Der Erzengel Michael als Seelenrichter Entwurf zu einer Holzstatue.

Die Figur des hl. Michael ist von jeher und mit Recht den schönsten Schöpfungen Holbeins beigezählt worden. Die edle Gestalt steht frei auf einem uns scheinbaren Sockel, in starkem Kontraport und hat trotz der komplizierten Körperbewegung die überlegene Ruhe der himmlischen Erscheinung beibehalten. Der Seelenwäger waltet mit feierlicher Würde des schweren Amtes. Aller Ausdruck liegt in der Linie, sie läßt den schlanken, biegsamen Körper hervortreten und den festen Stand erkennen; sie schafft die nötige Abwechselung und bringt die einzelnen Teile der Komposition ins Gleichgewicht. Holbeins Vorliebe für Kontrastwirkung ist schon stark entwickelt; der senkrecht herabfallende Mantel hebt den edlen Schwung des jugendlichen Körpers schön hervor, und die geschickt verteilte Bewegung der Arme und Beine schafft den zur plastischen Wiedergabe nötigen Raum. Die ohnmächtige Wut des Teufels, der sich am Boden festkrallt und das in seiner Bewegung liebliche Christkindlein bilden einen weiteren Gegensatz und dienen zugleich als feste Unterlage, als Gegengewicht zu dem oberen Teil der Statue. Die formvollendete Schönheit der figürlichen Darstellung ruft die Erinnerung an die besten Werke der italienischen Kunst wach, speziell an dieedeln Schöpfungen der oberitalienischen Maler und Bildhauer. Als Beispiele dieser Kunstauffassung seien das Altarbild des Marco d’ Oggiono mit den drei Erzengeln in der Brera und die Heiligenstatuen der Rodari am Dome von Como genannt. Wenn auch die Zeichnung auf Grund der Technik und der Behandlung der Haare zu den frühen Arbeiten Holbeins gehört, so kann sie nicht vor seiner Wanderung in Oberitalien entstanden sein.

Der Erzengel Michael als Seelenrichter ist der Patron des Klosters Beromünster bei Luzern, zu dessen Chorherrn Peter, ein Bruder des Schultheißen Jakob von Hertenstein, bis zu seinem 1519 erfolgten Tode gehörte. Durch den kunstliebenden Kleriker, der auch Chorherr zu Basel war, ist Holbein nach Luzern empfohlen worden, und da liegt die Wahrscheinlichkeit nahe, daß er die Statue mit dem hl. Michael im Aufträge dieses Mäcens für Beromünster gezeichnet hat.

Siehe auch:
Hans Holbein der Jüngere-Der abergläubige Bilderkultus
Hans Holbein der Jüngere-Der abergläubige Bilderkultus
Hans Holbein der Jüngere-Vorzeichnung zum Bildnis des Bürgermeisters Jakob Meyer von Basel
Hans Holbein der Jüngere-Aus der Folge der Basler Frauentrachten
Hans Holbein der Jüngere-Leaina vor den Richter

Hans Holbein der jüngere Kunstdrucke

Entwurf zu einem Wandgemälde, ehemals an der Fassade des Hertensteinhauses in Luzern

Zum erstenmal hat Holbein für das Haus des Schultheißen Jakob von Hertenstein eine Fassadendekoration entworfen, in der er dem einfachen gotischen Gebäude nicht nur bildlichen Schmuck, sondern auch eine reiche architektonische Gliederung nach dem Vorbilde italienischer Renaissancepaläste zudachte. Er ordnete die Darstellungen in friesartigen Streifen, nach Stockwerken, übereinander und baute nur im Erdgeschoß, als feste Unterlage, eine Scheinarchitektur.

Zwischen den Fenstern des obersten Stockwerkes schilderte er Begebenheiten aus der alten Geschichte, heroische Szenen in einfacher Gruppierung, mit architektonischer Umrahmung und sorgfältig abgewogener Komposition für die Fernwirkung. Das zweite und das vierte Bild, Leaina vor den Richtern und Lucretias Tod sind Gegenstücke, sowohl durch die Vierzahl der handelnden Figuren und ihre Aufstellung, als auch durch die perspektivische Verkürzung der Architektur gegen die Mitte der Fassade hin. Die tief in die Bildfläche herabhängenden Nasen gehören zu dem gotischen Bogenfriese, der sich unter dem Dache über die ganze Hausfront hinzog. Wo es anging, hat Holbein das störende Stück in die Komposition hineingezogen, wie an der Seite rechts.

Da diese Wandbilder für das oberste Stockwerk bestimmt waren, schildert der Künstler in starker Unteransicht, wie die Geliebte des Aristogeiton sich vor Gericht die Zunge abbeißt, um den Tyrannenmörder nicht verraten zu müssen. Die Figuren sind in zwei Reihen aufgestellt, die in der Achsenrichtung des Saales liegen, aber so, daß der sitzende Richter den Mittelpunkt der Gruppe bildet. Der Kopf dieser Hauptfigur liegt im Schnittpunkt der Diagonalen des eigentlichen Raumes und wird zudem durch die Mittelsäule hervorgehoben. Die zierliche Gestalt des jungen Mädchens löst sich von der Umrahmung durch eine Neigung des Oberkörpers und bedeutet einen Fortschritt gegenüber den Basler Frauentrachten.

Die perspektivische Darstellung des Raumes, die Gruppierung der handelnden Figuren, sowie das Verhältnis zur Architektur erinnern an die Reliefkunst der Oberitaliener aus der Wende des XV. zum XVI. Jahrhundert.

