, auf pikante Technik legt. In solchen Darstellungen versteht es Frans Hals — und das ist ein seltener Fall und ein hohes Lob in der Kunst — im höchsten Sinne populär zu sein, ohne ins Triviale zu verfallen. Ob er das gesucht und mit Bewußtsein getan hat? Ich glaube nicht. Das Unbefangene, Ungesuchte einer hinreißenden, ich möchte sagen, ansteckenden Lustigkeit lag in seiner Natur. Weit mehr als in der Rembrandts. Dieser versuchte es wohl auch einmal, in einer solchen Laune sich zu zeigen. Jedermann kennt sein Selbstbildnis mit Saskia auf den Knieen in Dresden, voll Ausgelassenheit wenigstens in seinen Zügen. Und auch dieses genrehafte Werk erfreut sich ausgedehntester Popularität. Aber diese Art von Übermut steht trotzdem Rembrandt nicht gut zu Gesicht. Das Forcierte in dem Bilde ist ein ihm sonst fremder Zug, der unmöglich einem ernsten Verehrer Rembrandts gefallen kann. Um wieviel naiver lachen die Menschen in der Welt des Frans Hals. So auch unsere musizierenden Knaben. Sie sind ganz in ihr heiteres, harmloses Singen vertieft, trachten nicht nach der Teilnahme des Beschauers und haben sie unwillkürlich doch. Denn jedermann freut sich ihrer kerngesunden Erscheinung, ihrer eifrigen /ertiefung in die Noten die sie offenen Mundes, mitten im Singen begriffen, voll Lebendigkeit verfolgen. Die Entstehungszeit des Bildes liegt ziemlich frühe» etwa um 1630—35. Doch schon breit und kühn ist der Vortrag in den bekannten, ihrer Wirkung sicheren Strichen, die> unvertrieben nebeneinander gesetzt, in der Nähe gesehen verwirrend und unfertig wirken, wenigstens in den Augen der Laien, bei richtigem Abstand aber ein in Zeichnung und I on vollendetes Meisterwerk bieten.

Der junge Mann mit dem Schlapphut


Neben Velazquez ist es hauptsächlich Frans Hals, der den ausgesprochen modernen Malern als Leitstern und höchstes Vorbild in Hinsicht auf die Technik ihrer Kunst dient. Sie suchen seinem breiten unvertriebenen Pinselstrich nachzueifern, indem sie diesen als das geeignetste Ausdrucksmittel des Impressionismus betrachten. Dabei vergessen sie aber zum Teil, daß diese Handschrift des Frans Hals nicht eine Handfertigkeit ist, die man aus den Bildern des großen Harlemer Meisters so ohne weiteres extrahieren und lernen kann, sondern daß seine Technik eine ganz individuelle, rein subjektive, speziell aus seiner Anlage, seinem Naturell heraus geborene Ausdrucksweise Ist, die mit seinem innersten Wesen so völlig verwachsen erscheint, daß man sie nicht nachahmen kann. Am gefährlichsten ist dieser Irrtum für die jüngere Künstlergeneration, für die heranwachsende Jugend unserer Malerzunft, die sich oft allzufrüh selbständig, reif und fertig dünkt. Sie pinselt mit dem vermeintlichen Rezept des Frans Hals in wirren, wüsten Strichen lustig darauf los und vermeint in ihren altklugen Bildern vorweg nehmen zu dürfen, was jener erst in langer organischer Entfaltung und Entwickelung seines Talentes als reifer Meister erreicht hat. Daher der berechtigte Widerwille des Publikums gegenüber den unreifen Pinselstrichen unserer jungen Herren. — Die Erstlingswerke des Frans Hals kennen wir leider nicht. Doch unter seinen bekannten und sicheren Gemälden sind die frühen, zum eil datierten, lange nicht so breit und kühn gemalt, wie seine späteren und spätesten, obgleich auch in jenen die Halsische Eigenart, die einzelnen Pinselstriche unverschmolzen nebeneinander zu setzen, schon bald sich regt. Man kann dies am besten in der einzig gearteten Sammlung Halsischer Meisterwerke im Rathaus zu Harlem verfolgen. Doch auch in Kassel ist Hals mit charakteristischen Werken vertreten, die seinen Entwickelungsgang, wenn auch nicht von Anfang bis zu Ende wie dort, so doch etwa von 1625 bis um 1660 erkennen lassen. Sein spätestes Werk in Kassel ist das hier wiedergegebene, der junge Mann mit dem Schlapphut. Hier hat er schon fast den Gipfel in denkbarst verwegener Breite des malerischen Vortrags erreicht. Das Bildnis dieses lebenslustigen Junkers ist, man kann kaum mehr sagen, gemalt, sondern förmlich hingehauen. Faßt man z. B. seine herabhängende rechte Hand ins Auge, so sieht man bei näherer Betrachtung nur einzelne hingefetzte Striche. Alle Zeichnung ist aufgelöst und erst bei weiterem Abstand sehen wir die uns geläufige Form einer menschlichen Hand sich runden. Und mehr oder weniger ist das ganze Bild so behandelt. Eine solche Art zu malen darf aber nur ein ganz fertiger großer Meister wagen, der seiner Ausdrucksweise völlig sicher ist und weiß, was er den Mitteln seiner Kunst und der Perzeptionsfähigkeit des Beschauers zumuten darf. Zuerst wird ja jeder Laie, der nicht gewöhnt ist, in die Werkstatt des Genies zu blicken, vor der Rücksichtslosigkeit des HalsischenPinsels erschrecken, er wird nicht ein Bild des Lebens, ein menschliches Porträt, sondern nur unverständlich krause, unerhört keck hingeschleuderte Farbenflecke erblicken. Aber sobald er mit der nötigen Bescheidenheit sich sagt, daß er es mit dem unanfechtbaren Meisterwerke eines der Geschichte angehörigen weltberühmten Meisters zu tun habe und daß es nur an seinem ungeschulten Auge und Geschmack liegen könne, wenn er es nicht verstehe, dann wird er allmählich zu sehen lernen, wird sich mit der Individualität des liebenswürdigen, lustigen Frans Hals vertraut machen und bei einiger Ausdauer und Liebe Zur Kunst zu der Erkenntnis kommen, daß er es hier mit einer der bewunderungswürdigsten Umschöpfungen der Natur —- denn nichts anderes ist das Werk des Genies —• zu tun habe, wie sie nur in der Seele eines großen Künstlers vor sich gehen und mit den Zügen einer Hand ausgeführt werden kann, deren geniale Striche allein imstande sind, den Gebilden »eines intuitiven Innern Ausdruck zu verleihen.

Aus dem Buch “Album der Casseler Galerie” von 1907.

Frans Hals 1580-1666

Maler: ANTONIS MOR (auch ANTONIO MORO)


Dies durch Malerei wie geistigen Ausdruck gleich ausgezeichnete und ungewöhnlich fesselnde Bildnis des großen Stammvaters der oranischen Dynastie gelangte zu seinem jetzigen hohen Ansehen erst durch die glückliche Reinigung, die es 1833 durch Professor Hauser jun. erfuhr. Vorher war es wenig beachtet, schon wegen des trüben, erstorbenen Firnisses, der es bedeckte, und weil man den Dargestellten nicht kannte. Nach Beseitigung des Firnisses kam aber eine übermalte Inschrift zutage, die den Dargestellten als „Wilhelm Prinz von Oranien“ auswies, während er vorher nur allgemein als „Porträt eines Prinzen von Oranien“ angegeben und dem Frans Pourbus zugeschrieben war. In der Folge war es Frans Floris und zuletzt Adriaen Key benannt worden, beides unhaltbar, denn es trägt offenkundig den Stempel des Antonis Mor. Das von jeher demselben Meister zugeschriebene Bildnis des Herzogs von Alba im Museum zu Brüssel sieht genau wii ein Gegenstück zu dem jungen Oranier hier aus. „Wilhelmus von Nassaue“, genannt „Taciturnus“, mag kaum 26—28 Jahre alt gewesen sein, als er Moro zu diesem Bilde saß, aber er sieht schon so in sich gefestigt, fertig und selbstbewußt aus, daß man ihn für älter halten möchte. Es ist das einzige Jugendbildnis, überhaupt die beste Wiedergabe seiner körperlichen Erscheinung, die nach dem Leben gemalt existiert. Alle anderen Porträts stellen ihn alt und müde dar. Auch sind die wenigsten davon nach dem Leben gemalt. Hier aber steht er vor uns, eine künstlerische Offenbarung von frappanter Schärfe, von Moro mit intuitivem Blick in das Innerste des Dargestellten erfaßt. So hat das geistvolle, durchdringende Auge des beredten Schweigers geblickt, so waren die fein geschnittenen Lippen geschlossen, so wölbte sich seine edle, gedankenvolle Stirn mit dem kräftigen, energisch aufwärts strebenden Haar. Dies Bildnis hat etwas geradezu Faszinierendes an sich, es gibt diesen seltenen Menschen, der der Geschichte Hollands seine Signatur auf geprägt hat, fraglos wieder, wie er leibte und lebte. Wer es einmal gesehen, kommt nicht wieder davon los. So hat es auch unseren Kaiser, dessen Blut mit dem oranischen vermischt ist, ergriffen, er betrachtet es sich jedesmal, wenn er die Kasseler Galerie besucht, mit besonderem Ernst, hat es auch schon zweimal kopieren lassen. Und ein maßgebender Gemäldekenner, Direktor einer berühmten holländischen Galerie, wollte diesen größten Fürsten der Niederlande für sein Vaterland gewinnen, indem er sich erbot, dies sein Bildnis — zwar nicht mit Gold, aber mit Bildern von Rembrandt aufwiegen zu wollen, was doch gewiß der höchste Schwur im Munde eines Holländers ist.

Aus dem Buch „Album der Casseler Galerie“ von 1907.

ANTONIO MORO Wilhelm I. von Oranien-Nassau

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