Siehe auch:
Hans Holbein der Jüngere-Der abergläubige Bilderkultus
Hans Holbein der Jüngere-Der abergläubige Bilderkultus
Hans Holbein der Jüngere-Vorzeichnung zum Bildnis des Bürgermeisters Jakob Meyer von Basel
Hans Holbein der Jüngere-Aus der Folge der Basler Frauentrachten

Hans Holbein der jüngere Kunstdrucke

Fünf getuschte Federzeichnungen bilden die Folge der „Basler Frauentrachten“, die schon im Amerbachschen Inventar als zusammengehörig „jedes auf ein Quartbogen von Reall“ aufgezählt werden. Sie fallen in die Frühzeit des ersten Basler Aufenthaltes und tragen die unverkennbaren Merkmale einer noch nicht zu voller Reife entwickelten Kunst an sich. Die Zeichnung hat bereits die scharfe Prägung, aber sie ist nicht fesselnd und auch nicht fehlerfrei, und die malerische Behandlung leidet unter derselben drückenden Schwere und Unbeholfenheit, wie das Doppelbildnis des Meyerschen Ehepaares von 1516. Holbein besitzt die unbehinderte Ausdrucksfähigkeit des bewegten menschlichen Körpers noch nicht, und wenn auch die gezwungene Haltung von der Absicht herrühren mag, dem Beschauer das Kleid in seiner Pracht zu zeigen, so bleibt der Mangel an Belebung und an abwechslungsreicher Linienführung bestehen.

Wie reich hat der Meister in späteren Jahren dasselbe Motiv des gerafften Kleides durchgebildet und der schönen Trägerin gleichzeitig Eleganz und Grazie zu verleihen vermocht.

Die Dame mit dem Federhut trägt das gleiche Kleid, in welchem sich des Bürgermeisters Frau, Dorothea Kannengießer, malen ließ; das Mieder mit Streifen, Schnüren und Zottelnbesatz. Eine zweite Figur der Folge paradiert mit ihrer Haube aus goldgewirkten Streifen. Nach der Frau Bürgermeister hat Holbein seine beiden Bürgersfrauentrachten gezeichnet; für die adelige Dame ist ein anderes Modell, eine schöne, leichtfertige Erscheinung festzustellen, die er später als Lais Corinthiaca gemalt hat. Das feingeschnittene Oval des Gesichtes, von einer Fülle prächtiger Haare umrahmt, stimmt wie der hochgewachsene Körper mit den drei anderen Kostümfiguren überein. Auf dem einen trägt sie ein Halsband mit der Umschrift „AMOR“, auf dem anderen die Buchstaben M. O. mehrmals wiederholt. Magdalena Offenburg, die Mutter der Dorothea, ist zur selben Zeit auch von Urs Graf gezeichnet worden, der ihren Lebenswandel mit einer unanständigen Beischrift gekennzeichnet hat.

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Hans Holbein der Jüngere-Der abergläubige Bilderkultus
Hans Holbein der Jüngere-Der abergläubige Bilderkultus
Hans Holbein der Jüngere-Vorzeichnung zum Bildnis des Bürgermeisters Jakob Meyer von Basel

Hans Holbein der jüngere Kunstdrucke

Die erste gesicherte Porträtzeichnung ist mit harter, graubrauner Kreide auf weißes, mit dünner Kreide-Schicht grundiertes Papier gerissen und an den Augenrändern, an Nase, Backen, Mund und Kinn mit Rotstift leicht angetönt. Im linken Obereck steht von Holbeins Hand: „ogen schwarz, barét rot mosfarb, brauenn geller dan das har augenn. wie Prauenn.“

Erstauniich ist die Sicherheit des Strichs, und die Präzision, mit welcher der junge Künstler die charakteristischen Formen des Gesichtes wiedergibt. Die Stellung des Kopfes in starker Drei-Vierteldrehung hat Holbein mit Vorbedacht gewählt, um sowohl beide Augen als auch die Profilansicht geben zu können. Trotz einer gewissen Trockenheit besitzt die Zeichnung schon in hohem Maße die Vorzüge des genialen Porträtisten.

Der überlegene Blick und die keineswegs edeln Züge des Mannes aus dem Volke wirken sympathisch, lebensvoll. Der Ausdruck ist ungezwungen und selbstverständlich, überall tritt ein feines Empfinden für das Lebendige, für das belebende Motiv hervor. Die Wimper zuckt, der Mund ist zusammengepreßt, und die Haarlocken sind leicht bewegt. Das mit peinlicher Sorgfalt beobachtete Detail berührt die Stimmung nicht; denn es drängt sich nicht auf. Holbeins Fortschritt gegenüber Vater und Bruder liegt besonders darin, daß er das Leben zufällig, in nebensächlichen Dingen zu fassen sucht, nicht nur im Gesamt? ausdrucke. Den harten Strich und die ängstliche Modellierung hat er im Verlaufe weniger Jahre zu ausdrucksvolleren Mitteln ausgebildet.

Die Vorzeichnung zum Bildnis der Frau ist ähnlich; beide übertreffen die gemalten Porträts an Natürlichkeit und Frische und zeigen deutlich, daß Holbein als geschulter Zeichner nach Basel kam und das Malen dort erst gründlich erlernen mußte. Ambrosius, der ältere Bruder, war ihm damals in der Ölmalerei überlegen.

Siehe auch:
Hans Holbein der Jüngere-Der abergläubige Bilderkultus
Hans Holbein der Jüngere-Der abergläubige Bilderkultus

Hans Holbein der jüngere Kunstdrucke